{"id":5217,"date":"2011-11-11T12:19:39","date_gmt":"2011-11-11T11:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5217"},"modified":"2011-11-16T06:18:21","modified_gmt":"2011-11-16T05:18:21","slug":"warum-das-judische-museum-zu-recht-so-erfolgreich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2011\/11\/11\/warum-das-judische-museum-zu-recht-so-erfolgreich-ist_5217","title":{"rendered":"Warum das J\u00fcdische Museum (zu Recht) so erfolgreich ist"},"content":{"rendered":"<p><em>In meinem Text f\u00fcr die Jubil\u00e4umsausgabe der Zeitschrift des J\u00fcdischen Museums in Berlin habe ich dar\u00fcber nachgedacht, warum Deutschland das J\u00fcdische Museum braucht, auch wenn die &#8222;Gedenkphase&#8220; der deutschen Nachkriegsgeschichte vorbei ist<\/em>:<\/p>\n<p>Wer nach zehn Jahren Gr\u00fcnde sucht, warum Deutschland ein J\u00fcdisches Museum braucht, muss nicht lange w\u00fchlen. Zwei j\u00fcngere Debatten haben bewiesen, dass sich hierzulande immer noch vieles nicht von selbst versteht, was die deutsch-j\u00fcdische Geschichte betrifft \u2013 und das gilt f\u00fcr die rechte wie die linke Seite des politische Spektrums.<br \/>\nIm letzten Herbst hatte der neue Bundespr\u00e4sident Christian Wulff zum Tag der Deutschen Einheit festgestellt, dass \u201eauch der Islam\u201c inzwischen zu Deutschland geh\u00f6re, so wie \u201ezweifelsfrei\u201c das Christentum und das Judentum. Eine Banalit\u00e4t, m\u00f6chte man meinen.<br \/>\nDoch es folgten Wochen heftiger Debatte. Noch nie ist ein Bundespr\u00e4sident f\u00fcr eine solche Aussage von Vertretern seiner eigenen Partei derart angegriffen worden. Grund dafr war nicht die Aussage \u00fcber das Judentum, sondern Wulffs l\u00e4ssige rhetorische Geste der Inklusion gegen\u00fcber dem Islam.<br \/>\nUnd nun passierte etwas Interessantes: In den folgenden Tagen war viel die Rede von der \u201echristlich-j\u00fcdischen\u201c Tradition, auf der \u201eunser Verst\u00e4ndnis von Menschenrechten und Aufkl\u00e4rung\u201c beruhe. Die Muslime h\u00e4tten dazu nichts beigetragen und k\u00f6nnten darum auch nicht in gleicher Weise \u201ezweifelsfrei\u201c dazugeh\u00f6ren.<br \/>\nHier wurde ein vermeintliches deutsches christlich-j\u00fcdisches Erbe in Anschlag gebracht, um Muslime auszugrenzen. Die Rede von der \u201echristlich-j\u00fcdischen Kultur\u201c war historisch immer fragw\u00fcrdig. Doch hatte sie nach dem Krieg auch einen guten Sinn. Nie wieder sollten Juden als das nicht integrierbare andere schlechthin definiert werden, wie es jahrhundertlang \u00fcblich war. Doch in der Kritik an Wulffs Aussage ging es vor allem um die Markierung einer Differenz zu den Muslimen.<br \/>\nDie Juden rhetorisch zu umarmen, um die Fremdheit des Islams herauszustreichen, ist Geschichtsklitterung. Die kaum versteckte Botschaft an die Muslime kam gleichwohl an: Ihr geh\u00f6rt hier nicht her, ihr habt nichts beizutragen, ihr werdet fremd bleiben.<br \/>\nGut, dass sich Vertreter des deutschen Judentums sofort gegen dieses Spiel verwehrt haben. Wenn f\u00fchrende Politiker dieses Landes heute so reden, als habe 2000 Jahre lang das sch\u00f6nste christlich-j\u00fcdische Werte-Einverst\u00e4ndnis geherrscht, als h\u00e4tten Christen und Juden zusammen in herrlichster Harmonie Toleranz und Aufkl\u00e4rung entwickelt, als h\u00e4tten erst die einwandernden Muslime die sch\u00f6ne deutsch-j\u00fcdische Symbiose zerst\u00f6rt \u2013 dann ist eine Mission des J\u00fcdischen Museums offenbar auch nach zehn Jahren nicht erf\u00fcllt: die spannungsreiche Geschichte der Juden in deutschen Landen in all ihrer Komplexit\u00e4t, Ambivalenz, Gr\u00f6\u00dfe und Tragik so zu erz\u00e4hlen, dass sich eine \u201echristlich-j\u00fcdische\u201c Instrumentalisierung gegen andere Minderheiten verbietet.