{"id":755,"date":"2007-09-18T09:50:58","date_gmt":"2007-09-18T07:50:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/09\/18\/im-namen-gottes_755"},"modified":"2007-09-18T09:50:58","modified_gmt":"2007-09-18T07:50:58","slug":"im-namen-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/09\/18\/im-namen-gottes_755","title":{"rendered":"Im Namen Gottes"},"content":{"rendered":"<p>Aus der ZEIT Nr. 39 vom kommenden Donnerstag:<\/p>\n<p>Romuald Karmakars Film <em>Hamburger Lektionen<\/em> handelt vom Denken eines radikalen Islamisten, der zum Dschihad gegen den Westen aufruft. Dieser Tage muss man niemandem erkl\u00e4ren, warum ein solcher Film wichtig ist: Das ganze Land beugt sich \u00fcber Fritz und Daniel, unsere homegrown terrorists. Woher die kalte Entschlossenheit, woher der Glaube, im weltumspannenden Krieg mit den Ungl\u00e4ubigen zu stehen, und die Gewissheit, in diesem Kampf sei erlaubt, was jede \u00fcberkommene Moral verbietet?<\/p>\n<p>Karmakar l\u00e4sst die Psychologie der T\u00e4ter beiseite und schaut stattdessen auf das ideologische Angebot, das die Prediger des Dschihad jungen M\u00e4nnern unterbreiten. Es ist irref\u00fchrend, die Hamburger Lektionen als Film \u00fcber einen \u00bbHassprediger\u00ab zu bezeichnen. Wer sich den zwei fesselnden Stunden dieses Films aussetzt, wird schnell bemerken, dass Karmakar sich nicht f\u00fcr die aufpeitschende, emotionale Seite der Predigten des Mannes namens Mohammed Fazazi interessiert. Wenn wir die Weltsicht eines Dschihadisten verstehen wollen, ist das bekannte Hass\u00adprediger-Outfit \u2013 Rauschebart, Dschellaba-Gewand, wutschnaubende Diktion \u2013 eher st\u00f6rend, weil es uns verleitet zu glauben, wir w\u00fcssten schon Bescheid. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image754\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/09\/lektionen.jpg\" alt=\"lektionen.jpg\" \/><\/p>\n<p><em>Romuald Karmakar (links) und Manfred Zapatka auf dem Set<\/em><\/p>\n<p>Wir wissen aber nicht Bescheid. Diesem Prediger geht es durchaus nicht blo\u00df um schlichte Verw\u00fcnschungen des dekadenten, unterdr\u00fcckerischen Westens. Mohammed Fazazi schimpft und tobt nicht. Dieser Imam, der heute in Marokko eine langj\u00e4hrige Haftstrafe absitzt, hatte Verbindungen zu den Attent\u00e4tern des 11. September sowie zu den Terroristen, die bei Anschl\u00e4gen in Casablanca und Madrid Hunderte ermordeten. Die Ansprachen, die diesem Film zugrunde liegen, wurden im Jahr 2000 in der Hamburger Al-Quds-Moschee gehalten, einem Anlaufpunkt f\u00fcr Mohammed Atta und seine Gruppe. Sie wurden von einem Unbekannten gefilmt und als Videos unter Nachwuchs-Dschihadis vertrieben.<\/p>\n<p>Karmakar gibt uns nur das blanke Gesicht von Manfred Zapatka, der \u2013 auf einem schlichten Stuhl sitzend \u2013 zwei Vortr\u00e4ge von Mohammed Fazazi verliest. Zapatka tut dies gewohnt n\u00fcchtern, nur hier und da mit einem frontalen Blick in die Kamera akzentuierend. Wir finden uns direkt vor die Sprache und das Denken Fazazis gestellt. Ab und zu werden ihm Zettel mit Fragen gereicht, die er abliest und beantwortet. In den letzten Tagen des Ramadan 2000 n\u00e4mlich gew\u00e4hrte der Imam seiner Gemeinde eine Art Kummerkastenstunde, bei der alle Themen angesprochen werden konnten. Einmal geht es um die Frage, ob die heiligste Nacht des Ramadan \u2013 Laylat Al-Qadr \u2013 eindeutig bestimmt werden kann. Leider seien sich die Gelehrten nicht einig, so Fazazi, man solle darum jede Nacht des Ramadan heiligen. Dann fragt jemand, ob eine Frau eine Flugreise ohne m\u00e4nnlichen Begleiter tun darf, vorausgesetzt sie werde zum Flughafen gebracht und abgeholt. Nein, auch dann nicht, dekretiert der Imam, es k\u00f6nnte ja eine Notlandung erforderlich werden, und dann m\u00fcsse die Frau im Hotel unter einem Dach mit Ungl\u00e4ubigen