{"id":3469,"date":"2010-02-24T11:53:38","date_gmt":"2010-02-24T10:53:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3469"},"modified":"2010-02-24T11:53:38","modified_gmt":"2010-02-24T10:53:38","slug":"warum-deutschland-keinen-wilders-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2010\/02\/24\/warum-deutschland-keinen-wilders-braucht_3469","title":{"rendered":"Warum Deutschland keinen Wilders braucht"},"content":{"rendered":"<p>In Holland wird die Implosion der politischen Mitte wom\u00f6glich bald zu einer Regierungsbeteiligung des blonden Bannertr\u00e4gers des liberalen Rassismus in Europa f\u00fchren. Deutschland hat und braucht keinen Wilders, wie sich an zwei bemerkenswerten Interviews des Wochenendes zeigen l\u00e4\u00dft: Der kluge konservative CSU-Mann Alois Gl\u00fcck und der SPD-Innensenator von Berlin Erhart K\u00f6rting, haben sich bei zu dem Zusammenleben mit Muslimen hierzulande ge\u00e4u\u00dfert. Und es ist beispielhaft, wie sie dabei Sorgen und Probleme der Integration einer f\u00fcr Deutschland neuen Religion aufnehmen, ohne Ressentiments zu bedienen:<\/p>\n<p><em><strong> WELT ONLINE <\/strong> : Herr Gl\u00fcck, Sie haben einen guten Einblick in die islamische Community in Deutschland. Ist zwischen Katholiken und Muslimen eine Kooperation, wenn nicht gar Allianz in ethisch-moralischen Fragen denkbar?<\/em><\/p>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck <\/strong>: In Teilen des Islam sehe ich eine solche Kooperationsbereitschaft. Aber es gibt noch Erkl\u00e4rungsbedarf: etwa zu Fragen unserer Verfassung, der Trennung von Staat und Religion, der Freiheit des Religionswechsels, ohne Sanktionen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, und zur gleichen W\u00fcrde der Frau.<\/em><\/p>\n<p><em><strong> WELT ONLINE <\/strong>: Gleiche W\u00fcrde, das sagen auch Muslime, was freilich noch nicht Bereitschaft zur vollen Gleichberechtigung bedeutet.<\/em><\/p>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck <\/strong>: Das ist auch ein kultureller Prozess. J\u00fcngste Untersuchungen in Deutschland zeigen die gro\u00dfe Bandbreite der Einstellungen des Islam. Als grobe Orientierung kann man sagen: Je st\u00e4rker Muslime s\u00e4kularisiert sind, umso mehr sch\u00e4tzen sie unsere Verfassungs- und Gesellschaftsordnung. Seien wir ehrlich: Auch wir haben einen kulturellen Prozess durchgemacht. Ich kenne noch die geschlossenen Gesellschaften der 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen die Gleichberechtigung der Frau nicht voll akzeptiert wurde. Das gilt auch f\u00fcr Teile unserer Kirche.<\/em><\/p>\n<p><em><strong> WELT ONLINE <\/strong>: Sehen Sie in den Islam-Verb\u00e4nden Ans\u00e4tze einer Hinwendung zu einem europ\u00e4ischen, vielleicht deutschen Islam?<\/em><\/p>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck <\/strong>: Es gibt niemanden, der f\u00fcr das Ganze sprechen kann, das ist ein unglaublich schwieriges Problem. Wir sehen gro\u00dfe Spannungen etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Wir haben, was unsere Verfassung betrifft, eine gro\u00dfe Zustimmung beispielsweise bei den Aleviten, aber auch anderen Gruppen. Die Verb\u00e4nde sind aber noch stark gepr\u00e4gt vom Islam der Herkunftsl\u00e4nder. Es ist ganz dringlich, dass wir zu Ausbildungen in Deutschland kommen, auch, was die Imame angeht. Es gibt nach meiner Erfahrung viele Muslime, die unsere Kultur bejahen und zugleich ihren Glauben leben. Es ist ein gro\u00dfer Unterschied, ob in eine Ditib-Moschee ein Imam kommt, der einige Jahre hier ist und dann wieder in die T\u00fcrkei zur\u00fcckkehrt, oder ob es Menschen sind, die sich hier entwickelt haben. Das ist eine der gro\u00dfen Zukunftsaufgaben, die wir aber nicht ohne die Muslime l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong> WELT ONLINE <\/strong>: Das hei\u00dft, die Verb\u00e4nde sollen einbezogen werden?