{"id":4696,"date":"2011-03-07T13:06:44","date_gmt":"2011-03-07T12:06:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=4696"},"modified":"2011-03-08T06:38:23","modified_gmt":"2011-03-08T05:38:23","slug":"der-islam-gehort-zu-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/03\/07\/der-islam-gehort-zu-deutschland_4696","title":{"rendered":"Der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Die d\u00fcmmste Debatte des letzten Jahres geht in die dritte Runde: Geh\u00f6rt der Islam zu Deutschland? Ja oder nein? &#8222;Historisch&#8220;?<\/p>\n<p>Eine neue Lesart sch\u00e4lt sich heraus: Muslime ja, Islam nein. Klasse. Das ist endlich die L\u00f6sung! Muslime ohne Islam? Das muss doch irgendwie gehen. <em><\/em><\/p>\n<p><em>Never mind,<\/em> dass viele &#8222;Muslime&#8220; hierzulande ohnehin areligi\u00f6s leben. Je mehr aber der neue Innenminister und andere obsessiv \u00fcber &#8222;die Zugeh\u00f6rigkeit des Islams&#8220; zu Deutschland reden, um so mehr wird die Identit\u00e4t auch nichtreligi\u00f6ser Muslime &#8222;islamisiert&#8220;.  Ja, so paradox ist das: Ich h\u00f6re in letzter Zeit immer wieder: Ihr schafft das noch, dass ich mich als Muslim identifiziere. Oder: Erst hier bin ich zum Muslim geworden, durch das Dauerfeuer der Debatte. Wollen wir das?<\/p>\n<p>Angesichts des Frankfurter Mordanschlags reden wir jetzt wieder \u00fcber Radikalisierung: Dummerweise beruht das Hauptverkaufsargument der Salafisten f\u00fcr ihren Steinzeitislam auf der Unterstellung, im Westen w\u00fcrden nur &#8222;Muslime ohne Islam&#8220; geduldet. Darum m\u00fcssten &#8222;wahre Muslime&#8220; zu den Wurzeln der &#8222;wahren Religion&#8220; zur\u00fcckkehren, um sich gegen diese tiefsitzende Islamfeindlichkeit zu wehren. Der neue Innenminister hat soeben Pierre Vogel, Deso Dogg\/Abu Malik, Scheich Abdellatif\u00a0 et alii eine erstklassige Vorlage geliefert. Der Islam geh\u00f6rt hier nicht dazu &#8211; das \u00fcbersetzt sich in der Propaganda der Salafisten in den Satz: Dass dein Islam der richtige und wahre ist, merkst du daran, dass die anderen ihn ablehnen. Einen Islam, den die akzeptieren k\u00f6nnten, musst Du, im Umkehrschluss, verwerfen. Der kann nicht richtig sein.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte sich der Neue im BMI mal mit den Verfassungssch\u00fctzern treffen, die an vorderster Front gegen die Radikalisierung in Teilen der islamisch gepr\u00e4gten Jugend arbeiten. Er w\u00fcrde auf eine erstaunliche Sorge treffen, was das gesellschaftliche Klima in diesem Land post Sarrazin angeht. Der VS ist darauf angewiesen, dass Muslime mit den Beh\u00f6rden kooperieren. Dass der Islam nicht zu Deutschland geh\u00f6rt, ist nicht die Arbeitshypothese unserer Verfassungsch\u00fctzer.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen glaubhaft widerlegen k\u00f6nnen, dass &#8222;der Islam&#8220; per se hier ausgegrenzt wird aus irgendeinem Vorurteil oder christlich-abendl\u00e4ndischen D\u00fcnkel heraus. Und das ist ja auch in Deutschland nicht der Fall. Warum also diese Wahrnehmung anheizen durch &#8222;historische&#8220; Exkurse \u00fcber Fragen, in denen nie ein ernsthafter Mensch das Gegenteil behauptet hat? Wie soll man so etwas anders wahrnehmen denn als leicht verklemmte Form der Schikane?<\/p>\n<p>Die Sicherheitsdienste  brauchen das Vertrauen, dass unterschieden wird zwischen denen, die die Religionsfreiheit missbrauchen und denen, die sie legitimer Weise in Anspruch nehmen. Eine Aussage wie die Friedrich&#8217;sche, der Islam geh\u00f6re (&#8222;auch historisch&#8220;) nicht zu Deutschland, zersetzt dieses Vertrauen. Er unterminiert die Bem\u00fchungen der Sicherheitsorgane, die Propaganda der Radikalen zu widerlegen, die einen ewigen und un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegensatz konstruiert zwischen Islam und Demokratie, Islam und Menschenrechten, Islam und westlichen Werten.<\/p>\n<p>Es gibt sehr gute Brosch\u00fcren, etwa neuerdings vom VS des Landes Berlin, in denen jene islamistische Ideologie auseinandergenommen wird, die den absoluten Gegensatz zwischen Islam und unserer Rechtsordnung betont. Die &#8222;<a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/imperia\/md\/content\/seninn\/verfassungsschutz\/endfassung.pdf\">Zerrbilder von Islam und Demokratie<\/a>&#8220; werden dort auf deutsch, t\u00fcrkisch und arabisch widerlegt. Niemand macht sich Illusionen dar\u00fcber &#8211; vor allem nicht die Verfassungssch\u00fctzer &#8211; dass es noch ein langer Weg ist, bis nicht nur eine stille Akzeptanz unserer Rechts- und Werteordnung durch &#8222;den Islam&#8220; erreicht ist, sondern bis die islamische Theologie in ihren eigenen Lehren gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die S\u00e4kularisierung (also Entm\u00e4chtigung ihrer selbst) finden wird. Der katholischen Lehre ist das (vor wenigen Jahrzehnten erst) auch gelungen, und heute tut die Kirche gerne so, als w\u00e4re ihr die Idee geradezu selbst gekommen, dass man kirchliche und weltliche Macht zu trennen habe. Der Islam wird es noch viel schwerer damit haben, das ist absehbar trotz aller Reformans\u00e4tze. Vielleicht wird es auch nie zu einer klaren Sph\u00e4rentrennung kommen, sondern blo\u00df &#8211; blo\u00df! &#8211; zu einem modus vivendi. (Mir w\u00fcrd&#8217;s reichen, wei\u00df Gott.)