{"id":5483,"date":"2012-02-26T12:44:35","date_gmt":"2012-02-26T11:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5483"},"modified":"2012-02-26T12:48:36","modified_gmt":"2012-02-26T11:48:36","slug":"meine-ersten-turken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/02\/26\/meine-ersten-turken_5483","title":{"rendered":"Meine ersten T\u00fcrken"},"content":{"rendered":"<p>Der Vater hatte eine Bitte. Ob ich ihm dieses Blatt bitte fotokopieren konnte, und zwar zehn Mal? Sicher, warum nicht. Ich steckte es ein, ich wollte es in die Stadt mitnehmen, wo das Gymnasium war, und dann im Schweibwarengesch\u00e4ft die Kopien machen.<\/p>\n<p>Als ich meine Tasche packte, sah ich mir den Zettel an. Es war ein Spottgedicht \u00fcber T\u00fcrken darauf, handgeschrieben. Mein Vater hatte es von einem Bekannten bekommen.<\/p>\n<p>Es war das Jahr 1980, und damit ein Zeitalter der Unschuld in den Beziehungen der Deutschen zu &#8222;ihren&#8220; T\u00fcrken. Zumal bei uns in diesem entlegenen, \u00e4u\u00dferst westlichen Winkel von Nordrhein-Westfalen. Auf unserem Dorf gab es nur eine einzige t\u00fcrkische Familie, die Duraks. Ali Osman war in meinem Alter, sein Name wurde rheinisch Allijossmann ausgesprochen. Sein Bruder S\u00fcleyman wurde Sleemann genannt.<\/p>\n<p>Mit Spaniern und Italienern kannte man sich unterdessen aus, und man hatte sich \u00fcber sie einigerma\u00dfen beruhigt (immerhin waren die doch alle gut katholisch). T\u00fcrken aber waren immer noch relativ neu f\u00fcr uns, nicht nur auf dem Dorf. G\u00fcnter Wallraff hatte noch nicht einmal angefangen mit seinem &#8222;Ali&#8220;-Buch.<\/p>\n<p>Mein Vater war B\u00e4ckermeister, kein gebildeter Mann, aber auch nicht borniert. Er trieb mich und meinen Bruder als erste in der Familie aufs Gymnasium, er wollte nicht, dass wir auf dem Dorf versauerten. Er war in seinen Lehr- und Gesellenjahren weit herumgekommen. Nicht ganz freiwillig: Sein Teil unserer Familie kam aus dem &#8222;Osten&#8220;, aus dem heutigen Polen, aus Obergruppe (Gorna Grupa). Man war vertrieben worden am Ende des Krieges, man hatte alles verloren, Vaters Vater war irgendwo im Osten noch am Kriegsende eingesetzt worden und vermutlich gefallen.Wir haben es nie erfahren.<\/p>\n<p>Der Verlust des Vaters und der Heimat hatte meinen Vater zu einem Anti-Nazi gemacht. Nie habe ich von ihm ein schlechtes Wort \u00fcber die Polen geh\u00f6rt, die unseren Familienbesitz \u00fcbernommen hatten. Es herrschte bei uns die stille \u00dcbereinkunft, dass man sich auch ohne individuelle Schuld \u00fcber den Ausgang des Krieges nicht zu beklagen habe. Revanchistische oder revisionistische T\u00f6ne habe ich von meinem Vater nie geh\u00f6rt. Wohl aber von meiner Gro\u00dfmutter, die es nie \u00fcberwunden hatte, mit f\u00fcnf Kindern alleine zur Flucht gezwungen worden zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Mein Vater hatte keine Sympathien f\u00fcr die Hasstiraden meines Onkels Viktor, der seine schrecklichen Erlebnisse in Stalingrad und danach in russischen Lagern nicht anders als durch liebevoll gehegte Ressentiments gegen alles Nichtdeutsche, gegen &#8222;Linke&#8220; und andere Vaterlandsverr\u00e4ter zu bew\u00e4ltigen wu\u00dfte. Wie er Willy Brandt (&#8222;Frahm, Frahm!