{"id":5828,"date":"2013-01-04T14:56:59","date_gmt":"2013-01-04T13:56:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5828"},"modified":"2013-01-04T14:57:31","modified_gmt":"2013-01-04T13:57:31","slug":"warum-uns-die-christen-des-nahen-ostens-angehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2013\/01\/04\/warum-uns-die-christen-des-nahen-ostens-angehen_5828","title":{"rendered":"Warum uns die Christen des Nahen Ostens angehen"},"content":{"rendered":"<p>Merkw\u00fcrdige Reaktionen auf mein Christen-Projekt versetzen mich in eine meditative Stimmung. Ich war mir bewu\u00dft, dass es Abwehrreaktionen hervorruft, \u00fcber bedrohte Christen zu schreiben. Aber sie sind dann doch ein wenig sehr massiv ausgefallen. \u00a0Dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Das letzte Jahr war f\u00fcr mich sehr bereichernd. Ich habe so viele Menschen getroffen, \u00fcber die ich nicht schreiben konnte &#8211; weil Platz und Zeit fehlten, oder weil sie dann nicht in die Geschichte passten, wie sie sich so beim Schreiben entwickelte. Ich bin viel gereist, und diesmal nicht in Delegationen, sondern auf eigene Faust, was die Begegnungen einfacher macht.<\/p>\n<p>Ein paar m\u00f6chte ich noch erw\u00e4hnen. Bei meinen Recherchen in Israel \u00fcber &#8222;Breaking the Silence&#8220; hat mir Arye Sharuz Shalicar sehr geholfen. Er ist der Sprecher der israelischen Armee mit der Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Europa. Arye hat nat\u00fcrlich nichts \u00fcbrig f\u00fcr die Besatzungskritiker um Jehuda Schaul. Ich war Anfang des Jahres im S\u00fcden Israels mit ihm unterwegs, um auch die Perspektive der Armee kennenzulernen, nicht nur die der Kritiker. Arye brachte mich nach Sderot und Beer Scheva und an den Gazastreifen, wo wir mit einem Intelligence Officer Patrouille fuhren. Ich wollte eigentlich ein Portr\u00e4t \u00fcber Arye schreiben, bin aber nicht dazu gekommen.<\/p>\n<p>Er ist ein Ph\u00e4nomen: Im Wedding aufgewachsen als Kind iranischer Juden, die nach Deutschland ausgewandert waren, als Jugendlicher Teil einer Gang von T\u00fcrken und Libanesen, immer am Rande des Jugendknastes vorbei. Unter muslimischen Jugendlichen aufzuwachsen, hat ihn das Judentum entdecken lassen &#8211; beziehungsweise: er wurde darauf gesto\u00dfen (&#8222;Was, Du bist Iraner und Jude? Willst Du uns verarschen?&#8220;). Als die Gang-Br\u00fcder mitbekamen, dass sie es mit einem Juden zu tun hatten, distanzierten sich viele von ihm (bis auf einen Libanesen).<\/p>\n<p>Arye ging zur Bundeswehr, wo er sich wohl f\u00fchlte, und wanderte schlie\u00dflich nach Israel aus, wo er wiederum die Grundausbildung durchmachte (gibt es noch jemanden, der Bundeswehr und IDF durchlaufen hat?). Arye studierte an der Hebrew University und machte einen Abschlu\u00df mit einer Arbeit \u00fcber Moscheebaukonflikte in Deutschland. Er wurde Offizier der israelischen Armee und bewarb sich auf einen Sprecherposten. So ist aus einem iranisch-j\u00fcdisch-deutschen Ghettokind aus Wedding eine Stimme Israels geworden.<\/p>\n<p>Arye ist ein toller Typ, sein Buch \u00fcber die Erfahrung des Aufwachsens in Wedding ist unbedingt lesenswert. Als der letzte Gaza-Krieg losging, musste ich viel an ihn denken. Er ist im letzten Jahr Vater geworden. Vielleicht schreibe ich das Portr\u00e4t ja doch noch.<\/p>\n<p>Zweitens m\u00f6chte ich Simon erw\u00e4hnen. Simon traf ich bei meiner Recherche \u00fcber Christen in der T\u00fcrkei. Auch er hat eine Vergangenheit in Deutschland. Simon wuchs als Kind t\u00fcrkisch-christlicher Einwanderer in Bayern auf. Die Eltern waren \u00fcberfordert mit dem Leben in Deutschland und lie\u00dfen die Kinder viel allein, weil sie beide arbeiteten. Simon geriet auf eine schiefe Bahn &#8211; Gewalt, Jugendgangs, Kleinkriminalit\u00e4t. Immer wieder mussten seine Eltern ihn bei der Polizei abholen. Es half nichts. Simon war nicht zu bremsen, ganz wie der ber\u00fchmtere Wiederholungst\u00e4ter &#8222;Mehmet&#8220;. \u00a0Mit 18 Jahren wurde Simon in die T\u00fcrkei abgeschoben. Er kannte die Sprache nicht, er war noch nie dort gewesen, er hatte kaum Kontakte. Er wurde zum Milit\u00e4r eingezogen, eine extrem harte Schule, wie er sagt. Er musste sich bei Verwandten in Midyat mit kleinen Jobs herumschlagen. Nach Deutschland f\u00fchrte kein Weg zur\u00fcck, es gab ein Einreiseverbot.