{"id":13128,"date":"2012-11-22T21:03:29","date_gmt":"2012-11-22T20:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=13128"},"modified":"2012-11-22T21:03:29","modified_gmt":"2012-11-22T20:03:29","slug":"marchen-zum-vorlesen-4-konig-drosselbart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/11\/22\/marchen-zum-vorlesen-4-konig-drosselbart_13128","title":{"rendered":"M\u00e4rchen zum Vorlesen (4): K\u00f6nig Drosselbart"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_13132\" aria-describedby=\"caption-attachment-13132\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/11\/drosselbart-540x322.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"322\" class=\"size-large wp-image-13132\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/11\/drosselbart-540x322.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/11\/drosselbart-300x179.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/11\/drosselbart.jpg 742w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13132\" class=\"wp-caption-text\">Der jungen Dame ist keiner recht!\/ Illustration: Gert Albrecht f\u00fcr DIE ZEIT\/www.gertalbrecht.de<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ein K\u00f6nig hatte eine Tochter, die war \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00f6n, aber dabei so stolz und \u00fcberm\u00fctig, dass ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. Einmal lie\u00df der K\u00f6nig ein gro\u00dfes Fest anstellen und lud dazu aus der N\u00e4he und Ferne die heiratslustigen M\u00e4nner ein. Sie wurden alle in eine Reihe nach Rang und Stand geordnet; erst kamen die K\u00f6nige, dann die Herz\u00f6ge, die F\u00fcrsten, Grafen und Freiherrn, zuletzt die Edelleute. Nun ward die K\u00f6nigstochter durch die Reihen gef\u00fchrt, aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick: \u00bbDas Weinfass!\u00ab, sprach sie. Der andere zu lang: \u00bbLang und schwank hat keinen Gang.\u00ab Der dritte zu kurz: \u00bbKurz und dick hat kein Geschick.\u00ab Der vierte zu blass: \u00bbDer bleiche Tod!\u00ab Der f\u00fcnfte zu rot: \u00bbDer Zinshahn!\u00ab Der sechste war nicht gerad genug: \u00bbGr\u00fcnes Holz, hinterm Ofen getrocknet!\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie sich \u00fcber einen guten K\u00f6nig lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. \u00bbEi\u00ab, rief sie und lachte, \u00bbder hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel\u00ab; und seit der Zeit bekam er den Namen Drosselbart. Der alte K\u00f6nig aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als \u00fcber die Leute spotten und alle Freier, die da versammelt waren, verschm\u00e4hte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine T\u00fcre k\u00e4me.<\/p>\n<p>Ein paar Tage darauf hub ein Spielmann an, unter dem Fenster zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der K\u00f6nig h\u00f6rte, sprach er: \u00bbLasst ihn heraufkommen.\u00ab Da trat der Spielmann in seinen schmutzigen, verlumpten Kleidern herein, sang vor dem K\u00f6nig und seiner Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der K\u00f6nig sprach: \u00bbDein Gesang hat mir so wohl gefallen, dass ich dir meine Tochter da zur Frau geben will.\u00ab Die K\u00f6nigstochter erschrak, aber der K\u00f6nig sagte: \u00bbIch habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann zu geben, den will ich auch halten.\u00ab<\/p>\n<p>Es half keine Einrede, der Pfarrer ward geholt, und sie musste sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der K\u00f6nig: \u00bbNun schickt sich\u2019s nicht, dass du als ein Bettelweib noch l\u00e4nger in meinem Schloss bleibst, du kannst nur mit deinem Manne fortziehen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Bettelmann f\u00fchrte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fu\u00df fortgehen. Als sie in einen gro\u00dfen Wald kamen, da fragte sie:<\/p>\n<p>\u00bbAch, wem geh\u00f6rt der sch\u00f6ne Wald?