{"id":6114,"date":"2014-01-20T20:40:46","date_gmt":"2014-01-20T19:40:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=6114"},"modified":"2015-12-16T17:10:36","modified_gmt":"2015-12-16T16:10:36","slug":"bundeswehr-probleme-an-der-sinnfront","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2014\/01\/20\/bundeswehr-probleme-an-der-sinnfront_6114","title":{"rendered":"Bundeswehr: Probleme an der Sinnfront"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein Leitartikel aus der ZEIT vom vergangenen Donnerstag, 16. Januar 2014:<\/em><\/p>\n<p>Deutsche Soldaten haben eine Menge auszuhalten, und das nicht nur in Kampfeins\u00e4tzen: An der Heimatfront verunsichern der Umbau zur Berufsarmee, eine Drohnenaff\u00e4re und vier Verteidigungsminister in f\u00fcnf Jahren die Truppe.<\/p>\n<p>Sie wird zudem seit Langem mit doppeldeutigen Botschaften traktiert: Es ist Krieg, da m\u00fcsst ihr k\u00e4mpfen und tapfer sein, und ja, auch t\u00f6ten und sterben! Was genau ihr auf dem Schlachtfeld tut und was das mit euch anstellt, wollen wir dann lieber nicht wissen. Oder auch: Professionalisiert euch, werdet eine Berufs- und Einsatzarmee \u2013 wenn wir diese auch k\u00fcnftig nicht mehr losschicken wollen, weil das politisch kaum noch durchsetzbar ist. Helden seid ihr, aber bitte kommt nicht in die Schulen, um den Kindern vom Krieg zu erz\u00e4hlen!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Thomas de Maizi\u00e8re, der letzte Minister, trieb die Zwiesp\u00e4ltigkeit gegen\u00fcber den B\u00fcrgern in Uniform mit paradoxen Appellen auf die Spitze: Soldaten, seid stolz auf euren Dienst, begreift euch als Teil der Gesellschaft \u2013 aber um Himmels willen \u00bbgiert nicht nach Anerkennung\u00ab.<\/p>\n<p>Was denn nun? Die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist angetreten, mit dieser systematischen Verunsicherung zu brechen. Ihre erste Botschaft, verbreitet durch eine ganze Welle von Interviews, lautet: Ich mag euch, ich will es f\u00fcr euch leichter, normaler machen. Die ehemalige Familien- und Arbeitsministerin spricht \u00fcber die Truppe im Jargon der Sozialpolitik: \u00bbDie Bundeswehr soll einer der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland werden.\u00ab<\/p>\n<p>Von der Leyen will darum die Familienfreundlichkeit der Armee vorantreiben: Sie verspricht den Soldaten verl\u00e4sslichere Karriereplanung, weniger sinnlose Versetzungen, mehr Teilzeitarbeit, und sie will in den Kasernen \u00bbin Randzeiten sehr viel mehr mit Tagesm\u00fcttern arbeiten\u00ab. Es soll keine Lehrg\u00e4nge mehr in den Schulferien geben und nat\u00fcrlich die bestm\u00f6gliche Kinderbetreuung. Kein Wunder, dass das Begeisterung ausl\u00f6st. Vertreter der Soldaten haben seit Langem diese und andere Erleichterungen gefordert. Niemand wird sie ihnen missg\u00f6nnen, wenn sie denn finanzierbar sind.<\/p>\n<p>Dennoch ist etwas Verst\u00f6rendes an diesem ersten Auftritt der Ministerin. Sie spricht von der Bundeswehr wie eine erfahrene Sozialingenieurin, die sich nun eben daranmacht, nach Familie und Arbeitsmarkt den n\u00e4chsten Gesellschaftsbereich umzubauen. Die Kaserne als riesiges, nachhaltiges Dreigenerationenhaus, mit ganz vielen olivgr\u00fcnen Stramplern und idealer Fight-Life-Balance? Bessere Vereinbarkeit von Krieg und Familie? Sch\u00f6n und gut, aber wozu eigentlich?