<\/p>\n<p>Simon sagt, es war eine extreme Zeit gewesen. Er musste irgendwie in der T\u00fcrkei \u00fcberleben, deren Staatsangeh\u00f6rigkeit er durch die Eltern hatte, dabei war er mehr Deutscher und Christ als T\u00fcrke, und wurde auch so angesehen. Heute hat Simon einen modernen Bus, mit dem er als Taxifahrer und Reisef\u00fchrer selbst\u00e4ndig ist. Es gibt keinen besseren Reisef\u00fchrer durch das christliche Kurdistan, den Turabdin, als Simon. Er kennt jeden Winkel, er ist mit den M\u00f6nchen per Du, und er f\u00e4hrt schnell und sicher, immer wieder unterbrochen von bayrisch eingef\u00e4rbten Fl\u00fcchen, wenn t\u00fcrkische Lastwagenfahrer die Regeln brechen: &#8222;Host&#8217;des gsehn, wie der Wixxer do mittn auf der Audobahn wendn tut? Verdammtes Orschloch, du! Die kenn olle ned foahn, die hoam an F\u00fchraschein von ihre Vettan gekauft, die T\u00fcrken.&#8220;<\/p>\n<p>Simon sagt, dass die Abschiebung ihn wahrscheinlich gerettet hat. Er w\u00e4re untergegangen in der Welt der Jugendgangs. Er hat den Jugendrichter angefleht, ihn nicht wegzuschicken, aber es war das einzig richtige, meint er heute. Er musste da raus. Der Heimwehtourismus der Exil-Aram\u00e4er, die die Orte ihrer Vorfahren aufsuchen, ist sein Gesch\u00e4ft geworden. Er f\u00e4hrt sie zu den Kirchen und Kl\u00f6stern, macht Kontakte zu den M\u00f6nchen und den \u00c4bten. Er ist stolz darauf, dass die Aram\u00e4er wieder hierherkommen. Ein Junge, der sich fast verloren h\u00e4tte in der Fremde ist zu einem Fremdenf\u00fchrer geworden, der die Wiederaneignung der alten Heimat zu seiner Sache gemacht hat. Aber auch f\u00fcr Simon gilt: F\u00e4llt das Kloster Mor Gabriel durch die Klagen bei t\u00fcrkischen Gerichten, dann hat auch er keine Zukunft hier.<\/p>\n<p>Ich m\u00fcsste auch noch Maria Khoury in Taybeh in der Westbank erw\u00e4hnen, die mich dort aufgenommen und herumgef\u00fchrt hat. Maria ist eigentlich griechisch-amerikanisch. Sie hat ihren Mann David in Boston kennengelernt. Als David nach dem Oslo-Abkommen beschloss, in die Westbank zur\u00fcckzugehen, zog sie mit. Die Hoffnungen auf einen eigenen Staat, der schon f\u00fcnf Jahre nach dem Abkommen zu Leben anfangen sollte, haben getrogen. Maria zeigt mir die Nachbarschaft von Taybeh: gegen\u00fcber der Brauerei sieht man die Siedlung Ofra auf dem n\u00e4chsten H\u00fcgel, 1975 gegr\u00fcndet, Speerspitze der Siedlungsbewegung. Ofra verweist auf den biblischen Ort Ephraim, auf den sich auch Taybeh beruft. Im Neuen Testament wird der Ort als derjenige erw\u00e4hnt, an den sich Jesus mit den J\u00fcngern zur\u00fcckzieht, als er schon wei\u00df, dass es mit ihm zuende geht. Wenn Gott diesen Ort als Heimat der letzten Christen in der Westbank ausgesucht hat, dann hat er einen Sinn f\u00fcr schwarzen Humor.<\/p>\n<p>Maria Khoury k\u00f6nnte in Amerika leben, aber sie will Taybeh nicht aufgeben. Juden und Muslime wollen beide die Christen nicht dort haben. &#8222;Die streiten sich untereinander um das Land, wir Christen st\u00f6ren dabei nur.