{"id":5696,"date":"2012-09-05T12:44:54","date_gmt":"2012-09-05T10:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5696"},"modified":"2012-09-05T17:03:47","modified_gmt":"2012-09-05T15:03:47","slug":"beschneidungsverbot-und-die-zukunft-des-judentums-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/09\/05\/beschneidungsverbot-und-die-zukunft-des-judentums-in-deutschland_5696","title":{"rendered":"Beschneidungsverbot und die Zukunft des Judentums in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Wer immer noch nicht glauben will, was ich hier <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?s=Beschneidung\">verschiedentlich<\/a> versucht habe auszudr\u00fccken, lese in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/beschneidungen-in-deutschland-wollt-ihr-uns-juden-noch-1.1459038-2\">S\u00fcddeutschen den\u00a0Text von Charlotte Knobloch<\/a>, der ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es ist ein Paukenschlag. Die 79j\u00e4hrige Knobloch ist heute an einem Punkt, an dem ihr Vorg\u00e4nger Bubis auch kurz vor seinem \u00a0Tode angelangt war. Damals sagte Bubis, den die Debatte um Martin Walsers Paulskirchenrede ersch\u00fcttert hatte, er wolle nicht in Deutschland begraben werden. Die \u00d6ffentlichkeit war schockiert und fragte sich: Was hat er blo\u00df? Warum ist er so empfindlich?<br \/>\nHoffentlich stellen sich nach diesem Text auch einige Leute solche Fragen, denn die Lage ist bedrohlich.<\/p>\n<p>Charlotte Knobloch hat als \u00dcberlebende des Holocaust jahrzehntelang ihr Bleiben in Deutschland rechtfertigen m\u00fcssen, und sie hat es guten Gewissens getan. Jetzt gehen ihr angesichts der Beschneidungsdebatte die Argumente aus und sie fragt die Deutschen: &#8222;Wollt ihr uns Juden noch?&#8220;<\/p>\n<p>Die Frage ist berechtigt:<\/p>\n<blockquote><p>Wir rechtfertigen und erl\u00e4utern die deutsche Mentalit\u00e4t gegen\u00fcber unseren Familien und Freunden im Ausland. Seit Jahrzehnten erkl\u00e4ren wir, warum es trotzdem nicht nur richtig, sondern auch gut ist, in diesem Land zu leben, wir tun das selbst dann noch, wenn in Deutschland Rabbiner oder als Juden erkennbare Juden angep\u00f6belt und krankenhausreif geschlagen werden. Beinahe mein ganzes Leben lang war und bin ich der Kritik der restlichen j\u00fcdischen Welt ausgesetzt. Seit sechs Jahrzehnten muss ich mich rechtfertigen, weil ich in Deutschland geblieben bin &#8211; als \u00dcberbleibsel einer zerst\u00f6rten Welt, als Schaf unter\u00a0W\u00f6lfen.<\/p><\/blockquote>\n<div>\n<blockquote><p>Ich\u00a0habe diese Last immer gerne getragen, weil ich der festen \u00dcberzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben. Erstmals geraten nun meine Grundfesten ins Wanken. Erstmals sp\u00fcre ich Resignation in mir. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will. Ich frage mich, ob die unz\u00e4hligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt \u00fcber &#8218;Kinderqu\u00e4lerei&#8216; und &#8218;Traumata&#8216; schwadronieren, sich \u00fcberhaupt dar\u00fcber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine j\u00fcdische Existenz in Deutschland infrage stellen. Eine Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt\u00a0haben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Juden in Deutschland sind diese Wochen ein Alptraum, wie ich aus verschiedenen Gespr\u00e4chen wei\u00df. Die wollen euch nicht, die machen eure Religion runter, sie werden j\u00fcdisches Leben unm\u00f6glich machen oder jedenfalls so unsicher, dass ihr es nicht mehr aushaltet. Das bekommt man von Freunden im Ausland zu h\u00f6ren, und das denkt man in dunklen Stunden auch selbst. Deutsche Juden dachten, sie h\u00e4tten die Situation hinter sich, die Charlotte Knobloch beschreibt: Die dauernde Not, sich f\u00fcr sein Leben hier zu rechtfertigen. Nun sind sie wieder bei Null.