<\/p>\n<p>Wie es mit den Auslandseins\u00e4tzen in Zukunft weitergeht, welche R\u00fcstungsprojekte darum sinnvoll sind (und welche nicht) und, ganz grunds\u00e4tzlich, wof\u00fcr Deutschland \u00fcberhaupt Streitkr\u00e4fte braucht: Dazu verliert von der Leyen kein Wort. Es liegt ein gewisser Unernst darin, wie die Ministerin von der Bundeswehr als einem Arbeitgeber wie jedem anderen spricht, der sich vor allem darum reformieren muss, weil er auf dem Arbeitsmarkt nun mal um die besten Kr\u00e4fte konkurriere. Ursula von der Leyen weicht der n\u00f6tigen Debatte um den Zweck des Milit\u00e4rischen in postheroischen Zeiten aus, die unter den Soldaten, vor allem den in Auslandseins\u00e4tzen erfahrenen, l\u00e4ngst gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Denn was es hei\u00dft, Soldat zu sein, das ver\u00e4ndert sich in diesen Tagen radikal, und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Unsere Uniformierten sind erstens selbst das Spiegelbild einer Gesellschaft, die immer bunter, weiblicher und individualisierter wird. Zweitens haben sich Bedrohungen und damit m\u00f6gliche Eins\u00e4tze ver\u00e4ndert \u2013 statt um Abschreckung und Landesverteidigung mit Panzerkolonnen und Raketen geht es bei den heutigen Interventionen darum, eine Welt voller scheiternder Staaten und unberechenbarer Gewaltakteure zu stabilisieren. Im Kosovo ist das gelungen, in Afghanistan nicht. Die Bundeswehr beendet in diesem Jahr Deutschlands l\u00e4ngsten Kriegseinsatz. Was folgt denn nun aus dieser Erfahrung?<\/p>\n<p>Zweifellos: Auch M\u00e4nner in Uniform (nicht nur die immer zahlreicheren Soldatinnen) wollen h\u00e4ufiger bei ihren Kindern sein, und sie haben oft anspruchsvolle Partner mit einem eigenen Lebensentwurf. Viele von ihnen sind wache, kritische Zeitgenossen und \u00fcbrigens instinktiv meist gegen den Krieg \u2013 schon weil sie es sind, die ihn im Zweifel f\u00fchren und erleiden m\u00fcssen. Aber sind sie im Ernstfall \u2013 ein kleineres, netteres Wort gibt es daf\u00fcr nicht \u2013 zum Opfer bereit? Das unterscheidet ihren Beruf von jedem anderen. Soldaten wollen heute wissen, warum sie eingesetzt werden, wo sie unter Umst\u00e4nden ihr Leben verlieren k\u00f6nnen. Sie fragen, warum die Ausr\u00fcstung nicht zum Auftrag passt und die Auftraggeber \u2013 in der Demokratie sind das wir alle \u2013 sie bestenfalls mit Desinteresse behandeln. Sie brauchen eine strategische Debatte vielleicht noch dringender als ein Lebensarbeitszeitkonto. Das Hauptproblem liegt an der Sinnfront.<\/p>\n<p>Oder ist etwa dies der heimliche Sinn hinter all den widerspr\u00fcchlichen Si-gna-len: Eine Armee, die ohnehin nicht eingesetzt werden soll, kann sich auch ganz auf ihre innerbetrieblichen Sorgen konzentrieren?<\/p>\n<p>Ursula von der Leyen hat schon gezeigt, dass sie als Politikerin sehr vieles kann. Sie hat Courage und Durchsetzungskraft. Jetzt m\u00fcsste sie sich dieser Frage stellen: Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?<\/p>\n<p>Und wo nicht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Leitartikel aus der ZEIT vom vergangenen Donnerstag, 16. Januar 2014: Deutsche Soldaten haben eine Menge auszuhalten, und das nicht nur in Kampfeins\u00e4tzen: An der Heimatfront verunsichern der Umbau zur Berufsarmee, eine Drohnenaff\u00e4re und vier Verteidigungsminister in f\u00fcnf Jahren die Truppe. 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