{"id":5179,"date":"2011-10-28T16:21:03","date_gmt":"2011-10-28T14:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5179"},"modified":"2011-10-28T16:21:03","modified_gmt":"2011-10-28T14:21:03","slug":"ist-islamkritik-ohne-islamophobie-moglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/10\/28\/ist-islamkritik-ohne-islamophobie-moglich_5179","title":{"rendered":"Ist Islamkritik ohne Islamophobie m\u00f6glich?"},"content":{"rendered":"<p><em>Im folgenden ein (sehr langer) Beitrag \u00fcber das Debattenjahr 2010, geschrieben f\u00fcr das Jahrbuch <a href=\"http:\/\/www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de\/2011\/10\/206067\/\">&#8222;Muslime in den Medien&#8220;<\/a>. Regelm\u00e4\u00dfigen Lesern dieses Blogs werden einige Passagen bekannt vorkommen.<\/em><\/p>\n<p>Die deutsche Debatte des Jahres 2010 ist bei aller Vielstimmigkeit von ei\u00adnem einzelnen Buch gepr\u00e4gt, und das gilt nicht nur f\u00fcr die so genannte \u201eIs\u00adlamkritik\u201c: Thilo Sarrazins Sachbuchbestseller \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c.<br \/>\nDie merkw\u00fcrdige Ironie dieses Erfolgs ist, dass Sarrazins Buch als Beitrag zur \u201eIslamkritik\u201c in die Geschichte eingegangen ist. Daf\u00fcr gibt es Gr\u00fcnde, etwa die Gegenwart von Necla Kelek, die auch als sogenannte \u201eIslamkriti\u00adkerin\u201c firmiert, bei der Vorstellung des Buchs in Berlin. Auch bereits die Diskussion vor Erscheinen des Buchs aufgrund von Sarrazins Interview mit \u201eLettre International\u201c im Herbst 2009 wird hier die Weichen der Re\u00adzeption gestellt haben. Schon dieses Interview wurde weithin als Angriff auf Muslime und den Islam wahrgenommen.<br \/>\nWas das Buch selber angeht, ist die \u201eislamkritische Rezeption\u201c aller\u00addings erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig: Im M\u00e4rz 2011 erkl\u00e4rt der Autor bei Gelegenheit eines Auftritts in der Evangelischen Akedemie Tutzing, eigentlich habe er \u201eja gar kein Buch \u00fcber Muslime schreiben\u201c wollen, sondern &#8211; \u00fcber den Sozi\u00adalstaat. Und mit der Zuwanderung besch\u00e4ftige er sich entsprechend auch erst ab Seite 256.<br \/>\nDas ist sachlich richtig, macht die Aufregung um Sarrazin aber noch r\u00e4tselhafter: Alles ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis? Sind die Muslime selber schuld, wenn sie sich angesprochen f\u00fchlen? Polemisch gesagt: Typisch isla\u00admische Ehrbesessenheit und Neigung zum Beleidigtsein? Und was die vielen Hunderttau\u00adsende K\u00e4ufer angeht, haben die dann auch alles missverstanden?<br \/>\nDas Ansehen des Islams und der Muslime ist auf einem Tiefpunkt, wie immer neue Umfragen belegen. Sarrazin aber hat, wenn man seine \u00c4u\u00ad\u00dferungen in Tutzing ernst nimmt, daran weder Anteil, noch profitiert er davon, denn eigentlich geht es ihm ja nur um \u201eden Sozialstaat\u201c? Warum bloss h\u00f6rt das Publikum \u201eIslam\u201c, wenn der Sozialstaat gemeint ist?<br \/>\n\u201eIslamkritik\u201c ist eine Art Beruf geworden. Seyran Ate\u015f, Autorin meh\u00adrerer B\u00fccher, die sich mit Geschlechterfragen und den Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft befassen, verbittet sich mittlerweile, so bezeichnet zu werden: Sie ist selber gl\u00e4ubige Muslimin und m\u00f6chte nicht als jemand rubriziert werden, der etwas \u201egegen den Islam\u201c hat. Ihre Auseinandersetzung mit dem Missst\u00e4nden, die religi\u00f6s rechtfertigt werden, will sie nicht als religionsfeindlich missverstanden wissen. Ate\u015f hat guten Grund zu dieser Distanzierung: Was hierzulande weithin als \u201eIslamkritik\u201c l\u00e4uft, hat sich von der notwendigen intellektuellen, historischen, theologischen, politischen Auseinandersetzung mit einer Weltreligion immer weiter entfernt &#8211; und ist zur Stimmungsmache gegen einen Bev\u00f6lkerungsteil verkommen. Es muss nicht so bleiben. Vielleicht kann es auch gelingen, zur Sachlichkeit zur\u00fcckzukehren. Vielleicht kann man die \u00dcbertreibungen unserer Debatte auch wieder einfangen. Derzeit sieht es leider nicht so aus.<br \/>\nDas ist f\u00fcr mich das vorl\u00e4ufige Ergebnis eines aufgeregten Debattenjahres.<br \/>\nZu Beginn des Jahres erregte Wolfgang Benz gro\u00dfes Aufsehen mit seiner These von den Parallelen zwischen Islamkritik und Antisemitismus. In sei\u00adnem St\u00fcck in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 4. Januar hei\u00dft es:<br \/>\n\u201eDie unterschwellig bis grobschl\u00e4chtig praktizierte Diffamierung der Musli\u00adme als Gruppe durch so genannte &#8218;Islamkritiker&#8216; hat historische Paralle\u00adlen. (&#8230;)<br \/>\nDer Berliner Antisemitismusstreit war vor allem eine Identit\u00e4tsdebatte, eine Auseinandersetzung dar\u00fcber, was es nach der Emanzipation der Ju\u00adden bedeuten sollte, Deutscher zu sein und deutscher Jude zu\u00a0sein. Derzeit findet wieder eine solche Debatte statt. Es geht aber nicht mehr um die Emanzipation von Juden, sondern um die Integration von Muslimen.\u201c<br \/>\nDamit hat Benz in meinen Augen ganz einfach recht. Seine Kritiker hielten ihm entgegen, er setze Antisemitismus und Islamkritik gleich. Benz sugge\u00adriert aber nirgends, dass ein Holocaust an Muslimen drohe oder dass Musli\u00adme in Deutschland \u00e4hnlichen Formen der Diskrimierung unterliegen wie vormals die Juden. Das w\u00e4re auch bizarr.<br \/>\n\u201eDer symbolische Diskurs \u00fcber Minarette\u201c, schreibt Benz, \u201cist in Wirklichkeit eine Kampagne gegen Menschen, die als Mitglieder einer Gruppe diskriminiert werden, eine Kampfansage gegen Toleranz und\u00a0Demokratie.\u201c<br \/>\nBenz spricht \u00fcber den \u201eDiskurs\u201c, der besonders im Internet erschreckende Formen angenommen hat. Und sein eigentlicher Punkt ist den Kritikern entgangen: Es handelt sich bei der \u201eIslamkritik\u201c um eine Identit\u00e4tsdebatte der Mehrheitsgesellschaft. Es wird darin verhandelt, was es heute hei\u00dft, Deutscher und Muslim zu sein. