Lesezeichen
‹ Alle Einträge

Die ZEIT Edition „Kinderfilme aus aller Welt“ – Teil 3: Warum ist hier keine Grenze mehr?

 

Kattaka, gespielt von Nina Monka/ © Zorrofilm

»Wintertochter« ist ein außergewöhnliches Roadmovie: Gesucht werden ein Vater – und eine verlorene Heimat

Und dann kommt da plötzlich so ein Anruf am Heiligabend, und Katharina, die alle Kattaka nennen, ist nicht mehr die Katharina, für die sie sich bisher gehalten hat. Ihre Eltern sind nicht mehr die Eltern, für die sie sie bisher gehalten hat, und überhaupt: Wer ist nur dieses Mädchen aus Berlin, das so gut schwimmen kann, das groß gewachsen ist, immer gern mit dem Nachbarjungen Knäcke herumhängt und für ihre zwölf Jahre sehr oft sehr traurig guckt? Wie kann sie das schon wissen, wenn sie nicht einmal weiß, wo sie herkommt?

Es ist das letzte Weihnachtsfest, das die Familie zu dritt verbringen sollte: Die Mutter Margarete ist hochschwanger, bald schon werden sie zu viert sein. Dann aber klingelt das Telefon, Kattaka hebt ab, und der Boden rutscht ihr unter den Füßen weg.

Am anderen Ende der Leitung ist ein Mann, Alexej, er spricht mit starkem russischen Akzent. Und als die Mutter hört, wer da anruft, und die Fassung verliert, da ahnt Kattaka, dass es ein Geheimnis in ihrer Familie gibt. Ein schwieriges Geheimnis, ein gefährliches Geheimnis. Kattakas Welt wankt, als es schließlich ausgesprochen wird: Alexej ist ihr leiblicher Vater. Er war vor Jahren als russischer Soldat in der DDR stationiert und wurde nach der Wende abgezogen, zurück nach Wladiwostok. Nun ist er Seemann, und sein Schiff liegt im Hafen von Stettin vor Anker. »Ist das denn weit?«, fragt Kattaka. »Das ist in Polen«, erwidern die Eltern, und es klingt, als wäre die Stadt nicht zwei Stunden von Berlin entfernt, sondern ungeheuer weit weg, als läge sie in einem fremden, unzugänglichen Land. Aber Kattaka ist nicht nur geschockt, sondern auch bemerkenswert stur. Sie setzt durch, dass sie nach ihrem leiblichen Vater suchen darf. Gemeinsam mit der 75-jährigen Nachbarin Lene (ihren Eltern traut sie nicht mehr über den Weg) und ihrem Kumpel Knäcke macht sie sich auf die wichtigste Reise ihres Lebens.

In Stettin finden sie Alexej nicht mehr. Sein Schiff ist ausgelaufen nach Danzig. Doch Kattaka lässt sich durch solche Widrigkeiten nicht mehr von ihrem Plan abbringen. Sie will unbedingt nach Danzig. »Nur über meine Leiche«, bellt da Lene, und man ahnt, dass auch diese eigenartig herbe und doch mütterliche Frau ein Geheimnis mit sich herumträgt, eins, das ihr wehtut und das sie deshalb ihr ganzes Leben lang gut in sich verschlossen hat. Bis zu dieser Reise.

Es ist ein ungleiches Trio, das da unterwegs ist: die verwirrte, misstrauische Kattaka, die nach Halt sucht. Ihr treuer Freund Knäcke, der allerdings sehr merkwürdige Vorurteile über die Polen hat. Und die alte Frau, die einige Kraft aufbringen muss, um die Grenze zwischen Deutschland und Polen überhaupt zu überqueren, weil sie ahnt, dass sie damit jenes Leben verlässt, in dem sie sich eingerichtet hatte, weil sie es musste. Alte Gewissheiten lösen sich auf: Wie kann es denn sein, dass zwischen den beiden Ländern keine Grenzkontrollen mehr existieren? Wann ist das passiert? Und wie?