<\/p>\n<p>Das sollte die Sorge eines Innen- und damit Verfassungsministers &#8211; sein. Unsere Sicherheit h\u00e4ngt daran. Ein Minister, der seinen Diensten die Arbeit schwerer macht, macht Deutschland weniger sicher.<\/p>\n<p>p.s. Ich habe k\u00fcrzlich einen Vortrag bei einer VS-Tagung gehalten, bei der es um Radikalisierung und Strategien dagegen ging.\u00a0 Meine sorgenvolle Analyse der Debatte in diesem Land hat dort erstaunlich viel Beifall bekommen. Man f\u00fcrchtet dort, dass das aggressive Klima Bem\u00fchungen um Deradikalisierung konterkariert. Hier mein Text dessen Schlussfolgerungen st\u00e4ndigen Besuchern dieses Blogs nicht fremd sein werden:<\/p>\n<p>&#8222;K\u00f6nnen Medien der Radikalisierung junger Muslime entgegenwirken?&#8220;<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist das eine merkw\u00fcrdige Frage: Wenn etwa in einem Leitartikel der ZEIT der militante Islamismus verdammt wird, so wird das wohl keinen gef\u00e4hrdeten jungen Mann davon abhalten, sich in ein Terrorcamp zu begeben. (Und das liegt nicht nur an der Schichtzugeh\u00f6rigkeit unserer Leser. Auch die BILD kann da nicht viel ausrichten.)<br \/>\nWir erreichen solche Menschen doch gar nicht, k\u00f6nnte man meinen. Vielleicht w\u00e4re sogar das Gegenteil denkbar: Dass sich jemand f\u00fcr den bewaffneten Kampf gegen diese Gesellschaft im Namen des Islams entscheidet, gerade WEIL der Mainstream unserer Medien dies verdammt.<br \/>\nIslamismus ist auch, das haben wir anhand radikalisierter Konvertiten und junger Muslime der zweiten und dritten Generation gelernt, RADICAL CHIC. Es wird die totale Gegenposition zum Bestehenden gesucht, man schl\u00e4gt sich gerade absichtsvoll auf die Seite der Bewegung, die am meisten gef\u00fcrchtet und abgelehnt wird. In den 70ern war das im Westen der Kommunismus, heute ist es f\u00fcr manche der Islamismus. Dass man sich au\u00dferhalb des Mainstreams stellt, wenn man Islamist wird, ist oft Teil der Attraktion.<\/p>\n<p>Menschen, f\u00fcr die es so weit gekommen ist, dass sie sich in absolute Ablehnung des Bestehenden begeben, erreichen wir aber weder mit einem wohl argumentierten Leitartikel wider den politischen Islam noch mit einem aufkl\u00e4renden St\u00fcck  \u00fcber den \u201ewahren Islam\u201c, der Selbstmordattentate ablehnt.<\/p>\n<p>Also: Wir werden zwar weiter solche Artikel publizieren, aber deren \u201eantiradikalisierende Wirkung\u201c kann man sich wohl kaum so vorstellen, dass der n\u00e4chste Mohammed Atta oder Fritz Gelowicz die FAZ, den Spiegel oder die  ZEIT beiseite legt, nachdenklich wird und seine Reise nach Pakistan absagt.<\/p>\n<p>Trotzdem halte ich es f\u00fcr richtig, dass Sie im Rahmen des Anti-Radikalisierungsprogramms \u00fcber die Medien nachdenken. Um in den Blick zu bekommen, was die Medien in diesem Zusammenhang f\u00fcr eine Funktion haben, muss man freilich den Blick weiten.<\/p>\n<p>Der Soziologe Niklas Luhmann hat in seinem Buch \u00fcber die \u201eRealit\u00e4t der Massenmedien\u201c gesagt:<br \/>\n&#8222;Was wir \u00fcber unsere Gesellschaft, ja \u00fcber die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist ein radikaler Satz. Aber so weit muss man die Perspektive \u00f6ffnen, um die m\u00f6glichen Zusammenh\u00e4nge von Medien, Islam, Islamismus, Salafismus und Dschihadismus zu erkennen. In dem Konzept, das Sie mir freundlicher Weise zugeschickt haben, werden f\u00fcnf \u201eRadikalisierung beg\u00fcnstigende Faktoren\u201c aufgez\u00e4hlt: Einfluss von Predigern und ehemaligen K\u00e4mpfern,\tInternet und Videopropaganda, unmittelbare Bezugsgruppe Gleichgesinnter, soziale Entfremdung, Gef\u00fchl des Nicht- Dazugeh\u00f6rens, Aufenthalt in Terrorcamps.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zwei dieser Punkte betreffen direkt die Massenmedien: Internet und Videopropaganda, und: soziale Entfremdung, Gef\u00fchl des Nicht-Dazugeh\u00f6rens. Und diese beiden Punkte muss man sich, glaube ich, aufeinander bezogen vorstellen: Je st\u00e4rker das Gef\u00fchl der Entfremdung und des Nicht-Dazugeh\u00f6rens, um so mehr ist eine bestimmte Internet- und Videopropaganda attraktiv.<\/p>\n<p>Im Luhmannschen Sinn m\u00f6chte ich im folgenden dar\u00fcber reden, welches Bild des Islams wir in Deutschland haben, wenn man unsere Massenmedien dabei zugrundelegt. F\u00fcr hier lebende Muslime bedeutet das: Welches Bild bekommen sie davon, wie  sich die Mehrheitsgesellschaft durch ihre Medien  den Islam zurecht legt. Einfacher gesagt: Ein Muslim sieht unsere Schlagzeilen und liest unsere Geschichten \u00fcber den Islam und fragt sich: Aha, so also sehen die mich, meine Kultur und Religion, meine Herkunft und Pr\u00e4gung.<\/p>\n<p>Und hier liegt ein Problem, das meines Erachtens noch sehr untersch\u00e4tzt wird:<\/p>\n<p>Immer mehr Muslime in Deutschland, Frankreich und Gro\u00dfbritannien glauben nicht, dass die Mainstream-Medien ausgewogen \u00fcber sie berichten. Zu diesem Ergebnis kommt ein Pilotprojekt des Londoner Institute for Strategic Dialogue und der Vodafone Stiftung Deutschland.<br \/>\n55 Prozent der befragten Muslime vertraten die Auffassung, die gro\u00dfen Medien berichteten negativ \u00fcber Muslime. Bei den nicht muslimischen Befragten waren es immerhin 39 Prozent.