{"id":595,"date":"2007-06-28T11:43:37","date_gmt":"2007-06-28T09:43:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/06\/28\/die-einburgerung-des-islam_595"},"modified":"2007-06-28T11:43:37","modified_gmt":"2007-06-28T09:43:37","slug":"die-einburgerung-des-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/06\/28\/die-einburgerung-des-islam_595","title":{"rendered":"Die Einb\u00fcrgerung des Islam"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt eine neue Sch\u00e4rfe im Streit um den Islam in Deutschland. Das ist eine gute Nachricht. Wir sind aus der \u00c4ra des falschen Gleichmuts unmittelbar in die Verhandlungen \u00fcber ein neues Wir eingetreten. Anzuerkennen, dass der Islam in Deutschland dazugeh\u00f6rt, war nicht schon das Ende, sondern erst der Beginn eines Kulturkonflikts.<\/p>\n<p>Je enger man zusammenr\u00fcckt, umso mehr fallen die Unterschiede ins Auge. Dass sie endlich zur Sprache kommen, m\u00fcssen beide Seiten noch lernen, als gutes Zeichen zu lesen. Ein geplanter Moscheebau in K\u00f6ln erregt mittlerweile die ganze Republik. Wir streiten um die H\u00f6he von Minaretten und Kuppeln und um die n\u00f6tigen Parkpl\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Aber in Wahrheit geht es um nichts Geringeres als die Einb\u00fcrgerung einer Religion.<\/strong> Seit Monaten liegt die evangelische Kirche mit muslimischen Verb\u00e4nden im Clinch \u00fcber die Zukunft des Dialogs. Und nun stellt der oberste deutsche Katholik, der Mainzer Kardinal Lehmann, die rechtliche Gleichstellung des Islams mit dem Christentum infrage: Es sei \u00bbfalsche Toleranz\u00ab, Religionen unabh\u00e4ngig von Geschichte und Mitgliederzahl gleich zu behandeln.<\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich war, was als Toleranz durchging, oft nur Gleichg\u00fcltigkeit.<\/strong> Man wollte lieber nicht genau wissen, woran die anderen wirklich glauben. Nun dr\u00e4ngt eine fremde Religion auf Anerkennung. Sie will heraus aus den Hinterh\u00f6fen und hinein in die Rundfunkr\u00e4te. Sie baut repr\u00e4sentative Moscheen, die den Ehrgeiz zeigen, das Stadtbild mitzupr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Dieser Anspruch setzt die Kirchen unter Stress, weil er ihr Monopol auf eine besondere Partnerschaft mit dem Staat infrage stellt. Doch auch ungl\u00e4ubige und kirchenferne B\u00fcrger reagieren allergisch: Die Dinge waren doch so sch\u00f6n geregelt, die Zeit der Kulturk\u00e4mpfe war vorbei. Jetzt geht der religi\u00f6se Kampf um Anerkennung von vorn los. Die vitale Konkurrenz des Islams wirkt belebend auf die Kirchen, die nun wieder Profil zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Kardinal Lehmann hat recht, vor der Beliebigkeit im Umgang mit der Religionsfreiheit zu warnen. Ohne sie kann es keinen liberalen Rechtsstaat geben. Eben darum ist es falsch, die Rechtsgleichheit f\u00fcr Muslime mit Verweis auf den besonderen Beitrag der Kirchen zur \u00bbeurop\u00e4ischen Kulturidentit\u00e4t\u00ab f\u00fcr immer auszuschlie\u00dfen. Vor Kurzem hat der Kardinal gesagt, er w\u00fcrde gern eine Messe in Saudi-Arabien lesen.<\/p>\n<p>Wer sich gegen die Unterdr\u00fcckung der Kirchen in der islamischen Welt einsetzt, kann nicht Muslimen hierzulande gleiche Rechte verwehren. Sie sollten die M\u00f6glichkeit haben, eines Tages wie die Kirchen als K\u00f6rperschaft \u00f6ffentlichen Rechts anerkannt zu werden \u2013 mit den arbeitsrechtlichen und steuerrechtlichen Privilegien. Bis dahin \u2013 die Kirchen k\u00f6nnen ein Lied davon singen \u2013 warten Lernprozesse mit offenem Ausgang.<\/p>\n<p><strong>So muss der Deal lauten:<\/strong> Wir bieten die Einbindung in die \u00f6ffentlich-rechtliche Ordnung. Wir verlangen daf\u00fcr, dass Zweifel und Vorbehalte ernst genommen und nicht als \u00bbIslamophobie\u00ab abgetan werden.<\/p>\n<p>Auf dieser Basis werden in der Sch\u00e4ubleschen Islamkonferenz, aber auch im Dialog mit den Kirchen, endlich alle Fragen gestellt, die viel zu lange unterdr\u00fcckt wurden. Wie haltet ihr es mit den Frauenrechten? Wie sieht es mit der Freiheit zum Glaubenswechsel f\u00fcr Muslime hier und in euren Herkunftsl\u00e4ndern aus? Steht die Scharia \u00fcber dem Grundgesetz? Seid ihr auf Dauer bereit, in religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t gleichberechtigt mit anderen zu leben? Bekennt ihr euch nur vorl\u00e4ufig und widerwillig unter dem Zwang der Diaspora dazu, oder k\u00f6nnt ihr aus eurem Glauben selbst begr\u00fcnden, warum ihr diese Ordnung bejaht?