{"id":862,"date":"2007-11-03T21:29:29","date_gmt":"2007-11-03T19:29:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/11\/03\/ein-kuhles-helles-in-karatschi_862"},"modified":"2007-11-03T21:29:29","modified_gmt":"2007-11-03T19:29:29","slug":"ein-kuhles-helles-in-karatschi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/11\/03\/ein-kuhles-helles-in-karatschi_862","title":{"rendered":"Ein k\u00fchles Helles in Karatschi"},"content":{"rendered":"<p><em>Benasir Bhutto hat Pakistan am Donnerstag wieder verlassen. Vielleicht wu\u00dfte sie, was kommen w\u00fcrde: General Musharraf hat am Samstag, den 3. November,  den Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. Richter und Anw\u00e4lte sind unter Hausarrest, unabh\u00e4ngige Medien k\u00f6nnen nicht publizieren. Benasir Bhutto ist am Samstag wieder zur\u00fcckgekehrt. Wenige Tage vor diesen Ereignissen war ich in Karatschi. Diese Notizen reflektieren die Begegnungen w\u00e4hrend meines Aufenthalts.<\/em><\/p>\n<p><strong>Karatschi<\/strong> &#8211; &#8222;Hier war es&#8220;, sagt der Fahrer. Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt kommen wir an der Stelle vorbei, an der vier Tage zuvor das Attentat auf Benasir Bhutto ver\u00fcbt wurde. Von den 140 Toten keine Spur. Nichts erinnert an das Massaker, mit dem die Oppositionsf\u00fchrerin bei ihrer R\u00fcckkehr begr\u00fc\u00dft wurde. Nur die Stra\u00dfenlaternen gehen immer noch nicht. Frau Bhutto behauptet, sie seien ausgeschaltet worden, um die Mordtat zu beg\u00fcnstigen. Aber es ist nicht so, dass in Karatschi, der 16 Millionen-Metropole Pakistans, alle Stra\u00dfenlaternen gew\u00f6hnlicher Weise funktionieren.<\/p>\n<p>Bhutto beherrscht die Schlagzeilen. Sie verd\u00e4chtigt Elemente in der Regierung, die Anschl\u00e4ge mit vorbereitet zu haben. Sie besucht die \u00fcberlebenden Opfer und zeigt dabei Contenance. Da sie selbst fast zum Opfer geworden w\u00e4re, wirkt sie jetzt nicht mehr wie eine Marionette der Amerikaner, die hinter ihrem &#8222;Deal&#8220; mit dem Pr\u00e4sidenten Musharraf stehen. Und auch von der Korruptionsanklage aus ihrer letzten Amtszeit ist nicht mehr die Rede, \u00fcber deren Zulassung der Supreme Court noch zu entscheiden haben wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/coke.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/coke.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Karachi, im Basar-Bezirk Saddar      Foto: J. Lau <\/em><\/p>\n<p>Alle Hoffnungen der Armen (auf Brot und Jobs) und der Mittelschicht (auf Rechtsstaat und Demokratie) richten sich jetzt wieder auf sie, obwohl die meisten sich bewu\u00dft sind, da\u00df Bhutto solche Hoffnungen in ihren beiden kurzen Amtszeiten als Premierminsterin jedesmal entt\u00e4uscht hat. &#8222;Wie haben ganz einfach niemand anderen, auf den wir diese Hoffnungen projizieren k\u00f6nnen&#8220;, sagt ein Journalistenkollege im Karachi Press Club.<\/p>\n<p>Die Stadt ist \u00fcber und \u00fcber mit &#8222;Welcome back&#8220;-Postern gepflastert, die Benasir Bhutto  zusammen mit ihrem Vater zeigen, der vom Milit\u00e4rdiktator Zia ul-Haq hingerichtet worden war. War sie leichtsinnig, ja fahrl\u00e4ssig, die Willkommensparade  abzuhalten, obwohl doch die Morddrohungen gegen sie bereits vorlagen? So argumentieren ihre Widersacher in der Regierung, die sie politisch diskreditieren wollen, vor allem Idschas ul-Haq, der Sohn des fr\u00fcheren Diktators, Religionsminister unter Musharraf. Sie habe mit dem Leben unschuldiger Menschen gespielt, als sie sich weigerte, ihre Ankunft aus dem Exil aus Sicherheitsgr\u00fcnden zu verschieben. Ul-Haq ist ein schlimmer Hetzer und verl\u00e4sslicher Freund der islamischen Radikalen im Lande.