<br \/>\nMehr als die H\u00e4lfte der Studienteilnehmer sind \u00fcberzeugt, dass es in den meisten Berichten \u00fcber Muslime um Terrorismus geht. Ein Drittel glaubt, dass vor allem Fundamentalismus eine Rolle spielt; ein Viertel nimmt als h\u00e4ufigstes Thema in der Berichterstattung \u00fcber Muslime die Kopftuchdebatte wahr.<br \/>\nDiese Zahlen stammen aus dem letzten Jahr \u2013 vor der Sarrazin-Debatte. Sie werden sich kaum gebessert haben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben diese Befragten nicht Recht in einem objektiven Sinn: Keineswegs geht es in der Mehrzahl der Berichte um Terrorismus. Und das Kopftuch ist immer noch ein Aufregerthema, aber das \u201eh\u00e4ufigste\u201c? Nein. Dennoch scheint es mir unbestreitbar richtig, dass die Intuition der Befragten stimmt, dass hier etwas im Argen liegt.<\/p>\n<p>Ein j\u00fcngeres Beispiel: \u201eJung, muslimisch, brutal\u201c titelte Spiegel Online einen Bericht \u00fcber die Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer zum Zusammenhang von Religi\u00f6sit\u00e4t und Gewaltneigung. Der S\u00fcddeutschen fiel zur gleichen Untersuchung die Zeile ein: \u201eDie Faust zum Gebet\u201c.<br \/>\nEin paar andere Schlagzeilen:<br \/>\nblick (Schweiz): \u201eMacht Islam aggresiv? Jung, brutal \u2014 Muslim\u201d, Tagesspiegel: \u201cAllah macht hart\u201d, Financial Times Deutschland: \u201cStudie zu jungen Muslimen \u2014 Je gl\u00e4ubiger, desto gewaltt\u00e4tiger\u201d, Welt.de: \u201cStudie \u2014 Gl\u00e4ubige Muslime sind deutlich gewaltbereiter\u201d, Welt: \u201cMuslime \u2014 Mehr Religiosit\u00e4t = mehr Gewaltbereitschaft\u201d, Bild.de: \u201cJunge Muslime: je gl\u00e4ubiger desto brutaler\u201d, Hamburger Abendblatt: \u201cJunge Muslime: Je gl\u00e4ubiger, desto brutaler\u201d.<\/p>\n<p>Das ist die Ausbeute der Schlagzeilen, und sie ist nicht einmal vollst\u00e4ndig. In Wahrheit steht in der Studie allerdings, dass es nur einen moderaten Anstieg der Gewaltbereitschaft bei jenen jugendlichen Muslimen gibt, die sich als \u201esehr religi\u00f6s\u201c bezeichnen. (Einzig der Tagesspiegel weist darauf hin und konterkariert so die rei\u00dferische \u00dcberschrift.) Und die Studie f\u00fchrt auch aus, dass f\u00fcr diesen Anstieg der Gewaltbereitschaft haupts\u00e4chlich au\u00dferreligi\u00f6se Gr\u00fcnde verantwortlich sind \u2013 eine Machokultur, die Zahl straff\u00e4lliger Freunde oder der Konsum von gewaltverherrlichenden Medien zum Beispiel. Es gibt laut der Studie \u201ekeinen signifikanten Zusammenhang\u201c zwischen Religiosit\u00e4t und Gewalt. Ich zitiere:<br \/>\n\u201eDas Modell III belegt ferner, dass diese erh\u00f6hte Gewaltbereitschaft weitestgehend auf andere Belastungsfaktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, wobei die vier bereits bekannten Faktoren einbezogen werden. Dies f\u00fchrt dazu, dass von der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Konfessionsgruppe kein Effekt mehr auf das Gewaltverhalten zu beobachten ist. (KFN-Studie, Seite 116)<br \/>\n(\u2026) Mit st\u00e4rkerer religi\u00f6ser Bindung steigt die Gewaltbereitschaft tendenziell an. Da dieser Zusammenhang aber als nicht signifikant ausgewiesen wird, ist bei islamischen Jugendlichen von keinem unmittelbaren Zusammenhang (und damit auch nicht von einem Gewalt reduzierenden Zusammenhang) zwischen der Religiosit\u00e4t und der Gewaltdelinquenz auszugehen. (KFN-Studie, S. 118)<br \/>\n(\u2026) Mit den hier dargestellten Forschungsergebnissen ist noch nicht ausreichend belegt, dass der Islam f\u00fcr die dargestellte Problematik direkt verantwortlich gemacht werden kann. Zur Kl\u00e4rung bedarf es tiefergehende Analysen (\u2026). (KFN-Studie, S. 129)<br \/>\nKein Effekt, nicht signifikant ausgewiesen, kein unmittelbarer Zusammenhang, nicht ausreichend belegt \u2013 so lautet die Schlu\u00dffolgerung der Studie.<\/p>\n<p>Und dennoch kam es zu den zitierten Schlagzeilen.\u00a0 Das ist ein journalistisches Desaster! Dass Muslime angesichts einer solchen Praxis von Islamophobie sprechen, kann ich verstehen.<br \/>\nSo darf es nicht weitergehen!<br \/>\nWie in diesem Fall aus einer Studie, die vorsichtig formuliert, eine Alarmmeldung \u00fcber brutale junge Muslime gemacht wurde \u2013 im vollen Bewu\u00dftsein des Herrn Pfeiffer \u00fcbrigens, dem es offenbar lieber ist, falsch zitiert zu werden als gar nicht \u2013 das ist ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, wie es nicht geht.<br \/>\nWarum ich den Begriff Islamophobie dennoch nicht f\u00fcr geeignet halte zu beschreiben, was sich in unserer \u00d6ffentlichkeit abspielt, werde ich sp\u00e4ter beschreiben.<br \/>\nNoch ein Lehrst\u00fcck, das hierher passt. Es bildet f\u00fcr mich sozusagen den Widerpart zu dem eben zitierten. Pfeiffers Ergebnisse wurden ungeb\u00fchrlich aufgeblasen, um daraus antimuslimische Ressentiments zu bedienen. Umgekehrt wurde in einem anderen Fall ein Verbrechen marginalisiert \u2013 an den Rand der Wahrnehmbarkeit gedr\u00e4ngt.