{"id":2960,"date":"2009-09-02T16:46:46","date_gmt":"2009-09-02T14:46:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=2960"},"modified":"2009-09-02T16:46:46","modified_gmt":"2009-09-02T14:46:46","slug":"die-ruckseite-von-woodstock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/09\/02\/die-ruckseite-von-woodstock_2960","title":{"rendered":"Die R\u00fcckseite von Woodstock"},"content":{"rendered":"<p><em>Ab und zu darf ich in meiner Zeitung auch \u00fcber Dinge schreiben, die mir wirklich wichtig sind. Filme zum Beispiel. (Ich schaue fast jeden Tag einen Film, seit ich mit einer ehemaligen Filmkritikerin verheiratet bin.) Und manchmal darf ich dann meine Meinung dazu sagen, wie hier \u00fcber Ang Lees (mein Lieblingsregisseur der letzten 15 Jahre) neuen Film &#8222;Taking Woodstock&#8220;. Aus der ZEIT von morgen:<\/em><\/p>\n<p> Ang Lee hat  sich schon wieder ein neues Milieu, ein neue \u00c4ra zu eigen gemacht  &#8211; nun also Woodstock und die sp\u00e4ten Sechziger. Man fragt sich bewundernd, ob es eigentlich irgendetwas gibt, das dieser Regisseur nicht kann. Und zugleich bleibt man doch ein kleines bisschen entt\u00e4uscht zur\u00fcck, denn \u201eTaking Woodstock\u201c ist sicher kein ganz gro\u00dfer Film unter den vielen, die wir Lee schon zu verdanken haben. Gegen den abgr\u00fcndigen Spionage-Thriller \u201eGefahr und Begierde\u201c etwa f\u00e4llt die luftig-leichte Hippie-Kom\u00f6die deutlich ab. Und von \u201eBrokeback Mountain\u201c, dem gr\u00f6\u00dften Melodrama der letzten Jahre, wollen wir mal gar nicht erst anfangen. Aber m\u00fcssen sich Genies denn immer selbst \u00fcbertreffen?<br \/>\n \tEin R\u00e4tsel, wie jemand so vielf\u00e4ltig erz\u00e4hlen kann: Ang Lees Filmwelt spannt sich auf  zwischen Taiwan und Montana, zwischen Jane Austen und Marvel-Comics, zwischen chinesischen Familiendramen im heutigen Hongkong und einer tragischen schwulen Erweckungsgeschichte im Cowboymilieu der F\u00fcnfziger. Lee ist der gro\u00dfe Melodramatiker, der Gef\u00fchls- und Beziehungsregisseur unserer Tage \u2013 ein Douglas Sirk ohne Kitsch, der zu seiner und unserer Entspannung gelegentlich auch mal einen Actionfilm macht.<br \/>\n\tOder eine leichte Kom\u00f6die wie diese hier, seine erste seit f\u00fcnfzehn Jahren, als er mit  dem \u201eHochzeitsbankett\u201c und \u201eEat Drink Man Woman\u201c auf der Szene erschien. Doch diesmal hat Lee sich eine wahre Geschichte vorgenommen \u2013 eine Premiere in seinem Oeuvre. Es wird erz\u00e4hlt, wie es dazu kam, dass eine halbe Million Hippies in das Kaff Bethel bei Woodstock einfiel, tief im \u201eBorscht-Belt\u201c der Catskills gelegen, wo sonst j\u00fcdisch-osteurop\u00e4ische Einwanderer ihre Sommerfrische zu verbringen pflegen. Dass dieser Film kein ganz grosser geworden ist, mag durchaus damit  zu tun haben, dass Lee das Material nicht vollkommen geh\u00f6rt. Offenbar braucht er f\u00fcr seine H\u00f6henfl\u00fcge die Freiheit des Fiktionalen.  Diesmal aber bilden die Erinnerungen Eliot Teichbergs den Rahmen, eines eher obskuren, aber entscheidenden Hintermanns des Woodstock-Festivals.<\/p>\n<p><object width=\"425\" height=\"344\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/7Iq8z2WDbKo&#038;hl=de&#038;fs=1&#038;\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object><\/p>\n<p>\tEliot wollte eigentlich blo\u00df seinen Eltern helfen, die Zwangsversteigerung ihres heruntergekommenen Motels abzuwenden. Dabei ist es kein Wunder, dass sie vor dem Ruin stehen: Seine dominante Mutter (wunderbar kratzb\u00fcrstig: Imelda Staunton) und sein unterdr\u00fcckter Vater (Henry Goodman) sind wohl die ungastlichsten Wirtsleute, die man sich denken kann &#8211; wortkarg, bitter, knauserig. Als Eliot, der eigentlich Innenausstatter in New York werden m\u00f6chte, von einem Musikfestival h\u00f6rt, das in einem Nachbarort an den Vorbehalten der Bewohner gegen die Hippies zu scheitern droht, kommt er auf eine Idee mit Folgen: Sollen die Hippies doch nach Bethel kommen und auf der Wiese der Teichbergs ihr Festival abhalten! Am Ende wird es zwar die Wiese des Nachbarn Max Yasgur werden, weil die Teichberg-Farm in Wahrheit zu weiten Teilen ein Sumpfgebiet ist. Aber das kaputte Motel der Eltern wird tats\u00e4chlich zur Keimzelle des gr\u00f6\u00dften Ereignisses der Gegenkultur der 60er. Die Organisatoren haben hier ihr B\u00fcro, einige zentrale Bands steigen in dem Haus ab, und Hunderte kampieren am Ende auf dem Land der Teichbergs.