{"id":5402,"date":"2012-02-10T14:40:41","date_gmt":"2012-02-10T13:40:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5402"},"modified":"2012-02-23T13:41:51","modified_gmt":"2012-02-23T12:41:51","slug":"israel-im-perfekten-sturm-ein-gesprach-mit-einem-oberst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/02\/10\/israel-im-perfekten-sturm-ein-gesprach-mit-einem-oberst_5402","title":{"rendered":"Israel im &#8222;perfekten Sturm&#8220; &#8211; ein Gespr\u00e4ch mit einem Oberst"},"content":{"rendered":"<p><em>Knapp eine Woche war ich in Israel und der Westbank unterwegs, um mit besatzungskritischen NGO&#8217;s, Ex-Soldaten, Offizieren und Intellektuellen \u00fcber die Lage im Lande zu sprechen. Eine gr\u00f6\u00dfere Reportage wird folgen.<\/em><\/p>\n<p><em> Hier werde ich in loser Folge einige Notizen<\/em> <em>von meinen Gespr\u00e4chen ver\u00f6ffentlichen. Den Anfang macht Colonel Avi Gil, den ich vorgestern treffen konnte. Dank an den <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/video\/1284276\/Arye+Sharuz+Shalicar+auf+dem+blauen+sofa#\/beitrag\/video\/1284276\/Arye-Sharuz-Shalicar-auf-dem-blauen-sofa\">IDF-Sprecher Arye Sharuz Shalicar<\/a>, (der eine eigene Story verdient h\u00e4tte), dies erm\u00f6glicht zu haben.<\/em><\/p>\n<p>Zwanzig Grad im s\u00fcdlichen Israel, ein herrlicher Sonnentag Anfang Februar, als wir die Kaserne im Herzen von Beer Sheva betreten \u2013 anderthalb Autostunden s\u00fcdlich von Tel Aviv. Avi Gil, ein drahtig\u2013athletischer, nicht sehr gro\u00dfer Mann mit einem graugesprenkeltem B\u00fcrstenhaarschnitt, leitet von der W\u00fcstenstadt aus das S\u00fcdliche Kommando der Israelischen Streitkr\u00e4fte.<br \/>\nDer Oberst \u2013 noch keine vierzig Jahre alt \u2013 hat seit seinem Eintritt in die Armee 1990 eine steile Karriere gemacht, die sicher noch nicht am Ende ist: Fallschirmj\u00e4ger, Kompanief\u00fchrer in der Offizierschule, Kommandeur der Spezialkr\u00e4fte w\u00e4hrend der Operation \u201eDefensive Shield\u201c in der West Bank (w\u00e4hrend der Terrorwelle der Zweiten Intifada), zwischenzeitlich Verbindungsoffizier zu den Marines in den USA, schlie\u00dflich ab 2009 Brigadekommandeur in der West Bank \u2013 in anderen Worten: er war damals so etwas wie der heimliche Herrscher in den besetzten Gebieten.<br \/>\nDie Koordination der Armee mit der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde war dort sein t\u00e4gliches Brot. Er habe \u00fcber die Jahre gelernt, den meisten auf der anderen Seite zu trauen, sagt er. \u201eDen meisten!\u201c, betont er. Nach dem Blutbad der Zweiten Intifada habe es ein gemeinsames Interesse an Sicherheit und Stabilit\u00e4t gegeben, das bis heute bestehe. Er zeigt mir in seinem B\u00fcro eine Bildcollage, die man ihm zum Abschied aus der Westbank mitgegeben hat. Da sieht man Avi Gil Tee Trinken mit pal\u00e4stinensischen Sicherheitskr\u00e4ften, Politikern, Beamten &#8211; bei allen m\u00f6glichen Gelegenheiten wie Einweihungen und sonstigen Feiern: \u201eH\u00e4tten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, ob so etwas m\u00f6glich ist, h\u00e4tte ich Sie f\u00fcr verr\u00fcckt gehalten.\u201c<br \/>\nDie Lage habe sich in der Westbank sehr verbessert, sowohl was die Sicherheit angeht \u2013 Israels Hauptsorge \u2013, als auch die Lebensumst\u00e4nde der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung. Avi Gil, der nur wenige Jahre zuvor Spezialkr\u00e4fte geleitet hatte, die Terroristen in der Westbank jagten, hatte am Ende seiner Zeit als Kommandeur der Ephraim Brigade nahezu freundschaftliche Verh\u00e4ltnisse zu Offizieren der PA. Am Ende konnte er St\u00e4dte in den besetzten Gebieten sogar ohne schutzsichere Weste besuchen: \u201eMein Konzept lautet: Du darfst die Realit\u00e4t nicht nur durch das Visier deines Gewehrs wahrnehmen.