{"id":3159,"date":"2009-10-21T12:13:03","date_gmt":"2009-10-21T10:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3159"},"modified":"2009-10-22T11:32:39","modified_gmt":"2009-10-22T09:32:39","slug":"was-man-in-deutschland-alles-sagen-darf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/21\/was-man-in-deutschland-alles-sagen-darf_3159","title":{"rendered":"Was man in Deutschland alles sagen darf"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich habe f\u00fcr die morgige Ausgabe der ZEIT (Nr.44) eine Seite 3 zu den Weiterungen im Fall Sarrazin geschrieben:<\/em><\/p>\n<p>Aus einem Interview in einer wenig bekannten Intellektuellenzeitschrift ist binnen dreier Wochen ein <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/07\/was-sarrazins-interview-bedeutet_3089\">\u201eFall Sarrazin\u201c<\/a> geworden. Der Streit \u00fcber die \u00c4usserungen des Bundesbankvorstands in \u201eLettre International\u201c mutiert zur Debatte \u00fcber die deutsche Debattenkultur. Es wird mittlerweile genauso leidenschaftlich dar\u00fcber gestritten, was man hierzulande um welchen Preis sagen darf \u2013 wie \u00fcber die urspr\u00fcngliche Frage: ob Sarrazin denn Recht hat mit seinen Behauptungen \u00fcber Einwanderer in Berlin.<br \/>\nAuch die Leser dieser Zeitung und ihrer <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/09\/sarrazin-und-hitler-der-zentralrat-der-juden-macht-sich-lacherlich_3116#comments\">Online-Ausgabe<\/a> sind seit Wochen hoch engagiert in der Analyse des Vorgangs. Seit dem Streit um die d\u00e4nischen Karikaturen hat es eine solche Welle der Emp\u00f6rung nicht mehr gegeben. In vielen Hundert Beitr\u00e4gen sch\u00e4lt sich ein Deutungsmuster heraus, das sich immer weiter vom Ursprung der Debatte l\u00f6st. Es lautet etwa so: Einer sagt, was schief l\u00e4uft im Land mit den \u201eT\u00fcrken und Arabern\u201c \u2013 und wird daf\u00fcr bestraft. Man kann einem Mythos beim Entstehen zuschauen: Thilo Sarrazin, einsamer K\u00e4mpfer gegen Rede- und Denkverbote.<br \/>\nZwei M\u00e4nner haben ma\u00dfgeblichen Anteil daran: Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der behauptete, dass \u201eSarrazin mit seinem Gedankengut G\u00f6ring, Goebbels und Hitler gro\u00dfe Ehre erweist\u201c. Und Axel Weber, Vorstandschef der Bundesbank, der Sarrazin erst verschwiemelt den R\u00fccktritt nahelegte und ihn dann hinter den Kulissen teilentmachtete \u2013 ohne je ein offenes Wort \u00fcber die Aussagen seines Bank-Kollegen zu wagen, die den Anlass gegeben haben. Nun wird gar behauptet, die Pressestelle der Bundesbank h\u00e4tte vorab Kenntnis von dem Interview gehabt und Weber h\u00e4tte Sarrazin somit bewusst ins offene Messer laufen lassen. Wie dem auch sei \u2013\u00a0 Kramer und Weber lieferten Beispiele daf\u00fcr, wie man die Diskussionskultur auf den Hund bringen kann: die fast schon bis zur Selbstkarikatur \u00fcbertriebene Intervention des Zentralratssekret\u00e4rs und das verdruckste Powerplay des Bankchefs haben mancherorts den Eindruck verfestigt, dass man in Deutschland \u00fcber bestimmte Dinge nicht mehr reden kann, ohne erst in die rechte Ecke gedr\u00e4ngt und dann in den Senkel gestellt zu werden. <!