{"id":4494,"date":"2011-01-26T17:57:16","date_gmt":"2011-01-26T16:57:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=4494"},"modified":"2011-01-26T17:58:11","modified_gmt":"2011-01-26T16:58:11","slug":"in-einem-jahr-bin-ich-weg-eine-rundreise-durch-den-europaischen-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/01\/26\/in-einem-jahr-bin-ich-weg-eine-rundreise-durch-den-europaischen-antisemitismus_4494","title":{"rendered":"&#8222;In einem Jahr bin ich weg&#8220; &#8211; eine Rundreise durch den europ\u00e4ischen Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Meine Reportage erscheint morgen auf Seite 3 der ZEIT (aus Anlass des Gedenktages zur Befreiung des KZ Auschwitz<\/em>):<\/p>\n<p>Amsterdam\/Malm\u00f6\/Budapest<br \/>\nVor einiger Zeit hat Raphael Evers aufgeh\u00f6rt, die Tram in seiner Heimatstadt Amsterdam zu benutzen. Auch auf den Markt geht er nicht mehr. Er ist ein sichtbarer Jude \u2013 ein Rabbiner mit Rauschebart, breitkrempigem Hut und einem schwarzen Anzug mit Fracksch\u00f6\u00dfen, der mittags in Sal Meijers Kosher Sandwichshop ein Broodje Meijer mit gep\u00f6keltem Rindfleisch und Senf isst und sich dabei die Sorgen \u00e4lterer Gemeindemitglieder anh\u00f6rt. Das Lokal im Amsterdamer S\u00fcden ist ein sicherer Ort. Die Stra\u00dfen sind es nicht mehr. \u00bbIch werde beschimpft, manchmal sogar angespuckt. F\u00fcr Juden wie mich gibt es No-\u00adgo-\u00adAreas\u00ad in dieser Stadt. Das ist mir in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen.\u00ab<br \/>\nDas \u00bbj\u00fcdisch-christliche Erbe\u00ab wird in Europa derzeit gern beschworen, um sich vom Islam abzugrenzen. Doch der Vereinnahmung der Juden zur Verteidigung des Abendlands widerspricht das prek\u00e4re Lebensgef\u00fchl vieler, die ihr Judentum offen leben. Zwar gibt es durch die Einwanderung aus dem Osten eine neue Bl\u00fcte; erstmals nach dem Holocaust. Doch wer wissen will, wie es heute um das j\u00fcdische Leben in Europa steht, der st\u00f6\u00dft auf Beklommenheit, Verunsicherung und Angst \u2013 das zeigt sich auf einer Reise nach Amsterdam, Malm\u00f6 und Budapest.<br \/>\n\u00bbBewusste Juden\u00ab, so wurde am 5. Dezember der liberale Politiker Frits Bolkestein in der Zeitung De Pers zitiert, \u00bbm\u00fcssen sich dar\u00fcber klar werden, dass sie in den Niederlanden keine Zukunft haben.\u00ab Sie sollten mit ihren Kindern lieber nach Israel oder in die USA emigrieren. Der 77-j\u00e4hrige Bolkestein war Vorsitzender der regierenden liberalen Partei VVD und sp\u00e4ter EU-Kommissar. Bolkestein habe, so Evers, seine Landsleute warnen wollen. Aber die Gr\u00fcnen, die sonst gerne \u00fcber Rassismus reden, kritisierten den \u00dcberbringer der schlechten Nachricht. Ihre Spitzenkandidatin Femke Halsema erkl\u00e4rte, Bolkestein m\u00fcsse wohl den Verstand verloren haben. F\u00fcr Rabbiner Evers sind solche Reaktionen Teil des Problems.<br \/>\nEr ist als Direktor des Rabbinerseminars das Gesicht des Judentums im Lande. Er ist ein lebensfroher Typ. Er will kein Opfer sein, und er muss seiner Gemeinde Zuversicht vermitteln. Leicht ist das nicht. Das Klima sei \u00bbnicht gut\u00ab f\u00fcr \u00bboffen lebende Juden\u00ab, sagt er: \u00bbAber wir d\u00fcrfen nicht fliehen. Damit w\u00fcrden wir ja den Antisemiten recht geben! Sprechen Sie mit meinem Sohn, der kann Ihnen mehr erz\u00e4hlen.