{"id":10430,"date":"2011-09-08T10:09:08","date_gmt":"2011-09-08T08:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=10430"},"modified":"2011-09-08T10:09:08","modified_gmt":"2011-09-08T08:09:08","slug":"was-tun-journalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/09\/08\/was-tun-journalisten_10430","title":{"rendered":"Was tun Journalisten?"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_10431\" aria-describedby=\"caption-attachment-10431\" style=\"width: 493px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2011\/09\/08\/was-tun-journalisten_10430\/journalisten\" rel=\"attachment wp-att-10431\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/09\/Journalisten.jpg\" alt=\"\" title=\"Journalisten\" width=\"493\" height=\"391\" class=\"size-full wp-image-10431\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/09\/Journalisten.jpg 493w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2011\/09\/Journalisten-300x237.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 493px) 100vw, 493px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-10431\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Beck\/ www.schneeschnee.de<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Sie haben einen tollen Beruf: Sie d\u00fcrfen so neugierig sein, wie sie wollen. Sie d\u00fcrfen jeden Menschen treffen, der sie interessiert. Und daf\u00fcr werden sie sogar noch bezahlt<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Bernd Ulrich<\/em><\/p>\n<p>Also, ich m\u00f6chte ja hier wirklich keine Werbung machen f\u00fcr den Beruf des Journalisten, aber: Die Gelegenheit, mit fast jedem Menschen auf der Erde reden zu k\u00f6nnen, den man interessant findet, die M\u00f6glichkeit, sich ganz lange in eine verzwickte Sache zu vertiefen, die Chance, einfach etwas aufschreiben zu k\u00f6nnen, das dann Tausende oder Hunderttausende Menschen lesen \u2013 das ist schon alles ganz gro\u00dfe Klasse. Und das Erstaunlichste daran ist: Man wird f\u00fcr das, was man total gerne macht, auch noch bezahlt!<!--more--><\/p>\n<p>Aber, wie gesagt, ich will hier keine Werbung machen, die Sache hat auch Nachteile. Man arbeitet oft unter Zeitdruck, muss sich also furchtbar beeilen. Nicht alle Menschen, die man interessant findet, sind auch sympathisch, manche sind sogar richtige Kotzbrocken oder gar Verbrecher, mit denen muss man dann trotzdem reden und sich noch bl\u00f6de anp\u00f6beln lassen. Schlie\u00dflich ist der Journalismus nicht f\u00fcr die Journalisten da, sondern f\u00fcr die Leser oder Radioh\u00f6rer oder Fernsehzuschauer. Das hei\u00dft, wir Journalisten fahren nach Japan, wenn dort ein Atomkraftwerk explodiert, damit die Leser nicht selbst hinfahren m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen mit dem schrecklichen Silvio Berlusconi (dem italienischen Ministerpr\u00e4sidenten) reden, damit unsere Leser sich das Interview dann gem\u00fctlich bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Cola durchlesen k\u00f6nnen. Wir suchen und fotografieren die arme Kuh Yvonne, damit nicht Zehntausende Leser mit ihren Fotoapparaten durch die W\u00e4lder zu rennen brauchen. Journalisten sind deswegen keine Helden, sie sind eher wie B\u00e4cker. Nur dass wir kein Brot backen, sondern Artikel schreiben.<\/p>\n<p>Nun habe ich bisher blo\u00df gesagt, was sch\u00f6n ist am Journalismus und was nicht so sch\u00f6n, aber nicht, was Journalismus eigentlich ist. Das habe ich ein bisschen vor mir hergeschoben, weil das nicht so leicht zu sagen ist, es ist sogar richtig kompliziert. Weil Journalisten so viel Verschiedenes machen. Einige filmen, einige fotografieren, einige schreiben gar nichts Eigenes, sondern machen nur die Texte anderer sch\u00f6n, verbessern die Sprache, beseitigen die Rechtschreibfehler (ja, auch Journalisten machen welche). Einige sind Journalistenchefs, und man erwischt sie nur selten dabei, wie sie schreiben oder Geschichten suchen (das nennt man recherchieren). Die Chefs sagen stattdessen den anderen, wor\u00fcber sie schreiben oder recherchieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Einige Journalisten schreiben \u00fcber Politik, andere \u00fcber Mode oder Kaninchen. Manche sitzen nur im B\u00fcro, andere reisen in die Kriegsgebiete oder dahin, wo die Erde bebt. Und doch nennt man sie alle Journalisten. Wenn nun aber Journalismus so vieles ist, was ist dann der Kern von dem Ganzen, das Wichtigste?