{"id":919,"date":"2007-11-29T18:23:43","date_gmt":"2007-11-29T16:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/11\/29\/bushs-kehrtwende-in-annapolis_919"},"modified":"2007-11-29T18:23:43","modified_gmt":"2007-11-29T16:23:43","slug":"bushs-kehrtwende-in-annapolis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/joerglau\/2007\/11\/29\/bushs-kehrtwende-in-annapolis_919","title":{"rendered":"Bushs Kehrtwende in Annapolis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Annapoli<\/strong>s &#8211; Bescheidenheit war bisher keine Tugend der Bush-Regierung. Doch vor der Nahost-Friedenskonferenz in Annapolis waren der Pr\u00e4sident und die Aussenministerin manchmal bem\u00fcht, den Anspruch so weit herunterzudefinieren, dass es schon fast ans Absurde grenzte. Von einem \u201eGipfel\u201c durfte l\u00e4ngst nicht mehr die Rede sein. Annapolis, hie\u00df es, sei nur ein \u201eMeeting\u201c.<br \/>\nDas kontrastierte merkw\u00fcrdig mit der Tatsache, dass Monate damit verbracht worden waren, jene Delegationen aus 49 L\u00e4ndern nach Washington einzuladen, die am Montag und Dienstag das politische Leben und den Verkehr in der amerikanischen Hauptstadt lahmlegten.<br \/>\nHinter der strategischen Bescheidenheit steckte die allzu berechtigte Angst vor einem Scheitern auf offener B\u00fchne. Bis zuletzt  war unter Druck von Condoleezza Rice an einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung der Israelis und der Pal\u00e4stinenser gearbeitet worden. Zugleich bem\u00fchten sich die Spin Doctors des Weissen Hauses, die Erwartungen an eine solche Erkl\u00e4rung so weit wie m\u00f6glich herunterzuschrauben.<br \/>\nSie ist dann doch gelungen, zu allgemeinem Erstaunen, denn sie enth\u00e4lt eine Festlegung beider Seiten, auf die schon nicht mehr zu hoffen war. Am Dienstagmittag trat Pr\u00e4sident Bush sichtlich erleichtert und stolz mit Abbas und Olmert vor die  Kameras und verk\u00fcndete die Bereitschaft beider Seiten zu sofortigen Verhandlungen \u00fcber \u201ealle offenen Fragen\u201c \u2013 also Terrorismus, israelische Siedlungen, Grenzen eines pal\u00e4stinensischen Staates, Status Jerusalems und R\u00fcckkehrrecht f\u00fcr pal\u00e4stinensische  Fl\u00fcchtlinge \u2013 und zwar in der Absicht, bis zum Ende 2008  eine \u00dcbereinkunft zu erreichen. Die Steuerungskomittees aus beiden Parteien soll schon am 12. Dezember 2007 zum ersten Mal tagen. Olmert und Abbas umarmten sich zwar nicht, aber es gab doch einen herzlichen H\u00e4ndedruck.<br \/>\nDas taktische Erwartungsmanagement der Amerikaner ist aufgegangen.  Dass es zu einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung gekommen ist, die ein Datum nennt, an dem der Proze\u00df sich wird messen lassen m\u00fcssen, ist \u201ezwar noch kein Durchbruch\u201c, wie Aussenminister Steinmeier in Washington sagte, \u201eaber eine gute Grudlage f\u00fcr die schwere vor uns liegende Arbeit\u201c. Es gibt nun zwar keinen klaren Zeitplan, aber doch ein Limit f\u00fcr Verhandlungen, das durch das Ende der Amszeit Bushs gegeben ist. Die Israelis waren vor Annapolis strikt gegen eine solche Festlegung.