\u00ab<br \/>\nBenzion Evers ist wie sein Vater in der Gemeinde t\u00e4tig. Aber nicht mehr lange: \u00bbIn einem Jahr bin ich weg. Ich beende noch mein Studium, dann gehe ich mit meiner Frau nach Israel. Mein Vater sagt das zwar nicht \u00f6ffentlich, aber ich glaube, nach seiner Pensionierung geht er auch weg.\u00ab Der 22-j\u00e4hrige Benzion hat sich schon in der Pubert\u00e4t darauf eingerichtet, dass man in der Stadt besser keine Kippa, sondern eine Baseballkappe tr\u00e4gt. Er hat gelernt, den arabischst\u00e4mmigen Sch\u00fclern, die ihn und seine j\u00fcdischen Freunde als \u00bbKanker Joden\u00ab (Krebsjuden) mobben, aus dem Weg zu gehen. Und er hat sich damit abgefunden, dass er sich permanent f\u00fcr Israels Politik rechtfertigen muss: \u00bbMan kann so leben. Aber es nimmt einem die Luft zum Atmen, wenn man seine Religion und seine Identit\u00e4t verstecken muss. Unseren Kindern wollen wir das nicht zumuten.\u00ab Benzion betont, er fliehe nicht nach Israel. F\u00fcnf seiner neun Geschwister sind schon in Israel. \u00bbVielleicht macht der Antisemitismus nur den kleineren Teil meiner Entscheidung aus\u00ab, sagt Benzion. \u00bbAber als Holl\u00e4nder finde ich, in unserem Land sollte so etwas \u00fcberhaupt keine Rolle spielen.\u00ab<br \/>\nSeine Gro\u00dfmutter, Bloeme Evers-Emden, geboren 1926, ist eine Auschwitz-\u00dcberlebende. Sie war auf dem gleichen Transport wie Anne Frank. Sie kam zur\u00fcck und lebte als Zeitzeugin in Amsterdam. Heute unterst\u00fctzt sie seine Entscheidung. Eine Million Besucher kamen letztes Jahr ins Anne Frank Haus und lie\u00dfen sich vom Schicksal dieser Ikone des Leides unter den Nazis bewegen. Wozu dient die Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, wenn zugleich die Familien von \u00dcberlebenden aus dem Land gegrault werden?<br \/>\nWer Frits Bolkestein in seinem B\u00fcro mit Amstel-Blick aufsucht, findet einen wei\u00dfhaarigen Herrn vor, der einen sehr klaren, wenn auch bedr\u00fcckten Eindruck macht. \u00bbWenn Orthodoxe hier in Amsterdam eine Bar-Mizwa feiern, brauchen sie Wachleute. Die j\u00fcdischen Gemeinden m\u00fcssen bei uns f\u00fcr ihre Sicherheit selbst bezahlen, die Regierung und die Stadtverwaltung schauen weg. Und die Politik hat Angst, das Problem anzugehen.\u00ab<br \/>\nDer muslimische Antisemitismus ist ein unangenehmes Thema in den Einwanderungsgesellschaften Europas, deren politisches System von Rechtspopulisten bedroht wird. Geert Wilders hat gleich versucht, aus Bolkesteins \u00c4u\u00dferungen Profit zu schlagen: Nicht die Juden, sondern die Marokkaner m\u00fcssten gehen. Die Parteien der Mitte scheuen sich, das Thema aufzugreifen, weil es Wilders nutzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Seit Jahren findet eine schleichende Verrohung des \u00f6ffentlichen Raums statt: Weil Ajax Amsterdam als \u00bbj\u00fcdischer Club\u00ab gilt (im Vorstand und auch im Team gab es gelegentlich Juden), rufen die Fans des Konkurrenten Feyenoord Rotterdam von den Stadionr\u00e4ngen \u00bbHamas, Hamas, Juden ins Gas!\u00ab. Erst seit sich ein paar Holocaust-\u00dcberleben\u00adde dar\u00fcber in Briefen an die Vereine beschwert haben, beginnt die Liga einzuschreiten.<br \/>\nSeit dem Gazakrieg nimmt der Antisemitismus zu. 2009 \u2013 im letzten erfassten Zeitraum \u2013 wurde eine Steigerung der judenfeindlichen Straftaten um 48 Prozent registriert. Im Januar 2009, w\u00e4hrend des israelischen Krieges gegen die Hamas in Gaza, wurden 98 Taten gez\u00e4hlt, neun gewaltt\u00e4tig. Anfang Januar 2011 wurden mitten in Amsterdam Werbeplakate f\u00fcr ein Anne-Frank-Theaterst\u00fcck mit dem Wort \u00bbPaleSStina\u00ab \u00fcberschmiert.