{"id":6121,"date":"2014-02-02T10:56:14","date_gmt":"2014-02-02T09:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=6121"},"modified":"2015-12-16T17:10:11","modified_gmt":"2015-12-16T16:10:11","slug":"wie-israel-seine-chaotische-nachbarschaft-sieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2014\/02\/02\/wie-israel-seine-chaotische-nachbarschaft-sieht_6121","title":{"rendered":"Wie Israel seine chaotische Nachbarschaft sieht"},"content":{"rendered":"<p><em>Nun ja, in Israel haben bekanntlich zwei Leute drei Meinungen zum gleichen Sachverhalt. Insofern ist das Folgende nat\u00fcrlich nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die gesamte \u00d6ffentlichkeit, oder auch nur f\u00fcr ein politisches Lager. Es ist ein Kondensat aus Gespr\u00e4chen, die ich in der letzten Zeit mit einflussreichen Menschen &#8211; eher aus dem mittleren rechten Spektrum &#8211; gef\u00fchrt habe, die sich nicht w\u00f6rtlich zitieren lassen wollen. Das hat den Vorteil, dass sie &#8211; so gesch\u00fctzt &#8211; sagen, was sie wirklich denken.\u00a0<\/em><em>Ich gebe sie hier in meinen eigenen Worten wider. Diese israelische Position kommt in unserem hiesigen Diskurs kaum mehr vor, weil sie in fast allen Belangen quer zu den Annahmen und Einsch\u00e4tzungen der deutschen Eliten steht. Das scheint mir Anlass genug, sie hier wertungsfrei zur Debatte zu stellen.<\/em><\/p>\n<p>Rund um uns herum brechen die k\u00fcnstlichen Nationalstaaten zusammen, sagt der israelische Politiker, und was \u00fcbrig bleibt, sind St\u00e4mme, Ethnien und Religionsgruppen. Wir sind umgeben von Konflikten, die sich an diesen Linien entz\u00fcnden. Einzig die verbliebenen Monarchien k\u00f6nnen dem Zerfall widerstehen \u2013 Jordanien, die Golf-K\u00f6nigreiche, im Westen Marokko. Sie haben einen Rest von Legtitimit\u00e4t bewahrt. Aber f\u00fcr wie lange reicht das? Niemand wei\u00df es in Wahrheit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Ausl\u00f6ser all der Konflikte ist \u2013 und wird es f\u00fcr lange bleiben \u2013 die desastr\u00f6se \u00f6konomische Lage in den Staaten um uns herum. Nicht abzusehen, dass sich da etwas Nachhaltiges entwickeln wird. Kein brauchbares Bildungssystem, keine Unternehmerkultur, keine politische Freiheit.<\/p>\n<p>Nicht auszuschlie\u00dfen von heute aus gesehen, dass Syrien und Irak und vielleicht auch Libanon und Jordanien in Elemente wie Sunnistan, Schiistan und Kurdistan zerfallen.<\/p>\n<p>Verstehen Sie mich recht: Wir w\u00fcrden gerne eine demokratische Entwicklung unter den Nachbarn sehen, aber wir glauben zur Zeit nicht daran. Schon seit die Hamas in Gaza demokratisch an die Macht kam, um dort sogleich ihre Tyrannei zu errichten, sind wir skeptisch. Alles Folgende, auch der so genannte Arabische Fr\u00fchling, hat unsere schlimmsten Erwartungen best\u00e4tigt. Ich rede nicht durchweg von einem Arabischen Winter, die Situation weist viele Zwischent\u00f6ne auf. Aber nirgendwo ist Anlass zur Hoffnung.<\/p>\n<p>In der Region k\u00e4mpfen drei Lager miteinander:<\/p>\n<p>Israel und die moderaten sunnitischen Staaten, unterst\u00fctzt von den Vereinigten Staaten stehen gegen das schiitische Lager, bestehend aus Iran, Syrien und Hisbollah-Libanon und alle zusammen gegen die Dschihadisten und Muslimbr\u00fcder, die von Katar und der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Mursis Sturz war ein m\u00e4chtiger Schlag gegen den Islamismus, das Versagen der Muslimbr\u00fcder an der Regierung hat das t\u00fcrkisch-katarische Lager stark zur\u00fcckgeworfen. In Jordanien und bei der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde, wo man ebenfalls schon eine Macht\u00fcbernahme der Muslimbr\u00fcder f\u00fcrchtete, hat das zu gro\u00dfer Erleichterung gef\u00fchrt, in Hamastan\/Gaza herrscht bittere Depression. Wir Israelis sind nun die letzte Hoffnung f\u00fcr Gaza, nachdem die neue \u00e4gyptische Regierung im Rahmen ihres Kampfes gegen die Muslimbr\u00fcder Gaza alle Lebenslinien abschneidet, inklusive der Tunnelwirtschaft.<\/p>\n<p>Die lahmende Wirtschaft in \u00c4gypten ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das neue Kairoer Regime. Daran wird sich am Ende alles entscheiden. General, pardon Feldmarschall Sisi ist Patriot, er sieht sich als von Gott auserw\u00e4hlter Herrscher, dessen erste Aufgabe es sein wird, das Land zusammenzuhalten. Unwahrscheinlich, dass er Kraft zu strukturellen Reformen hat, dagegen stehen auch die wirtschaftlichen Interessen des Milit\u00e4rs. Er muss im Sinai gegen militante Islamisten k\u00e4mpfen, er tut einiges, aber das \u00e4gyptische Milit\u00e4r ist diesem Kampf kaum gewachsen. Er wird \u00c4gypten nicht demokratisieren, er hat genug damit zu tun, den Zerfall aufzuhalten und das Geld vom Golf weiter flie\u00dfen zu lassen, dass er auch f\u00fcr den Kampf gegen die Muslimbr\u00fcder bekommt. Die Muslimbr\u00fcder sind keine Terroristen, jedenfalls noch nicht.