<br \/>\nIn Annapolis ist kein einziges Problem des Friedensprozesses auch nur in Umrissen gel\u00f6st worden, wie alle Beteiligten zugestehen. Vielleicht war es aber auch weise, das gar nicht erst zu versuchen. Denn weder Abbas noch Olmert w\u00e4ren stark genug, ihren V\u00f6lkern jetzt schon die schmerzhaften Zugest\u00e4ndnisse abzuverlangen \u2013 Aufgabe des R\u00fcckkehrrechts hier, Aufgabe eines Teils Jerusalems und vieler Siedlungen dort &#8211; , ohne die ihr Einverst\u00e4ndnis am Ende null und nichtig w\u00e4re. Eine substantiellere gemeinsame Erkl\u00e4rung als die in Annapolis gefundene Formel &#8211; so paradox ist die Lage &#8211; k\u00f6nnte beide gef\u00e4hrden, weil sie dann von ihren jeweiligen Extremisten zuhause als Verr\u00e4ter und Ausverk\u00e4ufer abgestempelt w\u00fcrden.<br \/>\nDie Riesen-Inszenierung von Annapolis drehte sich nicht um die strittigen Endstatusfragen, sondern eigentlich nur um ein Commitment f\u00fcr kommende Verhandlungen. So bot sich das seltsame Schauspiel einer Konferenz mit Rekordbeteiligung &#8211; von der arabischen Welt bis nach Senegal, Griechenland und Brasilien \u2013 von der alle Beteiligten eifrig versicherten, sie selbst sei gar nicht so wichtig wie der durch sie angesto\u00dfene Proze\u00df.<br \/>\nAnnapolis aber war, wie es jetzt scheint, keineswegs nur eine Art Meta-Ereignis, eine Konferenz \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit einer Konferenz. So hatten es abgebr\u00fchte Beobachter wie jener  israelische Delegierte erwartet, der Annapolis sarkastisch zur \u201eMutter aller Gruppenfotos\u201c erkl\u00e4rte. Zweifellos sei es auch darum gegangen, die finstere Nahost-Bilanz von Bush und Rice aufzuhellen, war in der deutschen Delegation zu h\u00f6ren. Aber die verbreitete zynische Lesart der Konferenz laufe Gefahr, betonten deutsche Diplomaten, dass ein veritabler Politikwechsel durchs Wahrnehmungsraster falle.<br \/>\nNoch vor wenigen Monaten, sagte der deutsche Aussenminister Steinmeier in Washington, w\u00e4re es undenkbar gewesen, dass Olmert und Abbas auch nur diesen ersten Schritt gehen w\u00fcrden. Nun haben sie Verhandlungen er\u00f6ffnet, flankiert und unterst\u00fctzt von \u201eStaaten, die nicht einmal diplomatische Beziehungen miteinander unterhalten\u201c (Steinmeier). Steinmeier machte sich in Washington f\u00fcr den \u201ePost-Annapolis-Prozess\u201c stark. Am Dienstagnachmittag gelobte er in seiner Rede f\u00fcr die deutsche Seite Unterst\u00fctzung bei der Gestaltung des \u201eFollow-Up\u201c.<br \/>\nAnnapolis, so sieht es Steinmeier, hat sich schon im Vorfeld der Konferenz positiv ausgewirkt. Das zeige die Freilassung pal\u00e4stinensischer Gefangener durch Israel und \u201eeine sp\u00fcrbare aber noch nicht ausreichende Verbesserung in den pal\u00e4sstinensischen Gebieten\u201c. \u201eNoch nie habe ich so viel Willen zum Erfolg gesehen wie hier\u201c, sagte Steinmeier in Washington. Deutschland will helfen, die pal\u00e4stinensischen Sicherheitskr\u00e4fte besser auszustatten und auszubilden. Die Deutschen pr\u00fcfen bereits Wirtschaftshilfe-Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Gebiete, wie etwa die Entwicklung eines Industrieparks im nordpal\u00e4stinensischen Dschenin.<br \/>\nNeben der \u00fcberraschenden Einigung in letzter Minute regt vor allem die Teilnahme der Syrer die politische Phantasie an, noch so eine Undenkbarkeit, die in letzter Minute kurzerhand umgesto\u00dfen wurde.