{"id":12715,"date":"2012-09-06T10:04:09","date_gmt":"2012-09-06T08:04:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=12715"},"modified":"2012-09-06T10:04:09","modified_gmt":"2012-09-06T08:04:09","slug":"erdnusspaste-als-rettung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/09\/06\/erdnusspaste-als-rettung_12715","title":{"rendered":"Erdnusspaste als Rettung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/Mali1-540x436.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"436\" class=\"alignleft size-large wp-image-12716\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/Mali1-540x436.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/Mali1-300x242.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/Mali1.jpg 822w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p><strong>In Westafrika droht eine gro\u00dfe Hungersnot. Ein Arzt organisiert Hilfe \u2013 bis ins abgelegenste Dorf<\/strong><\/p>\n<p><em>Text und Fotos von Andrea B\u00f6hm<\/em><\/p>\n<p>Kann man Hunger schmecken? Ich meine nicht das kleine Magenknurren, wenn man mal das Mittagessen ausgelassen hat. Sondern bitterb\u00f6sen Hunger, der einen schwindelig macht und wehtut. Dieser Hunger schmeckt \u2013 nach Gras und Baumrinde. Denn das essen Menschen, wenn sie wochenlang keine richtige Nahrung mehr bekommen haben. Albert kennt solche Menschen.<!--more--><\/p>\n<p>Albert ist Arzt und arbeitet f\u00fcr Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Er behandelt nicht nur Kranke (und Hungernde sind Kranke). Er koordiniert auch den Einsatz anderer \u00c4rzte und Helfer. Wann immer es irgendwo eine Hungersnot gibt, holt man Leute wie ihn, um zu helfen.<\/p>\n<p>Derzeit ist er in Mali, einem afrikanischen Land. Fast vier Millionen Menschen in Mali droht eine Hungersnot. Fast vier Millionen \u2013 das ist, als h\u00e4tte ganz Berlin nicht mehr genug zu essen.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr hat es in Mali viel zu wenig geregnet. Auf den Feldern sind Gem\u00fcse, Mais und Hirse vertrocknet. Au\u00dferdem hat es im Norden von Mali eine Rebellion gegeben. Dabei haben Rebellen alle Vorr\u00e4te gepl\u00fcndert. Weil es zu gef\u00e4hrlich ist, trauen sich viele Hilfsorganisationen nicht mehr hin.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/mali-300x293.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"293\" class=\"alignleft size-medium wp-image-12717\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/mali-300x293.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/mali.jpg 347w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\nNoch ein Problem kommt hinzu, in einem ganz anderen Land. Derzeit herrscht eine gro\u00dfe D\u00fcrre in Amerika. Die Farmer dort werden viel weniger ernten als sonst. Das Problem ist: Amerika produziert normalerweise so viel Mais und Weizen, dass es riesige Mengen davon ins Ausland verkauft. Wegen der D\u00fcrre kann es das im Moment aber nicht mehr, das Angebot wird knapp. Wenn es von einer Ware weniger gibt, dann steigt ihr Preis. Reichen L\u00e4ndern wie Deutschland macht das nicht so viel aus. Armen L\u00e4ndern wie Mali schon.<\/p>\n<p>Doktor Albert k\u00fcmmert sich in Mali vor allem um die Kinder. Babys und Kleinkinder leiden am meisten in einer Hungersnot. Ohne Essen sterben sie viel schneller als Erwachsene. Und die Kinder, die eine Hungersnot \u00fcberleben, erholen sich oft nie mehr. Sie bleiben schwach, werden schneller krank und wachsen und lernen nicht mehr richtig. Also muss man helfen. Und zwar schnell.<\/p>\n<p>Aber wie? Es hat ja keinen Sinn, einfach \u00c4rzte und Helfer loszuschicken, ohne genau zu wissen, wohin sie fahren sollen. \u00bbZuallererst\u00ab, sagt Albert, \u00bbmuss ich herausfinden, wie viele Kinder hungern und wo genau sie leben.\u00ab Das ist gar nicht so einfach. Mali ist ein riesiges Land, zu vielen D\u00f6rfern f\u00fchren keine Stra\u00dfen. Es gibt nur wenige Krankenh\u00e4user, und oft schaffen die Eltern mit den Kindern den Weg dorthin gar nicht.