<br \/>\nTrotz der Vergangenheit kommen immer mehr junge Israelis nach Europa \u2013 ausgerechnet Berlin ist in den letzten Jahren zum Lieblingsreiseziel aufgestiegen. Gleichzeitig entdecken junge Europ\u00e4er ihr Judentum wieder. Aber viele Juden, besonders orthodoxe, leben wie Rabbiner Evers \u2013 vorsichtig, innerhalb selbst gezogener Grenzen. Es gibt einen antisemitischen Alltag, einen offenbar akzeptierten Normalpegel des Hasses \u2013 auch in Deutschland: Jahr f\u00fcr Jahr werden im Schnitt 50 j\u00fcdische Friedh\u00f6fe gesch\u00e4ndet, statistisch also jede Woche einer. Es sind meist Juden, die sich um den Antisemitismus k\u00fcmmern m\u00fcssen. Auch darum hat sich eine Bedr\u00fccktheit \u00fcber das j\u00fcdische Leben gelegt.<br \/>\nDie Frage, wie tolerant Europa ist \u2013 wie der Alte Kontinent mit religi\u00f6ser Vielfalt umgeht \u2013, ist zuletzt anhand von Kopft\u00fcchern, Minaretten und Burkas diskutiert worden. Die Offenheit f\u00fcr Muslime ist zu Recht zum Ma\u00dfstab geworden f\u00fcr das multireligi\u00f6se Europa. Dar\u00fcber droht aus dem Blick zu geraten, wie sich alte Vorurteile, eine neue Demografie und der ewige Nahostkonflikt zu einer giftigen Mischung verquirlen, die Juden das Leben schwer macht. Das multireligi\u00f6se Europa muss zeigen, dass die Lehren aus dem Holocaust f\u00fcr alle gelten, auch f\u00fcr die Einwanderer und ihre Kinder.<br \/>\nEine treibende Kraft der letzten Welle antisemitischer Taten sind muslimische Jugendliche, die selber unter der Engherzigkeit der europ\u00e4ischen Gesellschaften leiden, wenn sie Symbole ihres Glaubens tragen. Zwar w\u00e4re es falsch, nur auf sie zu schauen: Ungarn hat nahezu keine Muslime und doch ein wachsendes Problem mit Judenhass. Hier hat n\u00e4mlich \u2013 wie in Teilen Ostdeutschlands \u2013 der Rechtsradikalismus Wurzeln geschlagen und sich unter Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n als normaler Teil des politischen Lebens etabliert. Das neue Ph\u00e4nomen des muslimischen Antisemitismus jedoch ist ein besonders heikles Thema f\u00fcr die Einwanderungsgesellschaften West- und Nordeuropas. Die Hassbekundungen einer kleinen Teilgruppe meist junger, m\u00e4nnlicher Migranten muslimischer Herkunft gegen\u00fcber Juden gef\u00e4hrden den Religionsfrieden in einem zunehmend multireligi\u00f6sen Europa.<\/p>\n<p>Auch in Malm\u00f6 st\u00f6\u00dft man auf das Wort Gaza, wenn man nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Ereignisse der vergangenen Jahre sucht. Aber was hat Fred Kahn, der Vorsitzende der kleinen Gemeinde von S\u00fcdschweden mit ihren 800 Juden, mit dem St\u00fcck Land zu tun, in dem die Hamas regiert? Der freundliche Herr mit Glatze und Schnurrbart, ein pensionierter Professor f\u00fcr Biochemie und Mikrobiologie, ist Schwede durch und durch. Fr\u00fcher, sagt Kahn, war Judenhass ein Ph\u00e4nomen der s\u00fcdschwedischen Neonazi-Szene. Heute machten vor allem Jugendliche aus dem islamisch gepr\u00e4gten Einwanderermilieu Probleme. Fast ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung Malm\u00f6s ist muslimisch. Fred Kahn betont mehrfach, dass \u00bb99 Prozent der Muslime absolut friedlich\u00ab seien. Es gebe exzellente Verbindungen zu islamischen Gemeinden. Der Zentralrat der Juden, betont er, habe sich seit Jahren gegen die in Schweden grassierende Islamophobie gewandt. \u00bbWir wissen\u00ab, sagt Kahn, \u00bbdass es \u00fcberall, wo gegen religi\u00f6se Minderheiten gehetzt wird, am Ende auch gegen die Juden geht. Wir sind gegen Kopftuch- und Minarettverbote und verteidigen jedermanns Religionsfreiheit.