\u00ab \u2013 \u00bbDer geh\u00f6rt dem K\u00f6nig Drosselbart; h\u00e4ttst du \u2019n genommen, so w\u00e4r er dein.\u00ab \u2013 \u00bbIch arme Jungfer zart, ach, h\u00e4tt ich genommen den K\u00f6nig Drosselbart!\u00ab<\/p>\n<p>Darauf kamen sie \u00fcber eine Wiese, da fragte sie wieder: \u00bbWem geh\u00f6rt die sch\u00f6ne gr\u00fcne Wiese?\u00ab \u2013 \u00bbSie geh\u00f6rt dem K\u00f6nig Drosselbart; h\u00e4ttst du \u2019n genommen, so w\u00e4r sie dein.\u00ab \u2013 \u00bbIch arme Jungfer zart, ach, h\u00e4tt ich genommen den K\u00f6nig Drosselbart!\u00ab<\/p>\n<p>Dann kamen sie durch eine gro\u00dfe Stadt, da fragte sie wieder: \u00bbWem geh\u00f6rt diese sch\u00f6ne gro\u00dfe Stadt?\u00ab \u2013 \u00bbSie geh\u00f6rt dem K\u00f6nig Drosselbart; h\u00e4ttst du \u2019n genommen, so w\u00e4r sie dein.\u00ab \u2013 \u00bbIch arme Jungfer zart, ach, h\u00e4tt ich genommen den K\u00f6nig Drosselbart!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs gef\u00e4llt mir gar nicht\u00ab, sprach der Spielmann, \u00bbdass du dir immer einen andern zum Mann w\u00fcnschest: bin ich dir nicht gut genug?\u00ab Endlich kamen sie an ein ganz kleines H\u00e4uschen, da sprach sie: \u00bbAch, Gott, was ist das Haus so klein! Wem mag das elende winzige H\u00e4uschen sein?\u00ab Der Spielmann antwortete: \u00bbDas ist mein und dein Haus, wo wir zusammen wohnen.\u00ab Sie musste sich b\u00fccken, damit sie zu der niedrigen T\u00fcr hineinkam. \u00bbWo sind die Diener?\u00ab, sprach die K\u00f6nigstochter. \u00bbWas Diener!\u00ab, antwortete der Bettelmann. \u00bbDu musst selber tun, was du willst getan haben. Mach nur gleich Feuer an, und stell Wasser auf, dass du mir mein Essen kochst; ich bin ganz m\u00fcde.\u00ab Die K\u00f6nigstochter verstand aber nichts vom Feueranmachen und Kochen, und der Bettelmann musste selber mit Hand anlegen, dass es noch so leidlich ging. Als sie die schmale Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett; aber am Morgen trieb er sie schon ganz fr\u00fch heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht und zehrten ihren Vorrat auf.<\/p>\n<p>Da sprach der Mann: \u00bbFrau, so geht\u2019s nicht l\u00e4nger, dass wir hier zehren und nichts verdienen. Du sollst K\u00f6rbe flechten.\u00ab Er ging aus, schnitt Weiden und brachte sie heim; da fing sie an zu flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten H\u00e4nde wund. \u00bbIch sehe, das geht nicht\u00ab, sprach der Mann, \u00bbspinn lieber, vielleicht kannst du das besser.\u00ab Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, dass das Blut daran herunterlief. \u00bbSiehst du\u00ab, sprach der Mann, \u00bbdu taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ich\u2019s versuchen und einen Handel mit T\u00f6pfen und irdenem Geschirr anfangen: Du sollst dich auf den Markt setzen und die Ware feilhalten.\u00ab \u2013 \u00bbAch\u00ab, dachte sie, \u00bbwenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen und sehen mich da sitzen und feilhalten, wie werden sie mich verspotten!\u00ab Aber es half nichts, sie musste sich f\u00fcgen, wenn sie nicht hungers sterben wollten.<\/p>\n<p>Das erste Mal ging\u2019s gut, denn die Leute kauften der Frau, weil sie sch\u00f6n war, gern ihre Ware ab und bezahlten, was sie forderte: Ja viele gaben ihr das Geld und lie\u00dfen ihr die T\u00f6pfe noch dazu. Nun lebten sie von dem Erworbenen, solang es dauerte, da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie setzte sich damit an eine Ecke des Marktes und stellte es um sich her und hielt feil. Da kam pl\u00f6tzlich ein trunkener Husar dahergejagt und ritt geradezu in die T\u00f6pfe hinein, dass alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an zu weinen und wusste vor Angst nicht, was sie anfangen sollte. \u00bbAch, wie wird mir\u2019s ergehen!\u00ab, rief sie. \u00bbWas wird mein Mann dazu sagen!