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_12718\" aria-describedby=\"caption-attachment-12718\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/09\/Mali2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"size-thumbnail wp-image-12718\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12718\" class=\"wp-caption-text\">Doktor Albert<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Also tut sich Doktor Albert zusammen mit allen anderen Organisationen, die helfen k\u00f6nnen. Sie bilden Tausende von kleinen Teams. Die ziehen, so schnell es geht, von Dorf zu Dorf. Im Jeep, in kleinen Flugzeugen, manchmal sogar zu Fu\u00df. In den D\u00f6rfern rufen sie dann alle zusammen. Sie lassen sich von den M\u00fcttern und V\u00e4tern berichten, wie die Lage ist, berechnen, wie viele Hilfspakete sie brauchen, und untersuchen die Kinder, vor allem die kleinen. Dazu messen sie den Oberarm. Das klingt komisch. Aber am Oberarm kann man sehr gut erkennen, wie schlimm und wie lange ein Kind schon an Hunger leidet. Daf\u00fcr haben Wissenschaftler ein besonderes gr\u00fcn-gelb-rotes Messband entwickelt. Zeigt das Messband Gr\u00fcn, isst das Kind genug. Zeigt es Gelb, dann ist das Kind zu d\u00fcnn und braucht spezielle Nahrungshilfe. Ist das \u00c4rmchen so d\u00fcnn, dass das Messband Rot zeigt, dann ist dieses Kind in Lebensgefahr.<\/p>\n<p>\u00dcber 500000 Kinder in Mali brauchen derzeit Hilfe. Das wissen Doktor Albert und seine Mitarbeiter inzwischen. Jetzt m\u00fcssen sie ihnen Nahrung bringen.<\/p>\n<p>Hungernde Kinder brauchen schnell viele Kalorien und N\u00e4hrstoffe. Also Vitamine und Mineralien, wie sie in Gem\u00fcse, Obst und Getreide enthalten sind. Aber Albert und seine Mitarbeiter k\u00f6nnen nicht einfach Kisten mit Tomaten, Bananen, Brot und Orangen vollpacken. Die Lebensmittel w\u00fcrden in der Hitze sofort verderben. Au\u00dferdem sind viele Kinder schon zu schwach, um festes Essen zu sich zu nehmen. Manche sind nur noch Haut und Knochen. Sie werden darum durch einen Schlauch mit fl\u00fcssiger Nahrung ern\u00e4hrt. Die Kleinen, die genug Kraft zum Schlucken haben, bekommen eine Paste aus Erdnussbutter mit vielen N\u00e4hrstoffen. Ihre M\u00fctter verd\u00fcnnen die Paste mit Wasser und stecken sie ihren Kindern Klecks f\u00fcr Klecks in den Mund.<\/p>\n<p>Gleich neben Alberts B\u00fcro in Bamako, der Hauptstadt von Mali, stehen in einer riesigen Lagerhalle die Kisten voller Erdnusspaste und besonders n\u00e4hrreichem Milchpulver. F\u00fcr die Erwachsenen und die gr\u00f6\u00dferen Kinder besorgen andere Hilfsorganisationen Extrapakete mit Energiekeksen, Linsen, Dosengem\u00fcse und Speise\u00f6l. Und nat\u00fcrlich S\u00e4cke mit Hirse, Reis oder Mais. Aber die Hilfsorganisationen brauchen noch mehr Geld von reichen L\u00e4ndern, um genug f\u00fcr die Menschen in Mali einzukaufen.<\/p>\n<p>Um die Nahrungsmittel zu den Hungernden zu transportieren, ben\u00f6tigen Albert und die anderen Helfer Flugzeuge, Lastwagen, Benzin und gen\u00fcgend Fahrer. Und sauberes Wasser f\u00fcr die Menschen zum Trinken und zum Verd\u00fcnnen der Erdnusspaste. Und Moskitonetze, damit die Kinder nicht von M\u00fccken gestochen werden und Malaria bekommen. Und Medikamente f\u00fcr alle, die auch noch an Durchfall und Fieber leiden.<\/p>\n<p>Man muss also ganz viel gleichzeitig organisieren. Um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob alles auch wirklich klappt, f\u00e4hrt Albert in die Krankenh\u00e4user im Land, in denen die Kinder liegen. Er f\u00e4hrt in die Fl\u00fcchtlingslager und in die D\u00f6rfer. Er ist froh \u00fcber jedes Kind in Mali, das langsam wieder auf die Beine kommt. Es ist ein Wettlauf. Doktor Albert will schneller sein als der Hunger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Westafrika droht eine gro\u00dfe Hungersnot. Ein Arzt organisiert Hilfe \u2013 bis ins abgelegenste Dorf Text und Fotos von Andrea B\u00f6hm Kann man Hunger schmecken? Ich meine nicht das kleine Magenknurren, wenn man mal das Mittagessen ausgelassen hat. Sondern bitterb\u00f6sen Hunger, der einen schwindelig macht und wehtut. Dieser Hunger schmeckt \u2013 nach Gras und Baumrinde. 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