{"id":3188,"date":"2009-10-28T15:59:03","date_gmt":"2009-10-28T13:59:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3188"},"modified":"2009-10-28T15:59:03","modified_gmt":"2009-10-28T13:59:03","slug":"wie-das-amt-sich-auf-westerwelle-vorbereitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2009\/10\/28\/wie-das-amt-sich-auf-westerwelle-vorbereitet_3188","title":{"rendered":"Wie das Amt sich auf Westerwelle vorbereitet"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein St\u00fcck aus der ZEIT von morgen, Nr. 45, S. 5:<\/em><\/p>\n<p>Am Werderschen Markt in der Mitte der Hauptstadt haben sie f\u00fcr den Neuen schon seit Wochen gro\u00dfr\u00e4umig Platz geschaffen. Steinmeiers Sprecher Jens Pl\u00f6tner ist nun Botschafter in Colombo, sein Politischer Direktor Volker Stanzel vertritt Deutschland ab sofort in Tokyo, sein Staatssekret\u00e4r Reinhard Silberberg in Madrid. Die Regale sind leer, die Familienfotos entfernt: Raum f\u00fcr neue Gedanken, Gelegenheit f\u00fcr \u00fcberraschende Karrieren!<br \/>\nKaum jemand hier hatte n\u00e4mlich Zweifel, dass Guido Westerwelle als vierter FDP-Mann in der Geschichte der Bundesrepublik das Ausw\u00e4rtige Amt in Beschlag nehmen w\u00fcrde. Und selbst jene Berliner Diplomaten, die nicht so recht an Westerwelles au\u00dfenpolitische Sendung glauben, w\u00e4ren wohl ein bisschen beleidigt gewesen, wenn er doch lieber Finanz- oder Superminister geworden w\u00e4re, statt sich in die Ahnenreihe der Scheel, Genscher und Kinkel zu stellen. Unterdessen arbeiten die Fachabteilungen seit Wochen daran, f\u00fcr den Neuen Dossiers zu erstellen, die ihm die Welt erkl\u00e4ren \u2013 eine Art Gebrauchsanweisung f\u00fcr den Globus. \u00bbWir sind jederzeit in der Lage\u00ab, sagt ein f\u00fchrender Diplomat, \u00bbHerrn Westerwelle von null auf hundert zu bringen.\u00ab<br \/>\nBei null m\u00fcssen sie zwar nicht anfangen. Westerwelle hat sich als Oppositionsf\u00fchrer im Bundestag immer wieder in au\u00dfenpolitische Debatten eingeschaltet \u2013 zu Afghanistan (f\u00fcr den Einsatz), zum amerikanischen Raketenschild (dagegen), zu Iran (f\u00fcr harte Sanktionen), zum Nahen Osten (gegen den Einsatz der deutschen Marine vor dem Libanon). Und er hat das ganze letzte Jahr damit verbracht, vorauseilend dem Verdacht entgegenzuwirken, es fehle ihm das staatsm\u00e4nnische Stresemann-Gen. Er hat kluge au\u00dfenpolitische Interviews gegeben und eine ausgefeilte Rede vor Berliner Diplomaten gehalten. Hans-Dietrich Genscher hielt w\u00e4hrenddessen seine segnende Hand \u00fcber ihn, damit auch der Letzte merkte, dass dieser Guido sein geliebter Sohn sei, an dem er Wohlgefallen habe. <!--more--><br \/>\nDas Ausw\u00e4rtige Amt hat noch jeden seiner Minister gut aussehen lassen<br \/>\nAber all das ist jetzt Gepl\u00e4nkel. Denn es beginnt etwas Neues im Leben von Guido Westerwelle. Es geht jetzt nicht mehr darum, mit wie viel Glaubw\u00fcrdigkeit er seine eigene neueste Inkarnation vertritt. In den Arenen, die er jetzt betritt, interessiert es niemanden, ob er durch innere Einsicht oder aus Berechnung vom Spa\u00dfpolitiker zum besorgten K\u00fcmmerer geworden ist.