{"id":5987,"date":"2013-04-19T09:09:44","date_gmt":"2013-04-19T07:09:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=5987"},"modified":"2013-04-19T09:09:44","modified_gmt":"2013-04-19T07:09:44","slug":"wandel-braucht-stabilitat-ein-zwischenruf-zur-russland-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2013\/04\/19\/wandel-braucht-stabilitat-ein-zwischenruf-zur-russland-debatte_5987","title":{"rendered":"Wandel braucht Stabilit\u00e4t. Ein Zwischenruf zur Russland-Debatte"},"content":{"rendered":"<p><em>Ilja Kalinin ist Doktorand der Politischen Wissenschaft an der Heidelberger Universit\u00e4t. Er schickt mir diesen Beitrag zu unserer <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?s=Au%C3%9Fenpolitik\">Debatte<\/a> \u00fcber Werte und Interessen in der der deutschen Au\u00dfenpolitik.<\/em><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Lau,<\/p>\n<p>Sie haben bereits darauf hingewiesen, dass Interessen nicht von Werten zu trennen sind, da sich unsere Interessen dann am effektivsten durchsetzen lassen, wenn man sich mit seinen internationalen Partnern auf ein gemeinsames Wertefundament st\u00fctzen kann. Ich m\u00f6chte dieses Argument um eine Perspektive erg\u00e4nzen, nach der Interessen immer auch \u201eIdeen von Interessen\u201c sind. Was eine Gesellschaft als ihre Interessen definiert, h\u00e4ngt stark von der Kultur dieser Gesellschaft ab. Interessen sind somit oft keine objektiven Gegebenheiten, sondern k\u00f6nnen sich je nach Gesellschaft unterscheiden. Die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft, mit der wir Jahrzehnte des Wohlstands, aber auch Friedens in Freiheit assoziieren, basiert unter vielem anderen auf Rechtsstaatlichkeit, Effizienz und Innovationsf\u00e4higkeit, die wiederum nicht von sich aus existieren, sondern in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens unserer Gesellschaft hervorgebracht und gest\u00fctzt werden m\u00fcssen: Bildung, Religion, Politik, Wirtschaft und weitere. Diese Werte stabilisieren und konstituieren unseren liberalen Rechtsstaat. Sie geben aber auch die Optionen f\u00fcr die Au\u00dfenpolitik vor, aus denen wir \u00fcberhaupt erst w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Die Wertegebundenheit unserer wirtschaftlichen Interessen beschr\u00e4nkt sich nicht auf den Nationalstaat, sondern sensibilisiert die an der F\u00f6rderung des Au\u00dfenhandels interessierte deutsche Au\u00dfenpolitik auch f\u00fcr die Notwendigkeit der Verbreitung dieser Werte im Ausland. Das Ph\u00e4nomen der gesellschaftlichen \u201eEntbettung der Wirtschaft\u201c gaukelt die scheinbare kulturelle Voraussetzungslosigkeit des wirtschaftlichen Erfolgs nur vor.<\/p>\n<p>Der heutzutage in Deutschland vorhandene weitgehende Konsens \u00fcber zentrale Werte darf jedoch nicht die parteipolitischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit um die \u201erichtige\u201c Auslegung der Verfassungsnormen und der identit\u00e4tsstiftenden Werte vergessen machen (Frauenrechte, Hundertf\u00fcnfundsiebziger usw.). Diese legen ein Zeugnis davon ab, dass die auf dem Papier geschriebenen Normen und Werte immer erst mit Inhalten gef\u00fcllt werden m\u00fcssen und einer permanenten gesellschaftlichen Aushandlung unterworfen sind. So sprach Gustav Heinemann in seiner Rede zum 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Grundgesetzes: \u201eDiese Ordnung ist kein Heilsplan, sondern wie alles irdische Tun nur unvollkommenes Menschenwerk. Ihre W\u00fcrdigung kann auch nicht verschweigen, dass au\u00dferdem zwischen Verfassungsaussage und Verfassungswirklichkeit ein Graben klafft. [&#8230;] Die Einheit von Demokratie, Rechtsstaat und Sozialstaat bedarf st\u00e4ndiger Bem\u00fchung.