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die in den Unterstellungen unterging, ausgerechnet Benz, der sein Leben lang \u00fcber Antisemitismus geforscht und gegen ihn gek\u00e4mpft hat, wolle irgendetwas von der Schrecklichkeit des Antisemitismus \u201erelativieren\u201c.<br \/>\nIch halte das f\u00fcr einen entscheidenden Punkt zum Verst\u00e4ndnis der deut\u00adschen und europ\u00e4ischen Debatten \u00fcber den Islam: Sie handeln in Wahrheit nicht wirklich vom Islam als Religion. Man kann die Leidenschaften, die dabei am Werk sind, wohl kaum aus einem Interesse am Verstehen einer Weltreligion ver\u00adstehen, die (als Teil Europas, nicht als sein Gegen\u00fcber) immer noch neu ist. In erheblichem Ma\u00dfe dient die Debatte \u00fcber den Islam der Selbstvergewis\u00adserung einer verunsicherten Mehrheitsgesellschaft. Es geht bei der \u201eIslamkritik\u201cmin\u00addestens so sehr um die deutsche, die europ\u00e4ische, die christliche, die s\u00e4ku\u00adlare Identit\u00e4t wie um den Islam.<br \/>\nDas ist f\u00fcr sich genommen weder irrational noch illegitim. Es gibt Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Verunsicherung, es gibt Gr\u00fcnde, die die \u201eIslamkritik\u201c an- und ihr die Leser zutrei\u00adben. Ich sehe Deutschland in der Situation eines Nach-Einwanderungslan\u00addes. Das Wort ist nicht sch\u00f6n, aber es beschreibt die Wirklichkeit: wir leben in einer post-migrantischen Situation. Wir debattieren also nicht mehr unter einem Einwanderungsdruck: Der Wanderungssaldo Deutschlands mit der T\u00fcrkei ist seit Jahren negativ. Seit 1961 kamen t\u00fcrkische Gastarbeiter nach Deutschland, mehr als 900.000 bis 1973, als das Programm durch den Anwerbestopp beendet wurde. Durch Familienzusammenf\u00fchrung und nat\u00fcrliches Wachstum nahm die t\u00fcrkische Bev\u00f6lkerung in Deutschland bis 2005 auf 1,7 Millionen zu. Beginnend im Jahr 2006 kehrte sich der Trend um: Mehr Menschen zogen von Deutschland in die T\u00fcrkei als umgekehrt. 2009 gingen 10.000 mehr Menschen von Deutschland in die T\u00fcrkei als vice versa.<br \/>\nDas ist nur ein Beleg daf\u00fcr, dass Deutschland (jedenfalls f\u00fcr T\u00fcrken) kein Einwanderungsland mehr ist. Doch just in dem Moment nehmen die Debat\u00adten \u00fcber die Eingewanderten und ihre Nachkommen immer sch\u00e4rferen Charakter an. Vielleicht kann man im Amerika der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts einen Pr\u00e4zedenzfall sehen. Damals wurden die Gren\u00adzen f\u00fcr Immigration weitgehend geschlossen \u2013 nach einer gro\u00dfen Welle zwi\u00adschen 1870-1924, die Iren, Deutsche, Polen und andere Osteurop\u00e4er und Italiener in Millionenzahlen nach Amerika gebracht hatte. Der Immigrati\u00adon Act von 1924 setzte harte Quoten nach ethnischen Kriterien. Und dies f\u00fchr\u00adte dazu, dass die USA zeitweise aufh\u00f6rten, Einwanderungsland zu sein. Man ging daran, mit viel Druck die Integration\/Assimilation der Eingewan\u00adderten zu betreiben. Es gab sogar \u2013 vor allem im Zuge des Weltkrieges \u2013 starke xe\u00adnophobe Exzesse (gegen Japaner).<br \/>\nIch will die Analogie nicht zu weit treiben. Nur soviel: Europa insgesamt scheint, nach der gigantischen Einwanderungswelle der Nachkriegszeit, die gespeist wurde durch Postkolonialismus und Wirtschaftsboom, ebenfalls in einer Phase der Schlie\u00dfung zu sein. Schlie\u00dfung im Wortsinne durch gesetz\u00adliche Erschwerung von Zuwanderung. Und im \u00fcbertragen Sinne als Ver\u00adsuch, die jeweilige Identit\u00e4t zu bewahren (was auch immer das jeweils sei). Der Erfolg der rechtspopulistischen Anti-Einwanderer-Parteien \u00fcberall in Europa spricht daf\u00fcr.<br \/>\n\u00dcberall? Eben nicht. Deutschland hat keine solche Partei. Deutschland hat statt dessen eine Debatte in Gestalt der \u201eIslamkritik\u201c. Mir ist das einstweilen lieber so, wie h\u00e4sslich die Debatte auch sein m\u00f6ge. Bei aller Kritik an der \u201eIslamkritik\u201c sollte das nicht vergessen werden.<br \/>\nDer Soziologe Niklas Luhmann hat in seinem Buch \u00fcber die \u201eRealit\u00e4t der Massenmedien\u201c gesagt:<br \/>\n\u201cWas wir \u00fcber unsere Gesellschaft, ja \u00fcber die Welt, in der wir leben, wis\u00adsen, wissen wir durch die Massenmedien.\u201d<br \/>\nIm Luhmannschen Sinn m\u00f6chte ich im folgenden dar\u00fcber reden, welches Bild des Islams wir in Deutschland haben, wenn man unsere Massenmedi\u00aden dabei zugrundelegt. F\u00fcr hier lebende Muslime bedeutet das: Welches Bild bekommen sie davon, wie sich die Mehrheitsgesellschaft durch ihre Medien den Islam zurecht legt. Einfacher gesagt: Ein Muslim sieht unsere Schlagzeilen und liest unsere Geschichten \u00fcber den Islam und fragt sich: Aha, so also sehen die mich, meine Kultur und Religion, meine Herkunft und Pr\u00e4gung.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd hier liegt ein Problem, das meines Erachtens noch sehr untersch\u00e4tzt wird:<br \/>\nImmer mehr Muslime in Deutschland, Frankreich und Gro\u00dfbritannien glauben nicht, dass die Mainstream-Medien ausgewogen \u00fcber sie berichten. Zu diesem Ergebnis kommt ein Pilotprojekt des Londoner Institute for Stra\u00adtegic Dialogue und der Vodafone Stiftung Deutschland.55 Prozent der befragten Muslime vertraten die Auffassung, die gro\u00dfen Medien berichteten negativ \u00fcber Muslime. Bei den nicht muslimischen Be\u00adfragten waren es immerhin 39 Prozent. Mehr als die H\u00e4lfte der Studienteilnehmer sind \u00fcberzeugt, dass es in den meisten Berichten \u00fcber Muslime um Terrorismus geht. Ein Drittel glaubt, dass vor allem Fundamentalismus eine Rolle spielt; ein Viertel nimmt als h\u00e4ufigstes Thema in der Berichterstattung \u00fcber Muslime die Kopftuchde\u00adbatte wahr.<br \/>\nDiese Zahlen stammen aus dem Jahr 2009 \u2013 vor der Sarrazin-Debatte. Sie werden sich durch diese Debatte weiter verschlechtert haben.<br \/>\nNat\u00fcrlich haben diese Befragten nicht Recht in einem objektiven Sinn: Kei\u00adneswegs geht es in der Mehrzahl der Berichte um Terrorismus. Und das Kopftuch ist immer noch ein Aufregerthema, aber das \u201eh\u00e4ufigste\u201c? Nein. Dennoch scheint es mir unbestreitbar richtig, dass die Intuition der Befrag\u00adten stimmt, dass hier etwas im Argen liegt.