<br \/>\nKann es sein, dass die Politiker, die heute so leichtfertig mit der Formel umgehen, nie im Museum waren? Oder ist es m\u00f6glich, dass sich bei ihnen einfach die Phrase von den \u201e2000 Jahren deutsch-j\u00fcdischer Geschichte\u201c festgesetzt hat, mit der das Museum anfangs \u00fcberall beworben wurde?<br \/>\nDie zweite Debatte, die \u00fcber den Stand der deutsch-j\u00fcdischen Dinge hierzulande erschaudern lassen kann, ist der Antisemitismus-Streit in der Linkspartei. Seit Jahren hat Gregor Gysi versucht, seine Partei zu einem Bekenntnis zum Existenzrecht Israels zu f\u00fchren. In diesem Fr\u00fchjahr h\u00e4uften sich dann die Ereignisse, die auf einen tief sitzenden Antisemitismus bei manchen linken Funktion\u00e4ren \u2013 vor allem aus der Westlinken \u2013 zu deuten schienen, gipfelnd im Schal der Bundestagsabgeordneten Inge H\u00f6ger, auf dem der Nahe Osten ohne Israel abgebildet war. Gysis Beschlussvorlage, in der die Linke-Fraktion sich zum Existenzrecht Israels bekennt und bei aller Kritik an Besatzung und Boykott von der Teilnahme an der Gaza-Flotille distanziert, l\u00f6ste w\u00fctende Reaktionen bei den \u201eantizionistischen\u201c Kr\u00e4ften der Partei aus.<!--more--><br \/>\nNun kann sich ein Museum zur Geschichte des deutschen Judentums nicht mit den Details solcher aktueller Debatten befassen, und es sollte sich vielleicht auch gar nicht direkt in sie einmischen. Aber sie zeigen zwei Felder an, auf denen weiter Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig ist. Ein rechter Vereinnahmungsdiskurs (gegen die Muslime) und ein linker Ausgrenzungsdikurs (im Namen der Israelkritik) sind zwei gro\u00dfe Herausforderungen f\u00fcr Juden in Deutschland heute. Dem muss auch die Programmarbeit des Museums Rechnung tragen.<br \/>\nDas J\u00fcdische Museum ist das Gesch\u00f6pf einer Phase der bundesrepublikanischen Geschichte, die man die Gedenkphase nennen kann. Sie umfasst genau zwanzig Jahre vom 8. Mai 1985, dem Tag der Weizs\u00e4cker-Rede, bis zum 10. Mai 2005, der Er\u00f6ffnung des Denkmals f\u00fcr die ermordeten Juden. In diesen zwei Jahrzehnten hat sich die Bundesrepublik haupts\u00e4chlich durch die Debatten \u00fcber das richtige Erinnern an die deutschen Verbrechen, an die T\u00e4ter und deren Opfer, definiert. Auch der Frankfurter Fassbinder-Skandal fiel in diese Phase, sowie die Wehrmachtsausstellung und der Streit ums Goldhagen-Buch. Nicht zu vergessen die Berliner \u201eTopographie des Terrors\u201c . Dies war eine sehr fruchtbare Epoche f\u00fcr Deutschland. Sie reichte zur\u00fcck in die \u201ealte Bundesrepublik\u201c, aber sie \u00fcberspannte noch die Wiedervereinigung und den Umzug in die altneue Hauptstadt. Es war, als ginge es um die seelische M\u00f6blierung des neuen, gr\u00f6\u00dferen Hauses Deutschland, in das man sich nun anschickte umzuziehen. Dem j\u00fcdischen Museum kam dabei die Aufgabe zu daf\u00fcr zu sorgen, dass \u00fcber dem Schrecken die F\u00fclle und der Reichtum des j\u00fcdischen Lebens nicht vergessen werden sollte. Nun ist diese Phase vorbei.<br \/>\nDeutschland definiert sich nicht mehr so sehr durchs Gedenken. Das Mahnmal ist errichtet, die \u201eTopographie\u201c er\u00f6ffnet, das J\u00fcdische Museum eilt von Erfolg zu Erfolg beim Publikum. Ist das deutsche Haus also bestellt? Ist das jetzt endlich die ersehnte und bef\u00fcrchtete Normalit\u00e4t? Die \u201eschlechte Normalisierung\u201c des Verdr\u00e4ngens und Vergessens hat jedenfalls nicht stattgefunden, und auch daran hat das Museum einen Anteil. Ein Drittes hat sich durchgesetzt: Deutschland kommt auch ohne die Schim\u00e4re der Normalit\u00e4t ganz gut zurecht.