{"id":6127,"date":"2014-02-28T09:56:14","date_gmt":"2014-02-28T08:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/?p=6127"},"modified":"2015-12-16T17:09:29","modified_gmt":"2015-12-16T16:09:29","slug":"eine-jugend-im-modell-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2014\/02\/28\/eine-jugend-im-modell-deutschland_6127","title":{"rendered":"Eine Jugend im Modell Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein Beitrag zur Titelgeschichte der ZEIT (&#8222;Mitte des Lebens&#8220;) vom 26.2.2014:<\/em><\/p>\n<p>Nie wieder kamen in Deutschland so viele Kinder zur Welt wie in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich gesellte mich erst im Dezember dazu, einen Tag vor Ilse Aigner und drei vor Johannes B. Kerner. Da waren wir schon \u00fcber 1,3 Millionen, wir Vierundsechziger. Jeden Monat kam eine Stadt wie G\u00f6ttingen dazu, das ist mehr als doppelt so viel wie heute.<\/p>\n<p>Wir waren durch schiere Masse eine Zumutung f\u00fcr Schulen, Vereine, Universit\u00e4ten. Schon zittern die sozialen Sicherungssysteme vor dem Ansturm unserer Kohorte. So war es immer: Wir mussten uns durchsetzen, auch gegeneinander. Im R\u00fcckblick scheint mir, das ist uns gar nicht schlecht bekommen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die 64er waren, anders als heutige Kinder, noch keine Selbstverwirklichungsprojekte ihrer Eltern. Das schlug sich bereits in der schlicht-einfallslosen Namensgebung nieder. All die J\u00f6rgs, Michaels, Thomas, Sabines, Stefans und Stefanies, Martins und Martinas, Andreas beiderlei Geschlechts \u2013 immer kamen sie gleich mehrfach in den Klassen vor. Wir standen als Kinder nicht im Zentrum, wir liefen irgendwie so mit im Leben unserer Eltern. Endlose Nachmittage lang lie\u00dfen sie uns unbetreut herumstreunen. Wohlwollende Vernachl\u00e4ssigung war der nat\u00fcrliche Erziehungsstil. Wenn man zum Abendessen wieder zuhause war, die Hausaufgaben gemacht hatte und die Noten stimmten, wollten die Eltern erstaunlich wenig \u00fcber einen wissen.<\/p>\n<p>Wir waren \u2013 in Umkehrung sp\u00e4terer Demografieprobleme \u2013 zu viele. \u00dcber 40 Sch\u00fcler sa\u00dfen dicht an dicht in meiner Grundschulklasse, an die 200 Studenten im Proseminar \u201eNeuere amerikanische Geschichte\u201c des Wintersemesters 1983\/84, als ich in Bochum zu studieren anfing. \u201eSch\u00f6n, dass Sie so zahlreich erschienen sind\u201c, begr\u00fc\u00dfte uns der junge Prof, ein 68er, voller Sarkasmus: \u201eIch verrate Ihnen sicher kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass Deutschland nicht so viele Historiker braucht. Vielleicht \u00fcberhaupt nicht so viele Akademiker.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe darauf mit Trotz reagiert, wie viele andere aus meinem Jahrgang: Das werden wir ja sehen! Historiker sind dann zwar tats\u00e4chlich die wenigsten von uns Erstsemestern geworden. Aber irgendwie haben wir es fast alle doch noch zu etwas gebracht &#8211; nicht zuletzt um es den 68ern zu zeigen, die gerade erst frisch verbeamtet worden waren und uns nun als l\u00e4stige \u201eAkademikerschwemme\u201c behandelten, die ihre sch\u00f6ne linke Uni-Welt \u00fcberflutete. Sie waren \u00fcberhaupt eine ziemliche Entt\u00e4uschung, die linken Professoren. Sie nervten gewaltig mit ihrem ideologischen Getue. Interessierte man sich auch nur f\u00fcr \u201eunzuverl\u00e4ssige\u201c Denker wie etwa den Soziologen Niklas Luhmann, stand man schnell unter \u201eNeokonservatismus\u201c-Verdacht.