{"id":4533,"date":"2011-02-02T09:07:44","date_gmt":"2011-02-02T08:07:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=4533"},"modified":"2011-02-02T09:07:44","modified_gmt":"2011-02-02T08:07:44","slug":"angela-merkel-und-israels-angstlicher-blick-nach-agypten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/02\/02\/angela-merkel-und-israels-angstlicher-blick-nach-agypten_4533","title":{"rendered":"Angela Merkel und Israels \u00e4ngstlicher Blick nach \u00c4gypten"},"content":{"rendered":"<p><em>Jerusalem\/Tel Aviv <\/em>Israel beobachtet die Ereignisse in \u00c4gypten mit wachsender Panik. Angela Merkel hat das zwar vor ihrem Besuch am Beginn dieser Woche geahnt. Sie ist gekommen, um Israel ihrer Freundschaft zu versichern &#8211; und zugleich der Neigung entgegenzusteuern, sich angesichts des historischen Umbruchs in der Region ver\u00e4ngstigt einzuigeln. Doch wie tief die Verst\u00f6rung der Israelis geht, merkt sie am Ende ihrer Reise, als ein israelischer Fernsehjournalist sie fragt, wann denn der Westen auch Israel werde fallen lassen &#8211; nachdem er nun bereits seinen wichtigsten Verb\u00fcndeten Mubarak abgeschrieben hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den westlichen Medien die meisten Analogien zu 1989 gezogen werden, \u00a0f\u00fcrchtet man in Israel ein zweites &#8217;79. Damals wurde der Schah gest\u00fcrzt und im Rahmen eines breiten Volksaufstandes ins Ausland gezwungen. Und dann kaperten bekanntlich die Islamisten die Revolution, nachdem sie zun\u00e4chst eine breite Koalition von Kr\u00e4ften geduldet hatten. Der Schah war ein Verb\u00fcndeter und Klient des Westens gewesen (und ein Freund Israels). Das \u00c4gypten Sadats und Mubaraks trat nahtlos an seine Stelle und wurde noch viel wichtiger als der Iran: als Garant der S\u00fcdgrenze Israels, als kalter Friedenspartner Israels, der de facto die M\u00f6glichkeit eines weiteren arabisch-israelischen Kriegs verhinderte. Seit dem Friedensschluss zwischen Sadat und Begin gab es nur noch asymmetrische Konflikte, in denen Israel \u00fcberlegen war: Intifada und Terror. \u00c4gypten half bei der Eind\u00e4mmung der Hamas in Gaza. Und jetzt? Steht das alles zur Disposition, wenn ein Regime etabliert wird, das mehr R\u00fccksicht auf die israelkritische Meinung der Bev\u00f6lkerung nehmen wird?<\/p>\n<p>So sehen es viele in Israel. Die Tatsache, dass die Massen in \u00c4gypten bisher noch nicht viel Energie auf den Nahostkonflikt verschwendet haben, beruhigt hier einstweilen wenige. Man lebt in dem Gef\u00fchl, dass es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter gegen den j\u00fcdischen Staat gehen wird. Die T\u00fcrkei ist schon verloren, \u00c4gypten wom\u00f6glich auch, Libanon in den H\u00e4nden der Hisbollah, und in Jordanien hat der K\u00f6nig soeben unter den Eindruck der Ereignisse in Tunesien und \u00c4gypten die Regierung gefeuert.<\/p>\n<p>Benjamin Netanjahu ist nicht ber\u00fchmt daf\u00fcr, in Pressekonferenzen Sentimentalit\u00e4ten auszubreiten. Aber an diesem Montag ist die Rede von einem Freund in Not, den die ganze Welt offenbar aufgegeben hat: \u00c4gyptens Pr\u00e4sident Mubarak. Das Land, das Krieg gegen uns gef\u00fchrt hat, hat vor 32 Jahren Frieden mit uns geschlossen, sagt der Premierminister. Ein israelischer  Journalist fragt im Pressezelt vor dem Amt des israelischen Regierungschefs: \u201eWarum hat der Westen Mubarak fallen lassen?