<br \/>\nDass an der Kreuzberger Lindenstra\u00dfe kein \u201eHolocaustmuseum\u201c steht, haben die Leute zwar wohl endlich verstanden. Anfangs war eine der Hauptschwierigkeiten, Kritikern und Publikum zu vermitteln, dass hier das ganze j\u00fcdische Leben in den Focus ger\u00fcckt war, statt nur die versuchte Ausl\u00f6schung. Das ist sicher auch ein Geheimnis des Erfolgs. Wie weiter?<br \/>\nGleichzeitig gegen Vereinnahmung und Ausgrenzung zu k\u00e4mpfen, ist die schwierige, nahezu paradoxe Aufgabe.<br \/>\nDer Erfolg des Museums mit seinen beeindruckenden Besucherzahlen tr\u00e4gt die Gefahr in sich, \u00fcber das Ankommen des J\u00fcdischen im gesellschaftlichen Mainstream zu t\u00e4uschen. Darum ist es gut und richtig, dass das Museum dies immer wieder selbstkritisch thematisiert. Die M\u00f6glichkeit, dass man Teil einer tr\u00fcgerischen Scheinbl\u00fcte des deutschen Judentums wird, die sich in zahlreichen Synagogenbauten, Ausstellungen und Festivals inszeniert, ist real. Jede Stadt mit einer kleinen j\u00fcdischen Gemeinde m\u00f6chte heute gerne eine Synagoge vorweisen k\u00f6nnen. Moscheen hingegen bedeuten meist \u00c4rger. Dabei lie\u00dfe sich aus der Geschichte des Synagogenbaus in Deutschland sehr viel Erhellendes \u00fcber unsere heutigen Debatten lernen: \u00fcber die Spannung zwischen Eigenst\u00e4ndigkeit und Integration, Beheimatungsw\u00fcnschen und dem Versuch, angstfreies Anderssein zu inszenieren.<br \/>\nSoll ein j\u00fcdisches Museum sich denn \u00fcberhaupt f\u00fcr die Universalisierung der j\u00fcdischen Erfahrung interessieren und thematisch ausgreifen? In den letzten zehn Jahren ist das immer wieder geschehen: V\u00f6lkermord in Darfur, Migration, Exil, Rassismus waren Themen. Das ist kritisiert worden von denen, die finden, man m\u00fcsse sehr viel mehr \u00fcber das \u201eeigentlich J\u00fcdische\u201c \u2013 also vor allem \u00fcber die Religion \u2013 reden, bevor eine Universalisierung \u00fcberhaupt sinnvoll sei. Die Neigung zur Ausweitung des Themenfeldes steht in einer nat\u00fcrlichen Spannung mit der Aufgabe, immer wieder die spezifische Dichte des j\u00fcdischen Lebens in Deutschland vor und nach Hitler zu messen und zu beschreiben. Aber warum soll man daraus einen unvers\u00f6hnlichen Widerspruch konstruieren?<br \/>\nEs war schon durch die Vorgabe des Libeskind-Baus unm\u00f6glich, das j\u00fcdische Museum thematisch engzuf\u00fchren. Schon die Architektur dr\u00e4ngte hier ins Didaktische und Thesenhafte. Viele Kritiker haben das beklagt, manche Ausstellungsmacher haben hintenrum den Bau verflucht \u2013 eine Architektur, von der mancher meinte, dass sie zu viel vorgibt, dass sie selber schon zu aufdringlich bestimmt, was der Besucher zu f\u00fchlen hat, bevor er das erste Exponat \u00fcberhaupt wahrnehmen kann. Und das, w\u00e4hrend sie andererseits doch verunsichern will \u2013 ein unaufl\u00f6slicher Widerspruch.<br \/>\nVielleicht haben die Kritiker die Besucher untersch\u00e4tzt, die offenbar mit solchen Widerspr\u00fcchen besser umgehen k\u00f6nnen als man f\u00fcrchten musste. Das J\u00fcdische Museum ist ein Kind der Gedenkphase der Bundesrepublik. Diese Zeit ist vorbei, was nat\u00fcrlich nicht hei\u00dft, dass das Gedenken vorbei ist. Es ist nur nicht mehr die entscheidende Arena der Selbstdefinition. Das J\u00fcdische Museum hat diese Phase \u00fcberlebt und seine Position in der Berliner Kulturlandschaft behauptet. Gut so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Text f\u00fcr die Jubil\u00e4umsausgabe der Zeitschrift des J\u00fcdischen Museums in Berlin habe ich dar\u00fcber nachgedacht, warum Deutschland das J\u00fcdische Museum braucht, auch wenn die &#8222;Gedenkphase&#8220; der deutschen Nachkriegsgeschichte vorbei ist: Wer nach zehn Jahren Gr\u00fcnde sucht, warum Deutschland ein J\u00fcdisches Museum braucht, muss nicht lange w\u00fchlen. 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