<\/p>\n<p>Wie fern das alles ist! Unvorstellbar f\u00fcr meine Kinder, in einer politisch so brav nach rechts und links geordneten Welt zu leben. Drei biedere Fernsehkan\u00e4le, ebenfalls links und rechts identifizierbar, zwei verfeindete Deutschl\u00e4nder mit einer Mauer dazwischen, von der wir ganz genau wussten, dass sie ewig stehen w\u00fcrde. Ein analoger Alltag ohne Computer, Handys und \u201esoziale Medien\u201c. Beziehungsweise: Das soziale Netzwerk bestand aus realen Freunden, bei denen man unangemeldet vorbeischaute, um gemeinsam herumzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wie erstaunlich zuversichtlich die fr\u00fchen siebziger Jahre in der westdeutschen Provinz waren! Meine Eltern schienen zu glauben, dass es immer irgendwie aufw\u00e4rts gehen und wir es besser haben w\u00fcrden. Sie sollten recht behalten. Aber irgendwo auf dem Weg ist trotzdem die Zukunftsfreude verloren gegangen. Ich beneide sie um die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ja Wurschtigkeit, mit der sie uns erzogen. Ich h\u00e4tte selbst gerne mehr davon, mehr Gelassenheit gegen\u00fcber meinen Kindern. Schon einen solchen Satz hinzuschreiben, w\u00e4re meinen Eltern nicht eingefallen.<\/p>\n<p>Das Leben wurde wirklich immer besser. Vierundsechziger wuchsen in beispiellosem Wohlstand auf. Unsere sp\u00e4tere Konsumkritik (die uns freilich nie vom Konsumieren abhielt), mag ein Versuch gewesen sein, mit der Angst umzugehen, dass wir selber nicht in der Lage sein w\u00fcrden, in gleicher Weise Wohlstand zu sichern wie die arbeitsw\u00fctigen und lebenshungrigen Eltern, die aus den Bombenkellern gekrochen und vom Fl\u00fcchtlingswagen gesprungen waren.<\/p>\n<p>Ach, die Siebziger! Woher blo\u00df dieser pl\u00f6tzliche Mut, mitten in der Provinz absolut modern zu sein, von dem schon die grellorangefarbenen und hellblauen Vorh\u00e4nge und Tapetenmuster k\u00fcndeten! Wenn nicht gerade \u00bbautofreier Sonntag\u00ab war, fuhren wir mit unserem undeutsch eleganten Citro\u00ebn DS durchs Dorf zur Jazz-Messe in der kleinen Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Ich war, bis zur Pubert\u00e4t, gl\u00fchend begeisterter Messdiener. Wir bekamen einen progressiven jungen Pastor, der M\u00e4dchen als Messdienerinnen anwarb und aufw\u00fchlende Nachtwallfahrten mit Meditation organisierte. Der vollb\u00e4rtige Lehrer und seine linkskatholischen Hippiefreunde verkauften im Pfarrgemeindehaus fair gehandelte Dritte-Welt-Waren. Der progressive Alltag machte selbst vor unserer Zwergschule mit ihren zwei Klassen keinen Halt. Mengenlehre und Sexualkunde wurden an uns ausprobiert, vor allem Letzteres unter gro\u00dfem Hallo.<\/p>\n<p>Wer als Heranwachsender nichts wusste von den K-Gruppen und von den Kassandrarufen des Club of Rome, von den ersten Sch\u00fcssen im \u00bbKampf in den Metropolen\u00ab, von M\u00e4nnergruppen, Psychoboom, Rasterfahndung und Unregierbarkeit, dem musste die Bundesrepublik der Siebziger als das beste Land der Welt erscheinen. Sexuelles und politisches Erwachen \u2013 Testosteron und Terrorismus \u2013 haben bei mir erst Ende des Jahrzehnts dieses Gef\u00fchl der Geborgenheit zerst\u00f6rt. Bis dahin war die Bundesrepublik f\u00fcr mich wirklich jenes \u00bbModell Deutschland\u00ab, als das sie sich unter dem Kanzler Helmut Schmidt darstellte.