<br \/>\nEin j\u00fcngeres Beispiel: \u201eJung, muslimisch, brutal\u201c titelte Spiegel Online einen Bericht \u00fcber die Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer zum Zu\u00adsammenhang von Religi\u00f6sit\u00e4t und Gewaltneigung. Der S\u00fcddeutschen fiel zur gleichen Untersuchung die Zeile ein: \u201eDie Faust zum Gebet\u201c.<br \/>\nEin paar andere Schlagzeilen:<br \/>\nblick (Schweiz): \u201eMacht Islam aggresiv? Jung, brutal \u2014 Muslim\u201d, Tagess\u00adpiegel: \u201cAllah macht hart\u201d, Financial Times Deutschland: \u201cStudie zu jungen Muslimen \u2014 Je gl\u00e4ubiger, desto gewaltt\u00e4tiger\u201d, Welt.de: \u201cStudie \u2014 Gl\u00e4ubige Muslime sind deutlich gewaltbereiter\u201d, Welt: \u201cMuslime \u2014 Mehr Religiosit\u00e4t = mehr Gewaltbereitschaft\u201d, Bild.de: \u201cJunge Muslime: je gl\u00e4ubiger desto brutaler\u201d, Hamburger Abendblatt: \u201cJunge Muslime: Je gl\u00e4ubiger, desto bru\u00adtaler\u201d.<br \/>\nDas ist die Ausbeute der Schlagzeilen, und sie ist nicht einmal vollst\u00e4ndig. In Wahrheit steht in der Studie allerdings, dass es nur einen moderaten An\u00adstieg der Gewaltbereitschaft bei jenen jugendlichen Muslimen gibt, die sich als \u201esehr religi\u00f6s\u201c bezeichnen. (Einzig der Tagesspiegel weist darauf hin und konterkariert so die rei\u00dferische \u00dcberschrift.) Und die Studie f\u00fchrt auch aus, dass f\u00fcr diesen Anstieg der Gewaltbereitschaft haupts\u00e4chlich au\u00ad\u00dferreligi\u00f6se Gr\u00fcnde verantwortlich sind \u2013 eine Machokultur, die Zahl straf\u00adf\u00e4lliger Freunde oder der Konsum von gewaltverherrlichenden Medien zum Beispiel. Es gibt laut der Studie \u201ekeinen signifikanten Zusammenhang\u201c zwischen Religiosit\u00e4t und Gewalt. Ich zitiere:<br \/>\n\u201eDas Modell III belegt ferner, dass diese erh\u00f6hte Gewaltbereitschaft wei\u00adtestgehend auf andere Belastungsfaktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, wobei die vier bereits bekannten Faktoren einbezogen werden. Dies f\u00fchrt dazu, dass von der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Konfessionsgruppe kein Effekt mehr auf das Gewaltverhalten zu beobachten ist. (KFN-Studie, Seite 116)<br \/>\n(\u2026) Mit st\u00e4rkerer religi\u00f6ser Bindung steigt die Gewaltbereitschaft tendenziell an. Da dieser Zusammenhang aber als nicht signifikant ausgewiesen wird, ist bei islamischen Jugendlichen von keinem unmittelbaren Zusammenhang (und damit auch nicht von einem Gewalt reduzierenden Zusammenhang) zwischen der Religiosit\u00e4t und der Gewaltdelinquenz auszugehen. (KFN-Studie, S. 118)<br \/>\n(\u2026) Mit den hier dargestellten Forschungsergebnissen ist noch nicht ausreichend belegt, dass der Islam f\u00fcr die dargestellte Problematik direkt verantwortlich gemacht werden kann. Zur Kl\u00e4rung bedarf es tiefergehende Analysen (\u2026). (KFN-Studie, S. 129)<\/p>\n<p>Halten wir fest: Kein Effekt, nicht signifikant ausgewiesen, kein unmittelba\u00adrer Zusammenhang, nicht ausreichend belegt \u2013 so lautet die Schlu\u00dffolge\u00adrung der Studie \u00fcber den Zusammenhang von Religiosit\u00e4t und Gewalt bei Muslimen.<br \/>\nUnd dennoch kam es zu den zitierten Schlagzeilen. In dem Bericht bei Spie\u00adgel Online hei\u00dft es: \u201eEine neue Studie hat eine besorgniserregende Entwick\u00adlung unter jungen Muslimen festgestellt: Demnach w\u00e4chst ihre Gewaltt\u00e4tig\u00adkeit mit zunehmender Bindung an den Islam. Zudem nehme mit der Reli\u00adgiosit\u00e4t auch die Akzeptanz von Machokulturen und die Nutzung gewal\u00adthaltiger Medien zu.\u201c<br \/>\nHier wird die Kausalit\u00e4t geradezu umgekehrt: W\u00e4hrend die Studie sagt, dass zu einer starken religi\u00f6sen Bindung noch andere Faktoren hinzukom\u00admen m\u00fcssen, um zu erkl\u00e4ren, warum junge M\u00e4nner gewaltbereit werden, sagt der Bericht, die Religion mache Machokultur und den Konsum gewal\u00adthaltiger Medien wahrscheinlicher. Das ist wahrlich \u201ebesorgniserregend\u201c.<br \/>\nEs ist ein journalistisches Desaster. Dass Muslime angesichts einer solchen Praxis von Islamophobie sprechen, kann ich verstehen.<br \/>\nWie in diesem Fall aus einer Studie, die vorsichtig formuliert, eine Alarm\u00admeldung \u00fcber brutale junge Muslime gemacht wurde \u2013 im vollen Bewusst\u00adsein des Herrn Professor Pfeiffer \u00fcbrigens, dem es offenbar lieber ist, falsch zitiert zu werden als gar nicht \u2013 das ist ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, wie es nicht geht.<br \/>\nWarum ich den Begriff Islamophobie dennoch nicht f\u00fcr geeignet halte zu beschreiben, was sich in unserer \u00d6ffentlichkeit abspielt, werde ich sp\u00e4ter beschreiben.<br \/>\nPfeiffers Ergebnisse wurden ungeb\u00fchrlich aufgeblasen, um daraus antimuslimische Ressentiments zu bedienen.<br \/>\nMuslime und Medien. Das ist heute ein zentrales Feld der Gesellschaftspolitik.<br \/>\nDas ist in den vergangenen Jahren wohl auch dem letzten klar geworden. Als ich vor etwa 10 Jahren anfing, in der ZEIT regelm\u00e4\u00dfig dar\u00fcber zu schreiben, war das noch nicht so. Mein Bericht zum Beispiel \u00fcber eine erregte Kontroverse in der Islamwissenschaft landete im Feuilleton. Ein Chef hatte Bedenken, als ich mich wochenlang in Streitigkeiten \u00fcber die \u00dcbersetzbarkeit bestimmter Passagen des Korans einw\u00fchlte. \u201eSie fehlen mir zu lange f\u00fcr die Hauptthemen\u201c, war die Begr\u00fcndung seiner Sorge.<br \/>\nNun ist aber der Islam zweifellos eines der Hauptthemen unserer Profession geworden. Und die Chefs haben auch umgedacht.<br \/>\nEs gibt daf\u00fcr zwei Gr\u00fcnde, \u00fcber die wir hier nicht viel Worte verlieren m\u00fcs\u00adsen: Terrorismus und Einwanderung \u2013 anders gesagt: radikale, religi\u00f6s mo\u00adtivierte politische Bewegungen einerseits und Immigration und demogra\u00adphischer Wandel andererseits. Ein au\u00dfenpolitisches Motiv also, und ein in\u00adnenpolitisches.<br \/>\nAllerdings sprengt das Themenfeld \u201eIslam\u201c diese fein s\u00e4uberliche Auftei\u00adlung der journalistischen Welt in \u201eInnen\u201c und \u201eAu\u00dfen\u201c, auf die wir so viel Wert legen in meinem Beruf.