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Krimizeit für Kinder: Monster entlaufen, bitte melden!

 
Aufregung in Kreuzberg! So ein Kaiman ist weggelaufen/ © Getty Images

Ein sprechendes Poster, ein vermisstes Reptil und drei Kinder, die sich nicht ausstehen können – Antonia Michaelis erzählt von einer ungemein witzigen Ermittlung mitten in Berlin

Von Katrin Hörnlein

Wie fängt man mitten in Berlin ein Krokodil? Ein kleines Krokodil zwar, aber eben doch ein Krokodil? »Entlaufen!«, steht auf einem Plakat im Café au Spree. »Gutmütiges Haustier, vermisst seit circa 16 Uhr, hört auf den Namen Charly. Wenn Sie Charly sehen, bitte melden Sie sich unter 0162/27112. Großzügiger Finderlohn. Charly ist ungefähr katzengroß und mittelgrün.« Und darunter ist in winzig kleiner Schrift »Gattung: Kaiman« vermerkt.

Ein Kaiman mitten in Berlin-Kreuzberg, dazu die Aussicht auf einen Finderlohn: eindeutig ein Fall für das Spezialermittler-Team Kreuzberg 007, bestehend aus den Geschwistern Bella und Max und ihrem Nachbarn Pelle. Dumm nur, dass die Kinder bisher überhaupt noch kein Spezialteam sind. Sie können einander nicht ausstehen. Schon bei ihrer ersten Begegnung sind sie sich nicht grün, nicht mal mittelgrün.

Der neunjährige Pelle lebt eigentlich recht zufrieden in der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Er verbringt seine Nachmittage im Café au Spree, um mit der Besitzerin Maria zu plaudern und deren Schokoladenkuchen zu futtern: Mittagessenersatz. Pelles Vater, der Koch in einem »extrafeinen« Hotel ist, bringt nämlich dauernd Reste mit nach Hause, weil er nach getaner Arbeit nicht auch noch für den Sohn am Herd stehen will. Pelle hält nicht sonderlich viel von diesen erlesenen Hotelspeisen, besonders dann nicht, wenn Meeresfrüchtewochen sind und er jeden Tag Hummer oder Muscheln in seiner Butterbrotdose findet.

Ausgerechnet an solch einem »Hummerkummer«-Tag, kurz bevor die Kaiman-Suchmeldung auftaucht, ist Pelles Stammplatz im Café besetzt − von einer Familie, die Pelle nicht kennt. Vater, Mutter, ein Junge und ein Mädchen, eine richtige Bilderbuchfamilie. Na ja, kein allzu niedliches Bilderbuch: Der Junge, Max, ist rund wie eine Kugel und vollkommen aufs Essen fixiert. Dazu spricht er unendlich langsam – und in diesem Tempo scheint er auch zu denken. Das Mädchen, Bella, ist zwar hübsch und äußerst schlagfertig, bezeichnet Pelle allerdings schon nach wenigen Sätzen als »blöde«.

Natürlich zieht die Familie in Pelles Haus. Und natürlich müssen erst einige Kabbeleien überstanden werden, bis aus den dreien eine Bande werden kann. Doch dann taucht eben das kleine Krokodil auf, beziehungsweise: Es taucht nicht auf, sondern unter. Und so beginnt ein großes Abenteuer mit leuchtenden T-Shirts, einer verärgerten Lehrerin, nächtlichen Picknicks, einer höllisch scharfen Torte, einer wirklich sehr verärgerten Lehrerin, einer schwebenden Currywurstbude, Schwimmzügen im Landwehrkanal, einer ganz unglaublich verärgerten Lehrerin und einem sehr verzweifelten Max.