\u201c Wenn aber selbst die im Grundgesetz niedergeschriebenen Normen und Werte eine permanente Interpretation erfordern, wie kann man dann auf internationaler Ebene von der Universalit\u00e4t von Werten ausgehen?<\/p>\n<p>Ein Bewusstmachen der Historizit\u00e4t und Prozeduralit\u00e4t von Werten bedeutet kein kulturrelativistisches Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine rein pragmatische, allein an der Mehrung des wirtschaftlichen Nutzens orientierte Au\u00dfenpolitik. Beide Ebenen, Interessen und Werte, sind zwei Seiten einer Medaille. Sie bedingen einander und sind stetem Wandel unterworfen. Es w\u00e4re vor diesem Hintergrund problematisch, wenn man den \u00e4u\u00dferlichen Ist-Zustand von autorit\u00e4r regierten Staaten pauschal als einen von den dortigen Eliten gew\u00fcnschten Endzustand stilisiert. Man l\u00e4uft dadurch Gefahr, alle, auch die sinnvollen Schritte zur Stabilisierung des politischen Systems als negativ zu verurteilen. Dabei braucht jede Entwicklung zun\u00e4chst einmal Stabilit\u00e4t. Nur auf einem stabilen Fundament kann ein stabiles Haus errichtet werden.<\/p>\n<p>Neben der notwendigen Verh\u00e4ltnisbestimmung von Werten und Interessen gibt es zwei weitere Begriffe, deren au\u00dfenpolitisch relevantes Verh\u00e4ltnis zueinander n\u00e4her bestimmt werden sollte: Kultur und Politik. Es gibt dazu ein weises Zitat von Daniel Patrick Moynihan: \u201eDie zentrale konservative Wahrheit lautet, dass Kultur, nicht die Politik, den Erfolg einer Gesellschaft bestimmt. Die zentrale liberale Wahrheit lautet, dass Politik eine Kultur ver\u00e4ndern und vor sich selbst retten kann.\u201c Diese beiden Wahrheiten treffen wir einerseits im B\u00f6ckenf\u00f6rde-Diktum, wonach der freiheitliche, s\u00e4kularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, und andererseits in Kants \u201eVolk von Teufeln\u201c, dessen B\u00fcrger mit Hilfe der Politik in Frieden koexistieren k\u00f6nnen. Wenn man der Politik dieses domestizierende Potential zutraut, dann mag man auch zu der von Ihnen getroffenen Aussage gelangen, wonach Eliten in manchen Staaten ihre Gesellschaften schlichtweg nicht \u00f6ffnen wollen. Diese Sichtweise legt also die Verantwortung allein auf die politischen Eliten und blendet aus, worauf diese Eliten ihre Macht st\u00fctzen (es ist nicht \u00fcberall Gewalt, Manipulation von Wahlen geht auch nicht immer und allein von den Eliten aus). Eine Au\u00dfenpolitik des Drucks auf die autorit\u00e4ren politischen Eliten bis hin zu einer Au\u00dfenpolitik des Regimewechsels ist die Folge dieser liberalen Wahrheit. Oft ist die Nachhaltigkeit einer solchen Politik zweifelhaft, da der Einfluss der Kultur auf die Politik untersch\u00e4tzt wird. W\u00e4re die politische Kultur des postkommunistischen Russlands demokratiest\u00fctzend gewesen (was vor dem Hintergrund der Jahrzehnte w\u00e4hrenden kommunistischen Diktatur ein Wunschdenken war), h\u00e4tte Russland die wirtschaftliche Krise der 1990er Jahre m\u00f6glicherweise ohne Hinwendung zum gewohnt autorit\u00e4ren Paradigma \u00fcberstanden. Nach einer kurzen Phase demokratischer Euphorie Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ging die russische Gesellschaft, einer totalen Ideologie \u00fcberdr\u00fcssig, zum ebenso totalen Pragmatismus \u00fcber. Eine wertebewusste westliche Au\u00dfenpolitik muss diesen Wandel akzeptieren. Diese gewisse Akzeptanz der russischen Verh\u00e4ltnisse bedeutet aber weder Resignation noch ein Sich-abfinden. Akzeptanz hat lediglich die Funktion, die russische Wirklichkeit pr\u00e4zise und unvoreingenommen wahrnehmen zu k\u00f6nnen, um die dadurch gewonnenen Erkenntnisse zu Ausgangspunkten f\u00fcr Ver\u00e4nderungsprozesse werden zu lassen.