{"id":3089,"date":"2009-10-07T14:40:25","date_gmt":"2009-10-07T12:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3089"},"modified":"2009-10-07T14:41:27","modified_gmt":"2009-10-07T12:41:27","slug":"was-sarrazins-interview-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/07\/was-sarrazins-interview-bedeutet_3089","title":{"rendered":"Was Sarrazins Interview bedeutet"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein Leitartikel aus der ZEIT von morgen, Nr .42, S.1.:<\/em><\/p>\n<p>Erst hat er gepoltert, dann hat er sich entschuldigt: Thilo Sarrazin, der Haifisch im Karpfenteich der Berliner Politik, hat wieder eines seiner ber\u00fcchtigten Krawall-Interviews gegeben. In schnoddrigem Ton dozierte er \u00fcber die Missst\u00e4nde des Einwanderungslandes Deutschland, wie sie sich in Neuk\u00f6lln und Berlin-Mitte verdichten: Schulversagen, Importbr\u00e4ute, aggressiver Machismo und das Versacken auch der dritten Generation \u2013 vor allem von Mi\u00adgran\u00adten t\u00fcrkischer und arabischer Herkunft \u2013 in staatlich alimentierten Parallelgesellschaften.<br \/>\nEs ist eine Errungenschaft, \u00fcber diese Dinge unverklemmt und ohne Hass debattieren zu k\u00f6nnen. Deutschland \u00fcbt erst seit ein paar Jahren den freieren, konfliktfreudigen Blick auf die selbst verschuldeten Folgen fehlgesteuerter Einwanderung und verweigerter Integration: Ja, es muss m\u00f6glich sein, \u00fcber die unterschiedlichen Integrationserfolge verschiedener Gruppen zu reden, \u00fcber Geschlechterrollen, Familienstrukturen und religi\u00f6se Pr\u00e4gungen, die dabei den Ausschlag geben.<br \/>\nFalls Thilo Sarrazin, in den Vorstand der Bundesbank gewechselter ehemaliger Berliner Finanzsenator, dazu einen Beitrag leisten wollte, ist er allerdings spektakul\u00e4r gescheitert. Mit ma\u00dflosen Zuspitzungen hat er der Integrationsdebatte \u2013 und sich selbst \u2013 einen Tort angetan. Eine \u00bbgro\u00dfe Zahl von Arabern und T\u00fcrken in dieser Stadt\u00ab habe, meint Sarrazin, \u00bbkeine produktive Funktion au\u00dfer f\u00fcr den Obst- und Gem\u00fcsehandel\u00ab. Was soll dieser Hohn \u00fcber kleine Selbstst\u00e4ndige, die schuften, damit die Kinder es einmal besser haben? Wir sollten feiern \u2013 wie man es im Einwanderungsland USA tut \u2013, dass diese Menschen lieber arbeiten, als von Transferleistungen zu leben. Sarrazin r\u00e4umt ein, dass \u00bbnicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war\u00ab. Mehr als das: Er kokettiert auch mit rechtsradikalen Denkfiguren: \u00bbDie T\u00fcrken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine h\u00f6here Geburtenrate.\u00ab Nun wird sein R\u00fccktritt aus dem Bundesbank-Vorstand gefordert. Zur\u00fccktreten muss er nicht. Aber es sollte ihm zu denken geben, dass die NPD in Sachsen ihm h\u00f6hnisch das Amt des Ausl\u00e4nderbeauftragten antr\u00e4gt.<br \/>\nSarrazin hat mit seinem Interview das Dokument einer gesellschaftspolitischen Wasserscheide vorgelegt. Wer die f\u00fcnf eng bedruckten Seiten in Lettre International liest und zugleich die Regierungsbildung verfolgt, steht verbl\u00fcfft vor der Tatsache, dass ein prominenter SPD-Mann am rechten Rand entlanggrantelt, w\u00e4hrend die konservativ-liberalen Koalition\u00e4re \u00fcber einer modernen Integrationspolitik br\u00fcten. Das ist die eigentliche Bedeutung des Sarrazin-Interviews: Die Sozialdemokratie hat das Zukunftsthema Integration an die ideologisch flexiblere andere Seite abgegeben. Sarrazin war sieben Jahre lang in einer Regierung, die beinahe nichts gegen die weitere Verwahrlosung und ethnische Se\u00adgre\u00adga\u00adtion in der Hauptstadt getan hat. Und nun bramarbasiert er apokalyptisch \u00fcber \u00bbUnterschichtgeburten\u00ab und die \u00bbkleinen Kopftuchm\u00e4dchen\u00ab, wie es fr\u00fcher die Rechte getan hat.