\u00ab<br \/>\nDie Frage ist allerdings, wer f\u00fcr die Freiheit der Juden einsteht, unbehelligt Zeichen ihrer Religion zu tragen wie die Kippa oder den Davidstern. Der Rabbiner der Gemeinde, ein Orthodoxer, wurde auf der Stra\u00dfe mehrfach schon als \u00bbSchei\u00dfjude\u00ab beschimpft, den man \u00bbleider vergessen habe zu vergasen\u00ab. Seit dem Gazakrieg, sagt Kahn, sei das Klima so feindselig geworden, dass die meisten die Kippa lieber zu Hause lassen. Es gab Brandanschl\u00e4ge auf eine Kapelle, Verw\u00fcstungen j\u00fcdischer Friedh\u00f6fe und P\u00f6beleien gegen die Teilnehmer eines j\u00fcdischen Kinder-Ferienlagers. Etwa 30 j\u00fcdische Familien, sch\u00e4tzt der Vorsitzende, h\u00e4tten die Stadt bereits verlassen, seit die Angriffe zunehmen. Manche gingen nach Stockholm, wo es mehr j\u00fcdische Infrastruktur gebe, in der man sich sicher f\u00fchlen k\u00f6nne, manche auch nach England oder Israel.<br \/>\nDer sozialdemokratische B\u00fcrgermeister der Stadt, Ilmar Reepalu, hat lange geschwiegen. Nachdem Berichte lokaler Medien den Antisemitismus skandalisierten, gab er ein Interview, das in Fred Kahns Augen alles noch schlimmer machte. Reepalu forderte von Malm\u00f6s Juden, \u00bbsich klar von den Menschenrechtsverletzungen des Staates Israel gegen die Zivilisten in Gaza zu distanzieren\u00ab. Diese \u00c4u\u00dferung kommt einer symbolischen Ausb\u00fcrgerung gleich. Eine Ungeheuerlichkeit: M\u00fcssen sich schwedische Juden von Israel distanzieren, um sich das Recht auf Unversehrtheit als B\u00fcrger zu verdienen? Der B\u00fcrgermeister aber setzte in einem sp\u00e4teren Interview noch nach: \u00bbWir akzeptieren weder Zionismus noch Antisemitismus noch andere Formen ethnischer Diskriminierung.\u00ab Das ist eine subtile Version der Behauptung, der Zionismus sei eine Form des Rassismus wie der Antisemitismus. Ein linker B\u00fcrgermeister, der sich nicht vor seine j\u00fcdischen B\u00fcrger stellt und stattdessen den als \u00bbAntizionismus\u00ab posierenden Affekt gegen Juden auch noch f\u00fcttert? \u00bbWenn Juden aus der Stadt nach Israel auswandern wollen, hat das f\u00fcr Malm\u00f6 keine Bedeutung\u00ab, sagte er. Reepalu ist weiter im Amt und wird von seiner Partei gest\u00fctzt.<br \/>\nIn Budapest kommen die Angriffe gegen Juden aus einer anderen politischen Richtung. Ungarn hat mit \u00fcber 100\u2008000 Mitgliedern die gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Gemeinde Osteuropas. Nach dem Kollaps des Kommunismus gab es ein wahres Revival j\u00fcdischen Lebens. Die gr\u00f6\u00dfte und sch\u00f6nste Synagoge des Kontinents steht an der Dohany-Stra\u00dfe im Zentrum der Hauptstadt, und P\u00e9ter Feldm\u00e1jer, Vorsitzender des ungarischen Zentralrats, residiert in einem holzget\u00e4felten B\u00fcro an ihrer R\u00fcckseite. Seine Augen leuchten, wenn er von den Tausenden nichtj\u00fcdischen G\u00e4sten spricht, die jedes Jahr zum j\u00fcdischen Sommerfest kommen. Seine Synagoge ist eine der Hauptattraktionen f\u00fcr Touristen, seit sie aufwendig saniert wurde.<br \/>\nLeider hatten auch die Rechtsradikalen ein grandioses Revival in den letzten Jahren. \u00bbUnter dem Kommunismus\u00ab, so Feldm\u00e1jer, \u00bbwar das alles verboten. Da konnte man es nicht sehen, aber es war immer da. Heute ist es wieder v\u00f6llig normal, jemanden in der \u00d6ffentlichkeit als \u203averdammten Juden\u2039 zu beschimpfen \u2013 als h\u00e4tte der Holocaust nie stattgefunden. Was \u00fcbrigens viele aus dieser Szene behaupten.