{"id":3413,"date":"2010-01-22T10:54:46","date_gmt":"2010-01-22T09:54:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3413"},"modified":"2010-01-22T10:54:46","modified_gmt":"2010-01-22T09:54:46","slug":"nicht-in-kurzen-hosen-fast-100-tage-ausenminister-westerwelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2010\/01\/22\/nicht-in-kurzen-hosen-fast-100-tage-ausenminister-westerwelle_3413","title":{"rendered":"Nicht in kurzen Hosen &#8211; fast 100 Tage Au\u00dfenminister Westerwelle"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein Portr\u00e4t aus der ZEIT dieser Woche, Nr. 4, S. 2:<\/em><\/p>\n<p>Er hat wirklich vom Beten gesprochen. Nicht \u00bbAnteilnahme\u00ab, \u00bbSolidarit\u00e4t\u00ab, oder wie die ohnm\u00e4chtigen Phrasen des Beileids sonst hei\u00dfen. Nein: \u00bbWir beten f\u00fcr die Verletzten in Haiti\u00ab, erkl\u00e4rt Guido Westerwelle in Tokio, auf der ersten Station seiner Asienreise.<\/p>\n<p>Etwas gr\u00fcnlich-bleich schaut er in die Kameras \u2013 kein Wunder nach dem zerm\u00fcrbenden Nachtflug \u00fcber die endlosen Permafrost-Weiten Sibiriens. Vielleicht ist ihm das fromme Wort im Meiji-Schrein eingefallen, dem Shinto-Heiligtum im Herzen des Hauptstadt. Aus Respekt vor den G\u00f6ttern musste er dort ohne Mantel im d\u00fcnnen Diplomatenanzug einen heiligen Tamaguschi-Zweig auf den Altar legen. Am Ende der Zeremonie war er dann so durchgefroren, dass auch der heilige Reiswein, den man hier trinkt, keine W\u00e4rme mehr brachte. Angesichts des Grauens von Port-au-Prince, \u00fcber das Westerwelle von seinen Mitarbeitern st\u00e4ndig informiert wird, steht der Au\u00dfenminister erstmals vor einer Katastrophe \u00bbbiblischen Ausma\u00dfes\u00ab, bei der auch ein ge\u00f6lter Apparat von fast 7000 Mitarbeitern zun\u00e4chst einfach hilflos ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3414\" title=\"P1020769\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2010\/01\/P1020769-300x225.jpg\" alt=\"P1020769\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2010\/01\/P1020769-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2010\/01\/P1020769-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<em> Im Meiji-Schrein, Tokio<\/em> <strong>Foto: JL<\/strong><\/p>\n<p>Nicht einmal hundert Tage ist der Ex-Oppositionsf\u00fchrer nun mit seiner Transformation in den Au\u00dfenpolitiker Westerwelle besch\u00e4ftigt. Und doch zeichnen sich schon erste Linien seiner Amtsf\u00fchrung ab. \u00dcberraschende Lockerungs\u00fcbungen zum T\u00fcrkeibeitritt, die Aufwertung des Nachbarn Polen auch auf Kosten der Vertriebenenfunktion\u00e4rin Steinbach, ein mahnender Blitzbesuch im zerfallenden Staat Jemen, und schlie\u00dflich der Versuch, unverklemmt die Interessen der deutschen Industrie und die Menschenrechte in China zu vertreten \u2013 das ist nicht nichts.<br \/>\nJeder Asientrip ist dieser Tage eine Reise an die Grenze der Macht. Denn wie man mit dem jungen Riesen China umgehen soll, der selbst noch kein rechtes Gef\u00fchl f\u00fcr seine wachsende Kraft hat, wei\u00df in Wahrheit niemand. Schmeicheln hilft derzeit so wenig wie drohen, locken so wenig wie mahnen \u2013 wie zuletzt selbst Obama und Google erfahren mussten, beides gr\u00f6\u00dfere Gewichte im Ring als ein deutscher Au\u00dfenminister (siehe auch Seite 9). Aber es hilft ja nichts, im Umgang mit China muss man sich kenntlich machen, nicht zuletzt f\u00fcrs Publikum daheim. Es ist ein Klischee der Diplomatie, dass Asiaten so viel Wert darauf legen, \u00bbdas Gesicht nicht zu verlieren\u00ab. Ein Peking-Besuch ist heute mehr ein Test der W\u00fcrde des Gastes.