&#8220;) hasste! Viktor flirtete mit Neonazi-Ideen, las gelegentlich die National-Zeitung und erschreckte uns Kinder mit Grausamkeiten aus dem Krieg. Mein Vater hat ihn daf\u00fcr verachtet. Seine Lektion war das &#8222;Nie wieder&#8220;, was dazu f\u00fchrte, dass mein Entschluss zur Kriegsdienstverweigerung von ihm offen unterst\u00fctzt wurde, obwohl er politisch entschieden rechts stand. Es war ihm physisch unm\u00f6glich, etwas anderes als die Union zu w\u00e4hlen, und was er damit meinte war die offen konservative Linie der Dregger, Kanther, Barzel, Strauss. Dass sein Sohn nicht zur Bundeswehr wollte, begr\u00fc\u00dfte er dennoch ausdr\u00fccklich. Schlu\u00df mit dem ganzen Horror, die Deutschen haben auf ewige Zeiten genug Blut vergossen, das war meines Vaters Geschichtslektion. (Sp\u00e4ter konnten wir uns nicht einigen, als ich f\u00fcr eine Intervention auf dem Balkan eintrat.)<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle das, um meinen Schock zu verdeutlichen, als ich dieses widerw\u00e4rtige Antit\u00fcrkengedicht in H\u00e4nden hielt. Vater wollte es in unserer B\u00e4ckerei unter den Gesellen verteilen, damit man etwas zu lachen haben w\u00fcrde. Ich wei\u00df nicht mehr genau, was mir im Kopf herumging. Aber schlie\u00dflich habe ich ihm gesagt, dass ich ihm diese Kopien nicht machen werde. Das hat ihn kalt erwischt, und er wurde sehr w\u00fctend. Er schrie mich an. Ich weigerte mich abermals. Es war unser erster wirklich heftiger politischer Streit.<\/p>\n<p>Wir waren selber Fremde auf diesem Dorf. Mein Vater war als Habenichts hierhergekommen und hatte sich hochgearbeitet. Die Ostfl\u00fcchtlinge wurden nicht herzlich aufgenommen. Sie hatten eine andere, fremde Religion (naja, ob es wirklich eine war oder nicht nur eine Form der Dekadenz, da gingen die Meinungen auseinander), den Protestantismus. Ein Onkel aus der einheimischen katholischen Linie meiner Mutter ermahnte mich einmal, ich solle sehr nett zu den Nachbarskindern sein, sie h\u00e4tten es nicht leicht: &#8222;Die Eltern w\u00e4hlen SPD, sind evangelisch und wollen sich scheiden lassen.&#8220; Das eine Ungl\u00fcck folgte logisch aus dem anderen.<\/p>\n<p>Mein Vater war gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren, um meine Mutter, ein katholisches Dorfm\u00e4dchen, heiraten zu k\u00f6nnen. Man f\u00fcrchtete, dass &#8222;Mischehen&#8220; (so nannte man interkonfessionelle Paare damals) die Kinder in v\u00f6lliger Haltlosigkeit w\u00fcrden aufwachsen lassen. Wir hatten ein gutes Leben dort auf dem Dorf in der Eifel, aber wir blieben Fremde. Ich bin mit 18 von dort weggegangen, und mein Weg hat mich halb wieder in den Osten zur\u00fcckgef\u00fchrt, und schlie\u00dflich bin ich sogar zum Protestantismus zur\u00fcckkonvertiert, den mein Vater aufgegeben hatte. Auch mein Bruder hat das Dorf verlassen. In anderen Worten: Wir waren Fremde, wir blieben Fremde, wir hatten einen Migrationshintergrund. \u00dcber die Sprache meiner Oma mit ihren vielen polnisch-jiddisch-westpreu\u00dfischen Floskeln machte man sich lustig. Sie zahlte es heim, indem sie die &#8222;Mischpoche&#8220; heimlich verfluchte. Von den deutschen Menschen aus dem Osten schienen viele zu denken, dass die einer niederen Kultur entsprungen waren.