--more--><\/p>\n<p>Mein <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/09\/sarrazin-und-hitler-der-zentralrat-der-juden-macht-sich-lacherlich_3116\">Artikel auf Zeit Online<\/a>, der Kramers \u00c4usserung \u201eeinfach lachhaft\u201c nannte und bef\u00fcrchtete, er mache \u201ekleine M\u00fcnze aus dem NS-Vorwurf\u201c, erhielt in kurzer Zeit 600 \u00fcberwiegend zustimmende Kommentar. Und es ist immer noch kein Ende abzusehen, obwohl Kramer seine \u00c4usserungen unterdessen zur\u00fcckgenommen hat.<br \/>\nDa macht sich einerseits Emp\u00f6rung \u00fcber den Umgang mit einem Unbequemen Luft. Aber es ist auch etwas anderes im Spiel, das man nicht so leicht als Beitrag zu einer freieren, konfliktfreudigeren Debattenkultur verbuchen kann. Da ist auff\u00e4llig viel Freude dabei, dass man den Zentralrat der Juden bei einer t\u00f6richten Intervention ertappt hat. Und es kommen in den Leserbriefen und den Online-Debatten Annahmen \u00fcber den Stand der Integration, \u00fcber die \u201ewahren Ursachen\u201c der Probleme des Einwanderungslandes, \u00fcber die deutsche Identit\u00e4t und \u00fcber die Haltung der Migranten zutage, die noch weit \u00fcber Sarrazins Zuspitzungen hinausgehen.<br \/>\nEine unterdr\u00fcckte Wut macht sich Luft.<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl der Befreiung tr\u00e4gt viele Beitr\u00e4ge.\u00a0 Mit der alten v\u00f6lkisch-rechten Fremdenangst hat dieses Ph\u00e4nomen herzlich wenig zu tun. Der politisch-emotionale Druckausgleich findet diesmal eher auf der liberal-progressiven Seite der Gesellschaft statt. Nicht schon die Andersheit des Anderen ist das Anst\u00f6ssige, sondern sein Zur\u00fcckbleiben (oder -fallen) im Modernisierungsprozess, wie es sich in religi\u00f6sen Symbolen, traditionsverhafteten Familiensitten und Machismo \u00e4u\u00dfert. Entsprechend geriert man sich wohlig als Bannertr\u00e4ger der Freiheit. Eine manchmal schwer ertr\u00e4gliche Aura biederer Selbstgerechtigkeit gegen\u00fcber den Modernisierungsversagern pr\u00e4gt viele \u00c4usserungen, die zuweilen an einen fortschrittlichen Rassismus grenzen. Einen altkonservativen Provokateur\u00a0 wie Peter Gauweiler verleitet dies, in die Debatte zu werfen, ihm seien \u00bbKopftuchm\u00e4dchen allemal lieber als Arschgeweihm\u00e4dchen\u00ab.<br \/>\nDas Gef\u00fchl der Befreiung wird interessanter Weise dadurch bef\u00f6rdert, dass hier nicht etwa ein Mann vom rechten Rand behauptet, dass die Mehrzahl der T\u00fcrken und Araber \u201ekeine produktive Funktion\u201c h\u00e4tten und die T\u00fcrken Deutschland mit ihrer Geburtenrate erobern \u201egenauso wie die Kosovaren das Kosovo\u201c (Sarrazin) \u2013 sondern ein SPD-Mann. Das macht die Sache n\u00e4mlich weniger verd\u00e4chtig. Mit besonderer Genugtuung wird denn auch darauf verwiesen, dass \u201eHerr Sarrrazin keineswegs am rechten Rand poltert, er poltert mitten in der Gesellschaft. (\u2026) Er vermittelt dem viel zitierten kleinen Mann, dass es da oben doch noch welche gibt, die um seine \u00c4ngste, Sorgen und auch ganz konkreten Erfahrungen im Umgang mit Einwanderern jedwelcher Generation wissen und ihn auch ernst nehmen.