und Weintrinkern n\u00e4chtigen. <\/p>\n<p>Fazazi bezeichnet sich selbst als Salafi. Salafisten erkennen einzig den Propheten und die ersten drei Generationen seiner J\u00fcnger als Vorbilder an. Sie wollen den perfekten, reinen, unkorrumpierten Islam dieser durch allerlei Innovationen (bidah) verlorenen Fr\u00fchzeit wiedergewinnen und die Theologie von allen au\u00dferislamischen Einfl\u00fcssen \u2013 wie etwa der griechischen Logik \u2013 reinigen. <\/p>\n<p>Doch Fazazi geht es um mehr. Allm\u00e4hlich flicht er in die Lebenshilfe Grunds\u00e4tzliches ein. Wenn ich aufgrund eines Vertrages mit den Ungl\u00e4ubigen \u2013 also etwa mit einem deutschen Visum \u2013 hierhergekommen bin, muss ich dann nicht nach islamischer Auslegung die Gesetze achten?, fragt einer. Die Visabestimmungen entspr\u00e4chen nicht der Scharia und seien damit ung\u00fcltig, antwortet Fazazi. Aber gelten nicht f\u00fcr Ungl\u00e4ubige umgekehrt auch Schutzbestimmungen, sofern sie nicht gegen den Islam arbeiten und ihre Sonderabgaben zahlen? Das sei wohl so, wenn jene in einem islamischen Staat leben, in dem die Scharia gilt. F\u00fcr die Ungl\u00e4ubigen im Westen aber gebe es keinen solchen Schutz. Ihre Ehre, ihr Hab und Gut, ihre Frauen und Kinder seien halal, sagt er, \u00bbantastbar\u00ab. Gerade weil sie in Demokratien leben, sind sie alle legitime Ziele des Dschihad. Weil in der Demokratie die Gewalt vom Volke ausgehe, und weil die west\u00adlichen L\u00e4nder ein Weltsystem aufgebaut haben, das \u00fcberall die Muslime bekriege, entrechte und beraube, seien alle Westler als Kombattanten zu betrachten und d\u00fcrfen get\u00f6tet werden, Kinder ebenso wie Soldaten. Den Muslimen Demokratie und Menschenrechte bringen zu wollen, ziele darauf, den Islam zu vernichten: Im Islam gibt es, so Fazazi, statt Volkssouver\u00e4nit\u00e4t nur die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes, und alle Rechte des Menschen leiten sich aus den Geboten Gottes. <\/p>\n<p>Fazazi verf\u00fcgt souver\u00e4n \u00fcber alle Register der postkolonialen Klage: Seit Jahrhunderten sind die Muslime beraubt, gedem\u00fctigt und betrogen worden. Mi\u00adgran\u00adten, sagt er, sind nichts anderes als moderne Sklaven. Der Reichtum des Westens beruht auf Raub von Menschen, Rohstoffen und Ideen. Doch seine Predigt dient nicht blo\u00df der Abfuhr von muslimischen Dem\u00fctigungs- und Ohnmachtsgef\u00fchlen. Ihm geht es um mehr: Fazazis Rede kreist um kriegerische Erm\u00e4chtigung und politische Machtergreifung im Namen des Islam. Er ist kein Ultraorthodoxer, der das Gesetz besonders streng auslegt. Im altmodischen Gewand des Konservativen vertritt er in Wahrheit eine revolution\u00e4re Botschaft. Er will seine Leute moralisch entsichern. Sie sollen nicht blo\u00df hassen, sie sollen handeln. Und so ist es ja auch gekommen. <\/p>\n<p>Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis Romuald Karmakars Film in den Verleih kam. Was er zeigt, ist unwillkommen, weil es bestehende \u00c4ngste vor dem Islam verst\u00e4rken k\u00f6nnte. Karmakar zeigt die Nachtseite unseres m\u00fchsamen \u00bbDialogs mit dem Islam\u00ab. Darum sollte er auf Islamkonferenzen, in Schulen und vor allem in Moscheen diskutiert werden. Denn am Ende werden nur Muslime, die von der Auslegung ihres Glaubens als Machtergreifungsideologie angewidert sind, den Fazazis das Handwerk legen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der ZEIT Nr. 39 vom kommenden Donnerstag: Romuald Karmakars Film Hamburger Lektionen handelt vom Denken eines radikalen Islamisten, der zum Dschihad gegen den Westen aufruft. Dieser Tage muss man niemandem erkl\u00e4ren, warum ein solcher Film wichtig ist: Das ganze Land beugt sich \u00fcber Fritz und Daniel, unsere homegrown terrorists. 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