<\/p>\n<p>Assad kann schon allein deshalb nicht Syriens Pr\u00e4sident bleiben, weil er sich als Schl\u00e4chter seines eigenen Volkes diskreditiert hat. Er wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter abtreten m\u00fcssen oder abger\u00e4umt werden. Wir planen langfristig nicht mit ihm.<\/p>\n<p>Die Hisbollah im Libanon ist sehr geschw\u00e4cht durch ihre Entscheidung, in den syrischen Krieg aufseiten Assads einzugreifen. Seither stellt sich im Libanon die Frage, welche Identit\u00e4t die Hisbollah hat \u2013 arabisch, schiitisch, muslimisch, dschihadistisch? Das alles ist nicht mehr glaubw\u00fcrdig, es ist klar geworden, dass Hisbollah im Zweifel der lange strategische Arm des Revolutionsf\u00fchrers Chamenei ist. Damit f\u00e4llt Hassan Nasrallah als Anf\u00fchrer der antizionistischen \u201eAchse des Widerstands\u201c aus \u2013 denn f\u00fcr Sunniten ist er komplett unglaubw\u00fcrdig geworden. Gut f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Israel hat drei Rote Linien, die wir gegen\u00fcber Syrien immer durchsetzen werden:\u00a0Keine Waffenlieferungen an Hisbollah, keine chemischen Waffen in H\u00e4nden des Regimes, Unverletzlichkeit der Golanh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Iran ist immer noch der gef\u00e4hrlichste St\u00f6renfried der Region. \u00dcberall arbeiten seine Agenten und Proxies daran, moderate arabische Regime zu unterwandern und zu schw\u00e4chen. Ziel bleibt der Export der Ideen der Islamischen Revolution. Das Wesen des Regimes hat sich nicht ge\u00e4ndert, nur weil der Revolutionsf\u00fchrer Ruhani erlaubt hat, die Wahl zu gewinnen. Der neue Pr\u00e4sident hat es uns schwerer gemacht, f\u00fcr eine realistische Haltung gegen\u00fcber dem Iran zu werben. Mit Sorge sehen wir, wie sich unsere Freunde im Westen auf einen blo\u00dfen Wechsel der Tonlage hin mit dem iranischen Regime einlassen.<\/p>\n<p>Dabei hatten wir gerade noch den Eindruck, dass wir mit unseren vier Druckmitteln Erfolg haben k\u00f6nnten: Sanktionen, diplomatische Isolation, verdeckte Operationen und die F\u00f6rderung inner-iranischer Debatten. Die kombinierte Wirkung dieser Mittel hat Iran gespr\u00e4chsbereit gemacht, es ist falsch, den Druck jetzt wegzunehmen.<\/p>\n<p>Das aber ist nun passiert. Ruhani hat viel mehr aus den Verhandlungen herausbekommen, als er selber erhofft hatte, vor allem die de facto Anerkennung des Rechts auf Anreicherung. Die Iraner sind sehr froh dar\u00fcber, dass ihre Isolation beim ersten Anzeichen von Entgegenkommen aufgehoben wurde. Herr Ruhani und Herr Zarif sind auf weltweiter Tournee und lassen sich feiern. Der Westen ist schockierend naiv und l\u00e4sst sich vorf\u00fchren. Unsere arabischen Freunde am Golf sehen das wie wir.<\/p>\n<p>Erstaunlich, dass der Friedensprozess mit den Pal\u00e4stinensern nun in aller Augen endlich zu dem drittrangigen Thema geworden ist, als das wir ihn immer schon angesehen haben. W\u00e4re da nicht John Kerrys unberatene Initiative, die Parteien jetzt zum Friedensschluss zu n\u00f6tigen! Wir verhandeln eigentlich mehr mit den Amerikanern als mit den Pal\u00e4stinensern. Abu Mazen ist nicht f\u00e4hig und nicht bereit, Frieden zu machen. Er ist nicht bereit, in der Frage des Rechts auf R\u00fcckkehr Kompromisse zu machen. Er scheut davor zur\u00fcck, Israel als j\u00fcdischen Staat anzuerkennen. Warum wohl? Sein Ziel bleibt Israels Delegitimierung auf kurz oder lang.<\/p>\n<p>Wir werden die Verhandlungen nicht scheitern lassen. Niemand wird uns den Schwarzen Peter zustecken k\u00f6nnen. Aber einen Durchbruch kann und wird es nicht geben. Wer daran glaubt, versteht nichts von unserer Lage, von der Region und von den Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p>Abgesehen von all dem geht es Israel zur Zeit gro\u00dfartig. Wir haben keinen regionalen Konkurrenten, der unser Existenzrecht anders als rhetorisch in Frage stellen k\u00f6nnte. Wir haben eine kreative Hightechindustrie. Unsere Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst, und unsere Abschreckung funktioniert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ja, in Israel haben bekanntlich zwei Leute drei Meinungen zum gleichen Sachverhalt. Insofern ist das Folgende nat\u00fcrlich nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die gesamte \u00d6ffentlichkeit, oder auch nur f\u00fcr ein politisches Lager. 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