<\/p>\n<p>Ein Journalistenkollege von <a href=\"http:\/\/thenews.jang.com.pk\/\">The News<\/a> findet die Vorw\u00fcrfe an Bhutto zynisch: &#8222;Sie musste gleich zu Beginn ihrer R\u00fcckkehr zeigen, dass sie und ihre Partei noch die Massen mobilisieren k\u00f6nnen. Und hier bei uns geschieht das traditionell in Form riesiger Rallyes, als eine Art politischen Karnevals. H\u00e4tte sie nicht mindestens eine Million Menschen auf die Beine bekommen, w\u00e4re sie umgehend f\u00fcr politisch tot erkl\u00e4rt worden. Sie mu\u00dfte es also tun, und genau bei dieser Gelegenheit hat man dann versucht, sie wirklich umzubringen. Und nun gibt man ihr die Schuld.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/bhutto.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/bhutto.jpg\" \/><\/a><em><br \/>\nBenasir Bhuttos Residenz (mit dem roten Dach), streng bewacht   Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p>Aber dieses Man\u00f6ver verf\u00e4ngt nicht. Alle, mit denen ich w\u00e4hrend meiner Tage in Karatschi spreche, sehen Bhutto durch das Attentat gest\u00e4rkt. Was sie vorher nur behauptet hat &#8211; sie sei die einzige moderate Kraft gegen den islamistischen Extremismus &#8211; ist nun durch die Extremisten selbst best\u00e4tigt worden. Es ist aber noch unklar, ob Bhutto \u00fcberhaupt einen Wahlkampf machen kann, ohne weitere Menschenleben &#8211; und ihr eigenes &#8211; zu riskieren. Es wird \u00fcber Videokonferenzen und Lautsprecherwagen, \u00fcber Kampagnen per Handy und Internet nachgedacht. Aber die Massen der Analphabeten auf  den D\u00f6rfern erreicht man so nicht. Sie wollen die Kandidaten selbst sehen und erleben. Die Mehrheitspartei PML (Pakistan Muslim League), die Musharraf st\u00fctzt, w\u00fcrde gerne ein Verbot von gro\u00dfen Wahlkampfrallyes sehen. Das w\u00fcrde ihr Wahlkampfproblem l\u00f6sen: Sie hat keine charismatischen Sprecher.<\/p>\n<p>An meinem zweiten Tag in der Stadt fahren wir an Benasir Bhuttos Wohnhaus vorbei, das im Reichenviertel Clifton liegt, nahe am \u00f6l- und dreckverseuchten Strand Karatschis. Wir halten auf der gegen\u00fcberliegenden Strassenseite, ich schiesse ein paar Fotos &#8211; und schon werden wir von sehr nerv\u00f6sen Sicherheitsleuten aufgefordert, weiterzufahren. Man kann sie verstehen.<\/p>\n<p align=\"center\"> ***<\/p>\n<p align=\"left\">Im Karachi Press Club wird ein <a href=\"http:\/\/www.dailyindia.com\/show\/185415.php\/Dorab-Patel-Award-for-Pak-lawyers\">Menschenrechtspreis<\/a> vergeben. Er geht an die  Organisation der Anw\u00e4lte, die in  diesem Jahr  einen mutigen <a href=\"http:\/\/sundaytimes.lk\/070930\/International\/international00002.html\">Aufstand<\/a> gegen die Milit\u00e4rherrschaft angef\u00fchrt haben. Ausgel\u00f6st durch die <a href=\"http:\/\/timesofindia.indiatimes.com\/NEWS\/World\/Pakistan\/Pak_Police_attack_HC_lawyers_in_Lahore\/articleshow\/1774644.cms\">Absetzung des Obersten Richters Iftikar Chaudhry,<\/a> haben die Demonstrationen der Hunderte von Anw\u00e4lten in Pakistan die Hoffnung auf ein demokratisches Erwachen gen\u00e4hrt.<\/p>\n<p align=\"left\"> <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/lawyers.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/lawyers.