<br \/>\nDer Umgang der deutschen Medien \u2013 die ZEIT eingeschlossen \u2013 mit dem Fall von Marwa El-Sherbiny ist erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Ich muss Ihnen nicht vor Augen f\u00fchren, was sich vor einem Jahr in Dresden abgespielt hat. Eine junge Frau wurde vor Gericht ermordet, und ihr Mann dann auch noch von der Polizei angeschossen, und dies alles w\u00e4hrend eines Prozesses, den diese junge Frau f\u00fchrte, weil sie von jenem Alex W. auf \u00fcbelste Weise beschimpft worden war: \u201eIslamistin\u201c, \u201eTerroristin\u201c, \u201eSchlampe\u201c. Hier hatte jemand das Richtige getan: auf die deutsche Justiz vertraut, um sich gegen antimuslimische Hetze zur Wehr zu setzen. Und war dann im Scho\u00df eben dieser Justiz einem Mord zum Opfer gefallen.<br \/>\nUnd nun kommt das Erstaunliche: Tagelang war dies in den deutsche Medien ein Non-Event! Erst als von den tumultartigen Szenen der Beerdigung in Alexandria berichtet wurde, erst als eine Wiederholung der emotionalen Aufwallung aus den Zeiten der Karikaturen-Aff\u00e4re drohte. Die Emp\u00f6rung kam also von au\u00dfen. Es musste erst die Bef\u00fcrchtung hinzukommen, dass Deutschland au\u00dfenpolitisch Schaden nehmen k\u00f6nnte, damit die f\u00fchrenden Politiker sich \u00e4u\u00dferten. Merkel verurteilte den Mord, M\u00fcntefering nahm an der Trauerfeier teil, wichtige gesellschaftliche Gruppen meldeten sich entsetzt zu Wort \u2013 allen voran \u00fcbrigens die Juden.<br \/>\nIst es Islamfeindlichkeit, die das verz\u00f6gerte Reagieren erkl\u00e4rt? Nein. Mir f\u00e4llt es schwer, Merkel, M\u00fcntefering, Sch\u00e4uble oder anderen Repr\u00e4sentanten der Berliner Politik Islamfeindlichkeit zu unterstellen. Irritierend ist eher eine gewisse Z\u00f6gerlichkeit und Unger\u00fchrtheit \u2013 als h\u00e4tte das Geschehen nichts mit dem Deutschland zu tun, in dem und f\u00fcr das diese Politiker arbeiten. Das Gleiche gilt allerdings auch f\u00fcr die Medien. Auch sie haben offenbar tagelang erfolgreich den Fall Marwa von sich weggeschoben. In der ZEIT haben einige Kollegen damals eine erschrockene Seite 3 geschrieben, die das eigene Versagen reflektierte. Ich zitiere:<br \/>\n\u201eWenn man einmal Mutma\u00dfungen \u00fcber das (west-)deutsche Mehrheitsbewusstsein anstellen darf, dann spielten sich dort nach dieser Tat folgende Gedankeng\u00e4nge ab: 1. Wie furchtbar, die arme Frau, was f\u00fcr ein Ungl\u00fcck. 2. Die Tat geschah nicht wirklich in Deutschland, sondern im Osten. 3. Der T\u00e4ter ist ein Russlanddeutscher, bekannterma\u00dfen die problematischste Minderheit, die in diesem Land lebt, also keiner von uns. 4. Ein Einzelfall also: \u00dcbergang zur Tagesordnung. So wurde die Sache mental mar\u00adginalisiert, auch die Politik nahm das alles zun\u00e4chst nur aus dem Augenwinkel wahr.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es ganz banale Gr\u00fcnde f\u00fcr die schlechte Reaktion der \u00d6ffentlichkeit, wie meine Kollegen in dem ZEIT-Beitrag vermuteten:<br \/>\n\u201eEs geht nicht um Islamfeindlichkeit, eher um Islamferne \u2013 vielleicht auch um eine in der Ferne gedeihende K\u00e4lte und Abneigung. \u2018Es war keine b\u00f6se Absicht, sondern eher Gleichg\u00fcltigkeit und Ignoranz\u2019 meint Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Noch fehlt uns Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die muslimische Gef\u00fchlswelt. Noch immer hat man das Gef\u00fchl, dass die deutsche Gesellschaft mit dem R\u00fccken zu ihren Migranten lebt, dass sie ihnen zu wenig gibt und zu wenig von ihnen verlangt. Noch immer sind hier \u2018wir\u2019 und da \u2018sie\u2019 \u2013 die Identifikation und die selbstverst\u00e4ndliche Solidarit\u00e4t fehlen, und das ist es, was die Muslime in der tr\u00e4gen \u00f6ffentlichen Reaktion auf die Mordtat von Dresden gesp\u00fcrt haben m\u00f6gen.\u201c<\/p>\n<p>Muslime und Medien. Das ist heute ein zentrales Feld der Gesellschaftspolitik.<br \/>\nDas ist in den vergangenen Jahren wohl auch dem letzten klar geworden. Als ich vor etwa 10 Jahren anfing, in der ZEIT regelm\u00e4\u00dfig dar\u00fcber zu schreiben, war das noch nicht so. Mein Bericht zum Beispiel \u00fcber eine erregte Kontroverse in der Islamwissenschaft landete im Feuilleton. Ein Chef hatte Bedenken, als ich mich wochenlang in Streitigkeiten \u00fcber die \u00dcbersetzbarkeit bestimmter Passagen des Korans einw\u00fchlte. \u201eSie fehlen mir zu lange f\u00fcr die Hauptthemen\u201c, war die Begr\u00fcndung seiner Sorge.<br \/>\nNun ist aber der Islam zweifellos eines der Hauptthemen unserer Profession geworden. Und die Chefs haben auch umgedacht.<\/p>\n<p>Es gibt daf\u00fcr zwei Gr\u00fcnde, \u00fcber die wir hier nicht viel Worte verlieren m\u00fcssen: Terrorismus und Einwanderung \u2013 anders gesagt: radikale, religi\u00f6s motivierte poltische Bewegungen einerseits und Immigration und demographischer Wandel andererseits. Ein au\u00dfenpolitisches Motiv also, und ein innenpolitisches.<\/p>\n<p>Allerdings sprengt das Themenfeld \u201eIslam\u201c diese fein s\u00e4uberliche Aufteilung der journalistischen Welt in \u201eInnen\u201c und \u201eAu\u00dfen\u201c, auf die wir so viel Wert legen in meinem Beruf.<br \/>\nNehmen wir mal die Aff\u00e4re um das Boot, das aus der T\u00fcrkei nach Gaza aufgebrochen war, um dort die israelische Blockade zu brechen \u2013 die Mavi Marmara. Eine t\u00fcrkisch-islamische Hilfsorganisation namens IHH steckte hinter dem Unternehmen. Aber auch deutsche Abgeordnete der Linkspartei waren mit an Bord. Neun Menschen starben bei dem Versuch der isarelischen Armee, das Boot zu st\u00fcrmen.