{"id":605,"date":"2014-04-05T18:15:28","date_gmt":"2014-04-05T16:15:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/?p=605"},"modified":"2014-04-05T18:15:29","modified_gmt":"2014-04-05T16:15:29","slug":"stille-in-kabul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/2014\/04\/05\/stille-in-kabul\/","title":{"rendered":"Stille in Kabul"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/2014\/04\/05\/stille-in-kabul\/foto1-2\/\" rel=\"attachment wp-att-610\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/?attachment_id=612\" rel=\"attachment wp-att-612\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-612\" alt=\"IMG_0198\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/files\/2014\/04\/IMG_0198-580x435.jpg\" width=\"580\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/files\/2014\/04\/IMG_0198-580x435.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/kabul\/files\/2014\/04\/IMG_0198.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/a><\/p>\n<p>Einen Abend vor der Wahl in Kabul ist etwas anders als sonst: drau\u00dfen ist es still. Vollkommen still. Auf den Stra\u00dfen, rund um unser Haus, die sonst andauernd verstopft sind, fahren keine Autos. Die Helikopter, die sonst \u00fcber unser Haus kreisen, sind stumm. Nichtmal mein Handy piepst, der Anbieter hat den SMS-Service abgeschaltet, solange bis die Wahllokale wieder ge\u00f6ffnet haben. Ich mag Stille, aber ich bin sie nicht mehr gewohnt. Stundenlang liege ich wach in meinem Bett.<\/p>\n<p>Entsprechend m\u00fcde bin ich heute morgen. Ich stehe gerade noch rechtzeitig auf, um einen Freund zu empfangen, der nach \u201eseiner\u201c Wahl vorbeischauen m\u00f6chte. Von unterwegs schickt er mir ein Bild von sich und seinem Gro\u00dfvater. Dazu schreibt er: \u201eEr ist 78 und fast blind. Aber er hat noch sein eigenes Gesch\u00e4ft, das er betreibt.\u201c Ich sage ihm, er soll den Gro\u00dfvater gr\u00fc\u00dfen und auch zu uns einladen. Er m\u00f6chte nicht.<\/p>\n<p>Zuhause streckt mir der Freund als erstes seinen Mittelfinger entgegen: \u201eIch hab sie ausgetrickst\u201c, sagt er. \u201eEigentlich muss man den Zeigefinger nehmen. Der Wahlhelfer hatte ihn schon saubergemacht, damit die Tinte h\u00e4lt. Als er ihn dann reintunken wollte, hab ich schnell den anderen Finger gez\u00fcckt.\u201c Der Freund holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt ein Foto von sich und dem gestreckten Mittelfinger \u201eDas ist meine Nachricht an die Taliban\u201c sagt er. \u201eWas sagt dein Vater dazu?\u201c, frage ich, weil ich wei\u00df, dass er konservativer ist als sein Sohn und den Hardliner Sayyaf gew\u00e4hlt hat. \u201eDer wei\u00df nicht, was das bedeutet. Es kommt ja von euch, aus dem Westen.\u201c<\/p>\n<p>Wir quatschen ein bisschen, der Freund erz\u00e4hlt, dass ihn die Stra\u00dfen drau\u00dfen an die Zeit w\u00e4hrend der Taliban erinnern. \u201eDa war es auch immer so leer. Mein Bruder und ich haben oft an der Stra\u00dfe gesessen und Autos gez\u00e4hlt. Das ging dann so: 1&#8230; 2 &#8230; 3&#8230; viel mehr kamen nicht. Stell dir das heute mal vor!\u201c \u201eErinnerst du dich noch an den Tag als die Taliban in Kabul die Macht verloren haben?\u201c \u201eKlar\u201c, sagt der Freund. \u201eIch wei\u00df noch, dass ich nachts ein paar Sch\u00fcsse geh\u00f6rt habe. Am Morgen hat mich dann mein Vater geweckt und gesagt: Die Mudschaheddin sind in Kabul, die Taliban sind weg. Nachmittags bin ich dann spazieren gegangen und hab zum ersten Mal die Mudschaheddin geh\u00f6rt, wie sie mit Lautsprechern bekannt gegeben haben, dass sie jetzt in der Stadt sind.\u201c \u201eBist du einfach so spazieren gegangen oder gab&#8217;s einen Grund?\u201c &#8222;Ich wollte tote Taliban sehen. Meine Nachbarn haben erz\u00e4hlt, dass im Park hier um die Ecke ein paar Leichen liegen. Das wollte ich mir anschauen.\u201c<\/p>\n<p>Irgendwann gehen wir eine Runde um den Block. Die Stra\u00dfen sind leer, es regnet und es ist kalt. Immer wieder lese ich bei Twitter nach neuen Nachrichten. Es gab vor dem Wahltag so viele Anschlagswarnungen wie noch nie, seit ich in Kabul lebe und ich war mir eigentlich fast sicher, dass irgendetwas passieren w\u00fcrde. Stattdessen sehe ich immer neue Bilder von Menschenschlangen, die im Regen vor Wahllokalen ausharren. Nach ein paar Minuten kommt ein Auto, es h\u00e4lt direkt neben uns. Drinnen sitzen f\u00fcnf Jungs. \u201eWei\u00dft du, wo das n\u00e4chste Wahllokal ist?\u201c, fragen sie den Freund. \u201eNein, tut mir leid.\u201c \u201eWarst du nicht w\u00e4hlen?\u201c, fragen sie. Er \u00fcberlegt eine Sekunde, dann streckt er ihnen seinen in Tinte getunkten Mittelfinger entgegen. Die Jungs lachen, und fahren davon.<\/p>\n<p>Am Abend lese ich auf Twitter: Die Wahlkommission sch\u00e4tzt, dass etwas sieben Millionen Menschen gew\u00e4hlt haben. In keiner der gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte gab es einen Anschlag und auch sonst verlief die Wahl gr\u00f6\u00dftenteils friedlich. Die Stra\u00dfen in Kabul sind heute leer. Aber sie sind auch voller Hoffnung.<\/p>\n<p>Die Stille ist \u00fcbrigens vorbei: Es gewittert, zum ersten Mal seit ich in Kabul lebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Abend vor der Wahl in Kabul ist etwas anders als sonst: drau\u00dfen ist es still. Vollkommen still. Auf den Stra\u00dfen, rund um unser Haus, die sonst andauernd verstopft sind, fahren keine Autos. Die Helikopter, die sonst \u00fcber unser Haus kreisen, sind stumm. 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