{"id":12600,"date":"2012-08-02T22:28:19","date_gmt":"2012-08-02T20:28:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=12600"},"modified":"2012-08-02T22:28:19","modified_gmt":"2012-08-02T20:28:19","slug":"ein-junge-zwei-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/08\/02\/ein-junge-zwei-leben_12600","title":{"rendered":"Ein Junge, zwei Leben"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_12601\" aria-describedby=\"caption-attachment-12601\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/08\/Jawid-540x373.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"373\" class=\"size-large wp-image-12601\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/08\/Jawid-540x373.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/08\/Jawid-300x207.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/08\/Jawid.jpg 642w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12601\" class=\"wp-caption-text\">Jawid in Hamburg, seiner neuen Heimat \/ \u00a9 Arne Mayntz f\u00fcr DIE ZEIT\/www.mayntz.net<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Mit 14 Jahren begann f\u00fcr Jawid eine gef\u00e4hrliche Reise. Er verlie\u00df Kabul in Afghanistan und kam nach Deutschland. Heute k\u00e4mpft er darum, bleiben zu d\u00fcrfen<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nVon Hauke Friedrichs<\/em><\/p>\n<p>Die Sonne scheint in Jawids Zimmer hinein. Wie alle Jugendlichen genie\u00dft er die Schulferien in Hamburg. Jawid streift sich seine schwarzen Boxhandschuhe \u00fcber. Er schl\u00e4gt mit der rechten Faust gegen einen kleinen Boxsack, der von der Zimmerdecke baumelt. Jawid hat in Kabul boxen gelernt, in seinem alten Leben. Damals streifte er heimlich die Boxhandschuhe \u00fcber. Sein Onkel durfte nicht wissen, dass er Sport machte. F\u00fcr Boxen habe Jawid keine Zeit, sagte der Onkel, er verbot Jawid auch, zur Schule zu gehen, Freunde zu treffen. Er zwang den Jungen, jeden Tag als Stra\u00dfenh\u00e4ndler zu arbeiten, im Sommer musste Jawid Obst verkaufen, im Winter Socken. Wenn er abends mit zu wenig Geld nach Hause kam, dann schlug der Onkel ihn, sagt Jawid.<!--more--><\/p>\n<p>Heute muss Jawid sich nicht mehr zum Sport schleichen. Heute kann er boxen, wann er Lust hat. Jawid lebt nun seit anderthalb Jahren in Hamburg.<\/p>\n<p>Jawid hei\u00dft eigentlich anders, die Redaktion hat ihm einen anderen Namen gegeben, um ihn zu sch\u00fctzen. Sein Onkel soll nicht erfahren, wo er lebt. Jawid ist 16 Jahre alt, er ist schlank, und hat viele Muskeln. Man sieht, dass er gerne ins Fitnessstudio geht und Gewichte stemmt. Seine schwarzen Haare hat er nach oben gegelt. Jawid lacht gern \u2013 nur wenn er von seinem alten Leben in Afghanistan erz\u00e4hlen soll, dann wird er stumm.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/08\/kabulk.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"211\" class=\"alignleft size-full wp-image-12602\" \/><\/p>\n<p>In Afghanistan, einem Land in Asien, herrscht seit mehr als 30 Jahren B\u00fcrgerkrieg. Bei den K\u00e4mpfen sterben viele Menschen. Auch Jawids Eltern kamen ums Leben, als eine Bombe explodierte. Jawid musste danach zu dem Onkel ziehen. Der verlor oft Geld beim Gl\u00fccksspiel, auch Jawids Einnahmen aus dem Stra\u00dfenverkauf verspielte er. Jawid sollte dann noch mehr Geld verdienen. F\u00fcr den Jungen begann eine harte Zeit. Er beschloss zu fliehen.<\/p>\n<p>Ein Mann brachte Jawid bis nach Europa und bekam Geld daf\u00fcr. Schlepper nennt man so jemanden. 14 Jahre war Jawid alt, als seine Reise begann. Er legte eine Strecke von fast 7000 Kilometern zur\u00fcck, mehr als ein halbes Jahr lang war er unterwegs. Er reiste \u00fcber die T\u00fcrkei nach Griechenland und dann \u00fcber Osteuropa weiter nach Deutschland.