{"id":2993,"date":"2009-09-11T11:43:19","date_gmt":"2009-09-11T09:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=2993"},"modified":"2009-09-11T11:44:36","modified_gmt":"2009-09-11T09:44:36","slug":"pathos-des-eigensinns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/09\/11\/pathos-des-eigensinns_2993","title":{"rendered":"Pathos des Eigensinns"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Tage erscheint das Doppelheft des Merkur zum Thema &#8222;Heldengedenken&#8220;. Ich habe eine Aufsatz \u00fcber &#8222;Heldentum und Zivilcourage&#8220; geschrieben, der das Heft er\u00f6ffnet. Es folgt ein Auszug: (Das Heft lohnt sich zu kaufen!<\/em>)<\/p>\n<p>Am 20.Dezember 2007 kehrt der pensionierte Realschulrektor Hubert N.<br \/>\nvon einer Weihnachtsfeiermit seinen alten Kollegen heim. AmMax-Weber-Platz steigt er um in die U4 Richtung Arabellapark und nimmt im letzten Wagen Platz, in der letzten Sitzreihe, wie er es immer tut. Zwei angetrunkene junge M\u00e4nner setzen sich ihm gegenu\u0308ber, Serkan A. und Spyridon L. Die beiden zu\u0308nden sich eine Zigarette an und blasen den Rauch in Richtung des Rentners. Der sagt irgendwann den Satz, der sich als fatal erweisen wird: \u00bbIn der U-Bahn wird nicht geraucht.\u00ab Die beiden beschimpfen ihn daraufhin als \u00bbdeutsches Arschloch\u00ab und \u00bbschei\u00df Deutscher\u00ab. Als er aussteigt, folgen sie ihm und sto\u00dfen ihn, wie sich auf \u00dcberwachungsvideos beobachten l\u00e4sst, von ru\u0308ckw\u00e4rts zu Boden. Dann traktieren sie ihn mit Tritten gegen Kopf und Bauch. \u00bbSie spielten Fu\u00dfball mit meinem Kopf\u00ab, erinnerte sich der Lehrer. Er erleidet einen dreifachen Sch\u00e4delbruch.<br \/>\nDer Fall Hubert N. wurde sehr schnell zu einem Politikum. Bald ging es um \u00bbkriminelle Ausl\u00e4nder\u00ab und eine vermeintlich allzu lasche Justiz. Das Get\u00f6se der Parteien um den Vorfall hat es bald unm\u00f6glich gemacht, ihn als<br \/>\neine Episode zu sehen aus dem ganz normalen Alltag unserer St\u00e4dte, die von ethnisch motiviertem Hass, Feigheit und Zivilcourage handelt. Wenn Roland Koch den Vorfall nicht fu\u0308r seine populistische Wahlkampagne zu vereinnahmen versucht h\u00e4tte, fiele es leichter zu erkennen, dass das Schicksal des Hubert N. symptomatisch fu\u0308r unseren merkwu\u0308rdigen Diskurs u\u0308ber \u00bbZivilcourage\u00ab hierzulande ist.<br \/>\nLassen wir die ganze hochideologische Debatte u\u0308ber den Fall beiseite: Auf<br \/>\ndem \u00dcberwachungsvideo aus der U-Bahn-Station kann man deutlich erkennen, wie einer der beiden T\u00e4ter Anlauf nimmt und mit voller Wucht gegen den Kopf des liegenden Sechsundsiebzigj\u00e4hrigen tritt. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Aggressivit\u00e4t der beiden jungen M\u00e4nner fu\u0308hrte zu einer monatelangen, republikweiten Debatte. <!