{"id":13269,"date":"2012-12-19T09:00:31","date_gmt":"2012-12-19T08:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=13269"},"modified":"2012-12-18T23:44:45","modified_gmt":"2012-12-18T22:44:45","slug":"marchen-zum-vorlesen-7-die-vier-kunstreichen-bruder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/12\/19\/marchen-zum-vorlesen-7-die-vier-kunstreichen-bruder_13269","title":{"rendered":"M\u00e4rchen zum Vorlesen (7): Die vier kunstreichen Br\u00fcder"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_13271\" aria-describedby=\"caption-attachment-13271\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/kunstreiche-Brueder-540x270.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"270\" class=\"size-large wp-image-13271\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/kunstreiche-Brueder-540x270.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/kunstreiche-Brueder-300x150.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/kunstreiche-Brueder.jpg 738w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13271\" class=\"wp-caption-text\">Noch faucht er, der Drache\/ Illustration: Gert Albrecht f\u00fcr DIE ZEIT\/www.gertalbrecht.de<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es war ein armer Mann, der hatte vier S\u00f6hne, wie die herangewachsen waren, sprach er zu ihnen: \u00bbLiebe Kinder, ihr m\u00fcsst jetzt hinaus in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben k\u00f6nnte; macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.\u00ab Da ergriffen die vier Br\u00fcder den Wanderstab, nahmen Abschied von ihrem Vater und zogen zusammen zum Tor hinaus. Als sie eine Zeit lang gewandert waren, kamen sie an einen Kreuzweg, der nach vier verschiedenen Gegenden f\u00fchrte. Da sprach der \u00c4lteste: \u00bbHier m\u00fcssen wir uns trennen, aber heut \u00fcber vier Jahre wollen wir an dieser Stelle wieder zusammentreffen und in der Zeit unser Gl\u00fcck versuchen.\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Nun ging jeder seinen Weg, und dem \u00c4ltesten begegnete ein Mann, der fragte ihn, wo er hinauswollte und was er vorh\u00e4tte. \u00bbIch will ein Handwerk lernen\u00ab, antwortete er. Da sprach der Mann: \u00bbGeh mit mir und werde ein Dieb.\u00ab \u2013 \u00bbNein\u00ab, antwortete er, \u00bbdas gilt f\u00fcr kein ehrliches Handwerk mehr, und das Ende vom Lied ist, dass einer als Schwengel in der Feldglocke gebraucht wird.\u00ab \u2013 \u00bbOh\u00ab, sprach der Mann, \u00bbvor dem Galgen brauchst du dich nicht zu f\u00fcrchten: ich will dich blo\u00df lehren, wie du holst, was sonst kein Mensch kriegen kann, und wo dir niemand auf die Spur kommt.\u00ab Da lie\u00df er sich \u00fcberreden, ward bei dem Manne ein gelernter Dieb und ward so geschickt, dass vor ihm nichts sicher war, was er einmal haben wollte.<\/p>\n<p>Der zweite Bruder begegnete einem Mann, der dieselbe Frage an ihn tat, was er in der Welt lernen wollte. \u00bbIch wei\u00df es noch nicht\u00ab, antwortete er. \u00bbSo geh mit mir und werde ein Sterngucker: nichts besser als das, es bleibt einem nichts verborgen.\u00ab Er lie\u00df sich das gefallen und ward ein so geschickter Sterngucker, dass sein Meister, als er ausgelernt hatte und weiterziehen wollte, ihm ein Fernrohr gab und zu ihm sprach: \u00bbDamit kannst du sehen, was auf Erden und am Himmel vorgeht, und kann dir nichts verborgen bleiben.\u00ab<\/p>\n<p>Den dritten Bruder nahm ein J\u00e4ger in die Lehre und gab ihm in allem, was zur J\u00e4gerei geh\u00f6rt, so guten Unterricht, dass er ein ausgelernter J\u00e4ger ward. Der Meister schenkte ihm beim Abschied eine B\u00fcchse und sprach: \u00bbDie fehlt nicht, was du damit aufs Korn nimmst, das triffst du sicher.\u00ab<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Bruder begegnete gleichfalls einem Manne, der ihn anredete und nach seinem Vorhaben fragte. \u00bbHast du nicht Lust, ein Schneider zu werden?\u00ab \u2013 \u00bbDass ich nicht w\u00fcsste\u00ab, sprach der Junge, \u00bbdas Krummsitzen von morgens bis abends, das Hin- und Herfegen mit der Nadel und das B\u00fcgeleisen will mir nicht in den Sinn.\u00ab \u2013 \u00bbEi was\u00ab, antwortete der Mann, \u00bbdu sprichst wie du\u2019s verstehst: bei mir lernst du eine ganz andere Schneiderkunst, die ist anst\u00e4ndig und ziemlich, zum Teil sehr ehrenvoll.