{"id":4221,"date":"2010-10-06T14:35:18","date_gmt":"2010-10-06T12:35:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=4221"},"modified":"2010-10-08T17:38:53","modified_gmt":"2010-10-08T15:38:53","slug":"was-geert-wilders-wirklich-in-berlin-gesagt-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2010\/10\/06\/was-geert-wilders-wirklich-in-berlin-gesagt-hat_4221","title":{"rendered":"Was Geert Wilders wirklich in Berlin gesagt hat"},"content":{"rendered":"<p><em>Es reicht nicht, Wilders als Nazi oder Scharlatan abzutun. <\/em><em>Man muss versuchen, die Radikalit\u00e4t seiner Thesen zu verstehen. Mein Text aus der ZEIT von morgen, Donnerstag, den 7. Oktober, zum Auftritt von Geert Wilders in Berlin:<\/em><br \/>\nDer Erfolg des Rechtspopulismus in Europa hat viele Gr\u00fcnde. Einer davon ist die Kombination von Entr\u00fcstung und Ahnungslosigkeit aufseiten seiner Gegner. Die paar Dutzend, die gegen Geert Wilders Berliner Auftritt am vergangenen Samstag mobilmachten, trugen stilisierte Hitler-Bilder. Antifa-Folklore statt Analyse.<br \/>\nWilders ist aber kein Nazi. Drinnen, im Saal des Hotel Berlin, leuchtete der Wahlspruch der neuen Partei (\u00bbDie Freiheit\u00ab), deren Geburtshelfer er sein m\u00f6chte, auch in hebr\u00e4ischen Buchstaben( \u00bbWir lieben die Freiheit!\u00ab). Bewusst wird die Grenze zur alten Rechten gezogen. Wilders Israelfreundschaft erf\u00fcllt zwei Funktionen. Erstens sagt sie: Ich bin zwar sehr blond, aber keine Bestie. Zweitens hat Israel in seiner antimuslimischen Geschichtstheorie eine wichtige Rolle als Frontstaat des Westens gegen die Welle des Islams, die Europa zu \u00fcberrollen droht.<br \/>\nGeert Wilders Rechtspopulismus ist f\u00fcr Konservative eine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung als f\u00fcr die Linke. Karl-Theodor zu Guttenberg scheint das erkannt zu haben. Doch auch der CSU-Politiker macht es sich leicht, wenn er Wilders abtut als einen \u00bbjener Scharlatane, die dieser Tage herumturnen\u00ab.<br \/>\nMan muss sich die M\u00fche machen, jener Berliner Rede genau zuzuh\u00f6ren, der 700 Zuh\u00f6rer im Hotel Berlin zujubelten. Denn wer dem zugleich abgedrehten und konsequenten Gedankengang von Wilders folgt, der versteht, welcher neue Radikalismus der Mitte sich zusammenbraut.<br \/>\nGleich zu Beginn baut der freundliche Demagoge die Grundlage seines Arguments auf: Deutschland brauche \u00bbeine politische Bewegung, die die deutsche Identit\u00e4t verteidigt und sich der Islamisierung Deutschlands entgegenstellt\u00ab. Angela Merkel hingegen erkl\u00e4re die Islamisierung Deutschlands f\u00fcr unvermeidlich\u00ab. Sie habe, so Wilders, die B\u00fcrger aufgerufen, sich auf \u00bbVer\u00e4nderungen durch Einwanderung einzustellen\u00ab.<br \/>\nDamit ist mit wenigen S\u00e4tzen die Kampfzone skizziert: \u00bbDeutsche Identit\u00e4t\u00ab steht gegen \u00bbIslamisierung\u00ab, und Einwanderung ist gleich \u00bbIslamisierung\u00ab. Die deutsche Regierung nimmt Einwanderung hin, ergo: Merkel ist eine n\u00fctzliche Idiotin der Islamisierung.<br \/>\nDann begr\u00fcndet Wilders, warum der Islam eine politische Ideologie sei, die nur Ahnungslose f\u00fcr eine Religion halten k\u00f6nnten. Er beruft sich auf Islamkritiker ebenso wie auf radikale Islamisten. Zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, wie es die Bundesregierung mit ihrer Islamkonferenz macht, ist danach sinnlos: Der Islam sei der dritte Totalitarismus nach Kommunismus und Nationalsozialismus. Die heutigen F\u00fchrer des Westens seien unf\u00e4hig, die Gefahr zu erkennen. Das Establishment \u2013 Politik, Medien, Kirchen, Universit\u00e4ten \u2013 setze die Freiheit aufs Spiel, indem es den Islam anderen Re\u00adligionen gleichstelle. Das ist \u00bbAppeasement\u00ab des Islams, und also ist auch das gesamte Establishment ein Instrument der \u00bbIslamisierung\u00ab. Widerstand dagegen wird zur Pflicht.<br \/>\nDer Islam ist beileibe nicht nur durch Terrorismus gef\u00e4hrlich (obwohl dieser nach Wilders keine Pervertierung, sondern sein Wesen ist). Seine Ausbreitung, sagt er, geschehe historisch entweder durch milit\u00e4rische Eroberung \u2013 oder \u00bbdurch die Waffe der Hidschra, der Einwanderung (\u2026). Mohammed eroberte Medina durch Einwanderung. Hidschra ist auch das, dem wir uns heute gegen\u00fcbersehen. Die Islamisierung Europas schreitet kontinuierlich voran.\u00ab Man muss sich die Radikalit\u00e4t dieses Gedankens und seiner logischen Konse\u00adquenzen klarmachen: Muslimische Einwanderer sind Eroberer, Migration ist eine Waffe im Kampf des Islams um Herrschaft.<br \/>\nWenn man diese Weltsicht teilt, m\u00fcssen viele Ma\u00dfnahmen legitim erscheinen, gegen die sich mancher vielleicht noch str\u00e4ubt. Wilders m\u00f6chte die Deutschen von ihren Schuldkomplexen befreien, damit sie ungehemmt \u00bbdem Kampf f\u00fcr ihre eigene Identit\u00e4t\u00ab nachgehen k\u00f6nnen. Er zeichnet eine apokalyptische Situation, die jedes Mittel gerechtfertigt erscheinen l\u00e4sst. Ein Verbot des Korans, wie von Wilders gefordert, kann dann eigentlich nur ein Anfang sein. Moscheen und Kopft\u00fccher in unseren St\u00e4dten zu akzeptieren ist Def\u00e4tismus, eine Vers\u00fcndigung an der Freiheit. Wer Wilders Gedanken nachvollzieht, kann konsequenterweise Muslime nicht einmal dulden wollen.<br \/>\nEin Scharlatan? Wilders sieht sich als Prophet des Endkampfs \u00bbf\u00fcr unsere Identit\u00e4t\u00ab. Er ist gro\u00df im Angstmachen, aber auch als Erl\u00f6ser \u2013 von Schuldgef\u00fchlen und b\u00fcrgerlichen Bedenken. Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Gesch\u00e4ft. Es l\u00e4uft recht gut. Auch mitten in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es reicht nicht, Wilders als Nazi oder Scharlatan abzutun. Man muss versuchen, die Radikalit\u00e4t seiner Thesen zu verstehen. Mein Text aus der ZEIT von morgen, Donnerstag, den 7. Oktober, zum Auftritt von Geert Wilders in Berlin: Der Erfolg des Rechtspopulismus in Europa hat viele Gr\u00fcnde. 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