<br \/>\nWesterwelle macht es so: Er fliegt demonstrativ \u00fcber Japan dorthin und nimmt sich in Tokio mehr Zeit als n\u00f6tig. Er isst ausf\u00fchrlich mit dem japanischen Amtskollegen zu abend und \u00fcbernachtet in Tokio, obwohl es unpraktisch ist. Er preist die \u00bbWertepartnerschaft\u00ab mit Japan, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es eine solche mit China eben (noch) nicht gibt. Und in Peking, bei seiner Begegnung mit dem chinesischen Au\u00dfenminister Yang Jiechi, der extra eine Afrikareise unterbrochen hat, um den Deutschen kennenzulernen, spricht er dann drei Mal vor der Presse von den \u00bbMeinungsunterschieden\u00ab, die man nicht unter den Teppich kehren wolle. Das ist \u2013 zumal bei einem Antrittsbesuch \u2013 hart an der Grenze zum Unfreundlichen.<br \/>\nChina in Menschenrechtsfragen zu kritisieren und doch offensiv die Interessen der zahlreich mitreisenden deutschen Industrie zu vertreten, sei kein Widerspruch, meint Westerwelle. Er glaube an \u00bbWandel durch Handel\u00ab. Der chinesische Kollege l\u00e4chelt fein dazu. Mag sein, dass auch der nette Herr Yang daran glaubt. Nur wer hier am Ende wen wandelt, das ist f\u00fcr ihn wom\u00f6glich noch nicht ausgemacht.<br \/>\nMit dem Besuch in Peking ist Westerwelles weltweite Vorstellungsrunde abgeschlossen. Er wirkt noch ein wenig \u00fcberrascht davon, dass er das ohne Fehltritt hinbekommen hat. Gerne streicht er heraus, er sei schlie\u00dflich \u00bbnicht in einem Schloss aufgewachsen\u00ab, sondern in einem Bonner Altbau-Reihenhaus. Wenn er eifrig hinterherschiebt, zwischen dem Schlossbesitzer Guttenberg und Guido, dem Reihenhauskind, gebe es keine Konkurrenz in der Regierung, dementiert sich das von selbst. Am Ende des Monats m\u00fcssen Guttenberg und Westerwelle in der wichtigsten au\u00dfenpolitischen Frage dieses Landes eine gemeinsame Linie vertreten \u2013 bei der Londoner Afghanistankonferenz. Nachdem sich Liberale und Christlichsoziale seit Beginn der Regierung lustvoll beharkt haben, w\u00e4re das mal etwas Neues.<br \/>\nWesterwelle verdankt als Au\u00dfenminister ironischer Weise nicht zuletzt der CSU sein frisches Profil. Es war seine Idee, sich bei seinem ersten Besuch in Warschau darauf festzulegen, Erika Steinbach d\u00fcrfe nicht in den Beirat der Vertriebenenstiftung einr\u00fccken, weil sie der Vers\u00f6hnung mit Polen im Wege stehe. Und wenige Wochen sp\u00e4ter preschte er auf eigene Rechnung in Istanbul vor, indem er Deutschlands Interesse an einem Beitritt der T\u00fcrkei zur EU betonte. Verbl\u00fcffte t\u00fcrkische Journalisten hakten nach, ob denn nun Westerwelles Wort oder das der Union von der \u00bbprivilegierten Partnerschaft\u00ab gelte. Dieser konterte mit dem Bonmot, er sei nicht \u00bbals Tourist in kurzen Hosen\u00ab am Bosporus unterwegs: \u00bbDas, was ich sage, z\u00e4hlt.\u00ab<br \/>\nCSU-Generalsekret\u00e4r Dobrindt adelte dann Westerwelles Nein zu Steinbach und sein Ja zur T\u00fcrkei zu einem veritablen Politikwechsel: Der Au\u00dfenminister solle in Istanbul keine \u00bbGeheimdiplomatie\u00ab mit den T\u00fcrken betreiben, wie er es schon in Warschau mit den Polen getan habe, grummelte es aus Wildbad Kreuth. Der Gescholtene emp\u00f6rte sich, doch in Wahrheit kam ihm die Gelegenheit sehr zupass, in der Regierung kenntlich zu werden. Die Kanzlerin lie\u00df ihn gew\u00e4hren. Es kommt ihr gar nicht ungelegen, dass der Vize ihr den Grund liefert, Erika Steinbach aus dem deutsch-polnischen Spiel zu nehmen. Und auch als Gegengewicht zu den Populisten in der CSU, die den T\u00fcrken gerne laut die T\u00fcr zur EU vor der Nase zuschlagen w\u00fcrden, ist Westerwelle f\u00fcr Merkel von Wert. Eine Art stille Arbeitsteilung.