--more-->Einzelne Stimmen versuchten, die schockierende Inl\u00e4nderfeindlichkeit von Serkan A. und Spyridon L. als Kompensation eines Aufwachsens in ausl\u00e4nderfeindlicher Atmosph\u00e4re zu deuten \u2212 so etwa der Chef des Zeit-Feuilletons, Jens Jessen, der in einem Videoblog den versuchten Mord als ein fast schon verst\u00e4ndliches Zuru\u0308ckschlagen der von deutschen Rentnern schikanierten Migranten hinstellte. Das war offenbar ein Versuch, die Koch-Kampagne gegen \u00bbjunge kriminelle Ausl\u00e4nder\u00ab zu konterkarieren. Diese allerdings scheiterte ohnehin beim Publikum. Als herauskam, dass die hessischen Gerichte besonders lasch und langsam mit Jugendstrafverfahren umgehen, war Kochs Wiederwahl gef\u00e4hrdet.<br \/>\nIm Sommer 2008 wurden die beiden T\u00e4ter wegen versuchten Mordes zu achteinhalb und zw\u00f6lf Jahren Haft verurteilt. Das Opfer hat das Urteil mit<br \/>\nGenugtuung aufgenommen. Der Su\u0308ddeutschen Zeitung gab er vor\u00a0 dem Prozess gegen die beiden T\u00e4ter zu Protokoll, zwei Gedanken seien ihm durch den Kopf geschossen, als er auf dem Boden lag: \u00bbDie wollen mich totschlagen \u2212 warum eigentlich?\u00ab Und: \u00bbWas wu\u0308rde ein Held jetzt machen?\u00ab Gegenu\u0308ber Spiegel-online erinnert HubertN. sich, er habe, bereits amBoden liegend, ein M\u00e4dchen gesehen, das die Tat beobachtete: \u00bbJetzt reden alle von Zivilcourage. Aber das bringt doch nichts.\u00ab<br \/>\nDamit sind die Begriffe gefallen, um die es hier geht: Heldentum und Zi-<br \/>\nvilcourage. Unsere \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit dem Komplex Hel-<br \/>\ndentum und Zivilcourage ist merkwu\u0308rdig ambivalent. Es hat sich einerseits<br \/>\neine regelrechte Zivilcourageindustrie gebildet, die dem Bu\u0308rger zuredet, bei Gewaltsituationen im \u00f6ffentlichen Raum nicht wegzuschauen, sondern tapfer zu handeln.Wie ein Mantra wird von dieser Bewegung andererseits aber der Satz wiederholt, man solle dabei \u00bbbitte nicht den Helden spielen\u00ab.<br \/>\nDie Bewegung fu\u0308r \u00bbmehr Zivilcourage\u00ab ist eng verbunden mit dem<br \/>\nKampf gegen den Rechtsradikalismus \u2212 mit Initiativen wie \u00bbGesicht zei-<br \/>\ngen\u00ab, \u00bbSchule gegen Rassismus \u2212 Schule mit Courage\u00ab oder \u00bbMut gegen<br \/>\nrechts\u00ab. Wenn diese Gruppen \u00bbZivilcourage\u00ab sagen, meinen sie eigentlich<br \/>\nden Kampf gegen aggressiv auftretende Neonazigruppen oder Schl\u00e4ger mit<br \/>\nInsignien der rechtsradikalen Popkultur wie Bomberjacken, Skinhead-Haarschnitt und dergleichen.Mit diesenWorten zumBeispiel wird ein Handbuch fu\u0308r Zivilcourage angepriesen: \u00bbWas Sie tun k\u00f6nnen, wenn Sie selbst Zeuge oder Opfer rechter Gewalt werden, finden Sie in zahlreichen Verhaltenstipps fu\u0308r den Ernstfall \u2212 in der Kneipe, bei einer Schl\u00e4gerei, im Bus oder in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Trainings und Seminare werden vorgestellt und wo man diese Angebote buchen kann \u2212 ob Deeskalationstraining, Selbstbehauptungskurs oder Toleranztraining.