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Alte Schweden

 
Filmheld Wickie mit Vater Halvar/ © Constantin Film
Filmheld Wickie mit Vater Halvar/ © Constantin Film

Die Kinderbuchhelden Michel und Wickie wurden beide in Småland erfunden und sind eigentlich längst erwachsen: Sie feiern dieses Jahr ihren 50. Geburtstag

Von Torsten Weiler

Michel ist der schlimmste Junge, den man sich nur denken kann. Das müssen sich seine Eltern häufig anhören. Dabei versucht Michel eigentlich immer, etwas besonders gut zu machen. Aber irgendwie geht das fast immer richtig schief. Zum Beispiel die Geschichte mit der Mausefalle: Michel stellte eine mit dickem Drahtbügel, der zuschnappt, wenn die Maus am Köder knabbert, in der Küche unterm Esstisch auf. Gute Idee, denn eine Maus hat im Haus nichts zu suchen. Doch statt des Nagetiers fängt Michel seinen Vater, zumindest dessen großen Zeh. Der Vater setzt sich morgens nämlich gern barfuß an den Tisch. Ein gellender Schrei weckt die Familie, und Michel ist schlau genug, sehr schnell im Tischlerschuppen zu verschwinden…

Ein anderer Vater hat auch ein Problem mit seinem Sohn: Der Wikingerpapa Halvar muss damit zurechtkommen, dass sein Sohn Wickie etwas ängstlich, gleichzeitig aber viel schlauer ist als Halvar selbst. Ziemlich peinlich, denn seine Wikingerhorde ruft nicht nach ihm, dem Chef, wenn sie wieder einmal im Verlies der Feinde gelandet ist. Nein, die Wikinger rufen nach Wickie, nur ihm trauen sie die rettende Idee zu. Zu Recht! Dem Kerlchen fällt immer etwas ein: Mal baut er eine Wasserleitung und spült die feindlichen Soldaten fort; mal verkleidet er die gefangenen Männer so, dass sie unerkannt aus der Burg fliehen können. Und immer knirschen die Feinde am Ende mit den Zähnen.

MIchel mit seiner Müsse/ © Oetinger Kinderfilm
MIchel mit seiner Müsse/ © Oetinger Kinderfilm

Michel und Wickie verbindet nicht nur, dass sie es mit ihren Vätern nicht immer ganz leicht haben – oder die mit ihnen. Beide sind zwei schwedische Jungs. Würde es sie wirklich geben, wären sie schwedische Opas, denn beide werden in diesem Jahr 50 Jahre alt! Seit einem halben Jahrhundert hecken sie ihre Streiche und Ideen aus, bestehen Abenteuer und haben sich Millionen Freunde erobert – zuerst in Büchern, dann auch im Fernsehen und im Kino.

Die Schriftsteller, die Michel und Wickie erschaffen haben, stammen sogar beide aus der gleichen Region Schwedens, aus Småland. Es ist eine Gegend im Süden, in der es viele Seen, große Wälder und viele alte Sagen und Geschichten gibt. Astrid Lindgren und Runer Jonsson leben heute nicht mehr, und sie kannten sich früher auch nicht. Nur einmal, da hat Jonsson die neun Jahre ältere Lindgren getroffen, erinnert sich seine Frau. Wann genau das war, weiß sie aber nicht mehr.

Obwohl Lindgren und Jonsson aus derselben Gegend stammen, sind ihre Helden sehr verschieden: Wickie wird vor etwa 1000 Jahren im Wikingerdorf Flake groß. Sein Erkennungszeichen ist die Stupsnase, die er sich gedankenverloren reibt, bevor er mit dem Finger schnippt und auf seine berühmten Ideen kommt. Michel lebt auf dem Katthult-Hof in Lönneberga. Seine Ideen bringen ihn oft in Schwierigkeiten. Und wenn er im Schuppen für seine Streiche büßen muss, schnitzt er Männchen – mehr als 300 Figuren werden es!

Eine echte Person war Astrid Lindgrens Vorbild für Michel: ihr eigener Vater. Der muss ein ziemlicher Lausebengel gewesen sein. Der Hof, auf dem Michel aufwächst, die Feste und die Menschen – das war die Welt, in der Astrid selbst vor einem Jahrhundert groß geworden ist. Diese Erinnerung wollte sie mit ihren Lesern teilen, hat sie einmal gesagt. So berühmt wie Astrid Lindgren wurde der Erfinder von Wickie, Runer Jonsson, nicht. Er arbeitete für eine der kleinsten Zeitungen Schwedens, die Nybro Tidning, und schrieb erst Bücher für Erwachsene. Die Wickie-Abenteuer hat er seinem Sohn Bengt als Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Der Sohn hatte damals die Idee, ein Buch daraus zu machen. »Dass es so ein Erfolg werden würde, hat meinen Vater überrascht«, erzählt sein Sohn heute, »und es hat ihn sehr froh gemacht.« Ein Jahr später erschien Wickie und die starken Männer auf Deutsch, und 1965 bekam Jonsson dafür den Deutschen Jugendliteraturpreis, den wichtigsten Preis für Kinder- und Jugendbücher in Deutschland.

Die Abenteuer von Wickie und Michel kamen auch ins Fernsehen und ins Kino. Wickie war einer der ersten deutschen Zeichentrickhelden überhaupt. Das ZDF hat die Geschichten vor fast vierzig Jahren von einem japanischen Studio zeichnen lassen. Auch Michels Streiche wurden etwa zu dieser Zeit erstmals verfilmt – allerdings mit Schauspielern. Darauf musste Wickie bei uns noch etwas warten: 2009 tobte er, von richtigen Menschen gespielt, über die deutschen Kinoleinwände.

Zwei schwedische Jungs in zwei sehr unterschiedlichen Welten – Wikinger auf großer Fahrt der eine, Bauernsohn auf dem Land der andere. Schade, dass sie sich nicht begegnen konnten. »Warst du nun mutig oder nicht?«, hätte Michel den Wickie vielleicht gefragt. »Na ja, vor Wölfen hatte ich immer Angst«, hätte der wohl geantwortet. »Aber wenn’s darum geht, den anderen zu helfen, muss man klug sein – und mutig.« Vielleicht hätte Wickie ja auch zurückgefragt: »Und du, hattest du immer nur Blödsinn im Kopf?« – »Nein«, hätte Michel dann sicher erwidert. »Ich meinte es doch immer nur gut, und oft ist ja auch was Gutes dabei herausgekommen.«

Und darum sind ihre Väter Halvar und Anton (die Mütter Ylva und Alma sowieso!) auf ihre Söhne trotz allem sehr stolz. Denn Wickie und Michel können zwar große Schlingel sein, aber sie haben das Herz auf dem rechten Fleck.