<br \/>\nMuslime erleben solche Fragen verst\u00e4ndlicherweise als Feindseligkeit. Sie sollten bedenken, was sich die Katholiken in ihren Kulturk\u00e4mpfen alles haben sagen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Der deutsche Staat muss seine kulturellen und religi\u00f6sen Wurzeln nicht verleugnen<\/strong>, auch wenn er durch die Verfassung zu religi\u00f6s-weltanschaulicher Neutralit\u00e4t verpflichtet ist. Zu unserer staatlichen Ordnung, die auch christlich gepr\u00e4gt ist, geh\u00f6rt die unteilbare Religionsfreiheit. Ohne Offenheit f\u00fcr andere Bekenntnisse w\u00e4re sie ein Deckname f\u00fcr Bigotterie.<\/p>\n<p>Deutschland hat ein in Religionskriegen und Kulturk\u00e4mpfen teuer erk\u00e4mpftes System der Kooperation von Glaubensgemeinschaften und Staat. Es ist darauf spezialisiert, interkonfessionelles Misstrauen und Reserven gegen die Moderne abzubauen und produktiv zu machen. Es hat den Kirchen einen ungeheuren Wandel abverlangt und ihnen daf\u00fcr gro\u00dfen Einfluss gegeben. Nichts spricht daf\u00fcr, dass es nicht auch andere Glaubensrichtungen integrieren kann. Den Muslimen bietet es die Chance, Anerkennung im Tausch f\u00fcr Rechtsgehorsam zu bekommen.<\/p>\n<p>Daraus folgt nun aber nicht, dass man den Muslimen die volle rechtliche Gleichstellung mit den Kirchen sofort und ohne weitere Nachfragen gew\u00e4hren muss. Die Kirchen haben ihre Privilegien nicht zum Nulltarif bekommen, sondern nach einem schmerzhaften \u00bbwechselseitigen Lernprozess\u00ab (Lehmann). Lehmann selbst ist das beste Beispiel f\u00fcr die Intelligenz des deutschen Systems, ohne dessen Erziehungsleistung die Kirche hierzulande nicht so liberal (und Lehmann nicht Kardinal) w\u00e4re. Ob die Muslime den gleichen Weg gehen k\u00f6nnen, wird von vielen bezweifelt. Das ist kein abendl\u00e4ndisches Vorurteil: Wie der Islam mit der Trennung von Religion und Staat zurechtkommen kann, fragen sich auch viele Muslime. Kein Grund, ihnen den Lernprozess zu verwehren, indem man a priori signalisiert, ihr kommt sowieso nicht hinein.<\/p>\n<p><strong>Die Kirchen sind in Versuchung<\/strong>, so zu tun, als w\u00e4re der liberale Rechtsstaat immer schon ihr Herzensprojekt gewesen. Doch auch sie mussten dazu verf\u00fchrt werden, sich mit ihm einzulassen, um ihn schlie\u00dflich von Herzen zu bejahen. Die katholische Kirche hat bis 1964, bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, mit der Religionsfreiheit gerungen.<\/p>\n<p><strong>Die Debatte ist zum Gl\u00fcck l\u00e4ngst weiter<\/strong>, als Kopftuchstreit und Antimoscheeproteste ahnen lassen: Wer meint, das Kopftuchverbot sei mit dem freiheitlichen Staatsverst\u00e4ndnis nicht zu vereinbaren, kann trotzdem gegen den Schleier als Zeichen f\u00fcr die Benachteiligung der Frau sein. Wer f\u00fcr die Gleichberechtigung der Muslime bei Sakralbauten ist, kann sehr wohl eine konkrete Moschee ablehnen, weil eine undurchsichtige Gruppe hinter ihr steht oder weil sie das eigene Viertel radikal ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die deutsche Politik ist \u00fcber die falsche Alternative von Nachgiebigkeit oder Abschottung hinaus. Es sch\u00e4lt sich ein deutsches Modell zur Integration des Islams heraus, auf das man in Europa zu schauen beginnt \u2013 wachsam ge\u00adgen\u00ad\u00fcber Islamisierungsversuchen, auf Rechtstreue pochend, doch respektvoll gegen\u00fcber dem Glaubenskern der anderen.<br \/>\n<strong><br \/>\nDer freiheitliche Staat braucht allerdings mehr als Rechtsgehorsam.<\/strong> Er ist auf das Entgegenkommen der Religionen angewiesen \u2013 in J\u00fcrgen Habermas\u2019 Worten \u00bbauf eine in \u00dcberzeugungen verwurzelte Legitimation\u00ab. Die Muslime m\u00fcssen die Zweifel an ihrem Entgegenkommen ernst nehmen. Ihren Loyalit\u00e4tskonflikt kann ihnen niemand ersparen, so wenig wie den Alteingesessenen das Leben mit einer irritierenden religi\u00f6sen Vielfalt, Minarette eingeschlossen.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Dies ist der Leitartikel der heutigen Print-Ausgabe der ZEIT. Er reflektiert die Debatten, die wir hier t\u00e4glich f\u00fchren. Und darum stelle ich ihn auch in diesem Forum exklusiv zur Diskussion. JL<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt eine neue Sch\u00e4rfe im Streit um den Islam in Deutschland. Das ist eine gute Nachricht. Wir sind aus der \u00c4ra des falschen Gleichmuts unmittelbar in die Verhandlungen \u00fcber ein neues Wir eingetreten. Anzuerkennen, dass der Islam in Deutschland dazugeh\u00f6rt, war nicht schon das Ende, sondern erst der Beginn eines Kulturkonflikts. 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