{"id":5774,"date":"2012-11-05T12:31:30","date_gmt":"2012-11-05T11:31:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5774"},"modified":"2012-11-05T12:37:07","modified_gmt":"2012-11-05T11:37:07","slug":"ein-koptischer-bischof-will-agypten-verandern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/11\/05\/ein-koptischer-bischof-will-agypten-verandern_5774","title":{"rendered":"Ein koptischer Bischof will \u00c4gypten ver\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p><em>Die letzte Woche habe ich in \u00c4gypten verbracht, in Begleitung des Koptisch-Orthodoxen Bischofs Anba Damian, der f\u00fcr die \u00e4gyptischen Christen in Deutschland zust\u00e4ndig ist. Bischof Damian war wegen der Papstwahl in seinem Heimatland, ich konnte die Synode am letzten Montag aus n\u00e4chster N\u00e4he erleben. Die Reise war Teil einer Langzeitrecherche \u00fcber Christen im Nahen Osten. Ein Dossier zum Thema soll Ende November in der ZEIT erscheinen. Von meinen Eindr\u00fccken kann ich darum hier vieles leider nicht vorab teilen.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Eine Begegnung aber, die durch Bischof Damian m\u00f6glich wurde, hat mich sehr bewegt, und \u00fcber sie will ich einiges mitteilen. Wir trafen Bischof Thomas, einen Freund von Anba Damian, in seinem Projekt namens &#8222;Anafora&#8220; 120 Kilometer n\u00f6rdlich von Kairo. Dort hat er mir seine Geschichte erz\u00e4hlt und seinen Eindruck von der Lage der Kopten geschildert. Anders als viele eher vorsichtige und diplomatische Kirchenm\u00e4nner ist Bischof Thomas ein Freund deutlicher Worte.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Der Bischof sagt, \u00c4gypten brauche &#8222;weniger Religion&#8220;. &#8222;Die Religion erstickt uns in diesem Land.&#8220; Das ist nicht die einzige erstaunliche Aussage dieses freien Kopfes.<\/p>\n<p>Bischof Thomas wurde 1957 in Kairo geboren, in einer der reichen koptischen Familien. Seine Gro\u00dfmutter war ber\u00fchmt f\u00fcr ihre Mildt\u00e4tigkeit. Im Haus der Familie richtete sie eine Suppenk\u00fcche f\u00fcr die Armen ein. Jeden Tag wurden die Armen an einem besonderen Hintereingang gespeist. Als Thomas 9 Jahre alt war, kam er in Konflikt mit der Gro\u00dfmutter. Er wollte die Armen ins Haus lassen, um sie dort zu speisen. Als die Gro\u00dfmutter insistierte, dass sie nur in der Suppenk\u00fcche essen durften, begann der Junge, demonstrativ und aus Protest mit den Armen zu essen. Dort traf er einen Mann, der \u00fcber der traditionellen Jallabia ein teures, aber schmutziges Jackett trug. Er roch schlecht und war sehr sch\u00fcchtern, er hatte einen wei\u00dfen Bart. Der Junge kam mit dem Mann, der Gawardy hie\u00df, ins Gespr\u00e4ch. Es stellte sich heraus, dass Gawardy ein sehr belesener Mann war. Er trug immer ein Buch unter seinem Jackett mit sich herum. &#8222;Du mu\u00dft mehr lernen&#8220;, sagt er dem Jungen. Der Junge dr\u00e4ngte seine Familie, den weisen Mann zu treffen. Doch die Gro\u00dfmutter insistierte: &#8222;Wir geben ihm, was er braucht, aber er kommt mir nicht ins Haus.&#8220; Gawardy f\u00fchrte den jungen Thomas zu den Antiquaren in der N\u00e4he der Kairoer Oper und zeigte ihm die Welt der B\u00fccher. Von seinem Taschengeld konnte er sich hier eine ganze Bibliothek zusammenkaufen. &#8222;Gawardy, dieser stinkende arme Schlucker, hat mir ein ganzes Universum erschlossen.