<\/p>\n<p>Als einsame Vorboten des Unheils habe ich die Plakate in der Filiale der Sparkasse in Erinnerung, auf denen Fotos von grimmigen jungen Leuten zu sehen waren, die einerseits dringend gesucht, vor denen zugleich aber auch gewarnt wurde: \u00bbAchtung, Schusswaffen!\u00ab Von Zeit zu Zeit wurde ein Foto ausgekreuzt, mit dicken, Genugtuung ausstrahlenden Strichen.<\/p>\n<p>Es kamen un\u00fcbersichtlichere Zeiten. Ich hatte f\u00fcr Schmidts Nachfolger Kohl nichts \u00fcbrig, ich fand ihn peinlich und es w\u00e4re mir unm\u00f6glich gewesen, ihn zu w\u00e4hlen. Doch die extreme Kohl-Verachtung im linken Universit\u00e4tsmilieu stie\u00df mich ab. Ich fand, er hatte Recht mit seinem Satz von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c. Was war daran falsch? Vielleicht verstand Kohl, der seinen Bruder im Krieg verloren hatte, mehr von der Nazizeit als seine w\u00fctenden Kritiker, die ihm Verharmlosung unterstellten.<\/p>\n<p>Wenn ich meine Kinder beobachte, f\u00e4llt mir auf, dass wir die letzte Generation sind, f\u00fcr die der Weltkrieg noch eine bestimmende Rolle gespielt hat \u2013 wenn auch schon vermittelt durch die Eltern. Dabei sind Vierundsechziger eigentlich gar keine richtige Generation sondern nur ein besonders dicker Jahrgang. Es fehlt ein pr\u00e4gendes Gemeinschaftsereignis. Ja, doch, es gibt gewiss Gemeinsamkeiten. Wir sind pragmatischer, hedonistischer und optimistischer als die Vorg\u00e4nger-Generationen.<\/p>\n<p>Dass die Deutschen so viele Kinder zeugten \u2013 so wenige Jahre nach Krieg und Zusammenbruch \u2013 war ein Akt des trotzigen Weitermachens. Vierundsechziger sind Kinder der Davongekommenen, die im Wirtschaftswunder die Erinnerung an die Bomben, die Massenmorde und die Vertreibungen hinter sich lassen wollten.<\/p>\n<p>Und es doch nicht schafften:1964 brachte der Auschwitz-Proze\u00df in Frankfurt erstmals den ganzen Horror der Lager ans Licht. In konservativen Kleinb\u00fcrgerfamilien der Provinz wie bei uns zuhause wurde meist das \u201ekommunikative Beschweigen\u201c der Vergangenheit gepflegt, wie es der Philosoph Herman L\u00fcbbe treffend genannt hat. Diese Haltung ist nicht zu verwechseln mit Besch\u00f6nigen oder Leugnen. Das Bewu\u00dftsein der moralischen Katastrophe der Nation reichte tief. Die Vertreibung meiner gesamten v\u00e4terlichen Familie aus Westpreu\u00dfen, inklusive Totalverlust allen Besitzes, wurde ohne Murren hingenommen, als h\u00e4tte man dies zwar nicht pers\u00f6nlich, aber eben doch als Volk verdient. Die Vertriebenenverb\u00e4nde mit ihrem lauten Geschrei waren bei uns verhasst. Es gab als Folge eine stumme Entschlossenheit zum \u201eNie Wieder\u201c. Meine Kriegsdienstverweigerung traf auf stille Genugtuung. Man lie\u00df mich f\u00fchlen: Recht so. Es war genug geschossen, es war genug gestorben worden. Da gab es nichts zu debattieren.