{"id":5799,"date":"2012-11-11T10:12:13","date_gmt":"2012-11-11T09:12:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5799"},"modified":"2012-11-11T10:16:31","modified_gmt":"2012-11-11T09:16:31","slug":"ein-rechtsextremer-aussteiger-einwanderung-integration-und-identitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/11\/11\/ein-rechtsextremer-aussteiger-einwanderung-integration-und-identitat_5799","title":{"rendered":"Ein rechtsextremer Aussteiger \u00fcber Einwanderung, Integration und Identit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Dann wieder ist das Internet doch eine feine Sache.<\/p>\n<p>Am Freitag fand ich einen Verweis auf Facebook vor, dass sich ein gewisser <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andreas_Molau\">Andreas Molau<\/a> ausf\u00fchrlich mit meinem auch <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2012\/10\/22\/die-vergiftung-der-deutschen-integrationsdebatte_5756\">hier ver\u00f6ffentlichten Vortrag<\/a> beim Berliner Integrationsforum auseinandersetzt. Herr Molau hat im letzten Jahr Aufsehen erregt, als er aus der rechtsradikalen Szene ausstieg. Er war zuletzt bei pro NRW aktiv, davor bei der DVU, und davor viele Jahre ein wichtiger Kopf der NPD. Seit er sich mithilfe eines Ausstiegsprogramms des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes aus der Szene abgesetzt hat, versucht Andreas Molau offenbar, sich auch politisch-geistig neu zu orientieren. Ein interessanter Vorgang. Ich kann nicht beurteilen, wie authentisch und ernsthaft Molaus Nachdenken \u00fcber die Szene ist, aber seine Einlassungen zu meinem Artikel sind teilweise sehr bedenkenswert. Ich kann mir schwer vorstellen, wie es ist, sein halbes Erwachsenenleben in diesen Zirkeln zu verbringen und dann neu anzufangen. (Leute mit linksradikaler Vergangenheit w\u00e4ren da vielleicht n\u00e4her dran.)<\/p>\n<p>Zitat aus dem <a href=\"http:\/\/integrationsblogger.de\/kultur-kann-nur-ein-freiwilliges-plebiszit-sein\/?lang=de\">Artikel<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Als \u201eRechter\u201c war die Logik f\u00fcr mich klar und holzhammerm\u00e4\u00dfig: Entweder \u201edie\u201c passen sich an \u2013 und damit ist am Ende eher Assimilation gemeint \u2013, oder sie verlassen eben das Land. In der extremeren Form rechter Ideologie, die rein biologistisch argumentiert, geht man noch einen Schritt weiter: Anpassungsbem\u00fchungen seien gar nicht notwendig, denn jeder, der fremd ist, sollte ohnehin in seine\u00a0Heimat\u00a0zur\u00fcckkehren. Diese Position hat kaum vermittelnde Potenziale. Aber sie ist auch so abstrus, dass sie in einer offenen Debatte leicht widerlegt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die so genannten Islamisierungskritiker erscheinen auf den ersten Blick erst einmal als gem\u00e4\u00dfigter im Gegensatz zu den klassischen NS-Freaks. Das war f\u00fcr mich auch der Grund, auf meinem Weg in den Ausstieg, es noch einmal mit der PRO\u00a0BEWEGUNG\u00a0zu versuchen. Im Gegensatz zur NPD ist der geistige Bezugspunkt solcher Bewegungen, ob es sich nun um die FREIHEIT handelt, PRO NRW oder pro Deutschland, nicht das Dritte Reich. Im Gegenteil, man sei antitotalit\u00e4r, so die Au\u00dfendarstellung, weil man sich gegen eine totalit\u00e4re Ideologie stelle, den Islam. Au\u00dferdem stehe man f\u00fcr die Bewahrung der Identit\u00e4t. Im Gegensatz zu Lau, der von einer Identit\u00e4t nichts wissen will, bin ich schon der \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch mit sich selbst identisch sein muss \u2013 jedenfalls \u00fcber Phasen \u2013 und dass auch Gruppenidentit\u00e4ten an sich nichts Schlechtes sind, jedenfalls, wenn sie sich nicht zu stark ins Absolute hineinsteigern.