<br \/>\n\tDoch das ist alles nur der Hintergrund f\u00fcr die Geschichte Eliots, seiner Familie und Freunde. Eliot, gespielt von dem sehr witzigen Comedian Demetri Martin in seiner ersten Rolle, wird zu unserem F\u00fchrer durch die legend\u00e4ren Tage voller Frieden, Matsch und Musik. Er verliert seine Jungfr\u00e4ulichkeit mit einem der B\u00fchnenarbeiter, er schmei\u00dft seinen ersten Trip, und schlie\u00dflich lernt er seine Eltern von einer neuen Seite kennen. (Wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe, ist dies bereits das dritten schwule Coming Out in Lees Werk \u2013 ziemlich bemerkenswert f\u00fcr einen erkl\u00e4rterma\u00dfen heterosexuellen Regisseur, der Vater zweier S\u00f6hne ist.) Die Teichbergs betrachten die langhaarigen jungen Leute mit den auff\u00e4llig geweiteten Pupillen zun\u00e4chst voller Verdacht, wie alle in der verschlafenen Gemeinde. Dann jedoch entdecken sie zahlreiche M\u00f6glichkeiten, ein gutes Gesch\u00e4ft mit ihnen zu machen, weil es viel zu wenig Schlafpl\u00e4tze und Verpflegung f\u00fcr die in Scharen anreisenden Freaks gibt. Und schlie\u00dflich werden auch sie kurz vom Geist des Wassermannzeitalters erfasst \u2013 mit  Hilfe einiger Kekse mit speziellen Zutaten. Eine der sch\u00f6nsten Szenen des Films zeigt die beiden alten Herrschaften vollkommen stoned und ausgelassen tanzend \u2013 vielleicht zum ersten Mal entspannt und befreit, seit die beiden Einwanderer das Shtetl in Weissrussland verlassen haben.<br \/>\n\tDies ist kein Woodstock-Film. Wir sehen weder Hendrix, noch Joplin, noch die Who. Niemand imitiert Richie Havens. Manchmal wehen zwar einige Akkorde zum \u201eEl Monaco\u201c-Motel her\u00fcber. Aber hier geht es im Grunde, wie so oft bei Ang Lee, um die Lebenswege einiger nicht ganz normaler Individuen, die vom Wind des Wandels erfa\u00dft werden. Diesmal ist es kein Eissturm, der Menschen von ihrem Weg abbringt und ihre Beziehungen zertr\u00fcmmert \u2013 wie in dem gleichnamigen Film. Es ist eine freundliche Brise: Eliot hat sein Coming out, seine Eltern sch\u00fctteln die alte Einwandererangst ab, Eliots Freund Billy lernt mit seinem Vietnamtrauma zu leben, Max Yasgur lernt die Hippies als h\u00f6fliche Menschen zu lieben. Und der muskul\u00f6se Transvestit und Ex-Marinesoldat Vilma findet seine Lebensaufgabe als Security-Dragqueen im rosa Fummel. Liev Schreiber ist in dieser Rolle der heimliche Held des Films, mit langen blonden Haaren, imposanten Oberarmen und einem Herz aus Gold.<br \/>\n\tEs macht Spa\u00df, sich die R\u00fcckseite des ber\u00fchmten Festivals von Ang Lee ausmalen zu lassen. Aber  hier liegt auch ein Problem des Films: Im Vergleich zu Lees gro\u00dfen Melodramen wie  \u201eEissturm\u201c, \u201eBrokeback Mountain\u201c oder \u201eGefahr und Begierde\u201c wirkt \u201eTaking Woodstock\u201c irgendwie spannungslos. Und das ist ausgerechnet bei diesem Thema dann doch misslich.<br \/>\n\tMartin Scorcese war als junger Regisseur an der legend\u00e4ren Woodstock-Doku von Michael Wadleigh beteiligt, die unser Bild des Festivals gepr\u00e4gt hat. Im  R\u00fcckblick hat Scorcese einmal gesagt: \u201eHeute schauen viele Leute sentimental auf den Geist von Woodstock zur\u00fcck. Aber ich glaube, er enthielt Elemente von etwas Bedrohlichem, die nie gez\u00fcndet wurden.\u201c Schade, dass Ang Lee diese bedrohlich lauernden Elemente nicht wenigstens zeigt:  Drogenwahn, Gewalt und   Kommerz, die leider schon bald die Bewegung verschlingen sollten. Die Kostbarkeit des Moments unverhoffter Freiheit, den wir mit Eliot, seine Freunden und seinen Eltern erleben, h\u00e4tte das noch gesteigert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab und zu darf ich in meiner Zeitung auch \u00fcber Dinge schreiben, die mir wirklich wichtig sind. Filme zum Beispiel. 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