<br \/>\nSteinmeier verfolgt seit Jahren das Ziel, Damaskus einzubinden und hat sich daf\u00fcr harsche Kritik eingefangen. Wenn er die Einladung der Syrer nach Annapolis als Sieg der pragmatischen Vernunft \u00fcber die Freund-Feind-Logik der fr\u00fcheren Bush-Politik lobt, dann ist darin auch ein wenig Eigenlob enthalten. Steinmeier kann sich durch die Wende der Amerikaner zu Recht best\u00e4tigt f\u00fchlen, hat er doch schon f\u00fcr die Einbeziehung Syriens pl\u00e4diert, als dies noch tabu war. Aus Washington &#8211; und auch aus dem Kanzleramt &#8211; hatte es seinerzeit massive Kritik an seiner Reisediplomatie nach Damaskus gegeben. Er sei aber \u201eniemals naiv\u201c an die Syrer herangegangen, sagt er heute mit sichtlicher Genugtuung. Die deutschen Damaskusbesuche waren keine Umarmungsstrategie, sondern Tests der syrischen Bereitschaft, Teil einer L\u00f6sung des Nahostkonflikts statt nur Teil des Problems zu sein, hei\u00dft es in der deutschen Delegation. Die Entsendung des syrischen Vizeau\u00dfenministers nach Annapolis wird als Zeichen gedeutet, dass Damaskus immerhin dar\u00fcber nachdenke, \u201eob sein Gl\u00fcck auf Dauer an der Seite Teherans liegen kann\u201c, sagt ein deutscher Diplomat. Der Aussenminister liest die syrische Gespr\u00e4chbereitschaft auch als Signal an die Hamas, dass die Putschisten von Gaza sich ihrer syrischen Freunde nicht allzu sicher sein sollen.<br \/>\nF\u00fcr Steinmeier hat es auch einen innenpolitischen Nebeneffekt, dass die Amerikaner nun die syrische Karte spielen wollen \u2013 er sieht in dem Umdenken von Rice und Bush einen Beleg f\u00fcr die Richtigkeit seiner Haltung, dass die Aussenpolitik \u201emehr d\u00fcrfen und mehr versuchen\u201c muss, Gespr\u00e4che mit \u201eschwierigen Partnern\u201c inklusive. Ein Schelm, wer darin ein Echo der Debatte zwischen Steinmeier und Merkel um den Umgang mit Chinesen und Russen erkennt.<br \/>\nEs sei bei den arabischen Teilnehmern sehr positiv aufgenommen worden, sagte Steinmeier an der Kaimauer der Naval Academy, da\u00df Olmert nicht nur zum eigenen Volk geredet habe, sondern \u201esehr verst\u00e4ndnisvolle Worte f\u00fcr das Leiden der Pal\u00e4stinenser gefunden\u201c habe. Es k\u00f6nnte \u201eein Signal der Hoffnung f\u00fcr die Region ausgehen\u201c, sagt der Aussenminister. F\u00fcr den geborenenen Pathos-Feind  Steinmeier ist das schon hart an der Grenze: Von einem wirklichen Durchbruch, schiebt er denn auch gleich nach, k\u00f6nne man aber erst dann reden, \u201ewenn wir bei den Grundproblemen echte Fortschritten auf beiden Seiten sehen\u201c.<br \/>\nIn Wahrheit aber ist Annapolis ein h\u00f6chst riskanter Versuch, dieses Kalk\u00fcl hinter sich zu lassen. Die nach Syrien ausgestreckte Hand ist ein Indiz daf\u00fcr. Ein anderes liegt darin, dass an die Stelle jener unerf\u00fcllbaren Vorbedingungen \u2013 \u201etotales Ende des Terrors\u201c, \u201ev\u00f6lliger Baustop in den Siedlungen\u201c, die beiden Seiten immer wieder als bequeme Ausrede f\u00fcrs Nichtstun dienen konnten, jetzt sofortige, voraussetzungslose Verhandlungen \u00fcber die Kernfragen treten sollen. George W. Bush hat in letzer Minute etwas Erstaunliches getan: Er hat sein politisches Schicksal mit einem neuen Friedensprozess verbunden, der mit der Logik seiner bisherigen Nahostpolitik bricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annapolis &#8211; Bescheidenheit war bisher keine Tugend der Bush-Regierung. Doch vor der Nahost-Friedenskonferenz in Annapolis waren der Pr\u00e4sident und die Aussenministerin manchmal bem\u00fcht, den Anspruch so weit herunterzudefinieren, dass es schon fast ans Absurde grenzte. Von einem \u201eGipfel\u201c durfte l\u00e4ngst nicht mehr die Rede sein. 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