<br \/>\nBei der Afghanistan-Konferenz kommende Woche in London sieht es anders aus. Wie Westerwelle bisher agiert hat, zeigt seine Schw\u00e4che: Mag sein, dass ihm als Au\u00dfenminister hier ein innenpolitischer Reflex zum Verh\u00e4ngnis wird. Er ist der Versuchung erlegen, sich ganz die zivile Seite des Einsatzes zueigen zu machen \u2013 und den anderen die unpopul\u00e4re Frage der Truppenst\u00e4rke zuzuschieben. Zum Jahreswechsel lie\u00df Westerwelle sich aus dem Weihnachtsurlaub vernehmen, er werde nicht nach London anreisen, wenn es sich um eine \u00bbreine Truppenstellerkonferenz\u00ab handele. Man brauche vielmehr einen \u00bbbreiten politischen Ansatz\u00ab und eine \u00bbGesamtstrategie\u00ab.<br \/>\nEr tat, als st\u00fcnde er wie ein einsamer Rufer f\u00fcr den zivilen Aufbau gegen eine Phalanx von militaristischen Ledernacken. Will Westerwelle als Vizekanzler selbst noch die Opposition friedensrhetorisch \u00fcberholen? Er redet viel von Abr\u00fcstung und m\u00f6chte gerne ein neuer Genscher werden. Vielleicht ist Westerwelles Genscherismus aber eine selbst gestellte Falle. Was Friedenspolitik in einer Welt der asymmetrischen Bedrohungen hei\u00dft, muss neu definiert werden. Nun aber liegt der Verdacht in der Luft, dass da einer Deutschland auf Kosten der Verb\u00fcndeten als Friedensmacht profilieren will.<br \/>\nDass der deutsche Au\u00dfenminister eine Konferenz boykottieren k\u00f6nnte, die seine Kabinettschefin initiiert hat, war eine absurde Vorstellung, und darum korrigierte sich Westerwelle auch noch vor Silvester. Es war sein bisher einziger gro\u00dfer Fehler. In London sollte doch von Beginn an eben jener \u00bbbreite Ansatz\u00ab verfolgt werden, den Westerwelle lauthals fordert: Korruptionsbek\u00e4mpfung, gute Regierungsf\u00fchrung, Kampf dem Drogenhandel, Polizei- und Milit\u00e4raufbau und die F\u00f6rderung der Landwirtschaft. Angela Merkel ist schlie\u00dflich auf die Idee mit der Konferenz nicht zuletzt verfallen, um sich aus der Debatte um den deutschen Angriff in Kundus und die \u00bbkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde\u00ab dort zu befreien.<br \/>\nOb das gelingen kann, h\u00e4ngt nun vor allem an Westerwelle. Die Kanzlerin wird kommende Woche in einer Regierungserkl\u00e4rung noch einmal vor heimischem Publikum f\u00fcr das deutsche Engagement in Afghanistan werben. Aber in London steht dann Westerwelle f\u00fcr Deutschland \u2013 am Tag 92 seiner Amtszeit, der sein schwerster werden wird.<br \/>\nEs ist eine paradoxe Botschaft, die er dort vertreten muss. Wir m\u00fcssen st\u00e4rker reingehen, damit wir fr\u00fcher rausgehen k\u00f6nnen! Wir m\u00fcssen mehr helfen, damit die Afghanen selbstst\u00e4ndiger werden! Schafft er das &#8211; die Ern\u00fcchterung \u00fcber das in Afghanistan Erreichbare darzustellen und doch zu einer (letzten) gro\u00dfen Anstrengung zu motivieren? Auf seiner Arabienreise zeigte er Geistesgegenwart, als er kurzfristig in den Jemen abzweigte und dort sehr herzhaft den Pr\u00e4sidenten aufforderte, den Kampf gegen den Terror nicht nur mit Bomben, sondern auch durch Entwicklung und Korruptionsbek\u00e4mpfung zu f\u00fchren.<br \/>\nAch ja, noch etwas: Das Thema \u00bberster schwuler Au\u00dfenminister der Welt\u00ab ist durch. In der T\u00fcrkei: Kein Kommentar. Saudi-Arabien: Nobles Schweigen des K\u00f6nigs. Auf der Asienreise war Westerwelles Lebenspartner Michael Mronz dann mit dabei. Die beiden kamen gemeinsam die Gangway herunter. Alle taten so, als sei das die normalste Sache der Welt. Und so war es dann auch, wenigstens f\u00fcr diesen einen Moment.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Portr\u00e4t aus der ZEIT dieser Woche, Nr. 4, S. 2: Er hat wirklich vom Beten gesprochen. Nicht \u00bbAnteilnahme\u00ab, \u00bbSolidarit\u00e4t\u00ab, oder wie die ohnm\u00e4chtigen Phrasen des Beileids sonst hei\u00dfen. Nein: \u00bbWir beten f\u00fcr die Verletzten in Haiti\u00ab, erkl\u00e4rt Guido Westerwelle in Tokio, auf der ersten Station seiner Asienreise. 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