<\/p>\n<p>Und die Besserwisser h\u00f6ren nicht auf. Sie haben es schon geschafft, dass weite Teile der deutschen \u00d6ffentlichkeit ein Ritual, das eine Feier des Lebens und des Bundes mit Gott ist &#8211; ein symbolischer Ersatz des Sohnesopfers &#8211; wahrnimmt als brutales archaisches Sohnesopfer. Die Deutschen, die sich von ihrer Verfallenheit an einen neuheidnischen politischen Todeskult (inklusive Kindest\u00f6tung an &#8222;unwertem Leben&#8220;, denn das 5. Gebot wurde ja vom NS (korrekt!) als &#8222;j\u00fcdische Erfindung&#8220; zur\u00fcckgewiesen) \u00a0noch immer nicht erholt haben, von einem Todeskult, der den Judenmord zu einer quasireligi\u00f6sen Erl\u00f6sungstat erhob &#8211; diese Deutschen beziehunsgweise ihre Nachkommen beugen sich heute voller Mi\u00dfachtung \u00fcber einen \u00a0zentralen Ritus des Judentums, der die Heiligkeit des Lebens begr\u00fcndet und markiert. Das ist ein Bruch. Das ist schlimmer als die Walser-Debatte. Die ganze angebliche Renaissance j\u00fcdischen Lebens in Deutschland, von der auch ich in den letzten 15 Jahren immer berichtet habe, mit ihren Synagogener\u00f6ffnungen und neuen Rabbinerseminaren &#8211; sie steht zur Disposition.<\/p>\n<p>Es ist eine perverse Traumlogik zugange: Die Entwertung der j\u00fcdischen Religion, diesmal nicht im Zeichen des rassistischen Antisemitismus, sondern im Zeichen der Aufkl\u00e4rung und der Menschenw\u00fcrde. Endlich kann man den Juden am Zeug flicken, ohne sich dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen, denn es geht ja um den Kinderschutz, hier verstanden als Schutz j\u00fcdischer Kinder vor den Juden. Sollten die Juden da nicht mitmachen und auf ihrem Bundeszeichen bestehen, dann haben sie keine Zukunft unter den aufgekl\u00e4rten Menschenrechtssch\u00fctzern in Deutschland. Der ehemalige Oberrabiner Israels hat das zutreffend sarkastisch kommentiert, es sei etwas Neues f\u00fcr ihn, dass die Schmerzen j\u00fcdischer Kinder Deutschen etwas bedeuten. Zur Zeit seiner Jugend sei das nicht so gewesen.<\/p>\n<p>So weit sind wir gekommen, dass das m\u00fchsam wieder erarbeitete Vertrauen der Juden in Deutschland gef\u00e4hrdet ist. Ich war letzte Woche in Israel unterwegs und habe viele Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt. Immer wieder kam die Frage: &#8222;Was ist mit euch los?&#8220; Ich habe keine beruhigenden Antworten anbieten k\u00f6nnen. Selbst Menschen, die der Beschneidung kritisch gegen\u00fcber stehen, sind aufgebracht durch eine gef\u00fchls- und gedankenlose Debatte. Sollte Beschneidung in Deutschland kriminalisiert werden, w\u00e4re dies das Ende j\u00fcdischen Lebens in Deutschland. Das sagen selbst Leute, die Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die kleine Minderheit von Juden hat, die ihren S\u00f6hne \u00a0nicht beschneiden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In Jerusalem habe ich angefangen, Simon Sebag Montefiores Biografie dieser Stadt zu lesen, ein monumentales und fesselndes Werk, das Schicht um Schicht unter den Steinen freilegt. Immer wieder wurde Jerusalem von den Feinden der Juden angegriffen, oft mit Erfolg. Beim Versuch, das Judentum auszul\u00f6schen, spielte der Brauch der Beschneidung als Zeichen des Bundes immer wieder eine zentrale Rolle. Zigtausende sind daf\u00fcr gestorben, an diesem Zeichen festzuhalten. Das Judentum als Religion der <a href=\"http:\/\/www.achgut.com\/dadgdx\/index.php\/dadgd\/article\/weshalb_beschneidung\/\">Opfer\u00fcberwindung und des Lebensschutzes<\/a> hat sich dies auch trotz gro\u00dfer Opfer nicht nehmen lassen. Wer damit jetzt im Zeichen des Kinderschutzes Schluss machen will, sollte sich \u00fcber die Konsequenzen klar sein.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer immer noch nicht glauben will, was ich hier verschiedentlich versucht habe auszudr\u00fccken, lese in der S\u00fcddeutschen den\u00a0Text von Charlotte Knobloch, der ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es ist ein Paukenschlag. Die 79j\u00e4hrige Knobloch ist heute an einem Punkt, an dem ihr Vorg\u00e4nger Bubis auch kurz vor seinem \u00a0Tode angelangt war. 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