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen haben die Konservativen ihren Frieden mit dem Einwanderungsland gemacht, ohne die Augen vor den Problemen zu verschlie\u00dfen \u2013 und denken schon ganz pragmatisch \u00fcber ein Integrationsministerium auf Bundesebene nach. Sie wollen Deutschland nicht mehr abschotten, sondern zu einer \u00bbAuf\u00adstei\u00adger\u00adrepu\u00adblik\u00ab umbauen \u2013 so der CDU-Politiker Armin Laschet \u2013, in der Chancengerechtigkeit und Leistungswille vor Herkunft gehen.<\/p>\n<p>Das ist das integrationspolitische Motto der \u00adMitte-rechts-Koalition f\u00fcr das Einwanderungsland Deutschland. Die CDU kann dabei glaubw\u00fcrdig f\u00fchren, gerade weil sie fr\u00fcher die Partei des Leugnens und Verdr\u00e4ngens war. Sie kann all jene mitnehmen, denen der Wandel zu schnell geht. Die wirtschaftsnahe FDP kann, getrieben vom wachsenden Fachkr\u00e4ftemangel, den Bewusstseinswandel bef\u00f6rdern: Wir brauchen eine gestaltende Einwanderungspolitik. Die Konsequenzen der verfehlten Gastarbeiterpolitik fr\u00fcherer Jahrzehnte gilt es jetzt anzupacken.<br \/>\nUnd dazu wird es eines veritablen New Deal mit den Migranten bed\u00fcrfen. Man k\u00f6nnte es auf diese Formel bringen: gr\u00f6\u00dfere Aufnahmewilligkeit gegen mehr Engagement und Eigenverantwortung. Also: Wir werden euch schneller als Teil dieses Landes akzeptieren, wenn ihr euch mehr reinh\u00e4ngt. Was die t\u00fcrkische Gemeinschaft angeht, l\u00e4uft es auf Fragen dieser Art hinaus: Statt es zur Ehrensache zu machen, gegen Sprachnachweise beim Ehegattennachzug zu streiten \u2013 wie w\u00e4re es mit einem Kampf f\u00fcr besseren Deutschunterricht? Wann fangt ihr an, nicht vor allem durch Moscheeneubauten und den Kampf f\u00fcr Gebetsr\u00e4ume in Schulen, sondern durch Leistung auf euch aufmerksam zu machen?<br \/>\nWir m\u00fcssen Einwanderer k\u00fcnftig aussuchen: Ein Punktesystem muss her, das formuliert, wen wir brauchen. Die Einb\u00fcrgerung aber muss erleichtert werden, und zwar abh\u00e4ngig von Fortschritten bei der Integration: Warum sollen erfolgreiche Migranten acht Jahre lang auf ihren Pass warten? Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft muss sich fragen lassen, warum es so verteufelt schwer ist, hierzulande dazuzugeh\u00f6ren \u2013 selbst wenn man erfolgreich ist. Wie hie\u00df es doch im Wahlkampf: Leistung muss sich lohnen.<br \/>\nSchwarz-Gelb sucht ein Projekt. Unbescheidener Vorschlag: nach Eingliederung der Vertriebenen und Wiedervereinigung nun die Integration der Neudeutschen \u2013 eine \u00bbdritte deutsche Einheit\u00ab (Laschet), das w\u00e4re doch was. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Leitartikel aus der ZEIT von morgen, Nr .42, S.1.: Erst hat er gepoltert, dann hat er sich entschuldigt: Thilo Sarrazin, der Haifisch im Karpfenteich der Berliner Politik, hat wieder eines seiner ber\u00fcchtigten Krawall-Interviews gegeben. 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