{"id":6048,"date":"2013-06-29T10:19:49","date_gmt":"2013-06-29T08:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=6048"},"modified":"2013-06-29T10:19:49","modified_gmt":"2013-06-29T08:19:49","slug":"warum-die-modernisierungspartnerschaft-mit-russland-nicht-funktioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2013\/06\/29\/warum-die-modernisierungspartnerschaft-mit-russland-nicht-funktioniert_6048","title":{"rendered":"Warum die Modernisierungspartnerschaft mit Russland nicht funktioniert"},"content":{"rendered":"<p><em>Als Reaktion auf die <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?s=Russland\">ZEIT-Debatte \u00fcber die deutsche Russlandpolitik<\/a> schicken mir Alexander Stepanyan und Fabian Burckhardt (s. Hinweise unter dem Text) diesen Beitrag, den ich vorz\u00fcglich finde. Und hiermit zur Debatte stelle:<\/em><\/p>\n<p>In der Debatte \u00fcber die deutsch-russischen Beziehungen sind die Gr\u00e4ben zwischen den \u201eRusslandverstehern\u201c und den \u201eRusslandkritikern\u201c gezogen. Eine verbindende Br\u00fccke gibt es dennoch:<br \/>\nObwohl es politisch kriselt, l\u00e4uft es wirtschaftlich bestens, der bilaterale Handelsumsatz ist derzeit mit 80.5 Milliarden Euro auf einem historischen H\u00f6chststand.<br \/>\nEin Kernbestandteil von Willy Brandts Neuer Ostpolitik, die meist der zentrale Referenzpunkt f\u00fcr die aktuelle Debatte ist, war der R\u00f6hren-f\u00fcr-Erdgas-Deal, \u201eWandel durch Handel\u201c erlebte seine Reinkarnation in der Steinmeier\u2019schen \u201eModernisierungspartnerschaft\u201c. Selbst wenn nun wieder von Deutschland und Russland als \u201estrategischen Partnern\u201c gesprochen wird, schwingt immer noch mit, dass deutsche Unternehmen Russlands Wirtschaft \u00f6ffnen und diversifizieren, sprich modernisieren, sollen.<br \/>\nDie Pr\u00e4misse: Russland strebt eine nachholende Modernisierung an, die deutsche Wirtschaft h\u00e4lt daf\u00fcr die notwendigen Technologien bereit, die top-down durchgef\u00fchrte wirtschaftliche Erneuerung Russlands f\u00fchrt zur \u00d6ffnung des politischen Systems.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Gr\u00fcnden halten wir diese Perspektive f\u00fcr fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Angenommen Russland w\u00e4re auf einem Modernisierungskurs, so muss dieser, wie Wolfgang Eichwede in der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.osteuropa.dgo-online.org\/issues\/issue.2013.1366909560000\">OSTEUROPA<\/a> an der deutschen und russischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich macht, nicht unmittelbar zu demokratischem Wandel f\u00fchren. Zudem unterwandert internationale Wirtschaftskooperation nicht nur autorit\u00e4re Herrschaftspraktiken, sondern legitimiert und perpetuiert diese auch.<\/p>\n<p>Russland ist unter Putin jedoch nicht auf dem Weg zur Modernisierung und Demokratisierung, folglich modernisiert die deutsche Wirtschaft nicht, sondern passt sich aus Kosten-Nutzen-Kalkulation den lokalen Spielregeln an. Eine echte \u201eModernisierungspartnerschaft\u201c w\u00fcrde von deutscher Seite auch eine langfristige strategische Vision f\u00fcr ein modernes Russland sowie Engagement oder zumindest \u00f6ffentliches Eintreten f\u00fcr gute Regierungsf\u00fchrung inklusive Rechtsstaatlichkeit, Eigentumsrechte und Transparenz verlangen. Selbst in den besten Zeiten der \u201eModernisierungspartnerschaft\u201c war davon wenig zu merken.<\/p>\n<p>Obwohl viele makro\u00f6konomischen Kennzahlen in Russland noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut sind, ist es vor allem die \u00dcberregulierung der Wirtschaft gepaart mit selektiver Rechtsvollstreckung, die der Schattenwirtschaft Vorschub leisten. Finanzminister Siluanow teilte mit, dass sich diese derzeit auf 15 \u2013 20% des BIP oder mindestens 250 Milliarden US-Dollar belaufe. Laut der Organisation Global Financial Integrity sind zwischen 1994 \u2013 2011 etwa 211,5 Milliarden US-Dollar an illegalem Kapital aus dem Land geflossen. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International steht Russland 2012 auf Platz 133. Im Doing Business Index der Weltbank strebt Putin bis 2018 den 20. Platz an, 2013 befand sich Russland irgendwo zwischen Pakistan und Uganda auf dem 122. Rang. Laut Economist verlor der Privatsektor zwischen 2008 \u2013 2012 300 000 Jobs, w\u00e4hrend der Staat 1,1 Millionen mehr besch\u00e4ftige, insgesamt sind es nun 18 Millionen Staatsangestellte oder 25% aller Besch\u00e4ftigten. Rosnefts Kauf von TNK-BP verdeutlichte, dass die Zeichen nicht auf Privatisierung, sondern Staatskapitalismus stehen. Kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen darben, ineffiziente staatliche gef\u00fchrte Gro\u00dfunternehmen bilden die Flaggschiffe der aus Rohstoffexporten betankten Wirtschaft. Informelle Zahlungsleistungen, vor allem die sogenannten otkaty, die meist f\u00fcr Staatsauftr\u00e4ge bezahlt werden, k\u00f6nnen sich je nach Wirtschaftssektor zwischen 5% und 80%der Auftragssumme belaufen. In den 1990ern waren es noch einstellige Werte, heute sind otkaty jenseits der 50% keine Seltenheit, bei Megaveranstaltungen wie dem APEC-Gipfel in Wladiwostok oder Sotschi 2014 werden hier Rekorde aufgestellt.<\/p>\n<p>Aufgrund der Wirkmechanismen des russischen Staatskapitalismus stellt sich eine einfache Frage, der in der aktuellen Debatte jedoch ausgewichen wird:<br \/>\nWarum sollte das russische System f\u00fcr die deutschen Unternehmen eine Ausnahme machen? Wir wollen hier keinen Generalverdacht aussprechen, es gilt die Unschuldsvermutung. Vielmehr wollen wir hier eine Kritik des normativ untermauerten Modernisierungsauftrags vornehmen.<\/p>\n<p>Erstens gibt es deutliche Anzeichen, dass viele deutsche Unternehmen nolens-volens lokale Praktiken \u00fcbernehmen. In US-amerikanischen Gerichtsverfahren kam ans Licht, dass Daimler zwischen 2000 und 2005 $ 4 Millionen und Siemens in einem besonders prominenten Fall $55 Millionen an Beamte und Vermittler gezahlt hatten. Die LBBW geriet durch einen Immobilienkauf in Moskau 2008 in die Schlagzeilen, etwa 30 Millionen Euro flossen \u00fcber die British Virgin Islands an eine dubiose zypriotische Firma. Bei der Immobilie handelt es sich um das German Center Moscow, ein Anlaufpunkt f\u00fcr die deutsche Wirtschaft. Die ENBW musste wegen des Vermittlers Andrej Bykow 130 Millionen Euro abschreiben, f\u00fcr die wohl keine Gegenleistung erfolgt ist. Angeblich ging es um Nukleargesch\u00e4fte, wahrscheinlich stand eher der Zugang zu russischem Gas im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Neben \u00fcberbordender Korruption geh\u00f6ren zweitens selektive Justiz und feindliche \u00dcbernahmen zum russischen System. Wenig Beachtung bei der Zerschlagung des Jukos-Konzerns fand die Rolle von Putins Stasi-Kumpel und sp\u00e4teren Nord-Stream CEO Matthias Warnig, der mit der Dresdner Kleinwort Wasserstein 2004 die Bewertung von Juganskneftegas \u00fcbernahm. Unl\u00e4ngst berichtete der SPIEGEL \u00fcber die \u201efeindliche \u00dcbernahme\u201c von Vkontakte durch den \u201eKreml-Strohmann\u201c Ilja Scherbowitsch, infolgedessen Pawel Durow, der Gr\u00fcnder des russischen Facebooks, bis auf Weiteres das Land verlie\u00df. Erw\u00e4hnt wurde dabei nicht, dass dieses umstrittene Aktiengesch\u00e4ft von Deutsche Bank Russia beratend begleitet wurde. Viel beachtet in den letzten Wochen war auch die Flucht von Sergej Gurijew, einem der renommiertesten \u00d6konomen Russlands. Nicht nur war er an einem Expertengutachten \u00fcber das Jukosverfahren beteiligt, er sitzt zudem im Vorstand von EON Russia. Forbes Russia, vom Axel-Springer-Verlag herausgegeben, wurde vor kurzem von russischen staatsnahen Medien der K\u00e4uflichkeit bezichtigt, nachdem investigative Artikel \u00fcber Oligarchen der Putin-\u00c4ra ver\u00f6ffentlicht worden waren.