<br \/>\nNun ist das f\u00fcr Deutschland ganz klar erst einmal eine au\u00dfenpolitische Angelegenheit. Aber nicht mehr ausschlie\u00dflich: Wenn die deutsche Regierung sich hier positioniert, hat das auch Auswirkungen in der Innenpolitik: Wie nimmt der Teil des Publikums, der selber t\u00fcrkische Wurzeln hat, die Einlassungen der deutschen Bundeskanzlerin oder des Au\u00dfenministers wahr? Es kann sein, dass sich in einem solchen Konflikt die deutsche Kanzlerin im Wettbewerb befindet \u2013 im Wettbewerb mit dem t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten um die \u00f6ffentliche Meinung der Deutscht\u00fcrken zum Thema Israel, Gaza, Blockade. Und wenn bei einer solche Aktion neun t\u00fcrkische Staatsb\u00fcrger sterben, dann ist das f\u00fcr ein Land wie Deutschland mit einer gro\u00dfen t\u00fcrkischen Minderheit ein Faktum von Bedeutung. In der deutschen Politik \u2013 und in den deutschen Medien \u2013 wird aber \u00fcber den aktuellen isarelisch-t\u00fcrkischen Konflikt immer noch geredet und geschrieben, als ginge uns diese Sache nur etwas an im Lichte unseres au\u00dfenpolitischen Credos, die Existenz Israels sei \u201eTeil der deutschen Staatsr\u00e4son\u201c. Ich glaube, dass hier in langer Sicht die innenpolitische Lage die au\u00dfenpolitische Perspektive ver\u00e4ndern wird.<br \/>\nUnd nun kehrt das Thema in die Kulturpolitik zur\u00fcck: Tal der W\u00f6lfe \u2013 Pal\u00e4stina: verbieten?<\/p>\n<p>Der Islam ist ein innenpolitisches Thema, seit sich die Lesart durchgesetzt hat, dass erstens die Muslime nicht wieder weggehen, die durch die Migration hierhergekommen sind. Und zweitens, seit auch dem letzten klar geworden ist, dass diese Muslime ihren Islam nicht irgendwann abstreifen werden. Der Islam als Religion eines wesentlichen Teils der Bev\u00f6lkerung muss Teil der staatverfassungsrechtlichen Wirklichkeit werden. Und mehr als das, denn damit ist ja nur die institutionelle Seite benannt. Man kann von einer \u201eEinb\u00fcrgerung des Islams\u201c sprechen, weil es auch um das Vertrautwerden miteinander geht, das sich aufeinander Einlassen in einem viel umfassenderen Sinn. An unseren Debatten \u00fcber Kruzifixe in Klassenzimmern, Amtseide mit Gottesformel, Moscheebauten in deutschen Innenst\u00e4dten und genetisch d\u00fcmmere Muslime k\u00f6nnen wir ablesen, wie viel da noch zu tun \u2013 und zu schreiben \u2013 bleibt.<\/p>\n<p>Der Islam in Europa ist eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen. Er ist von einem so genannten \u201eweichen\u201c zu einem so genannten \u201eharten\u201c Thema geworden, weil zwei Gruppen ihn in unseren Gesellschaften f\u00fcr ihre Zwecke zu kapern versuchen: Radikale Islamisten auf der einen Seite und radikale Rechtspopulisten auf der anderen. Beide leben gut voneinander, beide f\u00f6rdern und stabilisieren ihre jeweiligen Lager. Beide sind Feinde des europ\u00e4ischen Modells der Moderne als einer offenen \u2013 auch f\u00fcr andere Religionen offenen \u2013 Gesellschaftsordnung.<\/p>\n<p>F\u00fcr jede Redaktion wird es in Zukunft unabdingbar sein, Experten zu haben, die sprech- und lesef\u00e4hig sind in Fragen, die den Islam betreffen.<\/p>\n<p>Die mediale Debatte \u00fcber den Islam ist ein leidenschaftlicher Diskurs, in dem es um Selbst- und Fremdbilder geht. Zwei extreme Grundannahmen auf beiden Seiten markieren die Grenzen:<\/p>\n<p>\u201eIhr wollt uns nicht. Darum reduziert ihr den Islam so gerne auf Zwangsehen, Gewalt legitimierende Koranverse, strikte Scharia-Normen, Ehrenmorde, Macho- Gehabe und so weiter.\u201c<\/p>\n<p>Die andere Grundannahme lautet: \u201eIhr wollt uns am Ende doch islamisieren. Ihr akzeptiert unsere liberale Verfassung und unsere offene Gesellschaft nur so lange, wie sie Euch als Minderheit sch\u00fctzt, um uns dann irgendwann doch eure rigiden Vorstellungen von Moral und Anstand, individueller Freiheit und \u00f6ffentlichem Glauben aufzun\u00f6tigen, wie wir sie in den islamischen L\u00e4ndern sehen.\u201c<\/p>\n<p>Es ist diese unterschwellige Logik des Verdachts, die unsere Debatten strukturiert. Eine faire Berichterstattung wird sich immer gegen diese beiden Extreme absto\u00dfen m\u00fcssen. Und dabei besteht eine besondere Schwierigkeit darin, dass die \u00c4ngste beider Seiten manchmal durchaus berechtigt sind:<\/p>\n<p>Denn es gibt zweifellos Teilnehmer der Debatte, die den Islam hier um keinen Preis akzeptieren wollen, und es gibt ebenso jene, die tats\u00e4chlich von einer \u201eIslamisierung\u201c tr\u00e4umen. Weder kann es verboten sein, Islamfeindlichkeit zu benennen, noch kann es tabu sein, muslimische Feinde der Freiheit auch als solche zu beschreiben.<\/p>\n<p>Was darf man denn in Deutschland noch sagen \u2013 wenn es um den Islam und die muslimischen Einwanderer geht? Die erregteste Debatte zu diesem Thema hat Thilo Sarrazin angesto\u00dfen. Auch die Reaktionen des Publikums sind hoch interessant.<\/p>\n<p>In vielen Hundert Beitr\u00e4gen sch\u00e4lt sich ein Deutungsmuster heraus, das sich immer weiter vom Ursprung der Debatte l\u00f6st.<br \/>\nEs lautet etwa so: Einer sagt, was schiefl\u00e4uft im Land mit den \u00bbT\u00fcrken und Arabern\u00ab \u2013 und wird daf\u00fcr bestraft. Man kann einem Mythos beim Entstehen zuschauen: Thilo Sarrazin, einsamer K\u00e4mpfer gegen Rede- und Denkverbote.<\/p>\n<p>Ich muss sagen, dass viele dieser Beitr\u00e4ge der Leser mich erschreckt haben.