<br \/>\nNehmen wir mal die Aff\u00e4re um das Boot, das aus der T\u00fcrkei nach Gaza auf\u00adgebrochen war, um dort die israelische Blockade zu brechen \u2013 die Mavi Marmara. Eine t\u00fcrkisch-islamische Hilfsorganisation namens IHH steckte hinter dem Unternehmen. Aber auch deutsche Abgeordnete der Linkspar\u00adtei waren mit an Bord. Neun Menschen starben bei dem Versuch der israeli\u00adschen Armee, das Boot zu st\u00fcrmen.<\/p>\n<p>Nun ist das f\u00fcr Deutschland ganz klar erst einmal eine au\u00dfenpolitische An\u00adgelegenheit. Aber nicht mehr ausschlie\u00dflich: Wenn die deutsche Regierung sich hier positioniert, hat das auch Auswirkungen in der Innenpolitik: Wie nimmt der Teil des Publikums, der selber t\u00fcrkische Wurzeln hat, die Einlas\u00adsungen der deutschen Bundeskanzlerin oder des Au\u00dfenministers wahr? Es kann sein, dass sich in einem solchen Konflikt die deutsche Kanzlerin im Wettbewerb befindet \u2013 im Wettbewerb mit dem t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4si\u00addenten um die \u00f6ffentliche Meinung der Deutscht\u00fcrken zum Thema Israel, Gaza, Blockade. Und wenn bei einer solche Aktion neun t\u00fcrkische Staats\u00adb\u00fcrger sterben, dann ist das f\u00fcr ein Land wie Deutschland mit einer gro\u00dfen t\u00fcrkischen Minderheit ein Faktum von Bedeutung.<br \/>\nIn der deutschen Politik \u2013 und in den deutschen Medien \u2013 wird aber \u00fcber den aktuellen israelisch-t\u00fcrkischen Konflikt immer noch geredet und ge\u00adschrieben, als ginge uns diese Sache nur etwas an im Lichte unseres au\u00dfen\u00adpolitischen Credos, die Existenz Israels sei \u201eTeil der deutschen Staatsr\u00e4son\u201c. Ich glaube, dass hier in langer Sicht die innenpolitische Lage die au\u00dfenpolitische Perspektive ver\u00e4ndern wird. Das hei\u00dft: Deutschland wird seine au\u00dfenpolitischen Festlegungen anders (einem anderen Teilpu\u00adblikum) erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<br \/>\nMan kann Vorboten dieser Situation erkennen in der Debatte um den Film \u201cTal der W\u00f6lfe \u2013 Pal\u00e4stina\u201c, der die Ereignisse um die Mavi Marmara zum Anlass nimmt f\u00fcr eine weitere Folge der erfolgreichen t\u00fcrkischen Actionfil\u00adm-Serie. Man wird sich intensiv mit der Perspektive auseinander setzen m\u00fcssen, aus der dieser Film auf den Nahostkonflikt blickt. Antisemitische Elemente der Filmerz\u00e4hlung m\u00fcssen offen und ohne Scheu adressiert wer\u00adden. Es m\u00fcsste deutlich gemacht werden, dass die Kritik daran nichts mit einer Tabuisierung der Kritik an Israel zu tun hat. Ja im Gegenteil: dass eine glaubw\u00fcrdige Kritik an israelischer Politik nur m\u00f6glich ist, wenn sie sich von antisemitischen Stereotypen fern h\u00e4lt.<br \/>\nMan kann an diesem Bespiel sehen, wie ein au\u00dfenpolitischer Wandel \u2013 die Abk\u00fchlung der t\u00fcrkisch-israelischen Beziehungen \u2013 unmittelbare Auswir\u00adkungen auf die deutsche Innenpolitik haben kann: \u00dcber die Frage ei\u00adnes m\u00f6glichen Verbots des Films \u201eTal der W\u00f6lfe \u2013 Pal\u00e4stina\u201c wird dieser Konflikt in Deutschland ausgetragen \u2013 sogar in der Kulturpolitik.<\/p>\n<p>Vergegenw\u00e4rtigen wir uns einige der Hauptthemen des letzten Jahres, die mit Muslimen und dem Islam zu tun hatten:<br \/>\nFrankreich debattiert und beschie\u00dft ein Burka-Verbot; Deutschland be\u00adkommt eine erste muslimische Landesminsterin mit Ayg\u00fcl \u00d6zkan, deren Eid mit Gottesbezug sofort zu heftigen Reaktionen f\u00fchrt; bei der Deutschen Islamkonferenz wird der Islamrat ausgeschlossen, der Zentralrat der Mus\u00adlime boykottiert die Sitzungen; Geert Wilders wird in den Niederlanden de facto zum Mitregierenden, das seine Partei die rechtsliberale Koalition dul\u00addet; ein geplantes islamisches Kulturzentrum mit Moschee entz\u00fcndet in New York eine heftige Debatte (\u201eGround Zero Moschee\u201c); der Pastor einer marginalisierten evangelikalen Gemeinde in Florida, Terry Jones, k\u00fcndigt die Verbrennung eines Korans an.<br \/>\nIm August erscheint Thilo Sarrazins Buch \u201eDeutschland schafft sich ab\u201c. Im Oktober sagt der Bundespr\u00e4sident Christian Wulff bei seiner Rede zur Deutschen Einheit, Christentum und Judentum geh\u00f6rten \u201ezweifelsfrei\u201c zu Deutschland: \u201eAber der Islam geh\u00f6rt inzwischen auch zu Deutschland.\u201c Vor allem in den beiden Debatten, die Sarrazin und Wulff ausl\u00f6sen, kristalli\u00adsiert sich die neue Lage heraus.<br \/>\nWulffs Satz ist eigentlich eine Banalit\u00e4t. Wolfgang Sch\u00e4uble hatte zu Beginn der Islamkonferenz 2006 schon das Gleiche gesagt und daf\u00fcr unisono Zu\u00adstimmung geerntet. &#8222;Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas. Der Is\u00adlam ist Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft.&#8220; So hatte Sch\u00e4uble zur ersten Sitzung der DIK gesprochen. Dem Bundespr\u00e4sidenten jedoch, der vier Jahre sp\u00e4ter daran anschloss, wurde in einer derart scharfen Wei\u00adse auch aus seinem eigenen politischen Lager entgegnet, dass man sich fra\u00adgen muss: Was ist passiert in den vier Jahren seit Sch\u00e4ubles Versuch, die Muslime willkommen zu hei\u00dfen? Die Bild-Zeitung ging so weit zu fragen: \u201eHerr Bundespr\u00e4sident, warum hofieren Sie den Islam?\u201c Ein Kollege in der FAZ schrieb \u00fcber Wulff, er \u201ek\u00e4mpft f\u00fcr den Islam. Wie Erdogan.\u201c Da liegt ein panischer Ton in der Luft, als w\u00fcrde der Bundespr\u00e4sident Deutschland verraten und ausverkaufen, indem er eine schlichte Tatsachenfeststellung macht: Der Islam geh\u00f6rt auch zu Deutschland. In der Folge distanzierten sich namhafte Unionspolitiker von Wulff, vor allem aus der CSU. Horst Seehofer schiebt eine These nach, Deutschland brauche keine Zuwanderer aus \u201efremden Kulturen\u201c mehr. Es ist nach der Debatte des Jahres klar, dass er damit nicht Inder oder Chinesen meint, die in Bayern hoch willkommen sind als Software-Ingenieure. \u201eFremde Kulturen\u201c &#8211; das hei\u00dft T\u00fcrken, Araber, Muslime, wie jeder wei\u00df. Es ist eine etwas verklemmte, codierte Art, das zu sagen, ohne sich direkt angreifbar zu machen.