<\/p>\n<p>Die Frage lautet, ob Guido Westerwelle Deutschlands Interessen und Werte w\u00fcrdig vertreten kann, oder anders gesagt: ob er Deutschland so repr\u00e4sentieren kann, wie das Land sich gerne sieht \u2013 selbstbewusst, ohne aufzutrumpfen, solide, aber nicht langweilig, weltoffen, glaubw\u00fcrdig \u2013 und vielleicht sogar ein bisschen cool. Das ist eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr jemanden, \u00fcber dessen Lebensweg sich die Interpreten von jeher lustvoll und schadenfroh beugen, dem man jeden Lapsus h\u00e4misch vorh\u00e4lt \u2013 wie k\u00fcrzlich seine krampfig-unsichere Zur\u00fcckweisung eines englischen Reporters. Aber es k\u00f6nnte f\u00fcr ihn auch eine Art Erl\u00f6sung sein, dass die Leute demn\u00e4chst Deutschland sehen, wenn Westerwelle den Raum betritt \u2013 in Kuala Lumpur, Jekaterinburg oder Rabat.<br \/>\nEr kann dann endlich aufh\u00f6ren, den Wahlkampf gegen die Sozis immer noch mal gewinnen zu wollen. Und wenn er so beliebt wird wie noch jeder Au\u00dfenminister vor ihm, muss er vielleicht auch nicht mehr seine im Grunde sympathische Empfindlichkeit mit aufgesetzter Jovialit\u00e4t \u00fcbert\u00f6nen.<br \/>\nDer riesige Apparat des Ausw\u00e4rtigen Amtes wird jedenfalls alles dazu tun, dass sein Minister re\u00fcssiert. Mit seinen 7000 Mitarbeitern und einem Budget von drei Milliarden schnurrt \u00bbdas Amt\u00ab nur so vor solider Kompetenz und Weltl\u00e4ufigkeit. Es gibt hier mehr Sachverstand, zum Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen, zum Powerplay zwischen EU-Kommission und Parlament, zu den K\u00e4mpfen zwischen Revolutionsgardisten und theokratischem Establishment in Iran, als ein Minister \u00fcberhaupt abfragen kann. Man ist vorbereitet: Das Iran-Team etwa hat schon eine fertige Liste mit schmerzhaften Sanktionen, die sehr schnell umgesetzt werden k\u00f6nnen, sollten die Verhandlungen scheitern.<br \/>\nDas Ausw\u00e4rtige Amt hat noch jeden gut aussehen lassen, selbst einen unverhofft zum Diplomaten avancierten Beamten wie Klaus Kinkel mit seiner aus der Zeitmaschine gr\u00fc\u00dfenden Elvis-Tolle. Aber die passende Parallele zu Westerwelles diplomatischem Aufstieg ist nicht Kinkels Antritt, sondern die Ministerwerdung seines einstigen Lieblingsfeindes Joschka Fischer. Westerwelle ist ein machtvoller und gewiefter Parteipolitiker wie jener, und mit Blick auf seinen vom Wahlergebnis abermals befeuerten Geltungsdrang stellt sich auch f\u00fcr ihn und seine Kabinettschefin die alte Koch- und Kellner-Frage. Joschka Fischer musste seinerzeit schnell feststellen, dass es keine gr\u00fcne, sondern nur eine deutsche Au\u00dfenpolitik gibt. Und diese wird zunehmend von den Kanzlern gemacht und dargestellt. Merkel hat sich noch st\u00e4rker als Schr\u00f6der als Au\u00dfenkanzlerin profiliert. Unwahrscheinlich, dass sie dabei in Zukunft mit Blick auf den neuen Partner zur\u00fcckhaltender auftreten wird. Im Gegenteil: Ihre zweite Amtszeit wird gleich mit einem Paukenschlag beginnen, wenn sie n\u00e4chste Woche vor beiden H\u00e4usern des amerikanischen Kongresses spricht.