<\/em><\/p>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck <\/strong>: Wir k\u00f6nnen sie nicht ausschalten, m\u00fcssen aber wissen, dass sie, wie die Untersuchungen zeigen, eben nicht den ganzen Islam vertreten. Auch wenn wir immer wieder Entt\u00e4uschungen erleben sollten, m\u00fcssen wir mit konstruktiven Kr\u00e4ften kooperieren. Und wir m\u00fcssen die tief verwurzelten \u00c4ngste in unserer Bev\u00f6lkerung ernst nehmen.<\/em><\/p>\n<div><em><strong>WELT ONLINE <\/strong>: Leidet die deutsche Gesellschaft an Islamophobie? Der Berliner Historiker Wolfgang Benz hat Parallelen zum Antisemitismus gezogen.<\/em><\/div>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck <\/strong>: Die Parallele halte ich f\u00fcr falsch. Solche Vergleiche verbieten sich. Es gibt eine Angst, die vielf\u00e4ltige Ursachen hat: die T\u00fcrken vor Wien, der Terrorismus durch fanatische Muslime, Angst vor \u00dcberfremdung. Es gibt viele Anfragen an die Muslime. Es geht nicht nur um den guten Willen unsererseits, es geht auch um die Integrationsbereitschaft der Muslime in eine Gesellschaft, die christlich-abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gt ist. Zu ihr geh\u00f6ren Toleranz und Freiheit der Religionsaus\u00fcbung in all ihren Formen. Insofern ist es auch kein Widerspruch, die kulturellen Pr\u00e4gungen unseres Landes durch das Christentum zu betonen und gleichzeitig offen zu sein f\u00fcr ein ehrliches Zusammenleben mit den Muslimen ?<\/em><\/p>\n<p><em><strong> WELT ONLINE <\/strong>: &#8230; was in islamischen L\u00e4ndern die umgekehrte Wirklichkeit ist ?<\/em><\/p>\n<p><em><strong> Gl\u00fcck: <\/strong> &#8230; aber wir nicht zum Ma\u00dfstab unseres Handelns machen d\u00fcrfen. Wir d\u00fcrfen nicht wegen einer solchen Wirklichkeit in anderen L\u00e4ndern oder des Verhaltens einer Minderheit hierzulande die Werte unseres Grundgesetzes relativieren.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article6471258\/Christlich-und-konservativ-ist-nicht-das-Gleiche.html\">(Alles lesen)<\/a>.<\/p>\n<p>Und K\u00f6rting im <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/Ehrhart-Koerting-Integration-Einwanderer-Migranten;art270,3035700\">Tagesspiege<\/a>l:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wir sind ein hochtechnisiertes Land, in dem Sie nur dann einen guten Lebensstandard erwirtschaften k\u00f6nnen, wenn Sie \u00fcber sehr viel Bildung und Ausbildung verf\u00fcgen. Es mag f\u00fcr den Einzelnen noch funktionieren, wenn er sagt, ich bin es gewohnt, mit wenig auszukommen und lasse mir von Vater Staat helfen. Aber sp\u00e4testens an den Kindern vers\u00fcndigen sich diese Leute. Seinen Kindern das zuzumuten, was man selbst aus Pal\u00e4stina oder anderswo kennt, ist nicht in Ordnung. Sie grenzen damit ihre Kinder von der Gesellschaft ab. Wer nicht bereit ist, das Bestm\u00f6gliche f\u00fcr seine Kinder zu tun, muss damit rechnen, dass sie kriminell werden und abdriften.<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<strong><em>Wie kommt es, dass in der \u00d6ffentlichkeit immer von T\u00fcrken und Arabern die Rede ist, wenn es um Integrationsprobleme in Berlin geht? Machen andere Gruppen keine Schwierigkeiten?