<\/p>\n<p>Es kommen in den Leserbriefen und den Onlinedebatten Annahmen \u00fcber den Stand der Integration, \u00fcber die \u00bbwahren Ursachen\u00ab der Probleme des Einwanderungslandes, \u00fcber die deutsche Identit\u00e4t und \u00fcber die Haltung der Migranten zutage, die noch weit \u00fcber Sarrazins Zuspitzungen hinausgehen. Eine unterdr\u00fcckte Wut macht sich Luft.<\/p>\n<p>Viele Beitr\u00e4ge sind von einem Gef\u00fchl der Befreiung getragen. Endlich kann man mal sagen, was man schon lange \u00fcber die Einwanderer denkt, aber sich nicht zu sagen getraut hat.<br \/>\nMit der alten v\u00f6lkisch-rechten Fremdenangst hat dieses Ph\u00e4nomen herzlich wenig zu tun. Der politisch-emotionale Druckausgleich findet diesmal eher auf der liberal-progressiven Seite der Gesellschaft statt. Nicht schon die Andersheit des anderen sei das Anst\u00f6\u00dfige, sondern sein Zur\u00fcckbleiben im Modernisierungsprozess, wie es sich in religi\u00f6sen Symbolen, traditionsverhafteten Familiensitten und Machismo \u00e4u\u00dfere. Entsprechend geriert man sich wohlig als Bannertr\u00e4ger der Freiheit. Eine manchmal schwer ertr\u00e4gliche Aura biederer Selbstgerechtigkeit gegen\u00fcber den Modernisierungsversagern pr\u00e4gt viele \u00c4u\u00dferungen, die zuweilen an einen fortschrittlichen Rassismus grenzen.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl der Befreiung wird interessanterweise dadurch bef\u00f6rdert, dass hier nicht etwa ein Mann vom rechten Rand behauptet hat, dass die Mehrzahl der T\u00fcrken und Araber \u00bbkeine produktive Funktion\u00ab h\u00e4tten und die T\u00fcrken Deutschland mit ihrer Geburtenrate eroberten, \u00bbgenauso wie die Kosovaren das Kosovo\u00ab (Sarrazin) \u2013 sondern ein SPD-Mann.<\/p>\n<p>Viele Leser geben sich vollkommen sicher, dass die Integration scheitern m\u00fcsse, weil \u00bbdie\u00ab (Einwanderer) einfach nicht wollten. Woraus folge, dass es infrage stehe, wie einer triumphierend schreibt, dass wir \u00bb\u00fcberhaupt eine Einwanderungspolitik\u00ab brauchten. Und es dauert nicht lange, da kommt derselbe Leser mit seiner Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass \u00bbMenschen eines v\u00f6llig anderen Kulturkreises\u00ab nicht integriert werden k\u00f6nnten: Es folgen aus dem Internet kopierte saftige Koranzitate \u00fcber die \u00bbUngl\u00e4ubigen\u00ab. Wieder ein anderer Leser ist zwar nicht per se gegen Einwanderung, aber wenn schon, dann \u00bbnur aus katholischen L\u00e4ndern\u00ab. (Vom schlechten Schulerfolg der italienischen Einwandererkinder hat er offenbar noch nicht geh\u00f6rt.)<\/p>\n<p>Das ist nicht abzutun als das \u00fcbliche Ma\u00df an Ressentiment am Rand der Gesellschaft. Die paar handfesten Neonazis in den Debattenforen und Leserbriefspalten sind kaum der Rede wert.<br \/>\nEs ist vielmehr die wutsch\u00e4umende Mitte, \u00fcber die man sich Gedanken machen muss.<br \/>\nZum Glaubenssatz hat sich bei diesen Lesern verfestigt, der Islam sei das Problem, und Muslime seien nun einmal nicht integrierbar.<\/p>\n<p>Wir sind l\u00e4ngst weiter. Wir haben in Deutschland die Scheinalternative von Harmonieso\u00dfe oder kaum verhohlener Verachtung hinter uns gelassen, die fr\u00fchere Debatten \u00fcber die \u00bbGastarbeiter\u00ab kennzeichnete. Die Konservativen haben sich von der infantilen Sehnsucht nach dem Status quo ante verabschiedet und akzeptiert, dass die Arbeitsmigration nicht r\u00fcckabgewickelt werden kann und mit ihren Folgen politisch umgegangen werden muss. So wie die Rechte akzeptiert hat, dass wir ein Einwanderungsland sind, hat die Linke sich stillschweigend von der naiven Idee verabschiedet, Einwanderung sei automatisch eine Bereicherung und Multikulturalismus ein Selbstl\u00e4ufer. Zwei kostspielige Formen der Wirklichkeitsverleugnung sind vor aller Augen gescheitert, und die Politik hat begonnen, mit einer neuen Integrationspolitik darauf zu reagieren.<\/p>\n<p>Wie sollen wir diese Geisteslage, die sich in der Sarrazin-Debatte \u00e4u\u00dfert, begreifen?<br \/>\nIslamophobie \u2013 mit diesem Konzept werden ohne Unterschied irrationale und ratio\u00adnale \u00c4ngste im Bezug auf den Islam zu Symptomen einer Art psychischen Krankheit erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Der Phobiker verh\u00e4lt sich zwanghaft. Er kann anderen zur Gefahr werden und wird zugleich als Opfer einer Krankheit betrachtet, statt als Subjekt mit \u00dcberzeugungen und Meinungen, wie fragw\u00fcrdig diese auch immer sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Wollen wir wirklich in solchen Begriffen von der \u00f6ffentlichen Debatte um den Islam reden, wie sie sich bei uns in den letzten Jahren entfaltet hat? Ich halte das nicht f\u00fcr sinnvoll. Ich kann sehr wohl verstehen, warum sich bei manchen Muslimen der Eindruck einer generellen Islamfeindlichkeit festgesetzt hat. Dies auf eine sich immer weiter verbreitende Islamophobie zur\u00fcckzuf\u00fchren, hielte ich dennoch f\u00fcr falsch.<\/p>\n<p>Denn dadurch werden bestimmte Redeweisen und Einstellungen von vornherein in den Bereich der Angst ger\u00fcckt und somit psychologisiert. Man r\u00fcckt sie damit aus dem Bereich des Verstehbaren und Widerlegbaren heraus. Mit einem Phobiker kann man nicht debattieren. So einfach k\u00f6nnen wir es uns aber nicht machen.