{"id":5691,"date":"2012-08-28T21:30:49","date_gmt":"2012-08-28T19:30:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5691"},"modified":"2012-09-05T17:10:51","modified_gmt":"2012-09-05T15:10:51","slug":"church-of-negativity-ein-tag-in-bethlehem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/08\/28\/church-of-negativity-ein-tag-in-bethlehem_5691","title":{"rendered":"Church of Negativity: Ein Tag in Bethlehem"},"content":{"rendered":"<p>Im Bus vom Damaskus-Tor nach Bethlehem viele junge Frauen mit Kopft\u00fcchern, offensichtlich viele Studentinnen darunter. Auf den gegen\u00fcberliegenden Sitzen zwei Freundinnen, die sich kichernd unterhalten, eine mit, eine ohne Kopftuch. Beide haben zum B\u00fcffeln Lehrb\u00fccher in &#8222;Business Administration&#8220; auf dem Scho\u00df.<\/p>\n<p>What Business? denke ich, froh, dass es niemand h\u00f6ren kann.<\/p>\n<p>Am israelischen Checkpoint wird ein junger Mann aus dem pal\u00e4stinensischen Bus herausgeholt. Vermutlich hat er keine oder nicht die richtigen Papiere dabei. Wir fahren weiter.<br \/>\nIn Bethlehem gehe ich vom Halt der Linie 21 aus stadteinw\u00e4rts. Bethlehem ist ein langgezogener Schlauch von parallelen Altstadtgassen, die alle auf &#8222;Manger Square&#8220; zulaufen, den Ort, an dem die Geburtskirche sich \u00a0erhebt. Der erste Kilometer von der Haltestelle ist voller Shops f\u00fcr den t\u00e4glichen Gebrauch, um den Manger Square herum dominieren die Souvenirl\u00e4den. Allerdings verirren sich kaum Touristen und Pilger hierher. Es werden pausenlos Kruzifixe &#8211; und vor allem (Bethlehem!) Krippen &#8211; aus Olivenholz gedrechselt, aber sie liegen auf Vorrat in den Auslagen. Die Pilger werden in Gruppen \u00a0durch die Geburtskirche geschleust &#8211; heute sind Russen und Spanier da, alle mit lustigen Kappen kenntlich gemacht. Danach schleppt der Tourguide sie zu einem vorher ausgemachten Laden, wo er Kommission kassiert. Bethlehem gilt seit der zweiten Intifada vielen immer noch als unsicher, sie meiden den sch\u00f6nen Soukh. \u00a0F\u00fcr die \u00f6rtliche Wirtschaft ein Desaster.<br \/>\nYousef spricht mich an, sein Englisch ist sehr gut. Er ist Lehrer, arbeitet aber nachmittags als Taxifahrer, um seine Familie zu ern\u00e4hren. Seine Frau ist auch Lehrerin, und so reicht es mit drei Einkommen so gerade zum Durchkommen. Nach 21 Jahren im Beruf, sagt Yousef, verdient er 2.500 Schekel als Lehrer (ca. 500 \u20ac). Er und seine Frau haben sieben S\u00f6hne, obwohl er schon nach dem Dritten abgewunken habe. Aber meine Frau, sagt er, wollte eben unbedingt ein M\u00e4dchen, und so haben wir weiter probiert. Einer seiner S\u00f6hne tr\u00e4umt davon, in Dortmund Medizin zu studieren. Der Sohn lernt bereits Deutsch in Hebron, um sich vorzubereiten. Yousef scheint ein bisschen Angst davor zu haben, dass der Traum wahr werden k\u00f6nnte: Die Lebenshaltungskosten in Deutschland sollen sehr hoch sein, sagt er fragend. Jerusalem ist nur 9 Kilometer entfernt, aber Yousef darf normaler Weise nicht hin. In den letzten zehn Jahren konnte er zwei Mal Sondergenehmigungen der Israelis bekommen.