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Der Pr\u00e4sident des Anwaltvereins (am Mikrofon) zeigt sich furchtlos   Foto: J. Lau<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">Der Vorsitzende des Anwaltvereins, der Supreme Court Bar Association, Munir A. Malik, nimmt den Preis stellvertretend entgegen. Er k\u00fcndigt an, die Anwaltsbewegung stehe erst am Beginn und werde ihren Kampf f\u00fcr Rechtsstaat und Demokratie &#8222;bis zum Ende f\u00fchren&#8220;. Wer die Bilder von den blutenden K\u00f6pfen bei den Anwalts-Demonstrationen gesehen hat, wei\u00df, wie mutig diese Leute sind. &#8222;Dieser Staat geh\u00f6rt nicht der Armee&#8220;, sagt Malik. &#8222;Wir wollen die Mentalit\u00e4t der Menschen ver\u00e4ndern.&#8220; Und er sagt: &#8222;Der Weg zur Demokratie muss bei uns selbst beginnen, er f\u00fchrt nicht durch Washington.&#8220; Das ist auf das B\u00fcndnis zwischen Musharraf und Bhutto gem\u00fcnzt, das unter amerikanischem Druck entstand.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p align=\"left\">Nachdem wir im Garten des Press Club eine Weile bei starkem Tee geplaudert haben, l\u00e4dt mich Zulfikar Ahmad (Name ge\u00e4ndert, JL) ein, mit ihm nach Hause zu kommen, da k\u00f6nne man besser reden. Zulfikar ist ein bekannter Journalist, der sein Geld heute mit &#8222;Kommunikationsberatung&#8220; und Witschaftsanbahnung vedient. In einem ledergepolsterten Dienstwagen mit Fahrer geht es in ein pr\u00e4chtiges Heim hinter hohen Mauern  im Stadtteil &#8222;Defence&#8220;. Das steht f\u00fcr <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Defence_Housing_Authority,_Karachi\">&#8222;Defence Housing Authority&#8220;<\/a>, ein privilegiertes Quartier im S\u00fcden Karatschis &#8211; mehr als eine habe Million Beg\u00fcterte leben hier. Das Milit\u00e4r hat sich vor Jahrzehnten  die Filetst\u00fccke geschnappt, sie zu Baugrund entwickelt und verkauft sie zu horrenden Preisen an Bauherren und Investoren. Das Verr\u00fcckte ist aber, dass in den beg\u00fcterten Gegenden Karatschis zum gro\u00dfen Teil kein flie\u00dfendes Wasser zu haben ist. Daf\u00fcr sorgt die &#8222;Water Tanker Mafia&#8220;. Sie schmiert die Stadtverwaltung, so dass die Wasserleitungen abgetrennt oder nicht repariert werden. \u00dcberall in Defence und Clifton sind pausenlos Tankwagen unterwegs, die Trinkwasser zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen an die Haushalte liefern.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/jinnah.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/10\/jinnah.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Das Mausoleum des Staatsgr\u00fcnders Jinnah im Zentrum Karatschis   Foto: J. Lau<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">Zulfikar und seine Frau &#8211; eine selbstbewu\u00dfte, emanzipierte Unternehmerin &#8211; bewirten mich mit k\u00f6stlichem, eiskaltem Bier (in Pakistan gilt schariam\u00e4ssiges Akoholverbot) und Kr\u00e4ckern. Die Anwaltsbewegung habe eine ungeheure Befreiung gebracht, sagen die beiden: &#8222;Zum ersten Mal in unserer Geschichte macht ma sich \u00fcber das Milit\u00e4r lustig. \u00dcberall kursieren Witze und Karikaturen. Das w\u00e4re vor Jahren undenkbar gewesen.&#8220; Das gro\u00dfe Problem aller weiteren Reformen sei, dass es in dem Land keine Mittelschicht gebe, die vom Milit\u00e4r unabh\u00e4ngig sei.<\/p>\n<p align=\"left\">Herr Ahmad redet sich in Rage: &#8222;Wir sind eine feudale, tribale Gesellschaft geblieben, ohne demokratische Kultur. Ich darf das \u00f6ffentlich nicht sagen &#8211; man w\u00fcrde mich umbringen -, aber dieser Staat hat einen Webfehler von Anfang an. Der Islam, wie er bei uns zur Staatsgrundlage erhoben wurde, erlaubt keinen Pluralismus. Pakistan ist geschaffen worden als Antithese zum Leben mit Hindus. Es war ein Fehler, eine Nation auf dem Boden einer religion zu gr\u00fcnden. Eine Nation muss auf anderen Werten erbaut werden. Die Radikalen nutzen das aus, indem sie die soziale Frage im Land und die Ungerechtigkeit der Weltgesellschaft in eine religi\u00f6se Frage transformieren. Sie sind die neue Variante des Antiimperialismus, nachdem die Linke abgedankt hat.