\u201c Angela Merkel bestreitet dies, lobt gar Mubaraks \u201ekonstruktive Rolle\u201c im Nahostkonflikt und wirbt dann um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Unzufriedenen auf den \u00e4gyptischen Stra\u00dfen und ihre \u201elegitimen Beschwernisse\u201c: \u201eDas wird man nicht l\u00e4nger unterdr\u00fccken k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Sie redet ein wenig wie eine Therapeutin, die Israel helfen m\u00f6chte, sich an die neue Realit\u00e4t im Nahen Osten heranzutasten. Eben der Wandel aber ist es, der Israel unterschwellig in Panik versetzt. Man kann die Frage so zuspitzen: Kann Demokratie in der islamischen Welt gut f\u00fcr Israel sein? M\u00fcssen F\u00fchrer, die mehr auf Stimmungen der Bev\u00f6lkerungen R\u00fccksicht nehmen, sich nicht gegen Israel positionieren? Der Syrer Assad wird am Dienstag in Haaretz bereits mit den Worten zitiert, sein Regime sei \u201estark wegen meiner Anti-Israel-Position.\u201c<\/p>\n<p>Die deutschen Minister, die an diesem Montag mit ihrer Entourage das Hotel Kind David in Jerusalem belegt haben, waren eigentlich gekommen, um ein St\u00fcck deutsch-isarelische Normalit\u00e4t zu \u00fcben:   Regierungskonsultationen. Merkel, Westerwelle, Br\u00fcderle, Niebel, Schavan, de Maiziere, Schr\u00f6der, R\u00f6ttgen und Ramsauer sind hier hergereist um einmal nicht \u00fcber den ewige Nahostkonflikt und das Gedenken an den Holocaust zu sprechen &#8211; Forschungszusammenarbeit, Jugendaustausch, gemeinsame Entwicklungsprojekte in Afrika.  Und welches sch\u00f6nere Zeichen der Normalisierung gibt es als eine \u201eVereinbarung zur Deutsch-Israelischen Dialogplattform Elektromobilit\u00e4t\u201c?<\/p>\n<p>Die israelische \u00d6ffentlichkeit wird davon allerdings diesmal nichts erfahren. Von Merkels Begegnung mit Netanjahu bleibt in den hiesigen Medien nur dessen Warnung \u00fcbrig, dass in \u00c4gypten Islamisten die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnten, wie man es bereits im Iran einmal erlebt habe.<\/p>\n<p>Auch die deutschen Minister und Diplomaten werden in allen Gespr\u00e4chen mit den Sorgen der Israelis \u00fcber die Lage in \u00c4gypten konfrontiert. Was wird aus dem Friedensvertrag? Wer sichert die Grenze nach Gaza und unterbindet den Schmuggel? Wenn die Jordanier und die Saudis sehen, dass der Westen nichts f\u00fcr seinen wichtigsten Verb\u00fcndeten in der Region tun kann oder will \u2013 werden nicht auch sie sich abwenden?<\/p>\n<p>Merkel bef\u00fcrchtet, dass die Israelis in eine Art Angststarre verfallen und den Friedensproze\u00df mit den Pal\u00e4stinensern nun endg\u00fcltig abschreiben. Ohne den Garanten \u00c4gypten im Hintergrund, der sowohl mit Abbas als auch mit der Hamas in Gaza reden konnte, gebe es ohnehin keine Chance auf eine Einigung, sagen die Skeptiker in Israel.