»Es war einmal Berlin.« Mit diesem Märchensatz beginnt Antonia Michaelis’ erster Fall für die Kreuzberg-007-Freunde, dem inzwischen zwei weitere Bände gefolgt sind. Es ist eine klassische Bandengeschichte: drei Kinder und ein Fall, den es gegen diverse Widerstände zu lösen gilt. So weit, so bekannt. Frisch und modern sind die Charaktere, die Michaelis losschickt. Pelle, ein Junge, der bei seinem alleinerziehenden und berufstätigen Vater lebt. Die widerborstige Bella, die dem Leser mit ihrer herablassenden Wichtigtuerei manchmal fast unsympathisch ist. Und ihr Bruder Max als entschleunigter Konterpart, der mit seiner sensiblen Behäbigkeit schnell in die Opferrolle geraten könnte. Um diese drei Protagonisten strickt Michaelis ein Netz skurriler Figuren, mit dem sie augenzwinkernd Phänomene unserer Zeit einfängt: Der Vater von Max und Bella ist Inder – und arbeitet mit Computern. Auf der Straße leben zwei Obdachlose, die auf die Namen Milde Gabe und Haste-mal-n-Euro hören. Da gibt es die Cafébesitzerin Maria, die amerikanischen Touristen Kaffee au Spree (verdünnten Kaffee) als Spezialität anpreist. Und nicht zu vergessen James, der mit Nachnamen Bond heißt und auf einem Poster im Esszimmer von Pelle und seinem Vater lebt. Erstaunlicherweise kann Pelle mit ihm reden, allerdings ist 007 ein unerträglicher Angeber: »Ich habe für solche Gelegenheiten kleine, handliche Sprengsätze in meinem Schlipsknoten.« Dazu kommt eine ausgefallene tierische Besetzung: die schwarze Katze, die keine Vokale spricht und im Comicladen arbeitet (oder so tut), und der Hund Floyd, der im Plattenladen zwischen Baustellenhütchen liegt, damit niemand auf ihn tritt – denn sein Fell hat exakt die Farbe des Fußbodens.

Manchmal grenzen die Figuren, Dialoge und Szenen so sehr ans Absurde, dass man Michaelis Klamauk vorwerfen könnte. Meist gelingt ihr aber ein Witz, der für junge wie für erwachsene Leser unterhaltsam ist.

»Es war einmal ein besonders buntes Stadtviertel von Berlin, das hieß Kreuzberg.« Das ist der zweite Satz des Buches. Michaelis verortet damit nicht nur ihre Geschichte, sie nimmt eine Verkleinerung der Welt vor: Die Kindergeschichte spielt mitten im heutigen Berlin. Und doch erinnert die Kreuzberg-007- Welt an Dorfidyllen wie die von Astrid Lindgrens Kalle Blomquist. Michaelis legt Ortsmarken fest, die hinten im Buch auf einer Karte verzeichnet sind. Die Autorin konzentriert sich auf eine überschaubare Zahl von Plätzen: das Wohnhaus der Kinder, das Café von Maria, den Comicladen, den Plattenladen, den Secondhand-Russen, einen Bio-Supermarkt. Das lärmende Gewusel einer Großstadt aber bleibt ausgeblendet. Zwar kann man die Straßen und Plätze wirklich im Berliner Stadtplan finden, auch die Figuren und Läden könnten real existieren. Doch die Kinderbande bewegt sich frei und eigenständig in einem überschaubaren Kosmos. Michaelis überwindet so die Unüberschaubarkeit urbaner Räume, wie es Kindern viel leichter gelingt als Erwachsenen – und so finden die Kinderhelden hier, mitten in Berlin, ihr eigenes modernes und ziemlich bunt-verrücktes Kleinköping.

Ihr wollt mehr von Pelle, Bella und Max erfahren? Gern! In der kommenden Woche beginnen wir in der KinderZEIT mit einer neuen (Vor)Lesegeschichte: »Heimliches im Hinterhof« – ein weiterer Fall für die Detektivbande aus Berlin-Kreuzberg…

Der spannende Krimi „Kreuzberg 007 – Mission grünes Monster“ von Antonia Michaelis ist der erste Band der 15-teiligen neuen Krimiedition für Kinder von der ZEIT. Hier erfährst Du mehr darüber.

 

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