\u00ab<br \/>\nWie selbstverst\u00e4ndlich ist da von \u00bbrechter Gewalt\u00ab die Rede. Doch was<br \/>\ndem Hubert N. widerfahren ist, passt nicht so recht in das Wahrnehmungsschema der Zivilcourageaktivisten. Die T\u00e4ter, die ihren Hass an ihm auslebten, waren nichtdeutscherHerkunft. Ein Deutscher als Opfer von Rassismus \u2212 das ist natu\u0308rlich verwirrend. Und so sind wohl die Versuche zu erkl\u00e4ren, das Ereignis umzudeuten, bis es wieder ins vertraute Muster passt: Der auf einer rauchfreien U-Bahn insistierende Rentner sei eine unertr\u00e4gliche Inkarnation des \u00bbdeutschen Spie\u00dfers\u00ab, und die jungen M\u00e4nner h\u00e4tten wohl schon \u00bbunendliche G\u00e4ngelungen\u00ab durch seinesgleichen zu erdulden gehabt, mutma\u00dfte Jessen in seinem oben erw\u00e4hnten Kommentar. Haben die beiden T\u00e4ter also eigentlich nur zuru\u0308ckgeschlagen \u2212 Opfer endloser Schurigelei durch deutsche Rentner? Keine Umdeutung der Geschehnisse scheint offenbar zu absurd, will man das bekannte T\u00e4ter-Opfer-Schema wiederherstellen.<br \/>\nDabei hat Hubert N. getan, was die Propagandisten der Zivilcourage zu<br \/>\nRecht fordern: den \u00f6ffentlichen Raum nicht widerstandslos der Gewalt<br \/>\npreiszugeben. Er hat sich der Einschu\u0308chterung nicht einfach ergeben, son-<br \/>\ndern auf ziviler Ru\u0308cksichtnahme insistiert. Heldentum ist sicher ein zu gro\u00dfesWort dafu\u0308r. Aber hier hat sich jemand nicht weggeduckt und sich mindestens einen Kommentar u\u0308ber die raumgreifende Bel\u00e4stigung nicht verkniffen. Die meisten von uns werden in \u00e4hnlichen Situationen lieber klein beigeben \u2212 und damit Stu\u0308ck fu\u0308r Stu\u0308ck der angstfreien \u00d6ffentlichkeit aufgeben, ohne die es kein bu\u0308rgerliches Leben geben kann.<br \/>\nDer Kampf um diese Sph\u00e4re ist unteilbar. Es ist zu kurz gegriffen, ihn als<br \/>\nWiderstand gegen \u00bbrechte Gewalt\u00ab zu definieren. Der Kampf fu\u0308r das Recht, nicht zusammengeschlagen zu werden, weil man eine andere Meinung oder einen anderen Lebensstil hat oder einfach nur auf irgendeine signifikante Weise anders aussieht, wird in manchen ostdeutschen St\u00e4dten in der Tat gegen den P\u00f6bel gefu\u0308hrt, der es auf dunkelh\u00e4utige Menschen und Asiaten abgesehen hat. In Berlin-Mitte wird er aber zum Beispiel auch gegen Homosexuellenfeinde ausgefochten, die schwulen P\u00e4rchen auflauern, um sie zu \u00bbklatschen\u00ab. Die Berliner Polizei hat darum ein Beratungsteam speziell fu\u0308r Schwule eingerichtet, das u\u0308ber das richtige Verhalten bei homophober Aggression aufkl\u00e4rt. Es sind neben Rechtsradikalen zunehmend muslimische Jungs, von denen Schwule in der \u00d6ffentlichkeit das Schlimmste zu fu\u0308rchten haben. Schwule werden aufgefordert, Gruppen von orientalisch aussehenden Jungs aus demWeg zu gehen. Das mag klug sein, aber solche Ratschl\u00e4ge bedeuten letztlich, dass diese Gesellschaft ein weiteres Stu\u0308ck bu\u0308rgerlicher Freiheit den Soziopathen opfert, denen niemand mehr entgegentritt.<br \/>\nUnd wenn ein \u00e4lterer Herr als \u00bbschei\u00df Deutscher\u00ab in einer Mu\u0308nchner U-<br \/>\nBahn fast totgeschlagen wird oder die letzten verbliebenen deutschst\u00e4mmigen Schu\u0308ler aufmanchen Berliner Schulh\u00f6fen von tu\u0308rkischen und arabischen Mitschu\u0308lern als \u00bbWei\u00dfbrote\u00ab und \u00bbSchweinefleischfresser\u00ab drangsaliert werden, ist das auch ein legitimes Bet\u00e4tigungsfeld fu\u0308r die allerorten eingeklagte Zivilcourage. Auch