\u201c Mancher Leser h\u00e4lt schon den Begriff Integration selbst f\u00fcr \u201ereichlich naiv\u201c und meint, die M\u00fche \u201eer\u00fcbrigt sich nicht nur aufgrund der zu unterschiedlichen Kulturen. Die wollen es einfach nicht, nehmt das endlich zur Kenntnis.\u201c Wieder andere zitieren gen\u00fc\u00dflich die Zustimmung zu Sarrazins Aussagen von so prominenten K\u00f6pfen wie Hans-Olaf Henkel und Ralph Giordano. Die beiden liessen sich\u00a0 nicht dem \u201erechten Lager\u201c zuordnen und h\u00e4tten festgestellt, dass Sarrazin \u201eeinfach Recht\u201c habe \u2013\u00a0 anders als die \u201eprofessionellen Gutmenschen\u201c, die uns die Verh\u00e4ltnisse erst eingebrockt h\u00e4tten. Viele Leser geben sich vollkommen sicher, dass die Integration scheitern muss, weil \u201edie\u201c (Einwanderer) einfach nicht wollen. Woraus folgt, dass es in Frage steht, wie einer triumphierend schreibt, dass wir \u201e\u00fcberhaupt eine Einwanderungspolitik\u201c brauchen. Und es dauert nicht lange, da kommt derselbe Leser mit seiner Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass \u201eMenschen eines v\u00f6llig anderen Kulturkreises\u201c nicht integriert werden k\u00f6nnen. Es folgen aus dem Internet kopierte saftige Koran-Zitate \u00fcber die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c. Wieder ein anderer Leser ist zwar nicht per se gegen Einwanderung, aber wenn schon, dann \u201enur aus katholischen L\u00e4ndern\u201c. (Vom schlechten Schulerfolg der italienischen Einwandererkinder hat er offenbar noch nicht geh\u00f6rt.)<br \/>\nDas ist nicht abzutun als das \u00fcbliche Ma\u00df an Ressentiment am Rand der Gesellschaft. Die paar handfesten Neonazis in den Debattenforen und Leserbriefspalten sind kaum der Rede wert. Sarrazin selber scheint sich erschrocken zu haben: Ob seine Entschuldigung, offenbar sei \u201enicht jede Formulierung gelungen\u201c gewesen, daraufhin deutet, dass ihm die Enthemmung mancher seiner Unterst\u00fctzer selber unheimlich geworden ist?<br \/>\nAussagen wie \u201eJeder Ausl\u00e4nder raus, wenn er nach sechs Monaten keinen Job gefunden hat\u201c stammen eben nicht von den wenigen Extremisten, die man hier gar nicht zitieren kann, ohne der Volksverhetzung in Anf\u00fchrungsstrichen Vorschub zu leisten. Es ist vielmehr die wutsch\u00e4umende Mitte, \u00fcber die man sich Gedanken machen muss.<br \/>\nZum Glaubenssatz hat sich verfestigt, der Islam sei das Problem und Muslime nun einmal nicht integrierbar. Sarrazin redet zwar sehr abf\u00e4llig \u00fcber \u201eT\u00fcrken und Araber\u201c. Doch er betont auch, dass die deutschst\u00e4mmige Unterschicht die gleichen Probleme habe. Und: \u201eT\u00fcrkische Anw\u00e4lte, t\u00fcrkische \u00c4rzte, t\u00fcrkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren.\u201c Das passt eigentlich gar nicht ins Weltbild vieler, die glauben, man m\u00fcsse nur den Koran lesen um zu verstehen, warum die \u201eT\u00fcrken und Araber sich hier nie integrieren k\u00f6nnen\u201c.