<br \/>\nHans-Peter Friedrich, damals Landesgruppenchef, kann sich auch noch im Jahr 2011, als er l\u00e4ngst Innenminister geworden ist \u2013 und damit zust\u00e4ndig f\u00fcr die Islamkonferenz \u2013 nicht mit Wulffs Feststellung anfreunden und be\u00adhauptet, es gebe \u201eauch historisch\u201c keine Belege f\u00fcr die Zugeh\u00f6rigkeit des Is\u00adlams zu Deutschland. Auch hier ist es offensichtlich: die angebliche Islam\u00addebatte ist eigentlich eine Identit\u00e4tsdebatte der verschreckten Mehrheits\u00adgesellschaft, in der es um uns geht: Wer sind wir? Muslime und Islam sind das Kontrastmittel, um unsere verwischende Identit\u00e4t deutlicher hervor\u00adtreten zu lassen (\u201ejedenfalls sind wir nicht wie die\u201c&#8230;).<br \/>\nIch glaube, die Unionspolitiker, die Wulff im Herbst angreifen (wie sie es noch nie mit einem Bundespr\u00e4sidenten getan haben), sind durch den Erfolg Thilo Sarrazins nerv\u00f6s geworden. Sein Buch, zu dem ich gleich komme, ist einen Monat zuvor erschienen, und es ist zun\u00e4chst einhellig verdammt worden von der deutschen Politik (Merkel: \u201enicht hilfreich\u201c). Sarrazin wird kurzerhand aus der Bundesbank gedr\u00e4ngt (unter Wulffs Beteiligung), und so wird einem Opfer-Mythos vorgearbeitet: Der Klarsprecher soll mundtot gemacht werden. Nicht zuletzt darum hat Sarrazins Buch einen durch\u00adschlagenden Erfolg. Die in die H\u00f6he schnellenden Verkaufszahlen und die tausenden Leserbriefe f\u00fchren zu einer allm\u00e4hlichen Revision. Man bleibt bei der Verdammung Sarrazins, \u00fcbernimmt aber teilweise dessen Argu\u00admente oder versucht auch ein bi\u00dfchen, dem Affen Zucker zu geben. Seehofers Rede von den \u201efremden Kulturen\u201c geh\u00f6rt daher. Auch der Kom\u00admentar der Kanzlerin, \u201eMultikulti ist gescheitert\u201c, spricht f\u00fcr die Ver\u00e4ngs\u00adtigung der Politik angesichts des Publikumszuspruchs f\u00fcr Sarrazin. Man kann die Angst der Politik f\u00f6rmlich riechen in den Wochen nach der Ver\u00f6f\u00adfentlichung des Buchs \u2013 die Angst, dass sich in der Debatte eine allgemeine Wut gegen die Politik Bahn bricht. Eine Wut, wie sie schon in anderen euro\u00adp\u00e4ischen L\u00e4ndern zum Erfolg der rechtspopulistischen Antipolitiker beige\u00adtragen hat.<\/p>\n<p>Der Islam ist ein hoch politisches Thema geworden, seit sich die Lesart durchgesetzt hat, dass erstens die Muslime nicht wieder weggehen, die durch die Migration hierhergekommen sind. Und zweitens, seit auch dem letzten klar geworden ist, dass diese Muslime ihren Islam nicht irgend\u00adwann abstreifen werden. Der Islam als Religion eines wesentlichen Teils der Bev\u00f6lkerung muss Teil der staatverfassungsrechtlichen Wirklichkeit werden.<br \/>\nUnd mehr als das, denn damit ist ja nur die institutionelle Seite benannt. Man kann von einer \u201eEinb\u00fcrgerung des Islams\u201c sprechen, weil es auch um das Vertrautwerden miteinander geht, das sich aufeinander Einlassen in ei\u00adnem viel umfassenderen Sinn. An unseren Debatten \u00fcber Kruzifixe in Klas\u00adsenzimmern, Amtseide mit Gottesformel, Moscheebauten in deutschen In\u00adnenst\u00e4dten und \u201egenetisch d\u00fcmmere\u201c Muslime k\u00f6nnen wir ablesen, wie viel da noch zu tun \u2013 und zu schreiben \u2013 bleibt.<br \/>\nDer Islam in Europa ist eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen The\u00admen. Er ist von einem so genannten \u201eweichen\u201c zu einem so genannten \u201ehar\u00adten\u201c Thema geworden, weil zwei Gruppen ihn in unseren Gesellschaften f\u00fcr ihre Zwecke zu kapern versuchen: Eine kleine Gruppe radikaler Islamisten auf der einen Seite und radikale Rechtspopulisten auf der anderen. Beide leben gut voneinander, beide f\u00f6rdern und stabilisieren ihre jeweiligen La\u00adger. Beide sind Feinde des europ\u00e4ischen Modells der Moderne als einer offe\u00adnen \u2013 auch f\u00fcr andere Religionen offenen \u2013 Gesellschaftsordnung.<br \/>\nF\u00fcr jede Redaktion wird es in Zukunft unabdingbar sein, Experten zu ha\u00adben, die sprech- und lesef\u00e4hig sind in Fragen, die den Islam betreffen.<br \/>\nMehr Sachlichkeit, mehr Objektivit\u00e4t w\u00e4ren nat\u00fcrlich w\u00fcnschenswert. Aber einfach wird das nicht, denn: Die mediale Debatte \u00fcber den Islam ist ein leidenschaftlicher Diskurs, in dem es um Selbst- und Fremdbilder geht. Zwei extreme Grundannahmen auf beiden Seiten markieren die Grenzen:<br \/>\n\u201eIhr wollt uns nicht. Darum reduziert ihr den Islam so gerne auf Zwangsehen, Gewalt legitimierende Koranverse, strikte Scharia-Normen, Ehrenmorde, Macho- Gehabe und so weiter.\u201c So denken mittlerweile viele meiner t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bekannten.<br \/>\nDie andere Grundannahme lautet: \u201eIhr wollt uns am Ende doch islamisie\u00adren. Ihr akzeptiert unsere liberale Verfassung und unsere offene Gesell\u00adschaft nur so lange, wie sie Euch als Minderheit sch\u00fctzt, um uns dann ir\u00adgendwann doch eure rigiden Vorstellungen von Moral und Anstand, indivi\u00addueller Freiheit und \u00f6ffentlichem Glauben aufzun\u00f6tigen, wie wir sie in den islamischen L\u00e4ndern sehen.\u201c<br \/>\nEs ist diese unterschwellige Logik des Verdachts, die unsere Debatten strukturiert. Eine faire Berichterstattung wird sich immer gegen diese bei\u00adden Extreme absto\u00dfen m\u00fcssen. Und dabei besteht eine besondere Schwie\u00adrigkeit darin, dass die \u00c4ngste beider Seiten manchmal durchaus berechtigt sind:<br \/>\nDenn es gibt zweifellos Teilnehmer der Debatte, die den Islam hier um kei\u00adnen Preis akzeptieren wollen, und es gibt ebenso jene, die tats\u00e4chlich von einer \u201eIslamisierung\u201c tr\u00e4umen. Weder kann es verboten sein, Islamfeind\u00adlichkeit zu benennen, noch kann es tabu sein, muslimische Feinde der Frei\u00adheit auch als solche zu beschreiben.<br \/>\nWas darf man denn in Deutschland noch sagen \u2013 wenn es um den Islam und die muslimischen Einwanderer geht? Die erregteste Debatte zu diesem Thema hat Thilo Sarrazin angesto\u00dfen.