<\/p>\n<p>Den Demokratisierungsprozess einer Gesellschaft kann man mit der Vorbereitung von Leichtathleten zum Hochspringen vergleichen. Es bringt den Sportlern nichts, wenn der Trainer den Stab zu niedrig ansetzt. Sie werden nicht besser und lernen auch nicht, miteinander zu wetteifern. Logischerweise kann der Trainer auch nicht per Vertrag mit anderen Mannschaften garantieren, dass seine Leichtathleten eine bestimmte Leistung erbringen werden. Mit der Demokratie verh\u00e4lt es sich nicht anders als mit einem sportlichen Wettkampf. Dabei kann und soll der in dieser Sportart erfahrene Westen Russland ermutigen, mehr Demokratie zu wagen. Insofern war Frau Merkels Hinweis an Wladimir Putin, kritikf\u00e4higer zu sein, in der Perspektive richtig. In der Tat bildet sich in Russland nur langsam eine gesellschaftliche Nachfrage nach Beachtung von Werten der Verfassung durch die Politik heraus. Diese Nachfrage ist noch relativ gering und lokal begrenzt. Der mittlerweile in Deutschland etablierte Verfassungspatriotismus in seiner Funktion als individueller Verfassungsschutz ist dem Gros der russischen Gesellschaft noch fremd. Auch scheint die Nachhaltigkeit des gesellschaftlichen Wertewandels eher unsicher zu sein, da Russlands \u201eWirtschaftswunder\u201c einzig und allein auf Rohstoffexporten basiert. Die konkrete Unterst\u00fctzung Russlands beim Aufbau eines breiten Mittelstandes w\u00e4re eine nachhaltige Investition in die russische Demokratie, die aber freilich von Russland gewollt und gef\u00f6rdert werden muss. Ich bin sicher, dass westliches, insbesondere deutsches, Engagement in diesem Bereich mehr als willkommen w\u00e4re und die russische F\u00fchrung zu Zugest\u00e4ndnissen etwa im Bereich der gemeinsamen Korruptionsbek\u00e4mpfung bereit w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es sollte nicht darum gehen, auf der Ebene der Eliten um Werte und Worte zu streiten. Eine ritualisierte Form der Kritik wird mit der Zeit als Instrument der Einflussnahme wirkungslos, so dass die wirklich berechtigte Kritik an tats\u00e4chlichen russischen Fehlentwicklungen im Rauschen des Kritikrituals untergeht. Die russische Autokratie hat sich seit Jahrhunderten u.a. durch den Mythos des Mongolenjochs (und der Rolle westlicher Staaten dabei) gegen externe Einmischungen immunisiert. Die orthodoxe Kirche spielt dabei keine unwesentliche Rolle, ist sie es doch gewesen, die Russland seit je her geeint hat. Westliche Kritik an einer zu konservativen Linie kann mit Leichtigkeit als Versuch einer Schw\u00e4chung des gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenhalts zur\u00fcckgewiesen werden. Die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit ist bei einer so existentiell gestellten Frage mehr als sicher. Besser w\u00e4re es, ein gemeinsames Werteverst\u00e4ndnis durch Kooperation auf gesellschaftlicher Ebene zu schaffen. Ein Politikwandel w\u00e4re die zwangsl\u00e4ufige Folge des Wertewandels. Durch Kooperation wird man die ung\u00fcnstige Dialektik des gleichzeitigen Ungleichzeitigen zwischen westlichen Staaten und Russland \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Kritik an Russland sollte nicht dem Zweck der Selbstvergewisserung \u00fcber eigene Werte dienen. Dazu ist Russland viel zu europ\u00e4isch, da es selbst seit Jahrhunderten auf die europ\u00e4ischen Werte ausgerichtet ist. Eine Dogmatisierung und Verabsolutierung unserer Werteverst\u00e4ndnisse birgt wiederum die Gefahr von Glaubenskriegen. Was uns Russland vor Augen f\u00fchrt, ist die Voraussetzungsf\u00fclle einer werdenden Demokratie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ilja Kalinin ist Doktorand der Politischen Wissenschaft an der Heidelberger Universit\u00e4t. Er schickt mir diesen Beitrag zu unserer Debatte \u00fcber Werte und Interessen in der der deutschen Au\u00dfenpolitik. 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