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/anba-thomas-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5775\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/anba-thomas-1.jpg\" alt=\"\" width=\"428\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/anba-thomas-1.jpg 428w, https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/anba-thomas-1-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Anba Thomas, Bischof der Koptischen Kirche in Ober\u00e4gypten \u00a0 \u00a0Foto: J.Lau<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><br \/>\nEines Tages kam Gawardy nicht mehr zur Armenspeisung. Eine Woche suchte der Junge nach ihm, zunehmend verzweifelt, bis er in einer Kirchengemeinde einen Priester fand, der sich einen Mann in Jellabia und Jackett erinnerte: &#8222;Er ist tot, wir haben ihn vor zwei Tagen beerdigt. Keiner hat nach ihm gefragt. Er hatte wohl niemanden.&#8220;<br \/>\nBis heute, sagt Bischof Thomas, der damals 11 war, &#8222;suche ich nach Gawardy.&#8220; Mit seiner Gro\u00dfmutter hat er sich eines Tages vers\u00f6hnt, &#8222;nicht aber mit der ungerechten \u00e4gytpischen Gesellschaft&#8220;. Er ist Bischof geworden, um &#8211; bildlich gesprochen &#8211; die Gawardys ins Haus zu bringen.<br \/>\nEr hat als Bischof ein eigenes Haus geschaffen, um dies zu tun. Es hei\u00dft &#8222;Anafora&#8220; und liegt 120 Kilometer n\u00f6rdlich von Kairo auf dem Weg nach Alexandria. Eigentlich ist es eine Farm, ein Konferenzzentrum, ein Hotel und ein Kloster zugleich.<br \/>\nEr wollte urspr\u00fcnglich nicht in der \u00d6ffentlichkeit wirken. Das M\u00f6nchsleben \u00a0war seine Sehnsucht, als er in die Kirche eintrat. Der Papst aber schickte ihn als jungen Priester zur Mission nach Kenia. Immer wieder schickte er Bittbriefe an das Patriarchat, er wolle in sein Kloster zur\u00fcckkehren. Dann, 1988, kam die Order, sofort nach Kairo zur\u00fcckzukehren. Statt der erhofften R\u00fcckkehr ins Kloster er\u00f6ffnete der Papst ihm seine Absicht, ihn zum Bischof zu weihen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den erst 31j\u00e4hrigen Thomas war das ein Schock, denn der weg zur\u00fcck ins M\u00f6nchsleben war damit verschlossen. Er wurde nach Ober\u00e4gypten geschickt, wo die meisten Kopten als arme, ungebildete und unterdr\u00fcckte Landbev\u00f6lkerung leben: &#8222;Als Bischof wollte ich die st\u00fctzende Hand sein, die die Menschen aufrichtet, nicht die hand, die von oben herab herrscht.&#8220; In Ober\u00e4gypten habe er schnell gelernt, dass die Menschen nicht nur Nahrung und Kleidung brauchen, sondern vor allem Bildung. Er begann mit der Gr\u00fcndung von Schulen und Kinderg\u00e4rten.<\/p>\n<p>Nach einer Weile wurde ihm deutlich, dass man den Menschen eine Chance geben musste, aus ihrem Umfeld zu entkommen, damit sie sie sich nachhaltig ver\u00e4ndern konnten. So kaufte er mit Spendengeldern das Land &#8211; ein St\u00fcck W\u00fcste an der Autobahn nach Alexandria-, wo dann nach und nach &#8222;Anafora&#8220; entstand. In Oliven- und Palmenhainen, Mango- und Kartoffelfeldern lernen die Sch\u00fcler aus Ober\u00e4gypten moderne landwirtschaftliche Methoden. In der K\u00fcche und im Gastbereich k\u00f6nnen sie F\u00e4higkeiten f\u00fcr den Broterwerb jenseits der Landwirtschaft erlernen. Ebenso wichtig wie diese F\u00e4higkeiten ist aber die Erfahrung einer w\u00fcrdigen Behandlung. Die &#8222;Gawardys&#8220; treffen hier auf reiche Leute, die nach Anafora kommen um sich zu erholen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/Anba-Thomas.