{"id":740,"date":"2007-09-12T16:08:34","date_gmt":"2007-09-12T14:08:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/09\/12\/der-dschihad-der-burgerkinder_740"},"modified":"2007-09-12T16:08:34","modified_gmt":"2007-09-12T14:08:34","slug":"der-dschihad-der-burgerkinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/09\/12\/der-dschihad-der-burgerkinder_740","title":{"rendered":"Der Dschihad der B\u00fcrgerkinder"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein Artikel aus der ZEIT von morgen, Donnerstag, 13. September 2007<br \/>\n<\/em><br \/>\nDer Dschihad spricht jetzt auch deutsch und h\u00f6rt auf Namen wie Fritz und Daniel. Das ist nicht nur f\u00fcr die deutsche Mehrheitsgesellschaft ein Schock. F\u00fcr die Islamverb\u00e4nde hierzulande hatte die Nachricht, dass zwei deutsche Konvertiten daran gehindert wurden, in Deutschland verheerende Anschl\u00e4ge zu begehen, eine ebenso bittere wie heikle Seite. Unter den hiesigen Muslimen machen Neubekehrte sch\u00e4tzungsweise h\u00f6chstens zwei bis drei Prozent aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil Moscheegemeinden keine Mitgliedslisten f\u00fchren. Doch im Zentralrat der Muslime, dessen Vorsitzender Ayyub Axel K\u00f6hler auch den neuen Koordinationsrat der Muslime (KRM) anf\u00fchrt \u2013 Innenminister Sch\u00e4ubles Gegen\u00fcber in der Deutschen Islamkonferenz \u2013, haben auff\u00e4llig viele Konvertierte das Sagen.<br \/>\nVielleicht f\u00e4llt darum die Stellungnahme des KRM zu den abgewehrten Anschl\u00e4gen so merkw\u00fcrdig klamm und schmallippig aus. Man verurteilt zwar den \u00bberneuten Versuch des Missbrauchs der friedlichen und friedliebenden Religion des Islams f\u00fcr extremistische und terroristische Interessen\u00ab. Und appelliert, \u00bbjeglichen extremistischen Ideologien eine deutliche Absage zu erteilen und ihnen keinen Platz in Moscheen zu gew\u00e4hren\u00ab. Doch die gr\u00f6\u00dfte Sorge des KRM ist offenbar, dass durch die Terroristen \u00bballe Muslime unter Generalverdacht\u00ab geraten k\u00f6nnten. Pflichtschuldig Distanz markieren und flugs in die Opferrolle abtauchen \u2013 so wird das peinliche Thema schnell entsorgt. Der Ball wird ins Feld der Nichtmuslime geschlagen, die bitte ihre Vorurteile im Blick behalten sollen: \u00bbDie Vorstellung, dass insbesondere Konvertiten anf\u00e4llig f\u00fcr extremistische Positionen sind\u00ab, so K\u00f6hler, \u00bbweise ich entschieden zur\u00fcck.\u00ab <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image739\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/09\/gadahn_a3.jpg\" alt=\"gadahn_a3.jpg\" \/><img decoding=\"async\" id=\"image738\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/09\/gadahn_a2.jpg\" alt=\"gadahn_a2.jpg\" \/><img decoding=\"async\" id=\"image737\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/09\/gadahn_a1.jpg\" alt=\"gadahn_a1.jpg\" \/><\/p>\n<p><em>Adam Gadahn alias Azzam Al-Amriki<\/em> Fotos: FBI Most Wanted<\/p>\n<p><strong>Konvertiten suchen den echten, unverd\u00fcnnten Stoff<\/strong><br \/>\nHat K\u00f6hler nicht recht? Die gro\u00dfe Mehrheit der Konvertiten hierzulande findet schlie\u00dflich durch die weltliche Liebe zum Islam \u2013 meist deutsche Frauen, die einem Muslim