<br \/>\nDas Interview ist offenbar l\u00e4ngst Nebensache: Man hat sich Sarrazin zum Helden erkoren und f\u00fchlt sich nun ermuntert, Dampf abzulassen. Beschweren kann sich Sarrazin \u00fcber diese Fans allerdings nicht, denn er hat sie durch seine lustvoll ver\u00e4chtlichen, verantwortungslosen (\u201estammtischnah\u201c nennt er es selbt in einer hellen Sekunde) Formulierungen angestachelt: Sie (die \u201eT\u00fcrken und Araber\u201c) \u201eproduzieren st\u00e4ndig neue kleine Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, sie \u201ewollen keine Integration\u201c, sie \u201eerobern Deutschland\u201c. Das Schnarrende, Herablassende, H\u00f6hnische ist seit jeher das Geheimnis seines Erfolgs. Thilo Sarrazin spricht vom Elitemangel in der Hauptstadt, vom Verfall der B\u00fcrgerlichkeit, den er aufhalten wolle. Sein eigener Ton, der bewusst mit dem \u00dcberschreiten ziviler Standards spielt, ist allerdings ziemlich unb\u00fcrgerlich. Elite, die den Namen verdient, w\u00fcrde die P\u00f6belei gegen den hart arbeitenden Obst- und Gem\u00fcseh\u00e4ndler scheuen, der um drei Uhr morgens aufsteht, um seine Ware einzukaufen. Sarrazin ist in Wahrheit eine der vielen Gestalten der SPD-Rechten, in denen sich der Niedergang seiner Partei verk\u00f6rpert: ein Sozialdemokrat, der den Leuten die Lizenz zur Verachtung derer ganz unten erteilt.<br \/>\nSo assoziiert er etwa in wildem Lauf eine \u201eAraberfrau\u201c, die in Neuk\u00f6lln ihr sechstes Kind bekommt, weil sie dann durch Hartz IV eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung bekommt, mit der teilweisen erblichen Bedingung von Begabung \u2013 und folgert flugs, dass darum in der Haupststadt der \u201eAnteil der intelligenten Leistungstr\u00e4ger aus demographischen Gr\u00fcnden kontinuierlich f\u00e4llt.\u201c Es steht zwar nicht da, dass Araber die Dummheit vererben, aber es ist schon verzeihlich, dass mancher Sarrazin-Fan dies schlu\u00dffolgert, wenn der Interviewte im Gegenzug die \u00fcberlegene Intelligenz der \u201eosteurop\u00e4ische Juden\u201c (\u201e15 Prozent h\u00f6heren IQ\u201c) preist.<br \/>\nManche seiner Verteidiger finden den Ton des Bundesbankers zwar auch nicht sch\u00f6n. Sie meinen, er habe sich vielleicht hier und da im Register vergriffen, vielleicht dies und jenes \u00fcberspitzt \u2013 aber dennoch eine tolle Debatte angestossen. Dazu ist folgendes zu sagen: Ton und Haltung sind keine Nebensache, wo es um Integration geht. Wie die Mehrheitsgesellschaft sich gegen\u00fcber den Neuen und ihren Kindern, die hier geboren sind, aufstellt, ist eine Kernfrage der Gesellschaftspolitik.<br \/>\nUnd was die Integrationsdebatte angeht: Deutschland hat dabei in den letzten Jahren gro\u00dfe Fortschritte gemacht. Die jetzige Debatte mit ihrer reichlich wirren Kombination von \u00d6konomismus, Eugenik (\u201eUnterschichtgeburten\u201c) und kokettem Borderline-Rassismus wirft den Streit um die Integration in Wahrheit um Jahre zur\u00fcck \u2013 in jene Phase, als das Schimpfen noch geholfen hat und man glaubte, die Alteingesessenen m\u00fcssten diesen Neuank\u00f6mmlingen nur mit harter Hand klarmachen, dass sie sich entweder einzuf\u00fcgen oder zu verschwinden h\u00e4tten. Diese Welt ist l\u00e4ngst perdu, und mit ihr die Alternative von Assimilation oder R\u00fcckf\u00fchrung.