&#8220;<\/p>\n<p align=\"left\"> <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/bus1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/bus1.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Bus in Karachi                                                                      Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">&#8222;Wir S\u00e4kularen k\u00f6nnen nichts dagegen machen&#8220;, f\u00e4hrt Herr Ahmad fort.  In der Islamischen Republik sind auch wir  Sklaven der religi\u00f6sen Semantik. Die Radikalen werden von den arabischen L\u00e4ndern gef\u00f6rdert, um unseren einheimischen Islam plattzumachen. Viele hier sind Sufis, die Heiligenverehrung gro\u00dfer Mystiker spielt eine wichtige Rolle in unserem relig\u00f6sen Leben. Das gilt den Wahhabiten, die unsere Medressen f\u00f6rdern, als H\u00e4resie. Sie wollen unseren traditionalistischen Islam druch ihre reine Lehre ersetzen. Aber auch der Westen hilft uns Liberalen seit Jahren nicht. Mit der brutalen und arroganten Weise, ihre Macht nach dem 11. September zu demonstrieren, haben die Amerikaner uns in die Ecke man\u00f6vriert. Osama Bin Laden &#8211; ob er nun noch lebt oder nicht &#8211; hat dank George Bush gewonnen. Alle islamischen Kr\u00e4fte stehen heute gegen die Liberalen. Die Amerikaner beginnen das selbst zu sehen. Letztens war ein einflu\u00dfreicher Thinktank-Mann aus Washington hier, <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Russell_Mead\">Walter Russell Mead<\/a>. Er hat uns erst erkl\u00e4rt, dass der Krieg gegen den Terror ein Erfolg sei. Und dann sagte er, die Verh\u00e4ltnisse in Pakistan seien ja doch unheimlich komplex, vor allem in den Stammesgebieten. Amerikaner m\u00fc\u00dften dar\u00fcber noch viel mehr lernen. Da mu\u00dfte ich dann doch lachen. Sechs Jahre nach dem 11. September reift die Erkenntnis, dass diese Gegend der Welt komplex ist! Aber bitte, ich rede die ganze Zeit, jetzt erz\u00e4hlen Sie mir mal, wie es mit der gro\u00dfen Koalition in Deutschland weitergeht.&#8220;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p align=\"left\"> Das Jinnah-Mausoleum  liegt leicht erh\u00f6ht im Zentrum der Stadt. Lieberspaare und Schulklassen kommen hierher, um dem genialen Gr\u00fcnder des Staates Pakistan zu huldigen, der schon kurz nach der Unabh\u00e4ngigkeit verstorben ist. Sein Denkmal ist eine Art Luxusversion der traditionellen Sufi-Schreine, die den Volksislam Pakistans bestimmen. Mein Begleiter M. ist Hindu, und damit Teil einer verschwindenden Minderheit. Ich habe ihn bei einem Kongress kennengelernt. Nach der Abtrennung Pakistans von Indien &#8211; als Hunderttausende Hindus sich aus den Provinzen Sindh und Pandschab davonmachten, kam sein Vater nach Karatschi. Der Vater wollte im riesigen Hafen arbeiten, in dem es damals viele Jobs gab, und ignorierte die Warnungen der Hindus, die das Land verlie\u00dfen. &#8222;<\/p>\n<p align=\"left\"> <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/boys.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/boys.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Pakistanische Schuljungen vor dem Sarkophag des Staatsgr\u00fcnders Jinnah      Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">Jahrelang haben wir meinem Vater Vorhaltungen gemacht: Warum hast Du uns in diese Situation gebracht?