{"id":3979,"date":"2010-07-01T11:48:05","date_gmt":"2010-07-01T09:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=3979"},"modified":"2010-07-01T11:48:05","modified_gmt":"2010-07-01T09:48:05","slug":"85-quadratmeter-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2010\/07\/01\/85-quadratmeter-deutschland_3979","title":{"rendered":"85 Quadratmeter Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mein Bericht \u00fcber den Flaggenstreit in der Berliner Sonnenallee aus der ZEIT von heute, S. 5:<\/strong><\/p>\n<p><em>Berlin-Neuk\u00f6lln<\/em><br \/>\nYoussef Bassals Gesichtsfarbe changiert schon ein wenig ins Graugr\u00fcnliche. Er hat nicht viel geschlafen in den vergangenen Tagen \u2013 seit \u00bbdiese komischen Deutschen\u00ab nachts vor seinem Laden in Berlin-Neuk\u00f6lln aufkreuzen und ihm seine Fahne herunterrei\u00dfen wollen. Er l\u00e4chelt m\u00fcde, aber zufrieden wie einer, der einen gerechten Kampf ausficht. Bassal k\u00e4mpft f\u00fcr die Ehre der deutschen Flagge: \u00bbIch werde diese Fahne verteidigen \u2013 und wenn ich \u00fcberhaupt nicht mehr zum Schlafen komme!\u00ab \u00dcber seinem Laden, Bassals Elektro-Shop, am oberen Ende der Sonnenallee in Berlin-Neuk\u00f6lln flattert das gr\u00f6\u00dfte Schwarz-Rot-Gold der Hauptstadt \u2013 von der Traufe bis hinunter in den ersten Stock gut 17 mal 5 Meter. 85 Quadratmeter Deutschland, die zum Gegenstand eines bizarren Streits geworden sind.<br \/>\nAn der Ecke Sonnenallee\/Pannierstra\u00dfe ist fast nichts so wie erwartet. Bassals Laden liegt neben dem Imbiss Al Hara, diversen Shisha-Lounges und gegen\u00fcber der B\u00e4ckerei Sultan Zwei. Das Ende der Sonnenallee ist auf dem Weg, Berlins \u00bbArabtown\u00ab zu werden, mitten in einem Stadtteil, der wie kein anderer in Deutschland f\u00fcr das Scheitern der Integrationspolitik steht.<br \/>\nDie \u00bbkomischen Deutschen\u00ab aber, die dem geb\u00fcrtigen Libanesen das schwarz-rot-goldene Banner nicht g\u00f6nnen, sind nicht etwa Rechtsradikale, sondern Angeh\u00f6rige der sogenannten \u00bblinksautonomen Szene\u00ab. F\u00fcr diese Szene ist es schwer genug zu ertragen, wenn geborene Deutsche dieser Tage \u00fcberall Fahnen schwenken. Doch der fr\u00f6hliche Patriotismus des arabischen Migranten treibt die Autonomen zur Verzweiflung.<\/p>\n<p>Im Internet kursiert denn auch bereits eine Ausschreibung: \u00bbHiermit setzen wir 100 Punkte Kopfgeld auf die Fahne aus. Ihr m\u00fcsst sie<br \/>\nja nicht mitnehmen, unbrauchbar machen reicht. Aber Achtung: Angeblich will Bassal einen Nachbarschafts-Fahnenschutz organisieren, nachdem sie bereits in den letzten Tagen angez\u00fcndet und abgeschnitten wurde. Deswegen geben wir noch 10 Punkte drauf. 110 Punkte f\u00fcr diese eine Fahne.\u00ab<br \/>\nDamit war die Jagd er\u00f6ffnet. Und so kommt es, dass Youssef Bassal nun schon unter der dritten Fahne in zwei Wochen sitzt, die er jeweils f\u00fcr 500 Euro hat ma\u00dfschneidern lassen. Gleich am ersten Tag, nachdem Bassal und sein Kumpel Khaled Husseini die Flagge am Dach montiert und \u00fcber drei Balkone nach unten hatten flattern lassen, kam eine junge Frau in typischer schwarzer Autonomen-Kluft vorbei und stellte die beiden zur Rede, wie Bassal erz\u00e4hlt: \u00bbWir sollten lieber eine Pal\u00e4stina-Flagge aufh\u00e4ngen, hat sie gesagt. Wieso Pal\u00e4stina? Ich bin Libanese, ich liebe die deutsche Mannschaft, und die Pal\u00e4stinenser spielen, soweit ich wei\u00df, nicht bei der WM mit.