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/02\/gaza.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5403\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/02\/gaza-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"519\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/02\/gaza-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/02\/gaza-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 519px) 100vw, 519px\" \/><\/a><em><\/em><\/p>\n<p><em>Ein sonniger Tag an der Grenze zu Gaza, in der Pufferzone vor der Sperrmauer. Von dem h\u00f6her gelegenen Terrain gegen\u00fcber haben pal\u00e4stinenische Sniper immer wieder auf einen nahen Kibbutz geschossen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem ist er der Meinung, dass es noch nicht an der Zeit ist, sich aus der Westbank zur\u00fcckzuziehen. Die PA bem\u00fche sich, und sie unterst\u00fctze den Terror nicht mehr, \u201eaber wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir die Sicherheit Israels in deren H\u00e4nde legen k\u00f6nnen\u201c.<br \/>\nDer Oberst erw\u00e4hnt hier den Mord an der Familie Fogel in der Siedlung Itamar, der sich bald j\u00e4hren wird. Die gesamte Familie, inklusive eines schlafenden Babys, war im M\u00e4rz letzten Jahres von pal\u00e4stinensischen Terroristen ausgel\u00f6scht worden. Im Westen hat dieser Vorfall nicht viel Aufsehen erregt wegen des Arabischen Fr\u00fchlings und Fukushima. In Israel wird es immer wieder erw\u00e4hnt, wenn man \u00fcber die Br\u00fcchigkeit der klage spricht. Gil erinnert sich noch mit Grauen an der Anruf, der ihm um halb Eins nachts aus dem Bett holte.<br \/>\nUnd dann jedoch benutzt er ein erstaunliches Bild: \u201eWir m\u00fcssen uns langsam vorw\u00e4rts bewegen. Wir sind wie ein Paar nach einer schlimmen Krise. Wir m\u00fcssen erst einmal wieder Vertrauen aufbauen.\u201c<br \/>\nEin Paar? Von Regierungspolitikern w\u00fcrde man diese Sprache nicht h\u00f6ren. Wie so oft, sind Soldaten pragmatischer und unideologischer als die Lautsprecher der gro\u00dfen Politik.<br \/>\nGil ist dennoch sehr vorsichtig, trotz der Wandlungen, die er in seinem eigenen (Soldaten-)Leben mitgemacht hat. Und damit ist der Oberst, wie mir scheint, nicht weit entfernt von der Einstellung des Durchschnittsisraelis: Man will den Friedensprozess gerne vorw\u00e4rts gehen sehen. Aber zur Zeit \u00fcberwiegt (wieder) das Gef\u00fchl, in einer absolut unberechenbaren und hoch entflammbaren Lage zu sein. Nicht nur wegen der Eskalation mit Iran. Das gilt auch f\u00fcr die Lage in Israels S\u00fcden, dessen Sicherheit in den H\u00e4nden von Avi Gil ist.<br \/>\n\u201eUnsere Nachbarschaft ist mitten in einem perfekten Sturm. Die erste B\u00f6e dieses Sturms haben wir 2006 in Gaza erlebt, als Hamas in einem Coup die Macht \u00fcbernahm.\u201c Hamas, sagt Gil, sei in einer Identit\u00e4tskrise, die sich in einem Machtkampf zwischen der politischen F\u00fchrung au\u00dferhalb Gazas und dem Kern der milit\u00e4rischen und politischen F\u00fchrung in Gaza ausdr\u00fccke. Hamas m\u00fcsse sich entscheiden, ob sie auf Erfolg bei Wahlen setze wie die Muslimbr\u00fcder in \u00c4gypten und Tunesien, oder weiter auf Dschihad. Zur Zeit sei die F\u00fchrung unter Khaled Meschal au\u00dferhalb Gazas eindeutig geschw\u00e4cht, auch durch den Verlust der syrischen Basis in Damaskus. Ismail Hanije, der politische F\u00fchrer aus Gaza, sympathisiere mit der Idee, der neue gro\u00dfe Repr\u00e4sentant nach Au\u00dfen zu werden, wobei ihm seine neuen Reisem\u00f6glichkeiten helfen. Dass Hamas sich wegen des Erfolgs des Muslimbr\u00fcder nach \u00c4gypten orientiere, sei im Prinzip nicht schlecht f\u00fcr Israel, es k\u00f6nne auch zu einer gr\u00f6\u00dferen Berechenbarkeit f\u00fchren.