{"id":42,"date":"2006-11-08T18:49:38","date_gmt":"2006-11-08T16:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2006\/11\/08\/muslime-uben-selbstkritik-wir-hatten-zwangsheiraten-langst-schon-selber-anprangern-mussen_42"},"modified":"2006-11-08T18:49:38","modified_gmt":"2006-11-08T16:49:38","slug":"muslime-uben-selbstkritik-wir-hatten-zwangsheiraten-langst-schon-selber-anprangern-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2006\/11\/08\/muslime-uben-selbstkritik-wir-hatten-zwangsheiraten-langst-schon-selber-anprangern-mussen_42","title":{"rendered":"Muslimische Selbstkritik: Wir h\u00e4tten Zwangsheiraten l\u00e4ngst schon selber anprangern m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Zaghaft, vorsichtig, aber immerhin beginnt eine Debatte unter deutschen Muslimen \u00fcber die Mi\u00dfst\u00e4nde, die ihnen seit langem von aussen vorgehalten werden.<\/p>\n<p>Einen mutigen Ansatz zur Selbstkritik und zur \u00d6ffnung der innerislamischen Streitkultur macht Mohamed Laabdalloui, der Redakteur des Internet-Auftritts des <em>Zentralrats der Muslime<\/em>, <a href=\"http:\/\/islam.de\/7397.php\">www.islam.de<\/a>. &#8222;Wovor f\u00fcrchten wir uns?&#8220; fragt er, &#8222;um das Kopftuch geht es l\u00e4ngst nicht mehr&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir m\u00fcssen einr\u00e4umen, dass es Zwangsverheiratung, Entm\u00fcndigung, Benachteiligung gibt. Auch wir beobachten die Frauen, die im Abstand von f\u00fcnf Metern ihren M\u00e4nnern folgen, manchmal dabei auch noch die schwere Einkaufst\u00fcte tragend, w\u00e4hrend der Mann au\u00dfer einem Rosenkranz oder einer Zigarette nichts tr\u00e4gt. Auch wir m\u00fcssen zugeben, dass die Zust\u00e4nde im Afghanistan der Taliban voller Entw\u00fcrdigung und Dem\u00fctigung der Frauen war. Es stimmt, dass wir sagen, dass diese Verh\u00e4ltnisse uns Muslime zutiefst schmerzen, dass wir sie ablehnen, gerade weil wir Muslime sind. Und es stimmt, dass wir uns in einem ungleichen Kampf gegen die Macht der Medien und Vorurteile dagegen wehren, dass der Islam, den wir so lieben und verehren, oft gegen besseres Wissen mit diesen Zust\u00e4nden gleichgesetzt wird. Es stimmt, dass die Berichterstattung oft sensationsfixiert \u00fcbertreibt, aus Einzelf\u00e4llen algemeing\u00fcltige Bilder produziert, die Dinge einseitig darstellt und verzerrt. <strong>Aber der Islam ist zu anspruchsvoll, als dass wir alles damit abtun k\u00f6nnten. Wir machen es uns zu einfach, viel zu einfach, wenn wir behaupten, das eigentliche Problem bestehe in den Medien, nicht in unserer Wirklichkeit.&#8220;<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Zum Beispiel die unselige Zeit der Taliban in Afghanistan: Wir Muslime waren nicht diejenigen, die sich die Widerherstellung der Menschenw\u00fcrde der Frau \u2013 und auch des Mannes \u2013 auf die Fahnen geschrieben h\u00e4tten. Hatten wir Angst, unseren Br\u00fcdern am Hindukusch in den R\u00fccken zu fallen, wo sie sich noch wenige Jahre zuvor so vorbildlich gegen den russischen Imperialismus gestellt hatten? Oder hatten wir gar Angst, uns und der Welt einzugestehen, dass ein Volk, dass sich f\u00fcr den Islam entschieden hat, nicht gleich auch eine &#8218;beste Umma&#8216; ist?<\/p>\n<p>Zum Beispiel die Zwangsverheiratung t\u00fcrkischer M\u00e4dchen mit M\u00e4nnern, die sie nicht kennen und nicht wollen. <strong>Wir, ich meine damit die praktizierenden Muslime und seine Apologeten, die Moscheen, Prediger und islamischen Organisationen, wir waren es nicht, die das Problem aufgegriffen h\u00e4tten, zum Beispiel in Freitagspredigten, wo wir es wahrscheinlich effektiver als Andere h\u00e4tten bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen. <\/strong>Wir haben darauf gewartet, dass dar\u00fcber von anderen Romane und Studien verfasst und Reportagen ausgestrahlt wurden. Erst dann riefen wir, der Islam kenne die Zwangsheirat nicht. Zu sp\u00e4t. Pfiffigere Leute waren da l\u00e4ngst sogar mit erlogenen Autobiografien zu Helden im Kampf gegen den &#8218;archaischen Islam&#8216; geworden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich noch das Beispiel des Siebenmeterabstands: Wir haben zu diesem Thema <strong>keine Satiren verfasst, keine Theatersketche aufgef\u00fchrt<\/strong> und keine statistischen Erhebungen gemacht. Wir warten darauf, dass das Thema im Kabarett des deutschen Fernsehens aufgegriffen wird, vielleicht so unsensibel, dass es uns verletzt und wir auch dazu aufgeregt Stellung beziehen und sogar demonstrieren. Diese Beispiele haben zwar nicht alle etwas mit dem Kopftuch zu tun, sind aber das, was andere in die Welt des Kopftuchs projizieren und was wir uns anrechnen lassen m\u00fcssen, weil wir es so gern verdr\u00e4ngen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich finde zwar, man h\u00e4tte den kleinen Tritt gegen die &#8222;pfiffigen Leute&#8220; lassen sollen, die mit ihren Zwangsverheiratungsb\u00fcchern Geld verdienen, aber davon abgesehen sind das bemerkenswerte neue T\u00f6ne. Vor allem l\u00e4sst die Tatsache hoffen, dass Satire hier ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht wird.<em> <\/em><\/p>\n<blockquote \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zaghaft, vorsichtig, aber immerhin beginnt eine Debatte unter deutschen Muslimen \u00fcber die Mi\u00dfst\u00e4nde, die ihnen seit langem von aussen vorgehalten werden. 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