\u00ab<br \/>\nBassal grinst verschmitzt \u2013 und unverdrossen. Eines Abends kamen zehn schwarz Vermummte vorbei, rissen die Fahne herunter und konnten mit ihrer Beute fliehen. Die zweite Fahne, die er sofort am n\u00e4chsten Tag hisste, wurde vermutlich wieder von Autonomen angez\u00fcndet und dann an der Dachkante abgeschnitten.<br \/>\nAls die zweite Fahne hing und klar wurde, dass Youssef Bassal nicht leicht zu entmutigen sein w\u00fcrde, sei erneut eine junge Frau in Schwarz in den Laden gekommen, erz\u00e4hlt er. \u00bbDie sagte zu mir: \u203aWarum machst du das? Du weckst die Deutschen wieder auf!\u2039 Und dann hat sie irgendwas \u00fcber den Geist der Nazis erz\u00e4hlt. Was habe ich denn bitte mit den Nazis zu tun?\u00ab<br \/>\nDer dritten Flagge soll es nun nicht ebenso ergehen, und darum sitzt Youssef Bassal mit seinem Kumpel Khaled Husseini seither Nacht f\u00fcr Nacht auf dem Trottoir der Sonnenallee und trinkt einen Tee nach dem anderen. \u00bbWer diese Fahne besch\u00e4digt, beleidigt mich, meine Familie und Deutschland\u00ab, sagt er.<br \/>\nAber 1500 Euro f\u00fcr drei Fahnen in zwei Wochen \u2013 das ist schon ziemlich verr\u00fcckt. Wie Fu\u00dfballfans halt so sind: Bassal liebt den unbeschwerten Stil der deutschen Mannschaft. Zusammen mit t\u00fcrkischen und deutschen Freunden macht er bei jedem Spiel der L\u00f6w-Elf aus dem B\u00fcrgersteig der Sonnenallee eine kleine Fanmeile. Die Fahne sollte urspr\u00fcnglich nur ein \u00fcberschw\u00e4nglicher Ausdruck der Spiel- und Lebensfreude sein, die dieser Tage durch Schweinsteiger, Podolski, Klose und \u00d6zil verbreitet wird. Aber jetzt ist dank der Anfeindungen von links au\u00dfen etwas mehr daraus geworden. Youssef Bassal und seine Kumpel verteidigen mit dem Schwarz-Rot-Gold ihr Bild von Deutschland und ihr Recht, sich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen, auch wenn sie anders hei\u00dfen und aussehen als der \u00fcbliche Fahnentr\u00e4ger hierzulande: \u00bbWas deutsch ist, bestimmen wir schon selbst!\u00ab<br \/>\nBassal ist Anfang der Achtziger mit 16 Jahren als Fl\u00fcchtling nach Deutschland gekommen. Da w\u00fctete im Libanon ein B\u00fcrgerkrieg. Seiner Mutter, seiner Schwester und ihm habe Deutschland zu einem neuen Leben verholfen, sagt er. In seiner Erz\u00e4hlung ist Deutschland ein gro\u00dfz\u00fcgiges, offenes, hilfsbereites Land. Wer ihm zuh\u00f6rt, muss sich besch\u00e4mt f\u00fchlen angesichts mancher h\u00e4sslicher und kleinlicher Debatten hierzulande \u00fcber Quoten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge oder Intelligenztests f\u00fcr Einwander. \u00bbDeutschland hat uns Sicherheit, Wohlstand und Freiheit gegeben. Wir d\u00fcrfen das nicht vergessen. Da ist so eine gro\u00dfe Fahne doch nur ein kleiner Dank.\u00ab<br \/>\nAber eigentlich geht es Bassal nicht um die Vergangenheit, sondern um das Neue am deutschen Team: \u00bbDie Deutschen machen es richtig. Sie geben jedem eine Chance, egal, wo er herkommt. Sie machen keinen Unterschied. Das ist die Zukunft, w\u00e4hrend andere Teams wie Frankreich wieder zur\u00fcckfallen in altes Misstrauen.