<\/p>\n<p>Der Onkel mit der Beinprothese, die einarmigen Nachbarn mit den zugen\u00e4hten Hemds\u00e4rmeln, die kriegsversehrten Bettler vor den Kaufh\u00e4usern \u2013 sie waren noch da, und sie waren Schreckfiguren nicht nur meiner Kindheit. Der eingefleischte Pazifismus f\u00fchrte die 64er allerdings gelegentlich politisch in die Irre. So sehe ich es heute.: Noch den Kampf gegen den Nato-Doppelbeschluss der Regierung Schmidt haben wir mit apokalyptischer Inbrunst gef\u00fchrt, um nicht so zu enden wie die Kriegsteilnehmer in unseren Familien.<\/p>\n<p>\u00dcber 300.000 kamen 1981 in den Bonner Hofgarten, um gegen die Nachr\u00fcstung der Nato zu demonstrieren. \u201eDie 80er Jahre werden mehr und mehr zum gef\u00e4hrlichsten Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit\u201c, hie\u00df es in dem Appell der Friedensbewegung. Wir glaubten das damals wirklich.<\/p>\n<p>Wie falsch wir lagen! Es war eine Projektion, eine nachholende Bew\u00e4ltigung der Schuld am falschen Objekt. Dass nicht zuletzt die von uns verteufelte Nachr\u00fcstung die Sowjetunion an den Verhandlungstisch brachte und den Kalten Krieg beenden half, wollen viele von den Friedensbewegten heute noch nicht wahrhaben. Die Achtziger wurden nicht das gef\u00e4hrlichste, sondern das friedlichste und erfreulichste Jahrzehnt des grausigen letzten Jahrhunderts. Am Ende fiel sogar die Mauer.<\/p>\n<p>Bei mir und meinen Freunden im tiefen Westen der Republik l\u00f6ste der Mauerfall klamme Gef\u00fchle aus: K\u00e4me jetzt wohl das Vierte Reich? J\u00fcrgen Habermas warnte in der ZEIT doch schon vor dem DM-Nationalismus! Im R\u00fcckblick wirkt die Angst vor der Wiedervereinigung engherzig: Das sch\u00f6ne, \u00fcbersichtliche Westdeutschland, es war perdu. Das war es, was die Bilder von den die Mauer erklimmenden Massen in Berlin uns ank\u00fcndigten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich und viele andere Vierundsechziger aus dem Westen endlich kapierten, dass wir soeben den besten Augenblick der j\u00fcngeren deutschen Geschichte erlebten. Es ist immer noch peinlich, sich das im R\u00fcckblick einzugestehen.<\/p>\n<p>Ein einziges Mal habe ich meinen Vater, einen zeitlebens quirligen, jungenhaften Mann, bedr\u00fcckt erlebt. Es war an seinem 50. Geburtstag. Er sa\u00df vor einer Geburtstagstorte, die er, der Konditor, f\u00fcr sich selbst gebacken hatte, zwei goldene Marzipanziffern oben auf. Er starrte sie an, als h\u00e4tte er eben erst gemerkt, dass jetzt ein anderes Alter k\u00e4me.<\/p>\n<p>Nun bin ich selber bald 50. Ich werde es feiern, so wie die anderen 1 357 303 Vierundsechziger. Ich freue mich darauf.<\/p>\n<p>Ich habe kein Heimweh nach der verlorenen Welt meiner Jugend, keine Sehnsucht nach der bewegten Zeit zwischen \u00bbMehr Demokratie wagen\u00ab und \u00bbWir sind das Volk\u00ab.<\/p>\n<p>Wohl aber nach der r\u00e4tselhaften Zuversicht, die in den fr\u00fchen siebziger Jahren noch wider alle Vernunft und Wahrscheinlichkeit \u00fcber unserem Leben lag \u2013 und die sich schon darin ausdr\u00fcckte, wie viele wir waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Beitrag zur Titelgeschichte der ZEIT (&#8222;Mitte des Lebens&#8220;) vom 26.2.2014: Nie wieder kamen in Deutschland so viele Kinder zur Welt wie in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich gesellte mich erst im Dezember dazu, einen Tag vor Ilse Aigner und drei vor Johannes B. Kerner. 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