<\/p>\n<p>Merkel will das nicht gelten lassen und dringt jetzt erst recht auf Fortschritte. Mag ja sein, dass mit den Autokraten auch die berechenbaren Partner f\u00fcr die Israelis wackeln. Die schlichte Wahrheit ist, daran l\u00e4\u00dft Merkel keinen Zweifel, dass weder die USA, noch Deutschland, noch Israel darauf einen nennenswerten Einfluss haben. Wir haben keine Kontrolle \u00fcber die Lage, sagt Angela Merkel. Und weil sie selbst schon einmal einen Volksaufstand von innen erlebt hat, wei\u00df sie, wovon sie redet. Gerade darum glaubt sie, m\u00fcsste man nun alle Energie darein setzen, die Lage f\u00fcr Israel zu entgiften.<\/p>\n<p>Und darum dr\u00e4ngt sie Netanjahu, Abbas ein neues Angebot zu machen, um den Friedensprozess aus dem Koma zu holen. Am Rande der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz trifft sich am kommenden Wochenende das Nahostquartett. Merkel glaubt, es w\u00e4re fatal, wenn in einer Zeit rapiden Wandels ein Signal des Status Quo davon ausginge. So deutlich wie noch nie zuvor, das ist aus Delegationskreisen zu h\u00f6ren, dr\u00e4ngt sie Netanjahu darum, den Siedlungsbau zu stoppen. Bei jeder Gelegenheit erw\u00e4hnt sie \u00f6ffentlich den Siedlungsbau als Hindernis f\u00fcr einen Friedensschluss.<\/p>\n<p>Als Merkel und Netanjahu nach den Gespr\u00e4chen am Montag vor die Presse treten, versuchen sie nicht einmal, ihren Dissens zu verbergen. Es geht nicht um die Siedlungen, sagt Netanjahu. Es geht um die Anerkennung Israels als j\u00fcdischer Staat. Dazu k\u00f6nnten die Pal\u00e4stinenser sich nicht durchringen, und darum sch\u00f6ben sie die Siedlungen nur vor, die dem Frieden nicht im Wege stehen.<\/p>\n<p>Israel, erg\u00e4nzt er, sei jetzt die einzige Insel der Stabilit\u00e4t in der Region. Das soll werbend klingen, aber es ist ein hilfloses Klammern an eine Ordnung, die gerade vor aller Augen zusammenbricht. Merkels freundlich-besorgtes Werben, den Wandel als Chance zu nutzen, ist einstweilen abgewehrt.<\/p>\n<p>Aber nicht alle in Israel denken so. Beim greisen Pr\u00e4sidenten Schimon Peres findet Merkel ein offenes Ohr f\u00fcr ihr Pl\u00e4doyer gegen den Stillstand:\u201cWir sehen in Ihnen eine echte Freundin\u201c, sagt der Pr\u00e4sident demonstrativ. Sie sehen die Dinge, wie sie wirklich sind. Sie ergeben sich nicht dem, was ist, sondern orientieren sich an dem, was sein soll.\u201c Peres scheint Merkels Sicht zu teilen, dass Stagnation f\u00fcr Israel sch\u00e4dlich ist. \u201eWas heute im Nahen Osten passiert, erfordert eine Ver\u00e4nderung\u201c, sagt er, und dankt Merkel f\u00fcr die deutsche Unterst\u00fctzung der Pal\u00e4stinenser: \u201eIsrael ist eine Insel, aber so kann es nicht bleiben. Denn die Insel muss auf den Ozean achtgeben, nicht der Ozean auf die Insel.\u201c<\/p>\n<p>Im f\u00fchrenden au\u00dfenpolitischen Thinktank Israels, dem Tel Aviver INSS  schlie\u00dft Merkel ihren Besuch ab. In einer Rede vor Politikern und Milit\u00e4rs sagt sie fast flehentlich, ein Stop f\u00fcr den Siedlungsbau m\u00f6ge zwar heute ein schwieriges Thema sein: \u201eAber wie wird man in 10 oder zwanzig Jahren dar\u00fcber denken? Wer glaubt, er k\u00f6nne heute warten, der irrt. Die Dinge liegen auf dem Tisch. Und so wie die Lage sich entwickelt, werden sie nicht leichter werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerusalem\/Tel Aviv Israel beobachtet die Ereignisse in \u00c4gypten mit wachsender Panik. Angela Merkel hat das zwar vor ihrem Besuch am Beginn dieser Woche geahnt. 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