\u00ab Da lie\u00df er sich \u00fcberreden, ging mit und lernte die Kunst des Mannes aus dem Fundament. Beim Abschied gab ihm dieser eine Nadel und sprach: \u00bbDamit kannst du zusammenn\u00e4hen, was dir vorkommt, es sei so weich wie ein Ei oder so hart als Stahl; und es wird ganz zu einem St\u00fcck, dass keine Naht mehr zu sehen ist.\u00ab<\/p>\n<p>Als die bestimmten vier Jahre herum waren, kamen die vier Br\u00fcder zu gleicher Zeit an dem Kreuzwege zusammen, herzten und k\u00fcssten sich und kehrten heim zu ihrem Vater. \u00bbNun\u00ab, sprach dieser ganz vergn\u00fcgt, \u00bbhat euch der Wind wieder zu mir geweht?\u00ab Sie erz\u00e4hlten, wie es ihnen ergangen war und dass jeder das Seinige gelernt h\u00e4tte. Nun sa\u00dfen sie gerade vor dem Haus unter einem gro\u00dfen Baum, da sprach der Vater: \u00bbJetzt will ich euch auf die Probe stellen und sehen, was ihr k\u00f6nnt.\u00ab Danach schaute er auf und sagte zu dem zweiten Sohne: \u00bbOben im Gipfel dieses Baums sitzt zwischen zwei \u00c4sten ein Buchfinkennest, sag mir, wie viel Eier liegen darin?\u00ab Der Sterngucker nahm sein Glas, schaute hinauf und sagte: \u00bbF\u00fcnfe sind\u2019s.\u00ab Sprach der Vater zum \u00c4ltesten: \u00bbHol du die Eier herunter, ohne dass der Vogel, der darauf sitzt und br\u00fctet, gest\u00f6rt wird.\u00ab Der kunstreiche Dieb stieg hinauf und nahm dem V\u00f6glein, das gar nichts davon merkte und ruhig sitzen blieb, die f\u00fcnf Eier unter dem Leib weg und brachte sie dem Vater herab. Der Vater nahm sie, legte an jede Ecke des Tisches eins und das f\u00fcnfte in die Mitte und sprach zum J\u00e4ger: \u00bbDu schie\u00dfest mir mit einem Schuss die f\u00fcnf Eier in der Mitte entzwei.\u00ab Der J\u00e4ger legte seine B\u00fcchse an und schoss die Eier, wie es der Vater verlangt hatte, alle f\u00fcnfe, und zwar in einem Schuss. Der hatte gewiss von dem Pulver, das um die Ecke schie\u00dft. \u00bbNun kommt die Reihe an dich\u00ab, sprach der Vater zu dem vierten Sohn, \u00bbdu n\u00e4hst die Eier wieder zusammen und auch die jungen V\u00f6glein, die darin sind, und zwar so, dass ihnen der Schuss nichts schadet.\u00ab Der Schneider holte seine Nadel und n\u00e4hte, wie\u2019s der Vater verlangt hatte. Als er fertig war, musste der Dieb die Eier wieder auf den Baum ins Nest tragen und dem Vogel, ohne dass er etwas merkte, wieder unterlegen. Das Tierchen br\u00fctete sie vollends aus, und nach ein paar Tagen krochen die Jungen hervor und hatten da, wo sie vom Schneider zusammengen\u00e4ht waren, ein rotes Streifchen um den Hals.<\/p>\n<p>\u00bbJa\u00ab, sprach der Alte zu seinen S\u00f6hnen, \u00bbich muss euch \u00fcber den gr\u00fcnen Klee loben, ihr habt eure Zeit wohl benutzt und was Rechtschaffenes gelernt: ich kann nicht sagen, wem von euch der Vorzug geb\u00fchrt. Wenn ihr nur bald Gelegenheit habt, eure Kunst anzuwenden, da wird sich\u2019s ausweisen.\u00ab<\/p>\n<p>Nicht lange danach kam gro\u00dfer L\u00e4rm ins Land, die K\u00f6nigstochter w\u00e4re von einem Drachen entf\u00fchrt worden. Der K\u00f6nig war Tag und Nacht dar\u00fcber in Sorgen und lie\u00df bekannt machen, wer sie zur\u00fcckbr\u00e4chte, sollte sie zur Gemahlin haben. Die vier Br\u00fcder sprachen untereinander: \u00bbDas w\u00e4re eine Gelegenheit, wo wir uns k\u00f6nnten sehen lassen\u00ab, wollten zusammen ausziehen und die K\u00f6nigstochter befreien. \u00bbWo sie ist, will ich bald wissen\u00ab, sprach der Sterngucker, schaute durch sein Fernrohr und sprach: \u00bbIch sehe sie schon, sie sitzt weit von hier auf einem Felsen im Meer und neben ihr der Drache, der sie bewacht.\u00ab Da ging er zu dem K\u00f6nig und bat um ein Schiff fu\u0308r sich und seine Br\u00fcder und fuhr mit ihnen \u00fcber das Meer, bis sie zu dem Felsen hinkamen. Die K\u00f6nigstochter sa\u00df da, aber der Drache lag in ihrem Scho\u00df und schlief. Der J\u00e4ger sprach: \u00bbIch darf nicht schie\u00dfen, ich w\u00fcrde die sch\u00f6ne Jungfrau zugleich t\u00f6ten.