<\/em><\/strong><em><\/p>\n<p><\/em>Es gibt eine europ\u00e4ische Kulturidentit\u00e4t, die Integration erleichtert. Diese Identit\u00e4t haben beispielsweise Italiener, Spanier, Polen, in Teilen auch Russen und Ukrainer. H\u00f6chstwahrscheinlich auch Menschen aus Ankara und Istanbul. Bei Leuten aus Mardin, im Osten der T\u00fcrkei, gibt es diese Kulturidentit\u00e4t schon nicht mehr, weil sie dort in einer Welt leben, die sich in vielen Bereichen sehr von unserer unterscheidet. Und deshalb sind bei diesen Menschen mehr Anstrengungen erforderlich, um Integration zu erreichen, als bei anderen.<br \/>\n<strong><br \/>\n<em>Es hei\u00dft aber doch oft, Vietnamesen seien in Deutschland am besten integriert. Die haben mit der europ\u00e4ischen Kultur kaum Ber\u00fchrungspunkte, wenn sie herkommen. <\/em><\/strong><em><\/p>\n<p><\/em>Das hat wiederum nichts mit der Kultur zu tun, ebenso wie bei Chinesen, Armeniern oder anderen kleinen Gruppen. Zuwanderer, die zahlenm\u00e4\u00dfig nicht in gro\u00dfen Communities leben, sind st\u00e4rker gezwungen sich zu integrieren, wenn sie \u00fcberleben wollen.<br \/>\n<strong><br \/>\n<em>Die t\u00fcrkische Regierung erkl\u00e4rt, es leben in 118 L\u00e4ndern rund 5 Millionen Auslandst\u00fcrken, davon \u00fcber zwei Millionen allein in Deutschland. Ist die gro\u00dfe Zahl ein Nachteil f\u00fcr ihre Integration?<\/em><\/strong><em><\/p>\n<p><\/em>Nachteil klingt immer so negativ. Ich w\u00fcrde sagen, je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe ist, desto gr\u00f6\u00dfer m\u00fcssen die Integrationsanstrengungen sein. Die gro\u00dfe Gruppe hat einen Vorteil: Die Menschen f\u00fchlen sich emotional gebunden und sicher. Der Nachteil ist, dass gro\u00dfe Gruppen schnell ein Eigenleben entwickeln, mit eigenen Gesch\u00e4ften, Gastst\u00e4tten, \u00c4rzten etc. Das Ph\u00e4nomen gibt es nicht nur in Bezug auf T\u00fcrken, sondern auch Araber in Neuk\u00f6lln und manche Russen in Marzahn-Hellersdorf. Das Paradebeispiel sind junge Menschen aus der T\u00fcrkei, die in Deutschland in eine t\u00fcrkische Familie einheiraten und hier keinerlei Bed\u00fcrfnis entwickeln, Deutsch zu lernen. Sie k\u00f6nnen so weiterleben wie in der T\u00fcrkei. Diese Situation erschwert die Integration in der Gesamtgesellschaft.<\/p>\n<p><strong><em>Sie haben vor kurzem in einem Interview gesagt, dass wir auch deshalb ein Problem mit Integration haben, weil sich der t\u00fcrkische Staat noch immer politisch verantwortlich f\u00fchlt und einmischt. An anderer Stelle sagten Sie, \u201edas hat keine konkreten Auswirkungen auf die hier lebenden T\u00fcrken\u201c. Was stimmt nun?<\/em><\/strong><em><\/p>\n<p><\/em>Zu sagen, die T\u00fcrkei ist schuld an unseren Integrationsproblemen, w\u00e4re viel zu verk\u00fcrzt. Aber auch der t\u00fcrkische Staat muss akzeptieren, dass die Menschen aus der T\u00fcrkei, die hier leben, Auswanderer sind. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass einige t\u00fcrkische Politiker eine Vormundschaft f\u00fcr t\u00fcrkische B\u00fcrger beanspruchen. Kritisch wird es, wenn einige vermitteln, \u201eihr seid zwar ausgewandert, aber eigentlich geh\u00f6rt ihr noch zur T\u00fcrkei und werdet \u00fcberall schlecht behandelt au\u00dfer bei uns\u201c. Das ist desintegrativ.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Holland wird die Implosion der politischen Mitte wom\u00f6glich bald zu einer Regierungsbeteiligung des blonden Bannertr\u00e4gers des liberalen Rassismus in Europa f\u00fchren. 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