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-5776\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/Anba-Thomas.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/Anba-Thomas.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2012\/11\/Anba-Thomas-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Bischof Thomas in seinem Zentrum &#8222;Anafora&#8220; \u00a0 \u00a0 \u00a0Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bischof lehrt sie, zu den Reichen nicht aufzuschauen, sondern sich als gleichwertige Menschen zu benehmen. &#8222;Wir lehren \u00fcbrigens auch die Frauen hier, dass sie den M\u00e4nnern gleichgestellt sind.&#8220; Wenn sie mit dieser Einstellung zur\u00fcck auf die D\u00f6rfer gehen, wo sie weder ihren V\u00e4tern noch ihren Br\u00fcdern widersprechen d\u00fcrfen, finden sie dort Mentoren vor, die ihnen helfen, sich nicht wieder einsch\u00fcchtern zu lassen.<\/p>\n<p>Die \u00e4gyptische Gesellschaft, sagt der Bischof, brauche drei Transformationen: von der Hierarchie zur Gemeinschaft, von der Geschlechterunterdr\u00fcckung zur Gleichheit, von der religi\u00f6sen Rigidit\u00e4t zur offenen Spiritualit\u00e4t. &#8222;Es ist vielleicht ungew\u00f6hnlich, wenn ich das als Bischof sage, aber ich w\u00fcnsche mir weniger \u00f6ffentliche Religion in unserem Land. Alles wird hier zur religi\u00f6sen Angelegenheit, selbst die Luft die wir atmen und das Wasser das wir trinken. Auch das Geld ist zur religi\u00f6sen Sache geworden. Die Religion legt sich \u00fcber alles, so dass das Land darunter erstickt. Ich bin ein Bischof, aber ich lehne es ab, alles in relig\u00f6se Schubalden einzusortieren.&#8220;<br \/>\nBischof Thomas war anfangs begeistert von der Revolution. Er hat das Regime Mubaraks immer verachtet und auch offen kritisiert. Er hatte die Hoffnung, dass \u00c4gypten sich mit der Revolte der jungen Leute wieder zur Welt \u00f6ffnet, dass &#8222;\u00c4gypten wieder kosmopolitisch wird, wie es Alexandria zu seinen besten Zeiten einmal war. Und das ist auch immer noch m\u00f6glich.&#8220; Die Menschen, sagt er, haben einen Moment der Freheit erlebt, ihre Stimme z\u00e4hlte pl\u00f6tzlich, die Verjagung Mubaraks war ein Augenblick der W\u00fcrde. Die an der Revolte beteiligten Christen kamen den liberalen Muslimen sehr nah w\u00e4hrend dieser Zeit.<\/p>\n<p>Um so gr\u00f6\u00dfer war der Schock dar\u00fcber, dass die konservativen islamistischen Gruppen wie die Muslimbr\u00fcder und die Salafisten die Macht \u00fcbernehmen konnten. Nun macht die Angst die Runde, dass die immer schon vorhandene versteckte Diskriminierung zu einer offenen Unterdr\u00fcckung wird. Angst ist schlecht f\u00fcr die Demokratie, meint der Bischof, weil &#8222;die H\u00e4lfte der Demokratie daraus besteht, aus freien St\u00fccken nein sagen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Zweifellos werde das Land nun weiter islamisiert werden, und die Kopten gerieten dadurch in eine generelle Atmosph\u00e4re des Drucks. F\u00fcr die Opfer der Anschl\u00e4ge von Nag Hammadi, Alexandria und Maspero hat es bis heute keine Anerkennung und keine Gerehtigkeit gegeben. Das n\u00e4hrt vor allem bei gut ausgebildeten und vernetzten Eliten das Gef\u00fchl der Hoffnungslosigkeit und den Wunsch nach Auswanderung. &#8222;Unsere Elite verl\u00e4\u00dft das Land, wie sehr ich auch dagegen rede und dage, sie sollen hier bleiben und k\u00e4mpfen.