<br \/>\nAllein diese vier Beispiele zeigen: An scheinbar zutiefst innerrussischen Angelegenheiten sind deutsche Unternehmen entweder beteiligt oder zumindest von diesen betroffen.<\/p>\n<p>Das dritte Ph\u00e4nomen, das dem Modernisierungsparadigma widerspricht, ist die Kooptation von deutschen Eliten. Zielkonflikte zwischen langfristigen nationalen und kurzfristigen pers\u00f6nlichen und korporativen Interessen sind hier nicht zu vermeiden. Die Causa Gerhard Schr\u00f6der ist hinreichend bekannt, sein Parteikollege Henning Voscherau ist seit 2012 ebenfalls f\u00fcr Gazprom t\u00e4tig. Klaus Mangold wurde nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender des Ostausschusses russischer Honorarkonsul in Baden-W\u00fcrttemberg, w\u00e4hrend Franz Beckenbauer als Sportbotschafter f\u00fcr Russland wirbt. Die steilste Karriere legte der schon oben erw\u00e4hnte Matthias Warnig hin, inzwischen wird er von Forbes Russia zu den zehn wichtigsten Personen in Putins Machtvertikale gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten wir uns Willy Brandt als Angestellten des sowjetischen Ministeriums f\u00fcr Gasindustrie vorstellen? Wohl eher nicht. Die sowjetischen Apparatschiks fuhren Wolga, es gab damals gar keine Anreizstruktur, einen Tribut von deutschen Autobauern zu verlangen.<br \/>\nInsofern sollten wir unser Denken den neuen Realit\u00e4ten anpassen. Die missionarisch angehauchte Modernisierungspartnerschaft war zeitweise eine gute Marketingstrategie, solange unter Medwedjew ein modernes Russland gepredigt wurde, in dem gelten sollte: \u201eFreiheit ist besser als Unfreiheit\u201c. Medwedjew ist nun marginalisiert, Modernisierung und Freiheitsrechte out. Zeit f\u00fcr Deutschland Konsequenzen zu ziehen, zumindest f\u00fcr die PR-Strategen. Die von Bundeskanzlerin Merkel angestrebte 100-Milliarden-Euro-Marke im bilateralen Handelsumsatz wird wohl bald geknackt werden.<\/p>\n<p><em>Alexander Stepanjan ist Politologe am Zentrum f\u00fcr empirische Politikforschung der Staatlichen Universit\u00e4t St. Petersburg. Au\u00dferdem ist er Exekutivdirektor der Galina-Starowoitowa-Stiftung. Er arbeitet an einer Dissertation \u00fcber den Deutschen Bundestag, studiert hat er an den Universit\u00e4ten Greifswald und Potsdam. Er schreibt regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr internationale Medien, Texte von ihm sind in der \u00abNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb und \u00abLe Temps\u00bb (Schweiz), Wiener Zeitung (\u00d6sterreich), \u00abR\u00c6SON\u00bb (D\u00e4nemark), Tribuna und Echo Moskvy (Russland) und Radio France Internationale erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Fabian Burkhardt absolvierte den Masterstudiengang Russian Studies an der School of Slavonic and East European Studies am University College London und ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsnetzwerk \u201eInstitutionen und institutioneller Wandel im Postsozialismus\u201c an der LMU M\u00fcnchen. Seine Artikel erschienen unter anderem auf Radio Free Europe \/ Radio Liberty, Deutsche Welle, neweasterneurope.eu, Goethe.de, vice.com, reason.com<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Reaktion auf die ZEIT-Debatte \u00fcber die deutsche Russlandpolitik schicken mir Alexander Stepanyan und Fabian Burckhardt (s. 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