&#8220; Als Hindu wechselt M. mit seinen muslimischen Kollegen kaum mehr als Gru\u00dfworte und H\u00f6flichkeiten. Im Mausoleum weist er mich immer wieder auf Jinnahs europ\u00e4ische Kleidung, seine Vorliebe f\u00fcr elegante europ\u00e4ische Schuhe, M\u00f6bel und Golfschl\u00e4ger hin. &#8222;Sehen Sie, diese Brille hat er in Paris gekauft, beim Optiker Meyrowitz! Meyrowitz! Und eine Parsin hat er geheiratet, kein muslimisches M\u00e4dchen. In Wahrheit hatte <em>Qaid-e-Azam<\/em> (der Gro\u00dfe F\u00fchrer) mit dem Islam nichts zu tun! Er wollte einen s\u00e4kularen Staat. Es ist alles ein gro\u00dfer Betrug. Und wir m\u00fcssen es ausbaden.&#8220;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p align=\"left\">Im Avari-Hotel mitten in Karachi findet unsere Tagung statt, sie handelt vom Thema &#8222;Integration, ein Kompromiss zwischen Assimilation und Selbst-Bestimmung&#8220;. Es ist viel von den Schwierigkeiten muslimischer Minderheiten in Europa die Rede. Mir kommt das ein wenig bizarr vor, nachdem ich die Minderheitsprobleme in diesem Land ein wenig kennengelernt habe. Pakistanische Intellektuelle haben wei\u00df Gott andere Probleme als die vermeintliche Islamophobie Europas. Ich versuche, das deutsche Modell (weder Laicit\u00e9 noch Multikulturalismus) zu verteidigen &#8211; harte Verhandlungen mit der neuen Religion, der ein Platz in unseren gesellschaftlichen Gef\u00fcge zusteht, wenn sie sich mit den Grundprinzipien und -werten unseres Landes arrangiert. Das wird sehr interessiert aufgenommen. Als die Rede auf Vorurteile gegen den Islam kommt, sage ich, ein gro\u00dfer Fehler der europ\u00e4ischen Debatte zur Zeit sei die &#8222;Islamisierung&#8220; der gesamten Integrationsdebatte. Auf diese Weise schaffen wir t\u00e4glich mehr Muslime. Schon die Zahl 3 Millionen (auch der Konsul hat sie in seiner Eingangsrede genannt) sei v\u00f6llig irref\u00fchrend. Jeder aus einem islamisch gepr\u00e4gten Land stammende Immigrant und selbst noch seine Kindeskinder w\u00fcrden von uns zu Muslimen hochgerechnet. Ich kenne aber Menschen etwa aus dem Iran, sage ich, die haben seit Jahrzehnten keine Moschee von innen gesehen. Sie seien v\u00f6llig s\u00e4kular und allenfalls  kulturell muslimisch gepr\u00e4gt. Doch im gesellschaftlichen Diskurs machten wir sie zu Muslimen. Dabei leben diese Menschen gerade deshalb gerne in Europa, weil sie dort die Freiheit haben, ihr Muslimsein selbst zu definieren &#8211; oder eben auch aufzuh\u00f6ren, Muslim zu sein. Muslime leben gerne in Europa, sage ich, nicht zuletzt weil sie dort mehr religi\u00f6se Freiheit haben als zuhause. Nichts interessiert die etwa 300 Zuh\u00f6erer so sehr wie dieser Aspekt. Ich werde merhmals darauf angesprochen, man dankt mir, dies in die Debatte geworfen zu haben. Kein Pakistaner h\u00e4tte diese Position vertreten d\u00fcrfen &#8211; es w\u00e4re Verrat gewesen.<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/basar.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/basar.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Im Basar,  Karachi                                  Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">Ein Mitdiskutant behauptet, der Terrorismus habe &#8222;mit dem Islam nichts zu tun&#8220;. Ich widerspreche und sage, die meisten Muslime verabscheuen den islamistischen Terrorismus.  Aber wir m\u00fcssen diejenigen, die sich von ihrem Glauben gerufen sehen, diese schrecklichen Taten zu vollbringen, beim Wort nehmen. Die anst\u00e4ndigen Muslime und ihre Imame und Muftis m\u00fcssen sich dem entgegenstemmen, immer wieder. Der Islamismus kann ideologisch nur von innen besiegt werden.  