heiraten. Und viele der Wortf\u00fchrer des deutschen Islams \u2013 neben K\u00f6hler etwa der fr\u00fchere deutsche Botschafter Murad Winfried Hofmann oder der Berliner Imam Mohammed Herzog \u2013 sind spirituelle Sucher, keine politischen Islamisten. Sie haben in den gl\u00fccklichen Tagen den Glauben gewechselt, als die deutsche Orientromantik \u2013 eine alte Tradition von Goethe \u00fcber Friedrich R\u00fcckert und Karl May bis zu Annemarie Schimmel \u2013 noch nicht vom Qaida-Terror \u00fcberschattet war. Sie sind Konservative, aber zweifellos keine Extremisten: Wer konvertiert, hat meist kein Interesse an Reform und Erneuerung. Man wechselt den Glauben nicht, um sich gleich wieder mit Zweifeln und Ambivalenz herumzuschlagen. Man sucht den echten, unverd\u00fcnnten Stoff.<br \/>\nViele von ihnen sind entt\u00e4uschte Christen, die im Islam den \u00bbreineren\u00ab Monotheismus fanden. Keine umst\u00e4ndlichen theologischen Kon\u00adstruk\u00adtio\u00adnen wie die Dreifaltigkeit, keine haarspalterischen Debatten \u00fcber die Natur Jesu als \u00bbwahrer Sohn und Mensch zugleich\u00ab. Und vor allem keine Urs\u00fcnde, keine Kreuzigung, keine Auferstehung, keine Erl\u00f6sung. Die Sch\u00f6pfung ist gut und gerechtfertigt, wie sie von Allah erschaffen wurde. Der Koran ist das unverf\u00e4lscht erhaltene Wort Gottes. Halte dich an die f\u00fcnf S\u00e4ulen und die sechs Glaubensgrunds\u00e4tze, und du bist auf der sicheren Seite.<br \/>\nDoch in diese heile Welt des orientalistischen Gottsuchertums sind nun Fritz und Daniel eingebrochen, Deutschlands erste echte homegrown terrorists. Sie haben mit dem Islam Handfesteres vor als die fr\u00fcheren islamophilen Deutschen, die in der untergegangenen Welt des West-\u00f6stlichen Diwans Erl\u00f6sung suchten.<br \/>\nEs ist nicht viel damit gewonnen, wenn die Islamverb\u00e4nde erkl\u00e4ren, Fritz G. und Daniel S. seien qua Terrorismus keine Muslime, denn der Islam verbiete \u00bbGewalt gegen Zivilpersonen\u00ab. Jene sehen sich durchaus als Muslime, und es h\u00e4ngen Menschenleben davon ab, ob man es verstehen lernt, wie sie und andere zu diesem radikalen Glauben kommen.<br \/>\nWas treibt sie? Wer auf die Suche nach inneren Motiven geht, wie es inzwischen eine ganze Horde von Islamwissenschaftlern tut, wird immer wieder auf den recht banalen Befund treffen, es handele sich meist um junge M\u00e4nner aus der Mittelschicht, die religi\u00f6s vorgepr\u00e4gt sind und in eine Lebenskrise geraten. Marc Sageman, ein forensischer Psychiater und fr\u00fcherer CIA-Mitarbeiter, hat Dutzende von Konversionen zum radikalen Islam analysiert. Das einzige gemeinsame Merkmal, so Sageman, sei, dass es sich durchweg um \u00bbisolierte, einsame und emotional entfremdete junge M\u00e4nner\u00ab handelt. Anfangs sei darum f\u00fcr diese Verlorenen die Aufnahme in eine verschworene Gruppe sehr viel wichtiger als die dschihadistische Ideologie. Wenn sich erst einmal die Vorteile des Aufgehobenseins in der Gruppe bemerkbar machen, tritt die Ideologie in den Vordergrund: Durch regelrechte \u00dcbertrumpfungswettbewerbe signalisieren die Neubekehrten in der Gruppe ihre Zugeh\u00f6rigkeit. In den sich radikalisierenden Zirkeln ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr wichtig, wer Konvertit und wer als Muslim geboren ist: Denn alle sind im Geiste der Dschihad-Ideologie \u00bbwiedergeborene Muslime\u00ab. Die einen haben die Ungl\u00e4ubigkeit \u00fcberwunden, die anderen die Tr\u00e4gheit ihrer traditionalistischen Glaubensbr\u00fcder, die im Blick des radikalen Islamismus noch schlimmer ist als Unglaube. Mit der Herkunft gebrochen zu haben verbindet neue Muslime wie Fritz G. und Daniel S. mit \u00bbborn again muslims\u00ab wie dem t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Adem Y., der zusammen mit ihnen verhaftet wurde.<br \/>\nAber dies sind Mechanismen der Radikalisierung in Gruppen, die nicht spezifisch islamistisch sind. Man kennt sie auch aus der Beziehungsdynamik der RAF. Was ist das besondere Angebot, das jene Konvertiten ergreifen, die sich nicht so sehr zum Islam, sondern gleich zum Islamismus bekehren? Sie w\u00fcrden, wie es Benno K\u00f6pfer vom baden-w\u00fcrttembergischen Verfassungsschutz ausdr\u00fcckt, \u00bbnicht so sehr vom Islam als Religion angezogen, sondern vom Islam als Ideologie\u00ab. Und in diesem Sinn markiert die Verhaftung der Gotteskrieger Fritz und Daniel einen Einschnitt in der deutschen Protestgeschichte: \u00bbDer Dschihadismus\u00ab, stellt der Extremismusforscher Eberhard Seidel fest, \u00bbist kein Importartikel mehr, sondern ein einheimisches Ideologieangebot. In Deutschland gibt es zurzeit zwei Heilsversprechen, die die System\u00fcberwindung und die Erh\u00f6hung der eigenen Person in Aussicht stellen: den Rechtsextremismus und den Islamismus. Der Islamismus verzichtet auf die Exklusivit\u00e4t des Blutes und l\u00e4dt jeden ein, der sich in einem Akt des Voluntarismus zu ihm bekennt. Als Internationalismus des 21. Jahrhunderts ist der Islamismus deshalb auch f\u00fcr Sinn- und Aktionssuchende attraktiv, denen der Islam nicht in die Wiege gelegt wurde.\u00ab<br \/>\nIn der j\u00fcngsten Videobotschaft Osama bin Ladens ist dieser Internationalismus mit H\u00e4nden zu greifen. Wer sich nicht vom gef\u00e4rbten Bart des Terrorpropheten ablenken l\u00e4sst, kann in der Ansprache den geschickten Versuch eines ideologischen Relaunches erkennen: Bin Laden pr\u00e4sentiert sich als Globalisierungskritiker. Er lobt Noam Chomsky und schimpft auf das amerikanische Kapital, das f\u00fcr die Erderw\u00e4rmung verantwortlich sei. Bush klagt er an, als B\u00fcttel der Industrie das Kyoto-Protokoll zu missachten und Millionen Tote \u2013 \u00bbvor allem in Afrika\u00ab \u2013 in Kauf zu nehmen. Er hetzt nicht einmal mehr gegen die \u00bbZionisten\u00ab, sondern betont die Toleranz des Kalifats gegen\u00fcber Minderheiten. Die europ\u00e4ischen Juden k\u00f6nnten noch leben, w\u00e4ren sie Schutzbefohlene unter islamischer Herrschaft gewesen. Der Islamismus l\u00f6st sich vom Nahostkonflikt und erfindet sich neu als eine um\u00adfas\u00adsen\u00adde, alternative Form der Globalisierung im Zeichen der imagin\u00e4ren Umma.<br \/>\nDer Islam hat heute einen<br \/>\n<strong>Nimbus des \u00bbradical chic\u00ab<\/strong><br \/>\nBin Laden hat sein Angebot f\u00fcr ein neues Publikum \u00fcberarbeitet: Die Al-Qaida-Rekruten f\u00fcr die neue Phase des Kampfes sind nicht mehr w\u00fctende junge M\u00e4nner aus den Tyranneien des Nahen Ostens oder aus pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingscamps. Bin Laden zielt auf europ\u00e4ische Migranten der zweiten Generation wie die Londoner Rucksackbomber und auf Konvertiten, die beim Kampf in den westlichen Metropolen besonders n\u00fctzlich sind.