<br \/>\nWir sind l\u00e4ngst weiter. Wir haben in Deutschland die Schein-Alternative von Harmonieso\u00dfe oder kaum verhohlener Verachtung hinter uns gelassen, die fr\u00fchere Debatten \u00fcber die \u201eGastarbeiter\u201c kennzeichnete. Die Konservativen haben sich von der infantilen Sehnsucht nach dem Status quo ante verabschiedet und akzeptiert, dass die Arbeitsmigration nicht r\u00fcckabgewickelt werden kann und mit ihren Folgen politisch umgegangen werden muss. So wie die Rechte akzeptiert hat, dass wir ein Einwanderungsland sind, hat die Linke sich stillschweigend\u00a0 von der naiven Idee verabschiedet, Einwanderung sei automatisch eine Bereicherung und Multikulturalismus ein Selbstl\u00e4ufer. Zwei kostspielige Formen der Wirklichkeitsverleugnung sind vor aller Augen gescheitert, und die Politik hat begonnen, mit einer neuen Integrationspolitik darauf zu reagieren.<br \/>\nSeit Jahren debattieren wir \u2013 auch in der ZEIT \u2013 zum Beispiel die schlechten Schulergebnisse der T\u00fcrken und Italiener und scheuen auch nicht die Frage, warum etwa <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/05\/B-Vietnamesen\">Vietnamesen und Iraner besser abschneiden<\/a>. Die M\u00e4ngel des deutschen Schulsystems sind Thema in den Medien \u2013 aber eben auch die bildungsferne Einstellung vieler Eltern mit t\u00fcrkischen Wurzeln. Auch die t\u00fcrkischen Gruppen und die t\u00fcrkischsprachigen Zeitungen haben nach jahrelanger Abwehr angefangen, dies zu skandalisieren \u2013 ein Erfolg der harten Debatte in Politik und Medien. Thilo Sarrazin bezieht seine Beispiele \u00fcbrigens selber aus den Medien \u2013 wie etwa aus dem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/35\/DOS-Tiergarten\">ZEIT-Dossier \u00fcber grillende Orientalen<\/a> im Berliner Tiergarten. (Allerdings macht er aus 15-20 Tonnen Abfall, den Menschen aus aller Herren L\u00e4nder dort hinterlassen, inklusive Weinflaschen und H\u00e4hnchenkeulen, mal eben \u201e20 Tonnen Hammelreste der t\u00fcrkischen Grillfeste\u201c.) Ehrenmorde und Zwangsheiraten sind seit der Ermordung von Hatun S\u00fcr\u00fcc\u00fc Bestsellermaterial auf deutschen B\u00fcchertischen. T\u00fcrkische Autorinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates sind bei uns keine Aussenseiter, sondern mit vielen Preisen geehrte \u00f6ffentliche Intellektuelle, mit denen die Regierung gerne ihre Islamkonferenz schm\u00fcckt. Dort m\u00fcssen sich konservative Muslime die Kritik anh\u00f6ren, in Anwesenheit des Ministers. Nirgendwo sonst in Europa \u2013 ja nirgendwo sonst in der Welt gibt es ein \u00e4hnlich ambitioniertes, geradezu kulturrevolution\u00e4res Experiment. Holland hat Ayaan Hirsi Ali fallen und ins Exil gehen lassen. Unsere islamischen Feministinnen aber sind keine Ruferinnen vom Rand der Gesellschaft, sie sitzen mit dem Innenminister und den Verb\u00e4nden, die sie kritisieren, an einem Tisch und ringen um L\u00f6sungen. Seyran Ates fordert in ihrem neuen Buch eine \u201esexuelle Revolution\u201c im Islam. Es gibt kaum ein Land auf der Welt, in dem sie dies so frei und unbehelligt tun kann wie hierzulande.<br \/>\nDas ist ein Grund zum Stolz auf Deutschland. Bisher jedenfalls:\u00a0 Seyran Ates wird nun wegen ihres neuen Buchs bedroht. Und zwar so sehr, dass sie Inteview und Auftritte scheut und auch einen geplanten Text f\u00fcr die ZEIT absagte. Die Politik muss sich vor diese mutige Frau stellen, die furchtlos die Debatte voranbringt.