<\/p>\n<p>Mit dem Schlepper kam Jawid in Hamburg am Hauptbahnhof an. Der Mann zeigte ihm die Polizeistation und sagte, dass man Jawid dort helfen werde. Jawid versuchte den Polizisten seine Geschichte zu erz\u00e4hlen, aber er konnte kein Deutsch und die Beamten kein Dari, eine der Sprachen Afghanistans.<\/p>\n<p>Jawid hatte keine Ausweispapiere bei sich. Die Polizisten nahmen ihn fest und sperrten ihn zwei Tage in eine Zelle ein, erz\u00e4hlt er. Dann kam er in ein Auffanglager f\u00fcr Ausl\u00e4nder, und schlie\u00dflich erhielt er im Dezember 2011 einen Platz in einer Wohngemeinschaft. Er lebt mit f\u00fcnf anderen Jungen aus der T\u00fcrkei, Ecuador, Polen, Afghanistan und Deutschland zusammen. Rund um die Uhr ist mindestens ein Betreuer anwesend. Die Jugendlichen haben wie Jawid keine Eltern, die sich um sie k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Da Jawid in Deutschland keine Verwandten hat, bekam er einen Vormund zugeteilt. Das ist ein Erwachsener, der sich um ihn k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>\u00bbIch vermisse meine Eltern\u00ab, erz\u00e4hlt Jawid. Manchmal geht er auf einen Friedhof und denkt an sie. Jawid kannte niemanden in Hamburg, als er im Oktober 2010 dort ankam. Hier war ihm alles fremd, die Kultur, das Essen, die Menschen. Heute liegt der Schreibtisch in seinem Zimmer voller B\u00fccher, Grammatiktabellen stapeln sich neben Vokabellisten. Mittlerweile spricht Jawid gut Deutsch. Er kann Jugendb\u00fccher und Comics verstehen, dabei konnte er vor wenigen Monaten die Schrift noch nicht lesen. Nicht nur beim Boxen, auch in der staatlichen Fremdsprachenschule k\u00e4mpft er sich durch. Er habe sehr gute Noten, sagt sein Betreuer. Im kommenden Jahr will er den Hauptschulabschluss machen. Danach k\u00f6nnte er weiter zur Schule gehen \u2013 oder eine Lehre zum Tischler machen. Das geht aber nur, wenn Jawid in Deutschland bleiben darf.<\/p>\n<p>Jawid hat bisher von den Beh\u00f6rden eine sogenannte Duldung erhalten. Er darf hier bleiben, solange er noch nicht erwachsen ist und noch zur Schule geht. Jawid m\u00f6chte aber auch nach dem Schulabschluss im n\u00e4chsten Jahr weiter in Hamburg leben. Jawids Betreuer und er haben deswegen bei der Organisation \u00bbFluchtpunkt\u00ab Hilfe gesucht, die Fl\u00fcchtlinge ber\u00e4t. Die Mitarbeiter unterst\u00fctzen Jawid nun vor Gericht. Denn er hat geklagt, um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Manchmal dauere so ein Verfahren zwei Jahre, sagt die Juristin. Sie macht Jawid Mut. Denn er hat Angst, dass er zur\u00fcck nach Kabul geschickt wird. \u00bbDort herrscht Krieg\u00ab, sagt er. \u00bbKinder d\u00fcrfen nicht zur Schule gehen. Ich m\u00f6chte nicht zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p>Aus Afghanistan hat er fast nichts nach Deutschland mitgebracht. Nur die Kleidung, die er trug, eine kleine Umh\u00e4ngetasche und einen Gebetsteppich. Die Jeans von damals hat er aufbewahrt. Sie erinnert ihn an ein halbes Jahr Flucht \u00fcber Tausende Kilometer. Sie passt ihm nicht mehr, er ist ihr entwachsen wie seinem fr\u00fcheren Leben in Afghanistan.<\/p>\n<p>Jawid hat jetzt viele Freunde in Hamburg. Sein bester Kumpel kommt aus Afghanistan und ist in Deutschland aufgewachsen. Jawid besucht die Familie oft, dort kann er Dari sprechen, und manchmal gibt es afghanisches Essen. Das freut ihn besonders \u2013 denn nicht alle deutschen Gerichte mag er gern, vor allem Kartoffeln schmecken ihm nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 14 Jahren begann f\u00fcr Jawid eine gef\u00e4hrliche Reise. Er verlie\u00df Kabul in Afghanistan und kam nach Deutschland. 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