<br \/>\nIch gehe in die &#8222;Church of Nativity&#8220;. Ich muss lachen. Nach dem Gespr\u00e4ch mit Yousef habe ich gelesen: Church of Negativity.<\/p>\n<p>In der Geburtskirche k\u00fcssen die Spanier in Zweierreihen die Rosette, die den Ort der Geburt des Heilands markiert. Ich habe mich von der Ausgangsseite her eingeschlichen, ernte irritierte Blicke des orthodoxen M\u00f6nchs, der hier zust\u00e4ndig ist. Aber ich hatte ja nicht vor, mich zum Kuss der Geburtsstelle zwischen die alten Damen zu dr\u00e4ngen, so komme ich glimpflich davon.<br \/>\nAm Platz gibt es eine Art offizielles Restaurant der PA, mit sch\u00f6ner Terrasse. Auch hier ist nichts los. Der Limonensaft mit Minze ist k\u00f6stlich. Ahmed trinkt mit seinem Freund das Gleiche und spricht mich an. Er ist in einem Fl\u00fcchtlingslager au\u00dferhalb der Stadt geboren, und er ist, so \u00a0stellt sich heraus: noch ein unterbesch\u00e4ftigter Taxifahrer. Auch sein Englisch ist sehr gut. Die Besatzung sei &#8222;boring&#8220;, sagt er. &#8222;I hate this life. I want to get away.&#8220; Wohin? Nach Californien, eine bessere Zukunft f\u00fcr sich, seine Frau und seine beiden T\u00f6chter. Er kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie auch unter so beschr\u00e4nkten Umst\u00e4nden aufwachsen sollen. Sein ganzes Leben lang ist das schon so, er ist Jahrgang 1978.<br \/>\nSeine Frau ist seit sieben Monaten bei ihrer Familie in Gaza. Jahrelang war sie nicht dort gewesen. Dann hatte er endlich das Geld zusammen f\u00fcr die Reise: \u00fcber Jordanien nach \u00c4gypten, dann \u00fcber Rafah nach Gaza. Umgerechnet 1000 \u20ac hat es ihn gekostet, ein Verm\u00f6gen. An der Grenze nach Gaza mu\u00dfte er sie zur\u00fccklassen. Er vermi\u00dft die Familie. Ob er nicht auch hink\u00f6nne, frage ich: Nein, ich bin in der Fatah, sagt er. Es w\u00e4re zu gef\u00e4hrlich.<br \/>\nMir reicht es, sagt Ahmed, ich will reisen k\u00f6nne wie Sie, wie die ganze Welt. Mit welchem Recht bin ich hier eingesperrt?<br \/>\nDann muss ich zur\u00fcck zum Bus nach Jerusalem. Am Checkpoint nach Jerusalem steigen die Pal\u00e4stinenser aus und zeigen den israelischen Soldaten ihre Dokumente. Ich bleibe mit den paar anderen westlichen Besuchern im Bus sitzen, zwei Amerikanerinnen und ein Franzose. F\u00fcr uns bem\u00fchen die Soldaten sich in den Bus. Sie gucken die Papiere gar nicht genau an, das Ganze ist ein Zeremoniell geworden. Dann steigen die Pal\u00e4stinenser wieder ein.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit Kopftuch neben mir holt ein Lehrbuch aus dem Rucksack: &#8222;Klinische Psychiatrie&#8220; auf Englisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bus vom Damaskus-Tor nach Bethlehem viele junge Frauen mit Kopft\u00fcchern, offensichtlich viele Studentinnen darunter. Auf den gegen\u00fcberliegenden Sitzen zwei Freundinnen, die sich kichernd unterhalten, eine mit, eine ohne Kopftuch. Beide haben zum B\u00fcffeln Lehrb\u00fccher in &#8222;Business Administration&#8220; auf dem Scho\u00df. What Business? denke ich, froh, dass es niemand h\u00f6ren kann. 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