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Gecko (Vor-)lesegeschichte: Wie das JA zum NEIN fand

 

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Gecko ist das Vorlesemagazin für Kinder mit Geschichten, Sprachspielen und Mitmachseiten. Seit vielen Jahren lest Ihr hier bei der KinderZEIT immer eine Geschichte aus dem aktuellen Heft. Dieses Mal haben wir für Euch eine Erzählung ausgewählt, bei der es um die drei Kumpel Ja, Nein und Vielleicht geht. Kennst Du die auch?

Wie das JA zum NEIN fand

Eines Morgens, als das Ja aufwachte und seine Augen öffnete, blinzelte ihm die Sonne so wonnig und frech entgegen wie noch nie. Und durch das offene Fenster umwehte ein solch herrlich leichter Wind seine Nase, dass es auf der Stelle begeistert aufsprang und nach draußen rannte. Es klopfte ungeduldig an die Tür des Nachbarhauses (denn dort
wohnte das Nein) und rief: »Yippieh ja! So einen herrlichen Tag wie heute hatten wir schon lange nicht mehr! Komm raus und spiel’ eine Runde Fußball mit mir auf der Wiese!«

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Doch das Nein entgegnete nur missmutig: »Och nein, jetzt nicht. Es ist noch viel zu früh für mich und außerdem habe ich Angst, dass ich mir alle Knochen breche …« Das Ja war ein bisschen enttäuscht, denn es hatte sich schon oft gewünscht mit dem Nein ein kleines Fußballmatch auszutragen.

Doch dann fiel ihm ein, dass es ja noch ein drittes Haus gab in Jeinfurth mit einer richtigen Klingel an der Tür (und da wohnte das Vielleicht). Das Ja klingelte ein paar Mal, freute sich über den schönen Klang und rief: »Yippieh ja! So einen herrlichen Tag wie heute hatten wir schon lange nicht mehr! Komm raus und spiel’ eine Runde Fußball mit mir auf der Wiese!« Doch das Vielleicht zuckte nur mit den Schultern und entgegnete: »Na ja, vielleicht. Vielleicht später, wenn ich meine Bude aufgeräumt habe.«

Jetzt war das Ja natürlich noch ein bisschen enttäuschter, denn du musst wissen, dass Jeinfurth nicht nur ein sehr kleines, sondern ein sehr sehr kleines Dorf war, in dem es tatsächlich nur diese drei Häuser gab. Das Ja hatte nun also niemand zum Fußballspielen (und dir ist sicherlich klar, dass man alleine nicht besonders gut Fußball spielen kann), doch das Ja war auch erfinderisch, und so dachte es sich einfach ganz viele Sachen aus, die es allein machen konnte. Es kletterte auf Bäume, es schnupperte an Blumen, es rannte mit den Hasen um die Wette und betrachtete die Wolken am Himmel. Erst als es langsam dunkel wurde, ging das Ja wieder zufrieden gähnend nach Hause.

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Am nächsten Morgen wachte es auf, weil bonbongroße Regentropfen gegen sein Fenster prasselten. Es regnete so kräftig, dass die Wiese voller dicker Riesenpfützen stand. Begeistert sprang das Ja aus dem Bett, lief gleich rüber zu dem Nachbarhaus, in dem das Nein wohnte, und rief: »Yippieh ja! So einen herrlichen Regen wie heute hatten wir schon lange nicht mehr! Komm raus und spiel’ eine Runde Pfützenplatschen mit mir auf der Wiese!« Doch das Nein entgegnete nur missmutig: »Och nein, jetzt nicht. Es ist noch viel zu früh für mich, und außerdem will ich nicht nass werden.«

Das Ja war mal wieder ein bisschen enttäuscht, denn es hatte sich schon oft gewünscht, mit dem Nein einmal so volle Kanne durch die Pfützen zu spritzen und Dämme zu bauen und Seeräuberkapitän zu sein. Doch dann fiel ihm ein, dass es ja noch ein drittes Haus gab in Jeinfurth, nämlich das mit der richtigen Klingel an der Tür (und du weißt ja nun schon wer da wohnt, oder?) Dort klingelte es kurzentschlossen und rief: »Yippieh ja! So einen herrlichen Regen wie heute hatten wir schon lange nicht mehr! Komm raus und spiel’ eine Runde Pfützen-platschen mit mir auf der Wiese!« Das Vielleicht streckte seinen Kopf zur Tür heraus, zuckte mit den Schultern und entgegnete: »Na ja, vielleicht. Vielleicht später, wenn ich mein Frühstück gegessen habe.«