<br \/>\nAuch die Reaktionen des Publikums sind hoch interessant. Vielleicht sind sie eigentlich das Interessanteste an dem Buch.<br \/>\nIn vielen Hundert Beitr\u00e4gen, die uns in Mails, Briefen und Onlinekommen\u00adtaren erreichen, sch\u00e4lt sich ein Deutungsmuster heraus, das sich immer weiter vom Ursprung der Debatte l\u00f6st.<br \/>\nEs lautet etwa so: Einer sagt, was schiefl\u00e4uft im Land mit den \u00bbT\u00fcrken und Arabern\u00ab \u2013 und wird daf\u00fcr bestraft. Man kann einem Mythos beim Entste\u00adhen zuschauen: Thilo Sarrazin, einsamer K\u00e4mpfer gegen Rede- und Denk\u00adverbote.<br \/>\nIch muss sagen, dass viele dieser Beitr\u00e4ge der Leser mich erschreckt ha\u00adben.<br \/>\nEs kommen in den Leserbriefen und den Onlinedebatten Annahmen \u00fcber den Stand der Integration, \u00fcber die \u00bbwahren Ursachen\u00ab der Probleme des Einwanderungslandes, \u00fcber die deutsche Identit\u00e4t und \u00fcber die Haltung der Migranten zutage, die noch weit \u00fcber Sarrazins Zuspitzungen hinaus\u00adgehen. Eine unterdr\u00fcckte Wut macht sich Luft.<br \/>\nViele Beitr\u00e4ge sind von einem Gef\u00fchl der Befreiung getragen. Endlich kann man mal sagen, was man schon lange \u00fcber die Einwanderer denkt, aber sich nicht zu sagen getraut hat.<br \/>\nMit der alten v\u00f6lkisch-rechten Fremdenangst hat dieses Ph\u00e4nomen herz\u00adlich wenig zu tun. Der politisch-emotionale Druckausgleich findet diesmal eher auf der liberal-progressiven Seite der Gesellschaft statt. Nicht schon die Andersheit des anderen sei das Anst\u00f6\u00dfige, sondern sein Zur\u00fcckbleiben im Modernisierungsprozess, wie es sich in religi\u00f6sen Symbolen, traditions\u00adverhafteten Familiensitten und Machismo \u00e4u\u00dfere. Entsprechend geriert man sich wohlig als Bannertr\u00e4ger der Freiheit. Eine manchmal schwer er\u00adtr\u00e4gliche Aura biederer Selbstgerechtigkeit gegen\u00fcber den Modernisie\u00adrungsversagern pr\u00e4gt viele \u00c4u\u00dferungen, die zuweilen an einen fortschritt\u00adlichen Rassismus grenzen.<br \/>\nDas Gef\u00fchl der Befreiung wird interessanterweise dadurch bef\u00f6rdert, dass hier nicht etwa ein Mann vom rechten Rand behauptet hat, dass die Mehr\u00adzahl der T\u00fcrken und Araber \u00bbkeine produktive Funktion\u00ab h\u00e4tten und die T\u00fcrken Deutschland mit ihrer Geburtenrate eroberten, \u00bbgenauso wie die Kosovaren das Kosovo\u00ab (Sarrazin) \u2013 sondern ein SPD-Mann.<br \/>\nViele Leser geben sich vollkommen sicher, dass die Integration scheitern m\u00fcsse, weil \u00bbdie\u00ab (Einwanderer) einfach nicht wollten. Woraus folge, dass es infrage stehe, wie einer triumphierend schreibt, dass wir \u00bb\u00fcberhaupt eine Einwanderungspolitik\u00ab brauchten. Und es dauert nicht lange, da kommt derselbe Leser mit seiner Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass \u00bbMenschen eines v\u00f6llig an\u00adderen Kulturkreises\u00ab nicht integriert werden k\u00f6nnten: Es folgen aus dem Internet kopierte saftige Koranzitate \u00fcber die \u00bbUngl\u00e4ubigen\u00ab. Wieder ein an\u00adderer Leser ist zwar nicht per se gegen Einwanderung, aber wenn schon, dann \u00bbnur aus katholischen L\u00e4ndern\u00ab. (Vom schlechten Schulerfolg der ita\u00adlienischen Einwandererkinder hat er offenbar noch nicht geh\u00f6rt.)<br \/>\nDas ist nicht abzutun als das \u00fcbliche Ma\u00df an Ressentiment am Rand der Gesellschaft. Die paar handfesten Neonazis in den Debattenforen und Le\u00adserbriefspalten sind kaum der Rede wert.<br \/>\nEs ist vielmehr die wutsch\u00e4umende Mitte, \u00fcber die man sich Gedanken ma\u00adchen muss.<br \/>\nZum Glaubenssatz hat sich bei diesen Lesern verfestigt, der Islam sei das Problem, und Muslime seien nun einmal nicht integrierbar.<br \/>\nMich hat diese Welle der Wut schockiert, weil sie quer zu meinem Bild von der deutschen Debatte der letzten Jahre steht:<br \/>\nWir sind l\u00e4ngst weiter, dachte ich. Wir haben in Deutschland die Scheinal\u00adternative von Harmonieso\u00dfe oder kaum verhohlener Verachtung hinter uns gelassen, die fr\u00fchere Debatten \u00fcber die \u00bbGastarbeiter\u00ab kennzeichnete. Die Konservativen haben sich von der infantilen Sehnsucht nach dem Sta\u00adtus quo ante verabschiedet und akzeptiert, dass die Arbeitsmigration nicht r\u00fcckabgewickelt werden kann und mit ihren Folgen politisch umgegangen werden muss. So wie die Rechte akzeptiert hat, dass wir ein Einwande\u00adrungsland sind, hat die Linke sich stillschweigend von der naiven Idee ver\u00adabschiedet, Einwanderung sei automatisch eine Bereicherung und Multi\u00adkulturalismus ein Selbstl\u00e4ufer. Zwei kostspielige Formen der Wirk\u00adlichkeitsverleugnung sind vor aller Augen gescheitert, und die Politik hat begonnen, mit einer neuen Integrationspolitik darauf zu reagieren.<br \/>\nWie sollen wir diese Geisteslage, die sich in der Sarrazin-Debatte \u00e4u\u00dfert, begreifen?<br \/>\nIslamophobie? Ich mag das Konzept nicht, obwohl es offensichtlich eine hohe Islamfeindlichkeit in vielen Meinungsumfragen gibt. Deutschland, darauf beharre ich, ist nicht islamophob. Ein Land mit \u00fcber 2000 Mo\u00adscheen und Gebetsr\u00e4umen, die \u00fcber wenige Jahrzehnte entstanden sind, kann nicht islamophob sein. Mit dem Konzept Islamophobie werden ohne Unterschied irrationale und ratio\u00adnale \u00c4ngste im Bezug auf den Islam zu Symptomen einer Art psychischen Krankheit erkl\u00e4rt.<br \/>\nDer Phobiker verh\u00e4lt sich zwanghaft. Er kann anderen zur Gefahr werden und wird zugleich als Opfer einer Krankheit betrachtet, statt als Subjekt mit \u00dcberzeugungen und Meinungen, wie fragw\u00fcrdig diese auch immer sein m\u00f6gen.<br \/>\nWollen wir wirklich in solchen Begriffen von der \u00f6ffentlichen Debatte um den Islam reden, wie sie sich bei uns in den letzten Jahren entfaltet hat? Ich halte das nicht f\u00fcr sinnvoll. Ich kann sehr wohl verstehen, warum sich bei manchen Muslimen der Eindruck einer generellen Islamfeindlichkeit festgesetzt hat. Dies auf eine sich immer weiter verbreitende Islamophobie zur\u00fcckzuf\u00fchren, hielte ich dennoch f\u00fcr falsch.