wer gegen solche Mobgesinnung aufbegehrt, riskiert viel, wie etwa die Recherchen der ZDF-Reporterin Gu\u0308ner Balci gezeigt haben. Sie hat zwei Schu\u0308ler der Thomas-Morus- Oberschule in Berlin-Mitte beimSpie\u00dfrutenlauf auf demSchulhof begleitet, wo sie regelm\u00e4\u00dfig zur Zielscheibe des Deutschenhasses wurden. Sie sind die letztenDeutschst\u00e4mmigen in ihrer Klasse.Wenn die beiden sich nicht damit begnu\u0308gen wollen, in einer<br \/>\nde facto segregierten Ecke des Pausenhofs unbehelligt zu bleiben,mu\u0308ssen sie dauernde Bel\u00e4stigungen, Demu\u0308tigungen und Schl\u00e4ge u\u0308ber sich ergehen lassen. Die Lehrer haben sich offenbar damit abgefunden, dass es fu\u0308r die beiden \u00dcbriggebliebenen keine angstfreien Schultage mehr gibt.<br \/>\nWahrscheinlich werden die Jungen mit ihren Familien eines Tages klein<br \/>\nbeigeben und wegziehen und damit die ethnische Segregation in der deut-<br \/>\nschen Hauptstadt weiter zementieren. Mut brauchte es hier vonseiten der<br \/>\nSchulleitung, aber auch vonseiten derMigrantenkinder und ihrer Eltern, die den angstfreien \u00f6ffentlichen Raum als hohes Gut zu sch\u00e4tzen wissen, und zwar nicht nur solange sie selbst die Minderheit unter Deutschen darstellen. Wenige k\u00f6nnen sich dazu durchringen, das raumgreifende, p\u00f6belhafte Verhalten der tu\u0308rkischen und arabischen Jugendlichen zu kritisieren, die vielerorts, l\u00e4ngst nicht nur in Berlin, die Mehrheit darstellen.<br \/>\nWarum aber r\u00e4t die Polizei in all ihren Broschu\u0308ren und Schulungsfibeln<br \/>\nimmer wieder davon ab, \u00bbden Helden zu spielen\u00ab? Es gibt einen pragmati-<br \/>\nschen Grund dafu\u0308r: Es soll unvorsichtigem Verhalten vorgebeugt werden,<br \/>\ndas den Helfer schnell zum zweiten Opfer werden lassen kann. Aber irgendetwas ist an der geradezu rituell wiederholten Formel auch merkwu\u0308rdig.<br \/>\nWenn die Tugend der Zivilcouragemit gro\u00dfemPublicityaufwand beworben<br \/>\nwerden muss, kann Heldenu\u0308bermut ja eigentlich nicht das vordringliche<br \/>\nProblem sein.Wenn gro\u00dfe Kampagnen zur \u00bbAktivierung des Helferverhal-<br \/>\ntens in der Bev\u00f6lkerung\u00ab n\u00f6tig sind, weil \u00bbeine Haltung des Wegschauens<br \/>\nden idealenN\u00e4hrboden fu\u0308r kriminelleMachenschaften bereitet\u00ab (so die \u00bbInitiative fu\u0308r mehr Zivilcourage\u00ab der Polizei), dann scheint wohl eher ein Mangel an Mut vorzuliegen. Die Polizei klagt, \u00bbGaffer und Schaulustige, die Straftaten in der \u00d6ffentlichkeit als \u203aUnterhaltung\u2039 missverstehen\u00ab, seien \u00bbg\u00e4nzlich fehl am Platz\u00ab. Schlimmer noch: Viele greifen offenbar nicht nur nicht ein, sondern wollen nach der Tat auch nicht als Zeugen zur Verfu\u0308gung stehen. Es gelte aber, die \u00bbF\u00f6rderung des sozialen Miteinanders\u00ab und die \u00bbVerantwortung fu\u0308r den N\u00e4chsten\u00ab ernst zu nehmen. \u00bbKriminelle werden verunsichert\u00ab, hei\u00dft es auf derWebsite der Kampagne, \u00bbwenn sie sich nicht mehr darauf verlassen k\u00f6nnen, durch die Passivit\u00e4t m\u00f6glicher Zeugen Schutz vor dem Zugriff der Polizei zu finden.