\u00ab Sie lief heim und erz\u00e4hlte ihm das Ungl\u00fcck. \u00bbWer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!\u00ab, sprach der Mann. \u00bbLass nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich in unseres K\u00f6nigs Schloss gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine K\u00fcchenmagd brauchen k\u00f6nnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten dich dazu nehmen; daf\u00fcr bekommst du freies Essen.\u00ab<\/p>\n<p>Nun ward die K\u00f6nigstochter eine K\u00fcchenmagd, musste dem Koch zur Hand gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen ein T\u00f6pfchen fest, darin brachte sie nach Haus, was ihr von dem \u00dcbriggebliebenen zuteil ward, und davon n\u00e4hrten sie sich. Es trug sich zu, dass die Hochzeit des \u00e4ltesten K\u00f6nigssohnes sollte gefeiert werden, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saalt\u00fcre und wollte zusehen. Als nun die Lichter angez\u00fcndet waren und immer einer sch\u00f6ner als der andere hereintrat und alles voll Pracht und Herrlichkeit war, da dachte sie mit betr\u00fcbtem Herzen an ihr Schicksal und verw\u00fcnschte ihren Stolz und \u00dcbermut, der sie erniedrigt und in so gro\u00dfe Armut gest\u00fcrzt hatte. Von den k\u00f6stlichen Speisen, die da ein- und ausgetragen wurden und von welchen der Geruch zu ihr aufstieg, warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr T\u00f6pfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal trat der K\u00f6nigssohn herein, war in Samt und Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um den Hals. Und als er die sch\u00f6ne Frau in der T\u00fcre stehen sah, ergriff er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte sich und erschrak, denn sie sah, dass es der K\u00f6nig Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte.<\/p>\n<p>Ihr Str\u00e4uben half nichts, er zog sie in den Saal; da zerriss das Band, an welchem die Taschen hingen, und die T\u00f6pfe fielen heraus, dass die Suppe floss und die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gel\u00e4chter und Spotten, und sie war so besch\u00e4mt, dass sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Sie sprang zur T\u00fcre hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein und brachte sie zur\u00fcck; und wie sie ihn ansah, war es wieder der K\u00f6nig Drosselbart. Er sprach ihr freundlich zu: \u00bbF\u00fcrchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden H\u00e4uschen gewohnt hat, sind eins: Dir zuliebe habe ich mich so verstellt, und der Husar, der dir die T\u00f6pfe entzwei geritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich f\u00fcr deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.\u00ab<\/p>\n<p>Da weinte sie bitterlich und sagte: \u00bbIch habe gro\u00dfes Unrecht gehabt und bin nicht wert, deine Frau zu sein.\u00ab Er aber sprach: \u00bbTr\u00f6ste dich, die b\u00f6sen Tage sind vor\u00fcber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.\u00ab Da kamen die Kammerfrauen und taten ihr die pr\u00e4chtigsten Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof und w\u00fcnschten ihr Gl\u00fcck zu ihrer Verm\u00e4hlung mit dem K\u00f6nig Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an. Ich wollte, du und ich, wir w\u00e4ren auch dabei gewesen.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen gibt es in der KinderZEIT immer wieder ein weiteres bekanntes Grimmsches M\u00e4rchen zum Vorlesen oder Selberlesen. N\u00e4chste Woche wird eine Prinzessin geboren und von der 13. Fee verwunschen: Dornr\u00f6schen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein K\u00f6nig hatte eine Tochter, die war \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00f6n, aber dabei so stolz und \u00fcberm\u00fctig, dass ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. 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