<\/p>\n<p>Ich habe meinen Vater erst sehr viel sp\u00e4ter als den Fl\u00fcchtling gesehen, der er bis zu seinem Lebensende geblieben ist, trotz Mitgliedschaft im Sch\u00fctzenverein und Eigenheim. Damals, als ich dieses Gedicht kopieren sollte, habe ich seinen Wunsch, sich auch einmal \u00fcber andere Neuank\u00f6mmlinge lustig zu machen, nicht in diesem Zusammenhang gesehen. Heute m\u00f6chte ich mir das so zurecht legen. Wir haben nie wieder von dieser Sache gesprochen. Es war ihm, scheint mir, unendlich peinlich. Er wu\u00dfte, dass ich Recht hatte, dass mein Impuls, dieses Spottgedicht nicht zu kopieren, der richtige war. Er hat es auch nicht selber kopiert.<\/p>\n<p>Als ich kurz nach dem Vorfall an meiner Schule einen Arbeitskreis gegen die bei uns sehr starke Neonazi-Gruppe &#8222;Wiking Jugend&#8220; gr\u00fcnden half, hat er mich r\u00fcckhaltlos unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>S\u00fcleyman Durak wurde wenige Jahre sp\u00e4ter Mitglied im Verein der St. Sebastianus Sch\u00fctzen Vicht, und wenn ich mich recht erinnere, hat er es sogar zum Sch\u00fctzenk\u00f6nig gebracht.<\/p>\n<p>Ich hatte diese ganze Geschichte vergessen. Am letzten Donnerstag fiel sie mir wieder ein, als ich Ismail Yozgat bei der Feier in Berlin reden h\u00f6rte. Sein Sohn Halit war von den NSU-Killern umgebracht worden. Es war das erste Mal, dass die gesamte deutsche \u00d6ffentlichkeit einen dieser Einwanderer der ersten Generation zur besten Sendezeit reden h\u00f6rte, einen dieser stummen Menschen, \u00fcber die zwar viel, mit denen aber bis heute nicht geredet wird.<\/p>\n<p>Yozgat spricht kein Deutsch, er ist in seiner Generation einer von Hunderttausenden, einer wie der Herr Durak aus unserem Dorf. Nun sa\u00df er neben der Bundeskanzlerin, die mit ihrer DDR-Vita in ihrem Milieu auch eine Art Einwanderin ist. Ismail Yozgats Sohn sprach nicht nur Deutsch, er hatte auch wirtschaftlichen Erfolg mit seinem Internetcaf\u00e9, bis seine M\u00f6rder pl\u00f6tzlich seinem Leben ein Ende setzten.<\/p>\n<p>Er wolle keine Kompensation, sagte Herr Yozgat, das Geld solle besser in eine Krebsstiftung gesteckt werden. Er w\u00fcnsche sich die Umbenennung der Stra\u00dfe, in der sein Sohn aufgewachsen war und schlie\u00dflich ermordet wurde, in Halit-Stra\u00dfe. Er glaube an die deutsche Justiz.<\/p>\n<p>Es ist schade, dachte ich in diesem Moment, dass mein Vater das nicht mehr hat sehen k\u00f6nnen. Ismail Yozgat h\u00e4tte auch ihn beeindruckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vater hatte eine Bitte. Ob ich ihm dieses Blatt bitte fotokopieren konnte, und zwar zehn Mal? Sicher, warum nicht. Ich steckte es ein, ich wollte es in die Stadt mitnehmen, wo das Gymnasium war, und dann im Schweibwarengesch\u00e4ft die Kopien machen. Als ich meine Tasche packte, sah ich mir den Zettel an. 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