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen: hinfahren, gucken, aufschreiben. Und das ist dann doch wieder ganz einfach, oder?<\/p>\n<p>Wie wird man einer von diesen Geschichtensuchern und Nachrichtenb\u00e4ckern, einer von diesen Aufschreibern? Manche w\u00fcrden diese Frage so beantworten: Man geht brav zur Schule und macht Abitur. Dann studiert man Journalismus, dann macht man ein Praktikum, also eine Art Ausprobierzeit, in einer Zeitung oder beim Radio, und dann macht man noch ein Praktikum und noch eins und noch eins und noch eins (ja, ja, so leicht ist das heute nicht mehr, eine feste Stelle zu kriegen) und noch eins und noch eins, und dann kriegt man doch eine feste Stelle und ist, Rubbeldiekatz: Journalist.<\/p>\n<p>Wie gesagt, das w\u00fcrden manche antworten. Ich nicht. Das Wichtigste f\u00fcr jemanden, der Journalist werden will, ist erst mal Neugier. Wer die nicht hat, der soll Bibliothekar werden oder Finanzbeamter, was auch sehr gute und wichtige Berufe sind, aber bitte nicht Journalist. Und dann braucht man daf\u00fcr Leidenschaft. Leidenschaft? Sollen Journalisten nicht ganz n\u00fcchtern und objektiv sein? Gleich fair zu allen? Ja, das sollen sie, aber daf\u00fcr brauchen sie gerade Leidenschaft. Man kann sagen: Journalismus ist gez\u00fcgelte, kontrollierte Leidenschaft. Journalismus ohne Leidenschaft ist nicht objektiv, sondern langweilig. Und langweilig, das geht gar nicht. Wer also \u00fcberlegt, Journalist zu werden, der sollte nicht zuerst schauen, wo man Journalismus studieren kann oder wie man an ein Praktikum kommt, der sollte vielmehr in sich hineinh\u00f6ren: Was regt mich richtig auf, was elektrisiert mich, wof\u00fcr brenne ich, was bohrt sich wie ein Schmerz in meinen Kopf, bis ich es richtig verstanden habe? Wer das f\u00fcr sich beantworten kann, der kann Journalist werden und der lernt auch das Handwerk, das nun mal dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nun sagen manche, dass die Zeitungen aussterben, dass es in zehn oder zwanzig Jahren gar keine Zeitungsjournalisten mehr geben wird. Vor allem wegen des Internets, wo Fantastilliarden von Informationen und Nachrichten kostenlos umherschwirren. Wird das so kommen? Ich w\u00fcrde mich nicht trauen zu sagen, dass es f\u00fcr immer journalistische Arbeit geben wird, die auf Papier gedruckt und dann mit Lastwagen in die H\u00e4user und Wohnungen und an die Kioske gefahren wird. Aber darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend f\u00fcr unsere Zukunft als Journalisten (und f\u00fcr alle, die sich \u00fcberlegen, sp\u00e4ter mal Journalisten zu werden) ist nicht das Papier. Entscheidend ist, ob es noch Menschen geben wird, die ein bisschen Geld daf\u00fcr bezahlen wollen, dass andere, eben Journalisten, neue Informationen gewinnen. Dass sie Ordnung in die vielen Nachrichten bringen. Dass sie den M\u00e4chtigen auf die Finger gucken, Dinge bewerten, gut schreiben k\u00f6nnen und die Leser am\u00fcsieren.<\/p>\n<p>Und da bin ich mir dann doch wieder sehr sicher: Diesen Journalismus wird es immer geben, so wie es \u00c4rzte, Fris\u00f6re und K\u00f6che geben wird. Einfach weil den Menschen nicht nur immer Haare wachsen werden, sondern weil sie auch die schnelle, gro\u00dfe Welt, in der sie leben, verstehen m\u00f6chten. Der Kopf ist nicht nur f\u00fcr die Fris\u00f6re da.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben einen tollen Beruf: Sie d\u00fcrfen so neugierig sein, wie sie wollen. Sie d\u00fcrfen jeden Menschen treffen, der sie interessiert. 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