<br \/>\nAngela Merkel liebt die gro\u00dfe B\u00fchne der Weltpolitik. Aber es liegt gar nicht in der Hand der Kanzlerin: In der von der Krise heraufbeschworenen G-20-Welt sich jagender Gipfeltreffen wird Au\u00dfenpolitik notgedrungen zur Sache der Pr\u00e4sidenten, Premiers und Kanzler. Au\u00dfenminister kommen in Merkels exklusivem Klub nicht einmal mehr mit aufs Foto.<br \/>\nDie FDP empfindet die Wiedereroberung \u2013 nach elf langen Jahren \u2013 ihres angestammten Ministeriums als R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t. Doch ihre wenigen verbliebenen au\u00dfenpolitischen Schwergewichte \u2013 wie etwa der Abgeordnete Werner Hoyer, der jetzt zum zweiten Mal Staatsminister im Amt wird \u2013 wissen genau, dass erst neu bestimmt werden muss, was das heute hei\u00dft: \u00bbNormalit\u00e4t\u00ab in der Au\u00dfenpolitik. Bald schon wird es einen europ\u00e4ischen Au\u00dfenminister geben, auch wenn er gem\u00e4\u00df dem Lissabonner Vertrag zun\u00e4chst nur Hoher Vertreter hei\u00dfen darf. Er wird einen eigenen ausw\u00e4rtigen Dienst in Br\u00fcssel bekommen. Und dann hat die Bundeskanzlerin auch noch gleich zwei Unionspolitiker in Position gebracht, die die deutsche Au\u00dfendarstellung bei Bedarf mit \u00fcbernehmen k\u00f6nnen: G\u00fcnther Oettinger als EU-Kommissar und Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister.<br \/>\nGuttenberg darf sich in seinem neuen Amt endlich um Dinge k\u00fcmmern, von denen er viel versteht. Er war der am besten vernetzte und sachkundigste junge Au\u00dfenpolitiker der Union, bevor er, unverhofft zum Wirtschaftsminister promoviert, als beinahe Opel-Deal-Verhinderer bekannt wurde.<br \/>\nWo der gl\u00fccklose Franz Josef Jung sich in der Abwehr der Kriegsrhetorik verschliss, wird der Transatlantiker Guttenberg die sicherheitspolitische Debatte an sich ziehen. Dem Ausw\u00e4rtigen Amt obliegt zwar die Aufsicht des Afghanistan-Einsatzes. Aber man darf wetten, dass Guttenberg sich Westerwelle nicht unterordnen wird. Schon preist die Herald Tribune ihn als die entscheidende Adresse amerikanischer Absprachen an. Westerwelle k\u00f6nnte es mit dem Jungstar der Union ergehen wie Kinkel, der ein ums andere Mal von dem ambitionierten Verteidigungsminister Volker R\u00fche an die Wand gespielt wurde.<br \/>\nDass die FDP mit dem fr\u00fcheren Generalsekret\u00e4r Dirk Niebel das Entwicklungshilfeministerium besetzt hat, da sie es nicht schon, wie im Wahlkampf gefordert, abschaffen konnte, feiert Westerwelle als Ende der \u00bbNebenau\u00dfenpolitik\u00ab des BMZ. K\u00fcnftig soll besser koordiniert werden, wie deutsche Hilfsmillionen in Afghanistan unters Volk gebracht werden. Die neue Koalition will darum anstelle des zwischen Merkel und Steinmeier umstrittenen \u00bbBeauftragten f\u00fcr Afpak\u00ab, Bernd M\u00fctzelburg, einen Sonderbotschafter benennen, der Einvernehmen beim Aufbau am Hindukusch herstellt \u2013 zwischen Diplomaten, Entwicklungshelfern und Soldaten. Au\u00dfenminister Westerwelle darf ihn vorschlagen. An der Akzeptanz dieser Personalie bei Merkel und Guttenberg wird man vielleicht zum ersten Mal ablesen k\u00f6nnen, wie viel Kredit der Vizekanzler im Kabinett hat.