<br \/>\nDie milit\u00e4rische F\u00fchrung unter Leuten wie Ahmad Jabari setze aber naturgem\u00e4\u00df auch den Dschihad zur \u201eBefreiung ganz Pal\u00e4stinas\u201c (worunter das heutige Israel inklusive Westbank verstanden wird). Aber man halte sich derzeit zur\u00fcck, um in Ruhe die milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten wiederaufzubauen, die Israel in \u201eCast Lead\u201c vernichtet hat. Die florierende Tunnelwirtschaft mache das m\u00f6glich. Unterdessen halten mit Duldung der Hamas konkurrierende Gruppen den milit\u00e4rischen Dschihad auf kleiner Flamme am Leben.<br \/>\nIch frage den Oberst, ob Hamas denn tats\u00e4chlich die Kontrolle \u00fcber alle militanten Gruppen habe: \u201eZu achtzig Prozent ist es direkte Kontrolle, zu zehn Prozent der Unwille zur Kontrolle und bei weiteren zehn Prozent keine Kontrolle durch Hamas.\u201c In jedem Fall sei Terror auf niedrigem Niveau \u2013 gerade so, dass eine israelische Gegenoperation zur Zeit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wirken w\u00fcrde \u2013 im Moment ideal f\u00fcr Hamas. Und f\u00fcr ihn bleibe Hamas als absolute Regierungsmacht die verantwortliche Adresse, ganz egal wer gerade die Raketen abschie\u00dfe.<br \/>\nDer Oberst macht sich gro\u00dfe Sorgen um den Sinai, der zum gesetzlosen Niemandsland wurde, seit \u00c4gypten mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist. F\u00fcnf Beduinenst\u00e4mme kontrollieren das gesamte Gebiet mit ungeheurer Brutalit\u00e4t (vor allem gegen afrikanische Migranten, die von dort nach Israel einwandern wollen.) Der Sinai sei heute ein ideales Aufmarschgebiet f\u00fcr Terrorgruppen, wie sich im letzten August bei den Attacken nahe Eilat gezeigt habe.<br \/>\nIsrael werde alles tun, um den Friedensvertrag mit \u00c4gypten am Leben zu erhalten. Aber die Herausforderung f\u00fcr Israel liege darin, dass \u201ewir uns von der Situation einer Friedensgrenze hin bewegen zu einer Grenze mit einem Friedensarrangement zwischen zwei Staaten und Terroraktivit\u00e4ten\u201c. Die Lage derzeit sei paradox: \u201eEs ist sehr viel friedlicher als vor wenigen Jahren, aber wenn nur eine Rakete einen Kindergarten trifft, dann halte ich es f\u00fcr undenkbar, dass wir hier einfach nur sitzen bleiben. Auch die permanente Aufr\u00fcstung in Gaza k\u00f6nne dazu f\u00fchren, dass man handeln m\u00fcsse, um eine &#8218;breakout capability&#8216; zu verhindern \u2013 eine Aufr\u00fcstung mit Waffen, die den Status Quo ver\u00e4ndern, wie etwa Langstreckenraketen, die weite Teile Israels erreichen k\u00f6nnen. \u201eSo k\u00f6nnten wir uns \u2013 ohne den Willen zu einer weiteren milit\u00e4rischen Operation \u2013 in einer Lage vorfinden, die sie unvermeidlich macht.\u201c Ein amerikanischer Journalist hat ihn vor einiger Zeit gefragt, was er bevorzugen w\u00fcrde: Den Status Quo erhalten, milit\u00e4risch eingreifen oder sich zur\u00fcckziehen? Na was wohl, habe er geantwortet. \u201eIch habe Zwillinge, und ich h\u00e4tte gerne, dass meine Jungs nach der Schule einfach ein Studium anfangen k\u00f6nnen wie junge Leute \u00fcberall auf der Welt \u2013 dass sie nicht mit 18 gleich zum Milit\u00e4rdienst m\u00fcssten. Aber danach sieht es leider nicht aus.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knapp eine Woche war ich in Israel und der Westbank unterwegs, um mit besatzungskritischen NGO&#8217;s, Ex-Soldaten, Offizieren und Intellektuellen \u00fcber die Lage im Lande zu sprechen. Eine gr\u00f6\u00dfere Reportage wird folgen. Hier werde ich in loser Folge einige Notizen von meinen Gespr\u00e4chen ver\u00f6ffentlichen. Den Anfang macht Colonel Avi Gil, den ich vorgestern treffen konnte. 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