\u00ab<br \/>\nAber ist es vorstellbar, solche Passivit\u00e4t aufzubrechen ohne wenigstens<br \/>\nSpurenelemente von Heldentum? Denn irgendjemand muss sich ja einen<br \/>\nRuck geben und nach vorne treten, umden Bann zu brechen. Irgendjemand, dem es nicht zu peinlich ist, \u00bbden Helden zu spielen\u00ab. Das Problem des Zivilcouragediskurses ist aber, dass er eben jenes eingreifende Verhalten klein redet, indem er reflexhaft das Heldentum problematisiert. Es ist ein Selbstwiderspruch, Courage f\u00f6rdern zu wollen und heroisches Handeln unter Verdacht zu stellen. Hubert N. hat sich nach Ma\u00dfgabe der Ratgeber und Broschu\u0308ren, mit denen die Bev\u00f6lkerung hierzulande zum eingreifenden Verhalten erzogen werden soll, paradoxerweise schlicht falsch verhalten.<br \/>\nIn den Arbeitsbl\u00e4ttern der Bundeszentrale fu\u0308r politische Bildung zum<br \/>\nThema \u00bbZivilcourage: Eingreifen statt Zuschauen?\u00abwerden so die Erw\u00e4gungen beschrieben, die fu\u0308r das Einschreiten bestimmend seien: \u00bbEntscheidend fu\u0308r das Eingreifen oder Nicht-Eingreifen in einer Notsituation ist die H\u00f6he der Kosten. Als solche Kosten kommen in Frage: erstens die Kosten der Hilfe, die sich auf die Gefahren und den Aufwand beziehen, die mit einem Eingreifen einhergehen k\u00f6nnen: z. B. die Gefahr der eigenen Verletzung, Zeitverlust, Blamage durch nicht sachgerechtes Handeln, aber auch \u00c4rger mit Beh\u00f6rden oder Unannehmlichkeiten, die grunds\u00e4tzlich jede Einmischung in die Angelegenheiten anderer Menschen einbringen kann; zweitens die Kosten der Nichthilfe wie z. B. Gewissensbisse, moralische Selbstvorwu\u0308rfe oder eine Strafanzeige nach \u00a7 323c StGB (Unterlassene Hilfeleistung); damit ist gleichzeitig derNutzen derHilfe verbunden, der in der Vermeidung von Gewissensbissen, Selbstvorwu\u0308rfen und einer eventuellen Strafanzeige besteht.\u00ab<br \/>\nZivilcourage l\u00e4sst sich aber nicht als Folge eines Kosten-Nutzen-Kalku\u0308ls<br \/>\nverstehen. Wer Situationen betrachtet, in denen sich zuerst einzelne und<br \/>\ndann in der Folgemanchmal ganze Massen fu\u0308r dasHandeln widerMacht und Gewalt entscheiden, merkt schnell, dass rationale Kostenabw\u00e4gungen hier nicht sehr viel weiterhelfen.<\/p>\n<p>Der Sommer nach den gef\u00e4lschten Wahlen im Iran lieferte reichlich An-<br \/>\nschauungsmaterial fu\u0308r solche Prozesse. Die Los Angeles Times berichtete unter anderemvon einemdreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Ingenieur namens Ali-Reza. Am Tag nach denWahlen wurde er in Teheran zum Zeugen, wie Mitglieder der zur Aufstandsbek\u00e4mpfung eingesetzten Bassidsch-Einheiten einen anderen Mann auf brutaleWeise zusammenschlugen. \u00bbSchlagt ihn nicht\u00ab, wandte er sich an die Pru\u0308gelnden. Einige dieser Milizangeh\u00f6rigen in Zivil h\u00f6rten tats\u00e4chlich auf, aber nur, um sich nun ihm zuzuwenden. Sie begannen, ihn mit Knu\u0308ppeln, Kabeln und Fu\u00dftritten zu maltr\u00e4tieren. Er wurde inHaft genommen und noch tagelang weiter geschlagen. Als er sich beklagte, wurde ihm beschieden: \u00bbDu hast Mussawi gew\u00e4hlt, dich zu schlagen ist unser Recht. Wir k\u00f6nnen dich sogar umbringen.