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KrimiZeit für Kinder: Ein Mörder? In unserem Dorf?

 
Illustrationen: Ulf K. für DIE ZEIT/www.ulf-k.blogspot.com

Erst ist es nur ein ungeheuerlicher Verdacht, dann wird es Gewissheit: Jims Vater wurde umgebracht


Von Birgit Dankert

Bisher hat deinen Vater umgebracht« – diese ungeheuerliche Anschuldigung ruft Ruth-Rose dem jungen Jim Hawkins nach, als er wieder einmal die Biber von einer abgelegenen Weide der kleinen elterlichen Farm verjagen will. Doch Jim will nichts vom Tod seines Vaters hören. Nur mühsam hat er nach dessen Verschwinden sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Fisher aber, Father Fisher, ist der beliebte Geistliche des kleinen Ortes in den Wäldern von Ontario − und der stets besorgte Stiefvater des Mädchens Ruth-Rose.

Was zunächst wie eine ziemlich irrwitzige Verleumdung klingt, beschäftigt den Jungen immer mehr. Wenn er schon nicht über einen Mord nachdenken mag, so möchte er doch etwas über die Vergangenheit des Vaters und seiner Freunde erfahren. Und wenn er auch nicht alles glauben kann, was Ruth-Rose erzählt, so will er sie in ihrer verzweifelten Rastlosigkeit doch beschützen. Auf diese Weise werden die zwei unversehens ein Team, das ein Verbrechen aufdeckt. Dieses Verbrechen – es geht um mehr als einen Mord – hat eine lange Geschichte. Jeder in Jims Umgebung weiß davon, keiner will darüber nachdenken.

Obwohl der hilfsbereite, kluge und vernünftige Jim mit der unangepassten, hypersensiblen Ruth-Rose ein hinreißendes Ermittlerpärchen bildet, sind die beiden keine coolen Detektive. Für Jim und Ruth-Rose bedeuten die Aufklärung der Geschehnisse und die Entlarvung des Schuldigen mehr als den erfolgreichen Abschluss kriminalistischer Arbeit. Für Jim ist es schmerzlich, das Verschwinden und den Tod seines Vaters als Rechtsfall zu begreifen. Ruth-Rose hingegen erfährt in der Unterstützung durch Jim und mit der späten Entlarvung ihres Peinigers die Genugtuung, die ihr gestörtes Selbstbewusstsein so dringend benötigt.

Halb Krimi, halb Entwicklungsroman, erzeugt die Geschichte große Spannung und ist über weite Strecken von doppeltem Reiz. Der Leser will wissen, ob Father Fisher wirklich ein Verbrecher ist, ob Jims Vater mitschuldig war an der Brandstiftung, die alles in Gang setzte, und was es mit der vermuteten Erpressung auf sich hat. Aber zur gleichen Zeit interessiert ihn auch, wie sich die beiden jungen Leute in einer Umwelt durchsetzen, die ihnen wohlwill, aber keine Ahnung von ihren Träumen und Zielen hat.

Dem 1948 geborenen, seit seiner Kindheit in Kanada lebenden Autor gelingt die Ausweitung einer Who has done it-Geschichte zur Fallstudie jugendlicher Konflikte. Dabei nimmt er auch Sozialkritik an Kirche, Bigotterie und Kleinstadtkorruption sowie ein sehr anrührend beschriebenes Mutter-Sohn-Verhältnis in die Schilderung jugendlicher Welterfahrung auf. Als Instanz der Wahrheit und Rechtssicherheit wählt Wynne-Jones den alten Chef einer Lokalzeitung, das heißt die freie Presse mit ihrer objektiven Berichterstattung. Den größten Mut beweist die gelähmte, betrogene Mutter von Ruth-Rose, und Jims Mutter vertritt die handfeste Rechtschaffenheit ohne viel Gespür für Lüge und Intrige. So entstehen im Fluss der Erzählung eindrucksvolle Bilder. Höhepunkt ist die Kirchenszene, in der die selbstgefällige Predigt von Father Fisher durch Tonbandaufnahmen seines heimlichen Haderns mit Gott unterbrochen wird. Wynne-Jones war Leiter eines bekannten Kirchenchors und kennt die Atmosphäre der einflussreichen anglikanischen Kirche in Kanada genau.

Innere Konflikte billigt der Autor auch den Tätern zu. Das starke Gefühl ist der Hass in vielen Spielarten: Der Vater des Jungen war von Hass zerfressen. Ruth-Rose hasst ihren Stiefvater – mit Grund, aber um den Preis seelischer Gesundheit. Jim Hawkins selbst lernt den Hass als dunkles Gefühl auf dem Weg aus der Kindheit kennen.

Wynne-Jones’ Thriller ist – wie seine anderen Bücher – voller literarischer Anspielungen. Nicht zufällig heißt diese Hauptfigur »Jim Hawkins«, so wie der Junge aus Bristol, der sich in Robert Louis Stevensons Jugendliteratur-Klassiker Die Schatzinsel (1883) auch lange Zeit von einem gefährlichen Lügner täuschen und fast ins Verderben locken ließ. Die Ent-Täuschung des zunächst arglosen Jungen steht für den Autor im Mittelpunkt seines Romans. Aus der Erzähltradition der Abenteuerliteratur wird in Kombination mit Krimi, Entwicklungsroman, Sozialstudie und zeitloser Erzählfreude ein spannendes Buch, in dem ein Verbrechen den Täter in seine Vergangenheit, die beiden Ermittler aber in ihre Zukunft führt.

Der spannende Krimi „Brandspuren“ von Tim Wynne-Jones ist der fünfzehnte Band der 15-teiligen Krimiedition für Kinder von der ZEIT. Hier erfährst Du mehr darüber.