<br \/>\nDenn dadurch werden bestimmte Redeweisen und Einstellungen von vorn\u00adherein in den Bereich der krankhaften Angst ger\u00fcckt und somit psychologi\u00adsiert. Man r\u00fcckt sie damit aus dem Bereich des Verstehbaren und Widerleg\u00adbaren heraus. Mit einem Phobiker kann man nicht debattieren. So einfach k\u00f6nnen wir es uns aber nicht machen.<br \/>\nSchauen wir uns kurz den ersten Versuch an, Islamophobie zu definieren. Dann wird das Problematische dieses Begriffs deutlich werden.<br \/>\nDer Begriff wurde durch eine Studie des britischen Runnymede Trust 1997 in die Debatte eingef\u00fchrt. Runnymede Trust ist eine unabh\u00e4gige Lobby\u00adgruppe f\u00fcr eine multi-ethnische, multireligi\u00f6se und multikulturelle Gesellschaft.<br \/>\nEine islamophobe Einstellung kommt nach einer Definition des Trust in fol\u00adgenden Meinungen zum Ausdruck:<br \/>\n\u2013 Der Islam sei ein allein stehender monolithischer Block, statisch und f\u00fcr Ver\u00e4nderung unempf\u00e4nglich.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei gesondert und fremd, er habe keine gemeinsamen Ziele und Werte mit anderen Kulturen; weder sei er von ihnen beeinflusst noch beein\u00adflusse er sie.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei dem Westen unterlegen, barbarisch, irrational, primitiv und sexistisch.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei gewaltt\u00e4tig, aggressiv, bedrohlich, den Terrorismus unter\u00adst\u00fctzend und in einen Kulturkampf verstrickt.<br \/>\n\u2013 Der Islam sei eine politische Ideologie, die f\u00fcr politische oder milit\u00e4rische Vorteile genutzt werde.<br \/>\nIslamophobie und Rassismus werden oft synonym gebraucht. Das ist pro\u00adblematisch: Denn ich kann sehr wohl feindliche Gef\u00fchle gegenber dem Is\u00adlam als Religion hegen, ohne Muslime dabei rassistisch abzulehnen. Sonst w\u00e4re Islamkritik und Islamfeindlichkeit vonseiten geborener Muslime ja nicht m\u00f6glich. Auch dies ist ein Versuch, jede Kritik am Islam von vornher\u00adein als rassistisch zu diskreditieren.<br \/>\nAusserdem bin ich der Meinung, dass alle die vermeintlich islamophoben Ideen, die der Runnymede Trust hier auf den Index gesetzt hat, prinzipiell unter dem Schutz der Meinungsfreiheit stehen.<br \/>\nDer Islam wird von manchen Muslimen als politische Ideologie verstanden. Das bestreiten am allerwenigsten jene Muslime, die sich dagegen verweh\u00adren. Ja, der Islam hat \u2013 auch \u2013 ein gewalt\u00e4tiges, aggressives und bedrohli\u00adches Gesicht. Terrorismus und Kulturkampf sind ihm nicht fremd. Die meisten der Opfer des radikalen politischen Islams sind selber Muslime. Es vergeht keine Woche in Pakistan ohne einen traurigen Beweis f\u00fcr diese These.<\/p>\n<p>Ist der Islam dem Westen unterlegen? Ist er sexistisch? Ist er barbarisch? Letzteres w\u00fcrde ich nicht sagen, aber Barbaren im Namen eines bestimm\u00adten Islam gibt es zweifelsohne. Sie bringen mit Vorliebe andere Muslime um, wie wir mit Schrecken im Irak, in Pakistan, in Afghanistan sehen k\u00f6n\u00adnen. Sexismus? Wer m\u00f6chte aufstehen und sagen, dies sei ein v\u00f6llig absur\u00adder Vorwurf? Dass der Islam dem Westen unterlegen sei, ist die gro\u00dfe Angst und der Antrieb vieler muslimischer Reformdenker der letzten 200 Jahre. Die Geschichte der modernen T\u00fcrkei und ihres Laizimus\/Kemalis\u00admus l\u00e4\u00dft sich ohne diese Angst \u00fcberhaupt nicht verstehen. Warum sollten wir diese Aussage also tabuisieren? Nur weil es nicht in Ordnung ist, wenn Nichtmuslime sagen, was Muslime seit 200 Jahren sagen? Genauso verh\u00e4lt es sich mit der Aussage, der Islam sei ein allein stehender monolithischer Block, statisch und f\u00fcr Ver\u00e4nderung unempf\u00e4nglich.<br \/>\nEs ist Unsinn, diese Aussage als Indiz f\u00fcr Islamophobie anzusehen. Manche Muslime sehen des Islam genau so, manche Muslime k\u00e4mpfen wiederum gegen jene, weil sie Ver\u00e4nderungen wollen. Eine Aussage, die Gegenstand eines innermuslimischen Streits ist, zum Symptom f\u00fcr Islamophobie zu er\u00adkl\u00e4ren, wenn sie aus dem Mund von Nichtmuslimen zu h\u00f6ren ist \u2013 das geht einfach nicht.<br \/>\nDer Islamophobie-Begriff, wenn er sich durchsetzen sollte in der Breite, in der ich ihn hier skizziert habe, h\u00e4tte f\u00fcrchterliche Folgen f\u00fcr unsere libera\u00adle \u00d6ffentlichkeit. Er w\u00e4re ein Instrument, um jede missliebige Debatte zu ersticken. Diejenigen muslimischen Gruppen, die ihn in Gro\u00dfbritannien propagieren, sind durch die Salman-Rushdie-Aff\u00e4re entstanden. Ich halte das nicht f\u00fcr einen Zufall. Die Verwendung des Islamophobie-Begriffs sei\u00adtens dieser Gruppen ist ein Versuch, den in der Rushdie-Aff\u00e4re gewonne\u00adnen Boden zu verteidigen und zu vergr\u00f6\u00dfern.<br \/>\nWer aber die Wahrnehmung der Menschen ver\u00e4ndern will, ist schlecht be\u00adrufen, mit Verboten, Tabus und Sprachregelungen zu arbeiten. Besser w\u00e4re es, der \u00d6ffentlichkeit ein anderes Image des Islam zu pr\u00e4sentieren. Aller\u00addings darf das nicht blo\u00df eine Art besch\u00f6nigende Gegenpropaganda sein. Es muss ein authentisches Gegenbild sein, dass die problematischen Dinge nicht ausblendet und von echter Auseinandersetzung mit ihnen zeugt.<br \/>\nViele Muslime hierzulande sehen sich als eine Minderheit, die nicht gen\u00fc\u00adgend offen und herzlich angenommen wird. F\u00fcr Journalisten ist es wichtig, so etwas zu wissen. Aber am Ende darf es die Berichterstattung nicht ent\u00adscheidend beeinflussen. Sonst wird der Journalismus (noch mehr) Teil der Identit\u00e4tspolitik, indem er versucht, das \u201erichtige Bild des Islam\u201c zu for\u00admen.<br \/>\nEin Journalist darf sich so etwas nicht vornehmen, sonst wird er zum Iden\u00adtit\u00e4tspolitiker. Er soll \u2013 das ist eine Banalit\u00e4t \u2013 sein jeweiliges Thema fair und unvoreingenommen angehen.<br \/>\nDas journalistische Ethos l\u00e4\u00dft sich in einem kleinen Satz zusammenfassen: \u201eDies alles gibt es also.