Jetzt war das Ja natürlich noch ein bisschen enttäuschter, und du weißt ja mittlerweile warum. Doch dann – dann passierte etwas ganz Unerwartetes. Etwas ganz und gar Unerwartetes. Das Ja hatte sich gerade bunte Papierboote gebastelt und einige davon auf den Pfützen treiben lassen, da kam jemand vorbei, den hatte das Ja noch nie gesehen. Dieser Jemand blieb stehen und beobachtete, wie die vielen farbenprächtigen Boote mit dem Regen um die Wette tanzten. Er fischte eines der Boote aus dem Wasser heraus und fragte lächelnd: »Darf ich dieses wunderschöne Boot hier mitnehmen? Dort, wo ich zu Hause bin, da wohnen doch so viele Kinder, die würden sich bestimmt sehr darüber freuen…«

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»Ja, sicher!«, lachte das Ja, denn Kinder waren etwas Tolles, keine Frage (und du würdest dich bestimmt auch über so ein schickes Boot freuen, oder?) Das Ja wollte gerade weiter spielen, da hatte der Jemand schon wieder ein Boot in der Hand und fragte: »Darf ich auch dieses wunderschöne Boot hier mitnehmen? Dort wo ich zu Hause bin, da tobt doch
das Meer, das würde dem Boot bestimmt gefallen …« »Ja, das könnte sein – nimm es ruhig mit«, entgegnete das Ja, denn ein Boot auf hoher See – das wäre bestimmt ein Riesenspaß!

Als der Jemand zum dritten Mal ein Boot aus derPfütze angelte und sagte: »Dieses wunderschöne Boot hier würde ich auch gerne mitnehmen, es könnte doch Streit geben bei so vielen Kindern und nur einem Boot, da brauche ich im Grunde genommen doch einige mehr« – da kam nur noch ein leises »Ja, natürlich« aus dem Mund des Jas und seine Kehle wurde ganz trocken. Der Jemand sammelte ein Boot nach dem anderen in seinen großen Rucksack, und das Ja schaute ihm immer verzagter zu. Nun hatte das Ja allerdings großes Glück, denn das Nein stand am Fenster und schaute ebenfalls zu. Und als nur noch ein letztes Boot auf der verwässerten Wiese vor sich hin dümpelte, sprang das Nein aus seinem Haus, stellte sich ganz dicht vor den Jemand, sah ihm direkt in die Augen und sagte entschlossen: »Nein!«

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Der Jemand fing an zu stottern und stammelte: »Ich wollte doch nur, ich dachte doch, also eigentlich war das doch gar nicht bös…« »Schluss jetzt!«, bestimmte das Nein, »So viele Boote brauchst du nicht. Du kannst drei mitnehmen, aber den Rest lässt du hier.« Der Jemand machte noch einmal den Mund auf (wahrscheinlich, weil er die Sache gerade rücken wollte), doch das Nein sah ihm immer noch fest in die Augen. Da packte der Jemand die Boote (bis auf drei) wieder aus und zog beleidigt von dannen.

Das Ja war so erleichtert wie in seinem ganzen Leben noch nicht, und deshalb fiel es dem Nein vor Freude einfach um den Hals. Das Nein ließ sich nichts anmerken, aber ich glaube, es hat sich auch gefreut. Denn seit diesem Tag wissen beide, dass sie irgendwie zusammengehören, selbst wenn es nicht immer einfach ist. Und falls dieser Jemand zufällig noch einmal vorbei käme – würdest du ihn auch erkennen?

Anne Thielwurde 1967 geboren und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg. Dort arbeitet sie als Autorin, Sängerin und Gesangslehrerin. Parallel zu ihren zahlreichen Auftritten in einem Jazz- Duo und in verschiedenen Soulbands entwickelte sie die Kindersoul- Musikgeschichte »Lula und das fliegende Bett«, die 2005 veröffentlicht wurde. Seitdem schreibt sie Geschichten und Bücher für Kinder. www.anne-thiel.com

Verena Freisleben studierte Kommunikationsdesign an der Fachhochschule in München mit Schwerpunkt Illustration. Seit 2000 arbeitet sie als freie Grafikerin und Illustratorin. Für den mixtvision Verlag gestaltete und illustrierte sie das »KeinBuch2«, das 2010 veröffentlicht wurde. www.verenafreisleben.de

cover-gecko-34Diese Geschichte und andere tolle Erzählungen, Sonnige Grüße aus Ziffernhausen und einen lustigen Comic kannst Du im neuen „Gecko“ nachlesen. Dazu noch eine wunderbare Sammlung wunderbarer Quatschwörter.

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Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen!

 

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