<br \/>\nWenn man sich dieser Tage bei den Liberalen umh\u00f6rt, was denn ihre Au\u00dfenpolitik nach dem Ende der bipolaren Welt ausmachen soll, mangelt es nicht an Vorschl\u00e4gen: Klaus Kinkel und HansDietrich Genscher mahnen, Obamas Abr\u00fcstungsinitiative zur \u00bbglobalen Null\u00ab zu unterst\u00fctzen. Werner Hoyer wirbt daf\u00fcr, beim Umgang mit \u00bberfolgreichen Autokratien\u00ab wie Russland und China Aufkl\u00e4rung und Menschenrechte selbstbewusster zu vertreten. Parteisprecher Robert von Rimscha sagt, man m\u00fcsse endlich Asien und Lateinamerika ohne die Drittweltbrille neu anschauen. Der EU-Parlamentarier Alexander Graf Lambsdorff h\u00e4lt es f\u00fcr das Gebot der Stunde, die Osteurop\u00e4er endlich genauso zu behandeln wie die Nachbarn im Westen.<br \/>\nDamit scheint er einen Nerv des neuen Au\u00dfenministers zu treffen. Westerwelle will die Fortsetzung der Ostpolitik Scheels und Genschers so verstehen: Die deutsche Polen- und Tschechienpolitik muss aus der Geiselhaft der Vertriebenenpolitik Erika Steinbachs befreit werden. In seiner klugen Rede vor den Berliner Diplomaten hat Westerwelle ungew\u00f6hnlich pathetisch gesagt: \u00bbAufgabe der Generationen vor uns war es, die Auss\u00f6hnung mit unseren Nachbarn und die Integration Deutschlands in den Westen voranzubringen. Die Aufgabe meiner Generation ist es, die Auss\u00f6hnung und \u00dcberwindung der Teilung Europas auch Richtung Osten zu vollenden.\u00ab Ob er es schaffen kann, die Beziehungen zu Polen auf das Niveau des deutsch-franz\u00f6sischen Verh\u00e4ltnisses zu heben? Man k\u00f6nnte damit anfangen, auf dem Flug nach Moskau in Warschau Station zu machen. Hier kann der liberale Au\u00dfenminister etwas bewegen \u2013 wie es ja auch schon in den Koalitionsverhandlungen gelungen ist, die T\u00fcrkeipolitik aus den F\u00e4ngen der CSU zu befreien, die so gerne mit Karacho die T\u00fcr nach Europa zugeschlagen h\u00e4tte. Das wird nun nicht geschehen. Mit den T\u00fcrken wird ergebnisoffen weiterverhandelt, und die Kanzlerin l\u00e4chelt sphynxhaft dazu.<br \/>\nA propos islamische Welt \u2013 da w\u00e4re noch eine Kleinigkeit. Guido Westerwelle ist bekennender Homosexueller. Wohl der erste auf der ganz gro\u00dfen Weltb\u00fchne. Er hat nie ein gro\u00dfes Thema daraus gemacht. Andere, die ihm sein Amt nicht g\u00f6nnen oder nicht zutrauen, fragen besorgt, ob es nicht doch zu Problemen f\u00fchren wird. Die t\u00fcrkische Zeitung Milliyet hat schon mal vorsorglich im Au\u00dfenministerium in Ankara nachgefragt, ob es ein Problem darstelle, wenn Westerwelle seinen Mann Michael Mronz mitbringen wolle: \u00bbWir haben noch nie eine derartige Erfahrung gemacht. Wir haben keine vorgefertigten Pl\u00e4ne. Weltweit gibt es keinen einheitlichen Umgang damit. Wenn Herr Westerwelle mit seinem Lebensgef\u00e4hrten kommt, werden wir eine angemessene Behandlung dieses Umstands finden.\u00ab In anderen Worten: Herr Westerwelle, Herr Mronz, willkommen in Ankara.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein St\u00fcck aus der ZEIT von morgen, Nr. 45, S. 5: Am Werderschen Markt in der Mitte der Hauptstadt haben sie f\u00fcr den Neuen schon seit Wochen gro\u00dfr\u00e4umig Platz geschaffen. 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