\u00ab Im Bild eines offenherzigen Landes liegt f\u00fcr den autonomen deutschen Selbsthass eine ungeheure Provokation. Darum soll die Fahne verschwinden, ebenso wie die vielen anderen Wimpel, die linke Gr\u00fcppchen bereits von den D\u00e4chern der Autos in der Sonnenallee gestohlen haben \u2013 die \u00fcbrigens auch meist T\u00fcrken oder Arabern geh\u00f6ren. In einschl\u00e4gigen Webforen br\u00fcsten sich Vermummte mit Spitzenleistungen beim Sammeln der verhassten Symbole: \u00bbWir, das Kommando Kevin-Prince Boateng Berlin-Ost, sind dem bundesweiten Aufruf, Nationalflaggen und -symbole zu sammeln, gefolgt und haben schon 1657 schwarz-rot-goldene Lumpen erbeutet.\u00ab Boateng, das ist der ghanaische Spieler mit Berliner Wurzeln, der den deutschen Kapit\u00e4n Michael Ballack durch ein Foul aus dem Verkehr gezogen hatte. In rechtsradikalen Fan-Kreisen wird er daf\u00fcr gehasst. F\u00fcr die Linksradikalen ist Boateng dagegen ein Held, weil sein Tritt die verhasste deutsche Nationalmannschaft traf: der Migrant als Projektionsfl\u00e4che deutscher Identit\u00e4tsk\u00e4mpfe, eine alte Geschichte.<br \/>\nVielleicht ist der Neuk\u00f6llner Fahnenstreit ein Zeichen daf\u00fcr, dass sich da etwas \u00e4ndert: Bassal und seine Freunde wollen f\u00fcr so etwas nicht mehr herhalten. Sie wollen sich weder durch die Rechten, die \u00bbDeutschland den Deutschen\u00ab gr\u00f6lend durch die Sonnenallee ziehen, noch durch die Linksradikalen, f\u00fcr die ein Migrant offenbar immer Migrant zu bleiben hat, vorschreiben lassen, wie sehr und auf welche Art sie deutsch sein d\u00fcrfen.<br \/>\nAuch Bassals Cousin Badr Mohammed ist h\u00e4ufig bei der Fahne anzutreffen. An diesem Montagnachmittag sitzt er gegen\u00fcber im Sultan Zwei und sieht mit Genugtuung, wie Fernsehkameras die Fassade mit der Fahne filmen und sein Cousin Interviews gibt. Mohammed ist ein Lokalpolitiker, der 17 Jahre f\u00fcr die SPD In\u00adte\u00adgra\u00adtions\u00adpoli\u00adtik machte, bevor er im vergangenen Herbst zur CDU wechselte. Als Mitglied der ersten Islamkonferenz von Wolfgang Sch\u00e4uble habe er gesp\u00fcrt, dass \u00bbin der Union integrationspolitisch mehr m\u00f6glich ist als bei den Sozis\u00ab. Mohammed packt die Wut \u00fcber die \u00bblinken Blockwarte\u00ab, die seinem Cousin das Leben schwer machen: \u00bbWir wollen keine Alibi-Ausl\u00e4nder f\u00fcr irgendjemand sein. Wir wollen nicht ewig Migranten bleiben und einen Migrationshintergrund haben bis ins siebte Glied. Wir sind neue Deutsche. Punkt.\u00ab<br \/>\nDas Spiel gegen Argentinien wird \u00fcbrigens, wenn es nach Bassal, Mohammad und Husseini geht, mit einem 1\u2008:\u20080 f\u00fcr Schweinsteiger, \u00d6zil und Klose enden. Dann werden sie wieder feiern auf der Sonnenallee, neue und alte Deutsche zusammen, unter der gr\u00f6\u00dften Fahne Berlins.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Bericht \u00fcber den Flaggenstreit in der Berliner Sonnenallee aus der ZEIT von heute, S. 5: Berlin-Neuk\u00f6lln Youssef Bassals Gesichtsfarbe changiert schon ein wenig ins Graugr\u00fcnliche. Er hat nicht viel geschlafen in den vergangenen Tagen \u2013 seit \u00bbdiese komischen Deutschen\u00ab nachts vor seinem Laden in Berlin-Neuk\u00f6lln aufkreuzen und ihm seine Fahne herunterrei\u00dfen wollen. 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