<br \/>\nNach Jahren des Streits \u00fcber Moscheebauten, Deutschpflicht, Kopft\u00fccher,\u00a0 Gewalt und Machismo an den Schulen gibt es in Deutschland praktisch kein Tabu mehr beim Reden \u00fcber die Integration. Und das ist ein hohes Gut. Es ist daher ziemlich dreist, wenn nun ein Mann in der Pose des Tabubrechers auftritt, der sieben lange Jahre im wichtigsten Ressort einer rot-roten Landesregierung t\u00e4tig war, die beinahe nichts gegen Verwahrlosung und Desintegration der Hauptstadt getan hat. Sieben Jahre hatte Thilo Sarrazin Zeit mit all der Macht des Kassenwartes darauf zu dr\u00e4ngen, dass Berlin Avantgarde im Integrationsland Deutschland wird. Integrationspolitiker seiner eigenen Partei, wie etwa der Neuk\u00f6llner B\u00fcrgermeister Buschkowsky, konnten auf einen Sarrazin all die Jahre nicht z\u00e4hlen. Das macht es geradezu bizarr, wenn Sarrazin nun wegen seiner Zivilcourage gelobt wird und ein Kollege in der FAZ ihn gar auf eine Stufe mit dem in der M\u00fcnchener S-Bahn erschlagenen Dominik Brunner stellt. Es ist an der Zeit, diese \u00fcberschnappende Debatte auf den Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcckzuholen.<br \/>\nAllerdings kann die neue Regierung etwas aus ihr lernen: Die begonnene Integrationspolitik muss nicht nur viel entschiedener fortgef\u00fchrt werden. Sie muss auch wesentlich besser begr\u00fcndet und \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt werden. Es kann nicht sein, dass von den federf\u00fchrenden Integrationspolitikern der Koalition wochenlang nichts zu h\u00f6ren ist: Kein einziges Wort hat die Integrationsbeauftragte Maria B\u00f6hmer zu der laufenden Debatte verloren. Innenminister Sch\u00e4uble befand sich ebenso auf Tauchstation, von der Kanzlerin oder dem Bundespr\u00e4sidenten gar nicht erst zu reden. Wer die emp\u00f6rten Leserdebatten verfolgt, sieht wie fahrl\u00e4ssig dieses abwartende Schweigen der Politik ist.<br \/>\nLeider ist es nicht das erste Mal. Als in Dresden die \u00c4gypterin Marwa El Sherbiny erstochen wurde, hat man es Islamisten und Rechtsradikalen wochenlang \u00fcberlassen, das Thema zu besetzen. Weder zu dem Beinahe-Mord an Hubert N. in der M\u00fcnchener U-Bahn, noch zum Mord an Dominik Brunner konnte die Politik deutlich machen, dass ihr ein angstfreier \u00f6ffentlicher Raum ein hohes Gut ist.<br \/>\nDarauf aber sind \u2013 besonders in einem Einwanderungsland mit vielen neuen Konflikten &#8211; alle angewiesen. Darum muss die Politik in der Debatte f\u00fchren, statt sich unter den eruptiven Reaktionen des Publikums wegzuducken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe f\u00fcr die morgige Ausgabe der ZEIT (Nr.44) eine Seite 3 zu den Weiterungen im Fall Sarrazin geschrieben: Aus einem Interview in einer wenig bekannten Intellektuellenzeitschrift ist binnen dreier Wochen ein \u201eFall Sarrazin\u201c geworden. Der Streit \u00fcber die \u00c4usserungen des Bundesbankvorstands in \u201eLettre International\u201c mutiert zur Debatte \u00fcber die deutsche Debattenkultur. 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