<\/p>\n<p>Schauen wir uns kurz den ersten Versuch an, Islamophobie zu definieren. Dann wird das Problematische dieses Begriffs deutlich werden.<br \/>\nDer Begriff wurde durch eine Studie des britischen Runnymede Trust 1997 in die Debatte eingef\u00fchrt. Runnymede Trust ist eine unabh\u00e4gige Lobbygruppe f\u00fcr eine multi-ethnische, multireligi\u00f6se und multikulturelle Gesellschaft.<br \/>\nEine islamophobe Einstellung kommt nach einer Definition des Trust in folgenden Meinungen zum Ausdruck:<br \/>\n\u2013 Der Islam sei ein allein stehender monolithischer Block, statisch und f\u00fcr Ver\u00e4nderung unempf\u00e4nglich.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei gesondert und fremd, er habe keine gemeinsamen Ziele und Werte mit anderen Kulturen; weder sei er von ihnen beeinflusst noch beeinflusse er sie.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei dem Westen unterlegen, barbarisch, irrational, primitiv und sexistisch.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei gewaltt\u00e4tig, aggressiv, bedrohlich, den Terrorismus unterst\u00fctzend und in einen Kulturkampf verstrickt.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei eine politische Ideologie, die f\u00fcr politische oder milit\u00e4rische Vorteile genutzt werde.<\/p>\n<p>Islamophobie und Rassismus werden oft synonym gebraucht. Das ist problematisch: Denn ich kann sehr wohl feindliche Gef\u00fchle gegenber dem Islam als Religion hegen, ohne Muslime dabei rassistisch abzulehnen. Sonst w\u00e4re Islamkritik und Islamfeindlichkeit vonseiten geborener Muslime ja nicht m\u00f6glich. Auch dies ist ein Versuch, jede Kritik am Islam von vornherein als rassistisch zu diskreditieren.<br \/>\nAusserdem bin ich der Meinung, dass alle die vermeintlich islamophoben Ideen, die der Runnymede Trust hier auf den Index gesetzt hat, prinzipiell unter dem Schutz der Meinungsfreiheit stehen.<\/p>\n<p>Der Islam wird von manchen Muslimen als politische Ideologie verstanden. Das bestreiten am allerwenigsten jene Muslime, die sich dagegen verwehren. Ja, der Islam hat ein gewalt\u00e4tiges, aggressives und bedrohliches Gesicht. Terrorismus und Kulturkampf sind ihm nicht fremd. Die meisten der Opfer des radikalen politischen Islams sind selber Muslime.<br \/>\nIst der Islam dem Westen unterlegen? Ist er sexistisch? Ist er barbarisch? Letzteres w\u00fcrde ich nicht sagen, aber Barbaren im Namen eines bestimmten Islam gibt es zweifelsohne. Sie bringen mit Vorliebe andere Muslime um, wie wir mit Schrecken im Irak, in Pakistan, in Afghanistan sehen k\u00f6nnen. Sexismus? Wer hier m\u00f6chte aufstehen und sagen, dies sei ein v\u00f6llig absurder Vorwurf? Dass der Islam dem Westen unterlegen sei, ist die gro\u00dfe Angst und der ANTRIEB aller muslimischen Reformdenker der letzten 200 Jahre. Die Geschichte der modernen T\u00fcrkei und ihres strikten Laizimus\/Kemalismus l\u00e4\u00dft sich ohne diese Angst \u00fcberhaupt nicht verstehen. Warum sollten wir diese Aussage also tabuisieren? Nur weil es nicht in Ordnung ist, wenn Nichtmuslime sagen, was Muslime seit 200 Jahren sagen? Genauso verh\u00e4lt es sich mit der Aussage, der Islam sei ein allein stehender monolithischer Block, statisch und f\u00fcr Ver\u00e4nderung unempf\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Es ist einfach Unsinn, diese Aussage als Indiz f\u00fcr Islamophobie anzusehen. Manche Muslime sehen des Islam genau so, manche Muslime k\u00e4mpfen wiederum gegen jene, weil sie Ver\u00e4nderungen wollen. Eine Aussage, die Gegenstand eines innermuslimischen Streits ist, zum Symptom f\u00fcr Islamophobie zu erkl\u00e4ren, wenn sie aus dem Mund von Nichtmuslimen zu h\u00f6ren ist \u2013 das geht einfach nicht.<\/p>\n<p>Der Islamophobie-Begriff, wenn er sich durchsetzen sollte in der Breite, in der ich ihn hier skizziert habe, h\u00e4tte f\u00fcrchterliche Folgen f\u00fcr unsere liberale \u00d6ffentlichkeit. Er w\u00e4re ein Instrument, um jede mi\u00dfliebige Debatte zu ersticken. Diejenigen muslimischen Gruppen, die ihn in Gro\u00dfbritannien propagieren, sind durch die Salman-Rushdie-Aff\u00e4re entstanden. Ich halte das nicht f\u00fcr einen Zufall. Die Verwendung des Islamophobie-Begriffs seitens dieser Gruppen ist ein Versuch, den in der Rushdie-Aff\u00e4re gewonnenen Boden zu verteidigen und zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Wer aber die Wahrnehmung der Menschen ver\u00e4ndern will, ist schlecht berufen, mit Verboten, Tabus und Sprachregelungen zu arbeiten. Besser w\u00e4re es, der \u00d6ffentlichkeit ein anderes Image des Islam zu pr\u00e4sentieren. Allerdings darf das nicht blo\u00df eine Art besch\u00f6nigende Gegenpropaganda sein. Es muss ein authentisches Gegenbild sein, dass die problematischen Dinge nicht ausblendet und von echter Auseinandersetzung mit ihnen zeugt.<\/p>\n<p>Viele Muslime hierzulande sehen sich als eine Minderheit, die nicht gen\u00fcgend offen und herzlich\u00a0 angenommen wird. F\u00fcr Journalisten ist es wichtig, so etwas zu wissen. Aber am Ende darf es die Berichterstattung nicht entscheidend beeinflussen. Sonst wird der Journalismus (noch mehr) Teil der Identit\u00e4tspolitik, indem er versucht, das \u201erichtige Bild des Islam\u201c zu formen.