<\/p>\n<p>Letztlich musste ich aber feststellen, dass der\u00a0politische\u00a0Beitrag der \u201eRechtspopulisten\u201c, um im Bild Laus zu bleiben, die Atmosph\u00e4re doch nur vergiftet und nichts, aber auch gar nichts an den Problemen im Land l\u00f6st. Ich denke schon, dass sich auch Muslime kritische Fragen zu ihrem Glauben gefallen lassen m\u00fcssen (dem Islam kann man ebenso wenig eine Frage stellen wie dem Christentum). Ebenso wenig hilft es, kritische Fragen \u00fcber die Folgen der Einwanderung einfach auszuklammern oder noch schlimmer zu tabuisieren. Am Ende seines Textes attestiert Lau, dass es nicht gem\u00fctlich sei in Einwanderungsl\u00e4ndern \u2013 sie seien auf allen Seiten voller Konflikte und Ressentiments \u2013, \u201e\u00c4ngste und Vorbehalte, Konflikte und Ressentiments darf man nicht wegdr\u00fccken, weil sie ,der falschen Seite\u2018 nutzen.\u201c Insofern kann man den Islamkritikern nicht sagen, sie d\u00fcrften diese oder jene Frage nicht stellen.<\/p>\n<p>Diese Frageverbote sorgen meiner Erfahrung nach am Ende sogar noch mehr f\u00fcr eine Verfestigung der extremen Positionen als f\u00fcr deren Aufweichung. Die Frage ist eben nur, welche Antworten man findet. Als Islamkritiker kennt man eine ganze Reihe von merkw\u00fcrdigen Koranversen (die es aus unserer Sicht des 21. Jahrhunderts in der Bibel auch gibt), die die angebliche totalit\u00e4re Ideologie, die sich hinter der Religion verbergen solle, belegen sollen. Aber man kennt, und auch das ist meine Erfahrung, keinen Gl\u00e4ubigen pers\u00f6nlich. Diese selektive Wahrnehmung ist konstituierend f\u00fcr das Feindbild Islam. Und so sorgt der gesellschaftliche Ausschluss der Islamkritiker, daf\u00fcr, dass man diese selektive Wahrnehmung gar nicht mit der Wirklichkeit abgleichen muss. Der\u00a0Dialog\u00a0ist also nicht nur vergiftet, es findet eigentlich gar keiner statt. Der ist n\u00e4mlich beendet, wenn der amtliche Stempel \u201eRechtsextremist\u201c auf der Stirn prangt. Das ist schade, denn das Konfliktpotential wird sich so immer weiter versch\u00e4rfen. Stattdessen sollte man auf jede Frage eingehen, die im Raume steht.<\/p>\n<p>Bedroht \u201eder Islam\u201c unsere Freiheit und unsere Identit\u00e4t? Freiheit und Identit\u00e4t sind f\u00fcr mich wichtige Begriffe, die aber weder von der NPD noch von PRO oder PI-News verteidigt werden. Neuerdings gibt es \u201eidentit\u00e4re Gruppen\u201c, die sich mit Masken verh\u00fcllen und in gezielten St\u00f6raktionen die \u201emultikulturelle Gesellschaft\u201c bek\u00e4mpfen wollen.\u00a0Wenn man sich so ein Aktionsfilmchen anschaut, dann ist man genauso ratlos wie nach den Demonstrationsberichten von PRO NRW oder pro Deutschland. Wo ist da etwas von der \u201edeutschen Identit\u00e4t\u201c zu sp\u00fcren? Welche politische Konsequenz soll man denn aus den Forderungen, eine Moschee nicht zu bauen oder der Kampfansage an die \u201emultikulturelle Gesellschaft\u201c\u00a0 ziehen? Kein Mensch hindert die Islamkritiker, ihre Werte darzustellen und vor allem zu leben. Innerhalb dieser Szene habe ich davon aber in den zwei Jahren meiner T\u00e4tigkeit nichts bemerkt.<\/p>\n<p>Es ist sicher so, dass es in Saudi Arabien nicht m\u00f6glich ist, als\u00a0Christ\u00a0bekenntnisoffen zu leben. Das bedeutet f\u00fcr mich, dass ich dort sicher nicht meinen Wohnsitz aufschlagen m\u00f6chte. Es mag auch so sein, dass es in Deutschland Menschen gibt, denen so eine Gesellschaftsordnung vorschwebt. Mit Sicherheit kann man die Freiheit aber nicht verteidigen, wenn man sie abw\u00fcrgt und Andersgl\u00e4ubigen das Recht auf ein aktives religi\u00f6ses Leben zu nehmen versucht. Denn weder ist die islamkritische Szene bereit, die Dinge differenziert zu betrachten, noch sind weite Teile ehrlich. Denn ihnen geht es im Kern nur darum, wie der NPD, einen ethnisch oder zumindest kulturell homogenen Staat schaffen zu wollen, in dem jede Art von Anderssein als Bedrohung empfunden wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich glaube, dass Molau mich falsch versteht, was den &#8222;deutschen Selbsthass&#8220; angeht oder die Notwendigkeit einer Identit\u00e4t. Dazu habe ich <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2006\/10\/11\/warum-ein-einwanderungsland-patriotismus-und-leitkultur-braucht_9\">vor vielen Jahren mal einen Versuch<\/a> gemacht, der vielleicht deutlicher zeigt, wie ich es sehe: eine de facto multikulturelle Gesellschaft braucht eine Leitkultur, allerdings eine offene, variable, verhandlungsbereite.