\u00ab<\/p>\n<p>Kristof Domina, ein junger Politikwissenschaftler, hat soeben das Athena Institute gegr\u00fcndet, einen Thinktank, der sich mit der rechtsradikalen Szene Ungarns besch\u00e4ftigt. Er hat eine interaktive Karte der hate groups ver\u00f6ffentlicht, darunter 13 aktive Neonazi-Gruppen. Die Internetplattform kuruc.info, die regelm\u00e4\u00dfig den Holocaust leugnet und zur Gewalt gegen Roma und Juden auffordert, hat nach Dominas Erkenntnissen t\u00e4glich bis zu 100\u2008000 Besucher \u2013 eine erschreckende Zahl in einem Land von 10 Millionen Einwohnern. Kristof ist einer der wenigen nichtj\u00fcdischen Kritiker des Antisemitismus im Land. Er hofft, dass Ungarns EU-Ratspr\u00e4sidentschaft die Aufmerksamkeit f\u00fcr diese Entwicklungen erh\u00f6ht. P\u00e9ter Feldm\u00e1jer w\u00fcnscht sich eine klare Verurteilung des allt\u00e4glichen Antisemitismus durch die Regierung. Aber er glaubt wohl selbst nicht daran. Orb\u00e1ns konservative Regierungspartei Fidesz z\u00f6gert, die offen antisemitische Partei Jobbik seit deren Zw\u00f6lf-Prozent-Wahlerfolg im vergangenen Jahr in die Schranken zu weisen.<br \/>\nF\u00fcr junge Juden wie die Studenten Tam\u00e1s B\u00fcchler und Anita Bartha, beide Anfang 20, ist es eine Last, sich mit \u00fcberwunden geglaubten Stereotypen zu besch\u00e4ftigen. Sie engagieren sich in j\u00fcdischen Gruppen \u2013 Tam\u00e1s als Koordinator f\u00fcr die Jewish Agency, Anita f\u00fcr eine lokale Jugendgruppe namens Jachad. Sie suchen eine positive Identit\u00e4t, sie wollen weg von deprimierenden Themen wie Holocaust und Antisemitismus. Die offizielle Vertretung der Juden, finden sie, reite zu viel darauf herum. Sie geh\u00f6ren zu der Ge\u00adne\u00adra\u00adtion, die nach dem Kommunismus in Freiheit das Judentum wiederentdecken konnten, das ihre Eltern oft verheimlichen mussten. Die beiden tun die ungarischen Nazis als h\u00e4ssliche Folklore ab. Sie weigern sich, ihr Judentum von au\u00dfen festlegen zu lassen und ihr Leben in Angst zu verbringen.<br \/>\nVielleicht sind die Nazis mit ihren Pfeilkreuzen und \u00c1rp\u00e1d-Bannern gar nicht das gr\u00f6\u00dfte Problem. Anita berichtet von einer Untersuchung, nach der 40 Prozent der Geschichtsstudenten an ihrer Uni antisemitische Klischees vertreten. Tam\u00e1s geht mit einem Aufkl\u00e4rungsprojekt in Schulklassen und muss immer wieder erleben, dass die Kinder dar\u00fcber erstaunt sind, dass er keine gro\u00dfe Nase hat. Er lacht, aber es klingt ein bisschen bitter. Wenn man die beiden fragt, wo sie ihre Zukunft sehen, lautet die trotzig-stolze Antwort: \u00bbWir m\u00fcssen nicht hier bleiben, anders als unsere Eltern unter dem Kommunismus.\u00ab<br \/>\nAber zu gehen k\u00e4me ihnen vor wie Verrat oder Niederlage. Entschieden haben sie noch nichts. Aber es ist beruhigend, die Option zum Gehen oder Bleiben zu haben: \u00bbIch liebe diese Stadt wie verr\u00fcckt\u00ab, sagt Anita. \u00bbEs ist die beste Stadt der Welt.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Reportage erscheint morgen auf Seite 3 der ZEIT (aus Anlass des Gedenktages zur Befreiung des KZ Auschwitz): Amsterdam\/Malm\u00f6\/Budapest Vor einiger Zeit hat Raphael Evers aufgeh\u00f6rt, die Tram in seiner Heimatstadt Amsterdam zu benutzen. Auch auf den Markt geht er nicht mehr. 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