\u00ab \u2013 \u00bbSo will ich mein Heil versuchen\u00ab, sagte der Dieb, schlich sich heran und stahl sie unter dem Drachen weg, aber so leis und beh\u00e4nd, dass das Untier nichts merkte, sondern fortschnarchte. Sie eilten voll Freude mit ihr aufs Schiff und steuerten in die offene See; aber der Drache, der bei seinem Erwachen die K\u00f6nigstochter nicht mehr gefunden hatte, [flog] hinter ihnen her und schnaubte w\u00fctend durch die Luft. Als er gerade \u00fcber dem Schiff schwebte und sich herablassen wollte, legte der J\u00e4ger seine B\u00fcchse an und schoss ihm mitten ins Herz. Das Untier fiel tot herab, war aber so gro\u00df und gewaltig, dass es im Herabfallen das ganze Schiff zertr\u00fcmmerte. Sie erhaschten gl\u00fccklich noch ein paar Bretter und schwammen auf dem weiten Meer umher. Da war wieder gro\u00dfe Not, aber der Schneider, nicht faul, nahm seine wunderbare Nadel, n\u00e4hte die Bretter mit ein paar gro\u00dfen Stichen in der Eile zusammen, setzte sich darauf und sammelte alle St\u00fccke des Schiffs. Dann n\u00e4hte er auch diese so geschickt zusammen, dass in kurzer Zeit das Schiff wieder segelfertig war und sie gl\u00fccklich heimfahren konnten.<\/p>\n<p>Als der K\u00f6nig seine Tochter wiedererblickte, war gro\u00dfe Freude. Er sprach zu den vier Br\u00fcdern: \u00bbEiner von euch soll sie zur Gemahlin haben, aber welcher das ist, macht unter euch aus.\u00ab Da entstand ein heftiger Streit unter ihnen, denn jeder machte Anspr\u00fcche. Der Sterngucker sprach: \u00bbH\u00e4tt ich nicht die K\u00f6nigstochter gesehen, so w\u00e4ren alle eure K\u00fcnste umsonst gewesen: darum ist sie mein.\u00ab Der Dieb sprach: \u00bbWas h\u00e4tte das Sehen geholfen, wenn ich sie nicht unter dem Drachen weggeholt h\u00e4tte: darum ist sie mein.\u00ab Der J\u00e4ger sprach: \u00bbIhr w\u00e4rt doch samt der K\u00f6nigstochter von dem Untier zerrissen worden, h\u00e4tte es meine Kugel nicht getroffen: darum ist sie mein.\u00ab Der Schneider sprach: \u00bbUnd h\u00e4tte ich euch mit meiner Kunst nicht das Schiff wieder zusammengeflickt, ihr w\u00e4rt alle j\u00e4mmerlich ertrunken: darum ist sie mein.\u00ab Da tat der K\u00f6nig den Ausspruch: \u00bbJeder von euch hat ein gleiches Recht, und weil ein jeder die Jungfrau nicht haben kann, so soll sie keiner von euch haben, aber ich will jedem zur Belohnung ein halbes K\u00f6nigreich geben.\u00ab Den Br\u00fcdern gefiel diese Entscheidung, und sie sprachen: \u00bbEs ist besser so, als dass wir uneins werden.\u00ab Da erhielt jeder ein halbes K\u00f6nigreich, und sie lebten mit ihrem Vater in aller Gl\u00fcckseligkeit, solange es Gott gefiel.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen gibt es in der KinderZEIT immer wieder ein weiteres bekanntes Grimmsches M\u00e4rchen zum Vorlesen oder Selberlesen. N\u00e4chste Woche: Ein M\u00e4dchen f\u00e4llt in einen Brunnen und landet bei einer Frau mit einem Federbett<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein armer Mann, der hatte vier S\u00f6hne, wie die herangewachsen waren, sprach er zu ihnen: \u00bbLiebe Kinder, ihr m\u00fcsst jetzt hinaus in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben k\u00f6nnte; macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.\u00ab Da ergriffen die vier [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":217,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1157,391,425,986,12265],"tags":[2670,22619,22620,12669,22529,22561],"class_list":["post-13269","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchtipp-hortipp-filmtipp-fernsehtipp","category-kinder","category-marchen","category-vorlesegeschichten","category-was-soll-ich-lesen-2","tag-bruder-grimm","tag-die-vier-kunstreichen-bruder","tag-drachen","tag-grimmsche-marchen","tag-marchen-der-bruder-grimm","tag-marchen-zum-vorlesen"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>M\u00e4rchen zum Vorlesen (7): Die vier kunstreichen Br\u00fcder - KinderZEIT-Blog<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/12\/19\/marchen-zum-vorlesen-7-die-vier-kunstreichen-bruder_13269\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"M\u00e4rchen zum Vorlesen (7): Die vier kunstreichen Br\u00fcder - KinderZEIT-Blog\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Es war ein armer Mann, der hatte vier S\u00f6hne, wie die herangewachsen waren, sprach er zu ihnen: \u00bbLiebe Kinder, ihr m\u00fcsst jetzt hinaus in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben k\u00f6nnte; 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