Zwei w\u00fctende Herren stehen auf und lassen Tiraden gegen den Westen los, der an all diesen Dingen schuld sei. Die gro\u00dfe Mehrheit im Publikum findet sie peinlich und rollt mit den Augen. Doch niemand widerspricht offen. Nach dem Vortrag kommt ein Student zu mir, er stellt sich als pakistanischer Christ vor. Ich solle nicht glauben, wenn man mir hier erz\u00e4hle, der Extremismus habe mit dem wahren Glauben nichts zu tun. Er unterrichtet an einer staatlichen Schule. Manche Lehrer w\u00fcrden versuchen, die Schule zu islamisieren. Auf Christen werde keine R\u00fccksicht genommen. Allerdings f\u00f6rdere seine Professorin ihn sehr. er schreibt an einer Diplomarbeit im Center for European Studies. Thema: Migration und Integration in Deutschland.<\/p>\n<p align=\"left\">Einer der Redner ist ein indischer Muslim namens Javed Anand<span style=\"font-family: Verdana\" lang=\"EN-GB\"><\/span>. Er hat gro\u00dfe Probleme mit dem Visum gehabt, aber schlie\u00dflich hat es geklappt. Er leitet eine Menschenrechtsorganisation mit den sch\u00f6nen Namen <a href=\"http:\/\/www.mfsd.org\/\">&#8222;Muslims for Secular Democracy&#8220;<\/a>. Sie k\u00e4mpfen gegen die moslemhassenden Hindu-Faschisten, aber auch gegen Islamismus, Frauendiskriminierung und Terrorismus. Sie bekennen sich zum indischen Pluralismus, den die Verfassung garantiert. Als Javed Anand von den Massakern gegen Muslime in indien spricht, ist vielen Zuh\u00f6rern anzumerken, wie sie bewegt sind. Die pakistanische Staatsr\u00e4son besteht ja gerade darin, ein safe haven f\u00fcr Indiens Muslime zu sein. Aber wenn Anand die indische Verfassung als die Basis seiner Menschenrechtsarbeit preist, dann ist dem publikum auch der Neid anzumerken auf die Muslime im Nachbarstaat, die in Wahrheit als Minderheit ein besseres Leben haben als die gro\u00dfe Mehrheit der pakistanischen Muslime. Es liegt eine Dem\u00fctigung darin.<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Abends sitzen wir mit einigen Teilnehmern im franz\u00f6sischen Caf\u00e9 im Compound des Institut Francais. Nach und nach trifft die Jeunesse dor\u00e9e der Stadt ein, junge M\u00e4nner und Frauen, die hier fr\u00f6hlich miteinander ausgehen, als w\u00e4re es irgendeine ganz normale Weltstadt. Man ist Steak mit Pommes Frites und trinkt dazu Cola. Wir trinken Wein und Bier, das die Goethe-Institutsleiterin mit gebracht hat. Das Konsulat gibt ihr manchmal etwas aus den Best\u00e4nden ab. Der Wein schmeckt auch einem unserer muslimischen Freunde ganz besonders k\u00f6stlich. &#8222;Ich bin eigentlich Humanist&#8220;, sagt er. Meine Nachbarin, eine Professorin f\u00fcr Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Karachi, wirkt bedr\u00fcckt. Ich frage sie, was sie glaubt, wie es weitergehe. &#8222;Ich habe keine Ahnung. Vielleicht bewegen wir uns auf die Demokratie zu. Ich hoffe es. Aber ich habe Angst nach dem Anschlag von letzter Woche. Es ist alles so ungewiss. Wie wird das Oberste Gericht \u00fcber Musharraf  entscheiden? Und wie wird der General reagieren? Notstand? Kriegsrecht? Milit\u00e4rdiktatur? Alles ist m\u00f6glich. Es ist furchtbar.&#8220;<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/rikshaw.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/files\/2007\/11\/rikshaw.jpg\" \/><\/a><br \/>\n<em>Rikscha, Karachi,  25. Oktober 2007            Foto: J. Lau<\/em><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benasir Bhutto hat Pakistan am Donnerstag wieder verlassen. Vielleicht wu\u00dfte sie, was kommen w\u00fcrde: General Musharraf hat am Samstag, den 3. 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