<\/p>\n<p>Was den Patriotismus angeht, halte ich es mit dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0&#8222;Nationalstolz ist f\u00fcr ein Land dasselbe wie Selbstachtung f\u00fcr den einzelnen: eine notwendige Bedingung der Selbstvervollkommnung. Zuviel Nationalstolz kann Aggressivit\u00e4t und Imperialismus erzeugen, genau wie \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Selbstgef\u00fchl zu \u00dcberheblichkeit f\u00fchren kann. Doch zuwenig Selbstachtung kann den einzelnen daran hindern, moralischen Mut zu zeigen, und ebenso kann mangelnder Nationalstolz eine energische und wirkungsvolle Diskussion \u00fcber die nationale Politik vereiteln. Eine Gef\u00fchlsbindung an das eigene Land \u2013 da\u00df Abschnitte seiner Geschichte und die heutige Politik intensive Gef\u00fchle der Scham oder gl\u00fchenden Stolz hervorrufen \u2013 ist notwendig, wenn das politische Denken phantasievoll und fruchtbar sein soll. Und dazu kommt es wohl nur, wenn der Stolz die Scham \u00fcberwiegt [&#8230;] Wer eine Nation dazu bringen m\u00f6chte, sich anzustrengen, mu\u00df ihr vorhalten, worauf sie stolz sein kann und wessen sie sich sch\u00e4men sollte. Er mu\u00df etwas Anfeuerndes \u00fcber Episoden und Figuren aus ihrer Vergangenheit sagen, denen sie treu bleiben sollte. Einer Nation m\u00fcssen K\u00fcnstler und Intellektuelle Bilder und Geschichten \u00fcber ihre Vergangenheit erschaffen. Der Wettbewerb um politische F\u00fchrungspositionen ist zum Teil ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Vorstellungen von der Identit\u00e4t der Nation und verschiedenen Symbolen ihrer Gr\u00f6\u00dfe.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier das Schlusspl\u00e4doyer aus meinem Essay, mit dem vielleicht auch <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/andreas.molau?fref=ts\">Andreas Molau<\/a> etwas anfangen kann:<\/p>\n<blockquote><p>Nicht nur die Rot-Gr\u00fcnen, sondern auch die Konservativen durchlaufen im Rahmen der Patriotismusdebatte einen Lernproze\u00df. Denn nicht nur der naive Multikulturalismus mancher Linken ist gescheitert, die sich Integration als einen Selbstl\u00e4ufer vorstellten. Wir zahlen auch einen hohen Preis daf\u00fcr, da\u00df die Konservativen ausdauernd abgestritten haben, da\u00df Einwanderung l\u00e4ngst Realit\u00e4t ist. Beide Versionen deutscher Wirklichkeitsverleugnung sind am Ende.<\/p>\n<p>Eine demokratische, republikanische Leitkultur ist kein Gegensatz zur multikulturellen Gesellschaft, sondern die Voraussetzung ihres Funktionierens. Eine weltoffene Leitkultur kann den gemeinsamen Bezugspunkt f\u00fcr eine Gesellschaft bereitstellen, die ihre kulturelle Vielfalt als Bereicherung zu erkennen lernt, ohne dabei in Werterelativismus abzugleiten. Ihr Kanon mu\u00df immer wieder neu verhandelt werden, auch mit den jeweiligen Neuank\u00f6mmlingen. Der Patriotismus der Berliner Republik darf, wenn er wirklich als &#8222;notwendige Bedingung zur Selbstvervollkommnung&#8220; funktionieren soll, weder autorit\u00e4r drohend noch biedermeierlich selbstzufrieden auftreten. Sonst kann er kein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr eine gro\u00dfherzige, inklusive, weltoffene Haltung sein. Aus demselben Grund \u2013 allerdings eigentlich schon aus H\u00f6flichkeit \u2013 verbietet sich der R\u00fcckfall in den nationalen Negativismus, diese \u00dcberwinterungsform des deutschen Gr\u00f6\u00dfenwahns. Unser Selbstvervollkommnungspatriotismus mu\u00df Leit- mit Streitkultur verbinden und Selbstbewu\u00dftsein mit Ironie. Und damit die Sache nicht nur f\u00fcr uns selber, sondern auch f\u00fcr unsere Nachbarn und Neub\u00fcrger attraktiv wird, w\u00e4re vielleicht ein bi\u00dfchen Coolness nicht schlecht.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann wieder ist das Internet doch eine feine Sache. Am Freitag fand ich einen Verweis auf Facebook vor, dass sich ein gewisser Andreas Molau ausf\u00fchrlich mit meinem auch hier ver\u00f6ffentlichten Vortrag beim Berliner Integrationsforum auseinandersetzt. Herr Molau hat im letzten Jahr Aufsehen erregt, als er aus der rechtsradikalen Szene ausstieg. 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