<\/p>\n<p>Ein Journalist darf sich so etwas nicht vornehmen, sonst wird er zum Identit\u00e4tspolitiker. Er soll \u2013 das ist eine Banalit\u00e4t \u2013 sein jeweiliges Thema fair und unvoreingenommen angehen.<\/p>\n<p>Das journalistische Ethos l\u00e4\u00dft sich in einem kleinen Satz zusammenfassen: \u201eDies alles gibt es also.\u201c Am Anfang soll das Staunen stehen und der Wunsch, die Leser ins Erstaunen zu versetzen \u00fcber eine Wirklichkeit, die fast immer ein bisschen anders ist, als man denkt. Pathetischer kann ich es nicht sagen.<\/p>\n<p>Und das bedeutet f\u00fcr das Thema Islam: Wir m\u00fcssen gleichzeitig auf- und abr\u00fcsten. Die Aufmerksamkeit f\u00fcr viele Ph\u00e4nomene, die heute noch am Rande unserer Wahrnehmung liegen, muss aufgebohrt werden. Und der Gestus des kulturellen Endkampfes, mit dem wir \u00fcber islambezogene Themen reden, muss entschieden runtergedreht werden. Dabei will ich nicht bestreiten, dass wir Zeugen einer dramatischen Entwicklung sind: Von einem Land mit einem Dutzend Moscheen sind wir in weniger als 50 Jahren zu einem Land der zweitausend Moscheen geworden \u2013 welch eine gro\u00dfartige Leistung f\u00fcr ein Land, das sich noch vor wenigen Jahrzehnten so schwer getan hat mit Fremden.<br \/>\nWas also sollen wir Journalisten tun?<\/p>\n<p>Wir sollen weiter \u2013 und mehr als vorher \u2013 \u00fcber den Islam berichten, aber ohne das Leben der muslimischen Migranten und ihrer Kinder hier darauf zu reduzieren.<\/p>\n<p>Der Islam ist die L\u00f6sung, lautet die Parole der Islamisten. Und die Rechtspopulisten stimmen ihnen zu, nur ins Negative gewendet: Der Islam ist das Problem.<\/p>\n<p>Eine reduktionistische Berichterstattung kommt diesen beiden Gruppen gerade recht. Dagegen sollte der Pluralismus des islamischen Lebens hier sichtbar werden. Es gibt viele Weisen, Muslim zu sein in Deutschland \u2013 fromm, konservativ, liberal, skeptisch, desinteressiert, ja sogar auf eine spezifisch muslimische Weise atheistisch.<\/p>\n<p>Insofern stimme ich \u00fcberein mit den Autoren einer gro\u00dfen Studie \u00fcber das \u201eIslambild bei ARD und ZDF\u201c, Kai Hafez und Carola Richter. Sie fanden vor vier Jahren, \u201edass das Hauptproblem der Islamberichterstattung von ARD\/ZDF nicht so sehr die Darstellung von Konflikten an sich ist, sondern die extrem hohe Konzentration auf dieses Themenspektrum. Nicht die Darstellung des Negativen ist das Problem, sondern die Ausblendung des Normalen, des Allt\u00e4glichen und des Positiven. Es entsteht der Eindruck, als lie\u00dfen sich ARD\/ZDF ungeachtet vieler offizieller Bekundungen des Gegenteils von einem simplifizierten Bild des \u2018Kampfes der Kulturen\u2019 zwischen dem Islam und dem Westen leiten, das ungeachtet seiner gro\u00dfen Popularit\u00e4t fast keine Unterst\u00fctzer in der Wissenschaft findet. (\u2026)<br \/>\nEs bedarf keiner an vorgefertigten Kulturmodellen orientierten Nachrichtenroutine, sondern eines lebendigen und dynamischen Journalismus, der nicht mehr \u00fcber den Islam berichtet, sondern die vorhandenen medialen R\u00e4ume so pluralistisch konzipiert, dass alle Bereiche des muslimischen Lebens eingeschlossen werden.\u201c<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr, wie man\u2019s nicht macht: Ein islamischer Theologe hat mir erz\u00e4hlt, dass er vor wenigen Jahren einmal zu einer der gro\u00dfen Talksendungen im deutschen Fernsehen eingeladen werden sollte. Es fand ein Vorgespr\u00e4ch statt, das angenehm verlief. Dann wurde er kurz vor der Sendung doch noch ausgeladen. Begr\u00fcndung: Man h\u00e4tte sich etwas sch\u00e4rfere Kommentare von ihm erhofft. Tja, und in der Sendung bei Sabine Christiansen sa\u00df dann der Leipziger Salafist Hassan Dabagh mit seinem malerischen Rauschebart. Er wirkte toll im Fernsehen. Er wirkte wie f\u00fcrs Fernsehen geschaffen.<\/p>\n<p>Eine Verallt\u00e4glichung der Islamberichterstattung, wie von Hafez und Richter gefordert, w\u00e4re zweifellos w\u00fcnschenswert. Aber ich habe Probleme mit der Scheu vor Konflikten. Ich bin n\u00e4mlich nicht der Meinung der Autoren, dass die Berichterstattung \u00fcber Konflikte im Zusammenhang mit dem Islam integrationshemmend wirkt. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass Integration sich immer im Modus des Konflikts vollzieht.<\/p>\n<p>Zu einer pluraleren Gesellschaft geh\u00f6rt ganz zentral auch das Aushalten von Konflikten. Die sch\u00f6ne Idee, dass man in einer pluralistischeren Gesellschaft r\u00fccksichtsvoller zu sein habe, kann nicht von oben her durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Sie wird sich nur aus durchlebten Konflikten ergeben, in denen man einander kennen \u2013 und die Sensibilit\u00e4t des anderen respektieren \u2013 lernt. Dass es am Ende in einer \u201ebunten Republik Deutschland\u201c , wie der neue Bundespr\u00e4sident sagt, netter und h\u00f6flicher zugeht, darauf w\u00fcrde ich also nicht wetten. Alle Seiten m\u00fcssen wohl lernen, mit immer mehr Zumutungen zu leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die d\u00fcmmste Debatte des letzten Jahres geht in die dritte Runde: Geh\u00f6rt der Islam zu Deutschland? Ja oder nein? &#8222;Historisch&#8220;? Eine neue Lesart sch\u00e4lt sich heraus: Muslime ja, Islam nein. Klasse. Das ist endlich die L\u00f6sung! Muslime ohne Islam? Das muss doch irgendwie gehen. 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