&#8220; Sie hat sich die Sache mit dem &#8222;Oktoberfest&#8220; ausgedacht, das jeden Herbst hier stattfindet. &#8222;Unser Bier ist friedlicher Widerstand&#8220;, sagt sie. &#8222;Wir bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Es versetzt mir einen Stich, dass manche Leute solche Geschichte nicht h\u00f6ren wollen. Ein Aktivist, der sich f\u00fcr die Freiheitsbewegung vom Tahrir-Platz einsetzt, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/deepsands\/posts\/305231592931360?comment_id=23693631&amp;notif_t=mentions_comment\">wirft mir vor<\/a>, mit der Rede von der Christenverfolgung das alte Spiel der Diktatoren weiter zu spielen, die die Religionen gegeneinander ausgespielt haben. Letzteres ist nicht zu bestreiten, und es ist auch nicht zu bestreiten, dass manche christliche F\u00fchrer sehr faule Deals mit unterdr\u00fcckerischen Regimen gemacht haben. Aber das kann doch kein Grund sein nicht hinzuschauen, wenn nun unter anderen Vorzeichen die Rechte der Christen in Gefahr sind.<\/p>\n<p>Ein Leser war angenervt davon, dass die Thematik \u00fcberhaupt im Rahmen eines religi\u00f6sen Konflikts beschrieben wird. Da scheint die Annahme durch, es gehe nie &#8222;wirklich&#8220; um Religion, sondern die religi\u00f6sen Differenzen w\u00fcrden immer nur &#8222;vorgeschoben&#8220;, um andere Konflikte zu bem\u00e4nteln. So etwas gibt es zwar auch, aber wenn die Folge ist, dass Gemeinschaften nicht mehr in der Region bleiben k\u00f6nnen (-&gt; Irak), dann ist es am Ende de facto religi\u00f6se Verfolgung, egal welche Nebenmotive mitspielen.<\/p>\n<p>Eine Kommentatorin wies darauf hin, dass das Christentum mit dem Kolonialismus zusammengebracht w\u00fcrde und daher viele Ressentiments erkl\u00e4rbar seien. Nun, das ist historisch sicher richtig, aber &#8211; was meine Beispiele angeht &#8211; eben Teil des Problems: Ich habe ausschlie\u00dflich indigene christliche Communities besucht, die l\u00e4nger da sind als der Islam. Diese Gruppen haben nichts mit Missionaren und Kolonisatoren zu tun. Im Gegenteil sind sie historisch zum Gegenstand islamischer Mission und Kolonisation geworden. Das Perverse ist, dass die christlichen Ureinwohner der L\u00e4nder in Verkehrung dieser Tatsachen zu &#8222;Fremden&#8220; umgewidmet werden (weil sie sich teils mit den Usurpatoren und Diktatoren eigelassen haben, man wird das in Syrien noch sehen, wenn Assad weg ist). Dem muss man entgegen treten, und das habe ich mit diesem Text auch versucht.<\/p>\n<p>Ich habe auch zustimmende und ermutigende Reaktionen bekommen. Aber vielen ist das Thema unangenehm. Es st\u00f6rt ein Bild des arabischen V\u00f6lkerfr\u00fchlings, es st\u00f6rt das muslimische Selbstbild (&#8222;wir sind historisch toleranter als die Christen&#8220; &#8211; was ja f\u00fcr viele Phasen stimmt, vor allem gegen\u00fcber den Juden), es st\u00f6rt das abendl\u00e4ndische Selbstbild (&#8222;wir sind die B\u00f6sen, die Kolonisatoren, die Missionare, die Imperialisten&#8220;). Und dann: Man wei\u00df einfach nicht, was man tun soll. Ist auch nicht einfach! Es ist nicht richtig, die verfolgten Christen des Orients als &#8222;welche von uns&#8220; zu vereinnahmen, denen &#8222;wir&#8220; helfen m\u00fcssen, weil sie so sind wie wir. Das f\u00fchrt genau in die Falle der Umdefinition des orientalischen Christen als Fremden und Agenten des &#8222;Westens&#8220;. Nein, diese Christen sind nicht &#8222;wie wir&#8220;. Sie sind (auch theologisch) anders und geh\u00f6ren nach \u00c4gypten, Syrien, Iran und in die T\u00fcrkei, nicht ins westliche Exil. Die Mehrheitsgesellschaften m\u00fcssen f\u00fcr sie k\u00e4mpfen, weil sie ein Teil des vielschichtigen Gewebes des Orients sind. Es muss sich die Einsicht durchsetzen, dass der erzwungene Exodus der Christen eine Selbstverst\u00fcmmelung des Orients ist. Ob das rechtzeitig so kommt &#8211; da bin ich sehr pessimistisch zur\u00fcckgekehrt von meinen Reisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merkw\u00fcrdige Reaktionen auf mein Christen-Projekt versetzen mich in eine meditative Stimmung. Ich war mir bewu\u00dft, dass es Abwehrreaktionen hervorruft, \u00fcber bedrohte Christen zu schreiben. Aber sie sind dann doch ein wenig sehr massiv ausgefallen. \u00a0Dazu sp\u00e4ter. Das letzte Jahr war f\u00fcr mich sehr bereichernd. 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