\u201c Am Anfang soll das Staunen stehen und der Wunsch, die Leser ins Erstaunen zu versetzen \u00fcber eine Wirklichkeit, die fast immer ein bisschen anders ist, als man denkt. Pathetischer kann ich es nicht sagen.<br \/>\nUnd das bedeutet f\u00fcr das Thema Islam: Wir m\u00fcssen gleichzeitig auf- und ab\u00adr\u00fcsten. Die Aufmerksamkeit f\u00fcr viele Ph\u00e4nomene, die heute noch am Ran\u00adde unserer Wahrnehmung liegen, muss aufgebohrt werden. Und der Gestus des kulturellen Endkampfes, mit dem wir \u00fcber islambezogene Themen re\u00adden, muss entschieden heruntergedreht werden. Dabei will ich nicht be\u00adstreiten, dass wir Zeugen einer dramatischen Entwicklung sind: Von einem Land mit einem Dutzend Moscheen sind wir in weniger als 50 Jahren zu ei\u00adnem Land der zweitausend Moscheen geworden \u2013 eine gro\u00dfartige Leistung f\u00fcr ein Land, das sich noch vor wenigen Jahrzehnten nicht nur schwer ge\u00adtan hat mit Fremden, sondern sie vernichtet hat. Womit wir wieder bei der von Benz angesto\u00dfenen Debatte w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was also sollen wir Journalisten tun?<br \/>\nWir sollen weiter \u2013 und mehr als vorher \u2013 \u00fcber den Islam berichten, aber ohne das Leben der muslimischen Migranten und ihrer Kinder hier darauf zu reduzieren.<br \/>\nDer Islam ist die L\u00f6sung, lautet die Parole der Islamisten. Und die \u201eIslam\u00adkritiker\u201c stimmen ihnen zu, nur ins Negative gewendet: Der Islam ist das Problem.<br \/>\nEine reduktionistische Berichterstattung kommt diesen beiden Gruppen gerade recht. Dagegen sollte der Pluralismus des islamischen Lebens hier sichtbar werden. Es gibt viele Weisen, Muslim zu sein in Deutschland \u2013 fromm, konservativ, liberal, skeptisch, desinteressiert, ja sogar auf eine spezifisch muslimische Weise ungl\u00e4ubig, so paradox es klingen mag.<br \/>\nInsofern stimme ich \u00fcberein mit den Autoren einer gro\u00dfen Studie \u00fcber das \u201eIslambild bei ARD und ZDF\u201c, Kai Hafez und Carola Richter. Sie fanden vor einigen Jahren, \u201edass das Hauptproblem der Islamberichterstattung von ARD\/ZDF nicht so sehr die Darstellung von Konflikten an sich ist, sondern die extrem hohe Konzentration auf dieses Themenspektrum. Nicht die Dar\u00adstellung des Negativen ist das Problem, sondern die Ausblendung des Nor\u00admalen, des Allt\u00e4glichen und des Positiven. Es entsteht der Eindruck, als lie\u00ad\u00dfen sich ARD\/ZDF ungeachtet vieler offizieller Bekundungen des Gegenteils von einem simplifizierten Bild des \u2018Kampfes der Kulturen\u2019 zwischen dem Is\u00adlam und dem Westen leiten, das ungeachtet seiner gro\u00dfen Popularit\u00e4t fast keine Unterst\u00fctzer in der Wissenschaft findet. (\u2026)<br \/>\nEs bedarf keiner an vorgefertigten Kulturmodellen orientierten Nachrichtenroutine, sondern eines lebendigen und dynamischen Journalismus, der nicht mehr \u00fcber den Islam berichtet, sondern die vorhandenen medialen R\u00e4ume so pluralistisch konzipiert, dass alle Bereiche des muslimischen Lebens eingeschlossen werden.\u201c<br \/>\nEin Beispiel daf\u00fcr, wie man\u2019s nicht macht: Ein Vertreter der DITIB hat mir erz\u00e4hlt, dass er vor wenigen Jahren einmal zu einer der gro\u00dfen Talksen\u00addungen im deutschen Fernsehen eingeladen werden sollte. Es fand ein Vor\u00adgespr\u00e4ch statt, das angenehm verlief. Dann wurde er kurz vor der Sendung doch noch ausgeladen. Begr\u00fcndung: Man h\u00e4tte sich etwas sch\u00e4rfere Kom\u00admentare von ihm erhofft. In der Sendung bei Sabine Christiansen sa\u00df dann der Leipziger Salafist Hassan Dabagh mit seinem malerischen Rauschebart. Er wirkte toll im Fernsehen. Er wirkte wie f\u00fcrs Fernsehen geschaffen.<br \/>\nEine Verallt\u00e4glichung der Islamberichterstattung, wie von Hafez und Rich\u00adter gefordert, w\u00e4re zweifellos w\u00fcnschenswert. Aber ich habe Probleme mit der Scheu vor Konflikten. Ich bin n\u00e4mlich nicht der Meinung der Autoren, dass die Berichterstattung \u00fcber Konflikte im Zusammenhang mit dem Is\u00adlam integrationshemmend wirkt. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass Inte\u00adgration sich immer im Modus des Konflikts vollzieht.<br \/>\nZu einer pluraleren Gesellschaft geh\u00f6rt ganz zentral auch das Aushalten von Konflikten. Die sch\u00f6ne Idee, dass man in einer pluralistischeren Gesell\u00adschaft r\u00fccksichtsvoller zu sein habe, kann nicht von oben her durchgesetzt werden.<br \/>\nSie wird sich nur aus durchlebten Konflikten ergeben, in denen man einan\u00adder kennen \u2013 und die Sensibilit\u00e4t des anderen respektieren \u2013 lernt. Dass es am Ende in einer \u201ebunten Republik Deutschland\u201c , wie der neue Bundespr\u00e4\u00adsident sagt, netter und h\u00f6flicher zugeht, darauf w\u00fcrde ich also nicht wet\u00adten. Alle Seiten m\u00fcssen wohl lernen, mit immer mehr Zumutungen zu le\u00adben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im folgenden ein (sehr langer) Beitrag \u00fcber das Debattenjahr 2010, geschrieben f\u00fcr das Jahrbuch &#8222;Muslime in den Medien&#8220;. Regelm\u00e4\u00dfigen Lesern dieses Blogs werden einige Passagen bekannt vorkommen. Die deutsche Debatte des Jahres 2010 ist bei aller Vielstimmigkeit von ei\u00adnem einzelnen Buch gepr\u00e4gt, und das gilt nicht nur f\u00fcr die so genannte \u201eIs\u00adlamkritik\u201c: Thilo Sarrazins Sachbuchbestseller [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[157],"tags":[],"class_list":["post-5179","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-freunde-und-die-feinde-des-islams"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Ist Islamkritik ohne Islamophobie m\u00f6glich? - J\u00f6rg Lau<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/10\/28\/ist-islamkritik-ohne-islamophobie-moglich_5179\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ist Islamkritik ohne Islamophobie m\u00f6glich? - J\u00f6rg Lau\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Im folgenden ein (sehr langer) Beitrag \u00fcber das Debattenjahr 2010, geschrieben f\u00fcr das Jahrbuch &#8222;Muslime in den Medien&#8220;. 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