Auf diesem road trip ist Kattaka nicht die einzige Suchende. Der alte Bus schaukelt die drei durch die verschneite Landschaft in Polen, jeder hängt seinen Gedanken nach, und je tiefer die drei in das Land vordringen – denn bei der Weiterreise nach Danzig bleibt es nicht –, desto tiefer tauchen sie auch in ihre eigenen Geschichten, Ängste und Erinnerungen ein. Knäcke, der seinen Vater nur »den Alten« nennt, lernt, dass nicht jeder Pole ein Autodieb ist und dass überhaupt vieles ganz anders ist, als er sich das gedacht hat. Für ihn bekommt ein Land, das keine Stunde von seinem Zuhause entfernt beginnt, mit einem Mal ein Gesicht – und es ist ein freundliches Gesicht, das er da erblickt. Für Kattaka wirft die Nachricht vom leiblichen Vater alle Gefühle für ihre Eltern durcheinander. Sie leidet, weil sie nicht weiß, was sie ihnen jemals glauben konnte. Sie hasst den Mann, den sie bislang für ihren Vater gehalten hat. Sie wünscht ihren Eltern den Tod, sie bleibt unnahbar für ihre Familie und sehnt sich doch nach der Geborgenheit. Und die Nachbarin? Sie kennt die Strecke, die sie jetzt mit dem Auto abfährt. Sie hat sie ja schon einmal zurückgelegt in ihrem Leben und nur durch ein Wunder überlebt, im Winter 1945, als Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlor. Die Erinnerung, der sie keinen Platz gegeben hat, sucht ihn sich plötzlich, dringt ganz unerwartet in ihr Leben ein. Diese Erinnerung schmerzt und ist doch unhintergehbar.

So irren die Reisenden weiter, bleiben im Schnee stecken und verstricken sich immer mehr in die Geschichten, die sie unterwegs erleben. Sie lernen Polen kennen, bei denen sie unterkommen können und die sie bekochen. Sie treffen arme Bauern, die den Krieg überlebt haben und die Deutschen dementsprechend kühl empfangen. Mit deren schwierigen Erinnerungen wird auch die Geschichte dieser beiden Länder erzählt, Deutschland und Polen, die nie einfach war. Diese Geschichte wird an keiner Stelle vergessen, aber auch das zeigt der Film: Es sind die Alten, die Ängste und Schuldgefühle haben und einander deshalb nur scheu begegnen. Für Kattaka, ihren Kumpel Knäcke und ihren neuen polnischen Freund Waldek, dem sie unterwegs begegnen und der ihnen eine große Hilfe sein wird, ist das alles unendlich weit weg. Sie haben mit diesen alten Geschichten nichts zu tun.

Am Ende wird Kattaka ihren leiblichen Vater finden. Es wird ganz anders sein, als sie es erwartet hat. Doch sie kann sich auf die Geborgenheit in ihrer kleinen Familie in Berlin trotz allem verlassen. Und wieder Kattaka sein, ein zwölfjähriges Mädchen, das gut schwimmt, manchmal traurig schaut und endlich weiß, wer es wirklich ist. KinderZEIT empfiehlt den Film ab 10 Jahren.

Die neue ZEIT Edition „Kinderfilme aus aller Welt“ umfasst zehn preisgekrönte Spielfilme, die zeigen, wie Kinder in verschiedenen Ländern leben, wovon sie träumen, wofür sie kämpfen. Für Mädchen und Jungen von 6 bis 12 Jahren. Alle Filmen zusammen kosten 89,95 Euro und können hier bestellt werden. Der Reinerlös geht an das Kinderhilfswerk terre des hommes.

1. Whale Rider
2. Tsatsiki – Tintenfisch und erste Küsse
3. Wintertochter
4. Ein Pferd für Winky
5. Die Stimme des Adlers
6. Billy Elliot – I will dance
7. Zaïna – Königin der Pferde
8. Soul Boy
9. Lippels Traum
10. Kinder des Himmels