\u00ab Bei den folgenden Verh\u00f6ren im Gef\u00e4ngnis wurden ihm Videoaufnahmen von Demonstrationen gezeigt, an denen er teilgenommen hatte. Nach zehn Tagen konnte seine Familie die Freilassung erreichen, allerdings gegen Hinterlegung der Hypothek des Familienhauses als Kaution. Die Los Angeles Times resu\u0308miert: \u00bbDie Tortur hat ihn<br \/>\nwu\u0308tender gemacht und seine Verachtung der iranischen Autorit\u00e4ten be-<br \/>\nst\u00e4rkt. Er erinnert sich, junge M\u00e4nner blutend und verletzt am Boden lie-<br \/>\ngend gesehen zu haben, und niemand kam ihnen zu Hilfe. \u203aJetzt wei\u00df ich,<br \/>\nwen ich hasse\u2039, sagte er. \u203aJetzt wei\u00df ich, dass sie wie Tiere sind. Sie glauben an nichts. Sie schlie\u00dfen ihre Augen und schlagen auf dich ein, bis du tot bist.\u2039\u00ab<br \/>\nDie deutschen Zivilcouragefibeln haben fu\u0308r Ali-Rezas Verhalten keinen<br \/>\nSinn. Es war ja absehbar, dass die beru\u0308chtigten Bassidsch-Milizen sich nicht von seinem Appell beeindrucken lassen wu\u0308rden. Mit seiner eigenen Misshandlung und Verhaftung h\u00e4tte er nach den Erfahrungen mit fru\u0308heren Aufst\u00e4nden im Iran rechnen mu\u0308ssen. Und doch n\u00f6tigt uns seine unerschrockene Tat Respekt ab. Ali-Rezas Kosten-Nutzen-Kalku\u0308l scheint sich selbst durch die Misshandlungen nicht ver\u00e4ndert zu haben: Er ist wu\u0308tender und in seiner Verachtung der Autorit\u00e4ten best\u00e4rkt durch die Behandlung, die man ihm angedeihen lie\u00df.<br \/>\nEs lie\u00dfen sich viele solcher Beispiele allein aus den sommerlichen Aufst\u00e4n-<br \/>\nden im Iran anfu\u0308hren: Es war bewegend, allabendlich die \u00bbGott-ist-gro\u00df\u00ab-<br \/>\nRufe von den D\u00e4chern Teherans zu h\u00f6ren, wie sie durch YouTube dokumentiert wurden. Tausende Teheraner Bu\u0308rger gingen nochWochen nach den gef\u00e4lschtenWahlen auf die Stra\u00dfen und riefen \u00bbTod dem Diktator\u00ab, wohl wissend, dass sie nicht mehr auf einen Sieg der Bewegung rechnen konnten. Es schien ihnen l\u00e4ngst mehr um ihre Wu\u0308rde zu gehen als um die Aussicht auf reale Ver\u00e4nderung. Die Bilder der vor laufender Handykamera verblutenden StudentinNeda Agha-Soltan wurden zumSymbol der Unbeugsamkeit einer Bewegung, die Gefahr nicht suchte, aber im Zweifelsfall auch nicht scheute.<br \/>\nEs sind die Bilder und Geschichten von solchem Widerstand, die dem<br \/>\nWort Zivilcourage einen Sinn geben. Das Bild der blutu\u0308berstr\u00f6mten Neda<br \/>\nkann gef\u00e4hrlich werden fu\u0308r das herrschende Regime, wenn es einen M\u00e4rty-<br \/>\nrermythos begru\u0308ndet \u2212 zumal in einem schiitisch gepr\u00e4gten theokratischen<br \/>\nStaat, der selber immer wieder das M\u00e4rtyrertum funktionalisiert hat&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage erscheint das Doppelheft des Merkur zum Thema &#8222;Heldengedenken&#8220;. Ich habe eine Aufsatz \u00fcber &#8222;Heldentum und Zivilcourage&#8220; geschrieben, der das Heft er\u00f6ffnet. Es folgt ein Auszug: (Das Heft lohnt sich zu kaufen!) 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