&#8220; Die Revoluion war ein Vorgeschmack der Freiheit, aber die Demokratie muss noch errungen werden. &#8222;Demokratie ist nicht einfach die Herrschaft der Mehrheit. Eine Mehrheit, die der Minderheit keinen Raum l\u00e4sst, sich frei zu entfalten, ist nicht demokratisch. Demokratie funktioniert nur, wenn jeder Mensch die Verantwortung akzeptiert, den anderen diesen Raum offen zu halten, den sie brauchen.&#8220;<br \/>\nDie Zukunft der Kopten sieht der Bischof nicht in Minderheitenrechten: &#8222;Wir m\u00fcssen f\u00fcr allgemeine Rechte k\u00e4mpfen. Ich bin zuerst Mensch und dann Kopte. Eine Minderheit kann nicht ohne die Mehrheit \u00fcberleben. Manchem liberalen Moslem f\u00fchle ich mich n\u00e4her als einem verbohrten Christen. Wir m\u00fcssen mit den liberalen Gruppen zusammenarbeiten, um f\u00fcr einen s\u00e4kularen Staat zu k\u00e4mpfen, der Religionsfreiheit f\u00fcr alle garantiert &#8211; und das hei\u00dft auch Freiheit von der Religion f\u00fcr diejenigen, die nichts damit zu tun haben wollen. Es ist mir ein \u00c4rgernis, dass in meinem \u00e4gyptischen Pass steht, dass ich Christ bin. Das hat dort nichts zu suchen. Wir wollen keinen religi\u00f6sen Staat, nicht einmal einen christlichen. Alle religi\u00f6sen Staaten der Geschichte sind gescheitert. Wenn es in die andere Richtung geht, und die Scharia mehr Einfluss auf die Gesetze bekommt, wird das zu noch mehr Segregation und weniger Gemeinsamkeit in \u00c4gypten f\u00fchren. Die fortschreitende Islamisierung und Arabisierung unserer Gesellschaft ist gef\u00e4hrlich. \u00c4gypten muss eine s\u00e4kulare Gesellschaft werden, weil das allen B\u00fcrgern erlaubt, zu wachsen und sich zu entwickeln, wenn sie wollen, auch spirituell.&#8220;<br \/>\nIm Jahr 2009 hatte der Bischof diese Vorstellungen in einem Vortrag in den USA bereits ge\u00e4u\u00dfert. Danach erschienen Dutzende Artikel, in denen er zum Verr\u00e4ter erkl\u00e4rt wurde. Man drohte ihm seine Staatsangeh\u00f6rigkeit zu entziehen, und er erhielt auch Todesdrohungen.\u00a0Er ist aber immer noch da und nimmt kein Wort zur\u00fcck. Er glaubt, dass f\u00fcr \u00c4gyptens Christen harte Zeiten kommen, weil die Islamisten nun am Dr\u00fccker sind. Aber den Moment der Freiheit und das Erlebnis der W\u00fcrde kann man den Leuten nicht mehr nehmen: &#8222;Ich warte auf die zweite Phase der Revolution, in der die Menschen wirklich Besitz von ihrem eigenen Land ergreifen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzte Woche habe ich in \u00c4gypten verbracht, in Begleitung des Koptisch-Orthodoxen Bischofs Anba Damian, der f\u00fcr die \u00e4gyptischen Christen in Deutschland zust\u00e4ndig ist. Bischof Damian war wegen der Papstwahl in seinem Heimatland, ich konnte die Synode am letzten Montag aus n\u00e4chster N\u00e4he erleben. Die Reise war Teil einer Langzeitrecherche \u00fcber Christen im Nahen Osten. 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