<br \/>\nDer Islam hat heute einen unvergleichlichen Nimbus des radical chic. Mit jedem Anschlag von Terroristen und mit jeder Anfechtung durch islamfeindliche Rechtspopulisten wird dieser Nimbus weiter gesteigert. \u00bbMit einem Punk\u00ab, sagt ein deutscher Konvertit aus l\u00e4ndlich-konservativem Elternhaus, \u00bbh\u00e4tte meine Familie noch leben k\u00f6nnen. Aber der \u00dcbertritt zum Islam war nicht zu toppen.\u00ab Islamisten bieten neue Zugeh\u00f6rigkeit mit klaren Regeln f\u00fcr jede Lebenssituation, kombiniert mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Andersheit gegen\u00fcber der Herkunft und radikalstm\u00f6glicher Ablehnung des bestehenden Weltsystems. F\u00fcr einige junge M\u00e4nner ist dies eine unschlagbares Angebot: Dabeisein und Dagegensein, Au\u00dfenseitersein und Auserw\u00e4hltsein in einer unaufschn\u00fcrbaren Packung.<br \/>\nEs gibt ein in Deutschland wenig bekanntes Vorbild f\u00fcr Konvertiten wie Fritz und Daniel: den Amerikaner Adam Gadahn, der es als \u00adAzzam al-Amriki bis ins \u00bbMedienkomittee\u00ab von al-Qaida geschafft hat. Gadahn stammt aus einer Familie von Hippies und linken Aktivisten mit einem j\u00fcdischen Zweig. Er war als Teenager eine Gr\u00f6\u00dfe in der lokalen Death-Metal-Musikszene von Orange County und nahm sogar selbst Musik auf. Wie viele Konvertiten durch\u00adlief er eine Phase innerer Leere und brennender tanszendentaler Obdachlosigkeit. Bei einer evangelikalen Gruppe stie\u00df ihn das \u00bbapokalyptische Geschwafel\u00ab ab. Dann las er im Koran und fand sich fasziniert von der totalen Transzendenz und Entr\u00fccktheit Allahs. Dass der Islam den Ruf hatte, mit der westlichen Moderne nicht in Einklang stehen zu k\u00f6nnen, machte ihn gerade anziehend. Die lange M\u00e4hne des Metal-Fans fiel, der Bart wuchs. Adam Gadahn hatte eine neue Form von Dissidenz gefunden, gegen die sich die H\u00f6llenmusik des Death Metal kindisch ausnahm. \u00dcber eine radikale Moschee kam er in Kontakt mit Dschihadisten, die ihm eine Reise nach Pakistan organisierten. Wenige Jahre sp\u00e4ter war Adam alias Azzam mit Ende zwanzig der j\u00fcngste Terrorist auf der \u00bbMost Wanted List\u00ab des FBI. Als erster Amerikaner seit 50 Jahren ist er des Hochverrates angeklagt worden.<br \/>\nGenau wie den friedliebenden Muslimen f\u00e4llt es auch dem nichtmuslimischen Mainstream einstweilen schwer, zur Kenntnis zu nehmen, dass entfremdete B\u00fcrgerkinder, die aus Weltekel, Selbsthass und Bravado vor Jahrzehnten vielleicht noch zu Linksradikalen geworden w\u00e4ren, heute ihren Blutdurst unter dem Banner des Propheten stillen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Artikel aus der ZEIT von morgen, Donnerstag, 13. September 2007 Der Dschihad spricht jetzt auch deutsch und h\u00f6rt auf Namen wie Fritz und Daniel. Das ist nicht nur f\u00fcr die deutsche Mehrheitsgesellschaft ein Schock. 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