{"id":13277,"date":"2012-12-30T14:10:12","date_gmt":"2012-12-30T13:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=13277"},"modified":"2012-12-30T14:10:12","modified_gmt":"2012-12-30T13:10:12","slug":"marchen-zum-vorlesen-8-frau-holle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2012\/12\/30\/marchen-zum-vorlesen-8-frau-holle_13277","title":{"rendered":"M\u00e4rchen zum Vorlesen (8): Frau Holle"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_13278\" aria-describedby=\"caption-attachment-13278\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/holle-540x260.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"260\" class=\"size-large wp-image-13278\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/holle-540x260.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/holle-300x144.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2012\/12\/holle.jpg 996w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13278\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Gert Albrecht f\u00fcr DIE ZEIT\/www.gertalbrecht.de Text: aus \u00bbJakob und Wilhelm Grimm: Ausgew\u00e4hlte Kinder- und Hausm\u00e4rchen\u00ab, Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co., Stuttgart 1981<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Eine Witwe hatte zwei T\u00f6chter, davon war die eine sch\u00f6n und flei\u00dfig, die andere h\u00e4sslich und faul. Sie hatte aber die H\u00e4ssliche und Faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme M\u00e4dchen musste sich t\u00e4glich auf die gro\u00dfe Stra\u00dfe bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang. <!--more--><\/p>\n<p>Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da b\u00fcckte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erz\u00e4hlte ihr das Ungl\u00fcck. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: \u00bbHast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.\u00ab Da ging das M\u00e4dchen zu dem Brunnen zur\u00fcck und wusste nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.<\/p>\n<p>Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer sch\u00f6nen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: \u00bbAch, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon l\u00e4ngst ausgebacken.\u00ab Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll \u00c4pfel, und rief ihm zu: \u00bbAch, sch\u00fcttel mich, sch\u00fcttel mich, wir \u00c4pfel sind alle miteinander reif.\u00ab Da sch\u00fcttelte es den Baum, dass die \u00c4pfel fielen, als regneten sie, und sch\u00fcttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.<\/p>\n<p>Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte ein[e] alte Frau, weil sie aber so gro\u00dfe Z\u00e4hne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: \u00bbWas f\u00fcrchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir\u2019s gut gehn. Du musst nur acht- geben, dass du mein Bett gut machst und es flei\u00dfig aufsch\u00fcttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt*; ich bin die Frau Holle.\u00ab<\/p>\n<p>Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das M\u00e4dchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und sch\u00fcttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; daf\u00fcr hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein b\u00f6ses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.<\/p>\n<p>Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: \u00bbIch habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht l\u00e4nger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.\u00ab Die Frau Holle sagte: \u00bbEs gef\u00e4llt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.\u00ab<\/p>\n<p>Sie nahm es darauf bei der Hand und f\u00fchrte es vor ein gro\u00dfes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das M\u00e4dchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm h\u00e4ngen, sodass es \u00fcber und \u00fcber davon bedeckt war. \u00bbDas sollst du haben, weil du so flei\u00dfig gewesen bist\u00ab, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das M\u00e4dchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, sa\u00df der Hahn auf dem Brunnen und rief:<\/p>\n<p>\u00bbKikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.\u00ab<\/p>\n<p>Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen erz\u00e4hlte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter h\u00f6rte, wie es zu dem gro\u00dfen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, h\u00e4sslichen und faulen Tochter gerne dasselbe Gl\u00fcck verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stie\u00df sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die sch\u00f6ne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: \u00bbAch, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon l\u00e4ngst ausgebacken.\u00ab Die Faule aber antwortete: \u00bbDa h\u00e4tt ich Lust, mich schmutzig zu machen\u00ab, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: \u00bbAch, sch\u00fcttel mich, sch\u00fcttel mich, wir \u00c4pfel sind alle miteinander reif.\u00ab Sie antwortete aber: \u00bbDu kommst mir recht, es k\u00f6nnte mir einer auf den Kopf fallen\u00ab, und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, f\u00fcrchtete sie sich nicht, weil sie von ihren gro\u00dfen Z\u00e4hnen schon geh\u00f6rt hatte, und verdingte sich gleich zu ihr.<\/p>\n<p>Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war flei\u00dfig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken w\u00fcrde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich\u2019s geb\u00fchrte, und sch\u00fcttelte es nicht, dass die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald m\u00fcde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun w\u00fcrde der Goldregen kommen; die Frau Holle f\u00fchrte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein gro\u00dfer Kessel voll Pech ausgesch\u00fcttet. \u00bbDas ist zur Belohnung deiner Dienste\u00ab, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:<\/p>\n<p>\u00bbKikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.\u00ab<\/p>\n<p>Das Pech aber blieb fest an ihr h\u00e4ngen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.<\/p>\n<p>* Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit: Die Frau Holle macht ihr Bett<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen gibt es in der KinderZEIT immer wieder ein weiteres bekanntes Grimmsches M\u00e4rchen zum Vorlesen oder Selberlesen. N\u00e4chste Woche: Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn machen sich auf den Weg nach Bremen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Witwe hatte zwei T\u00f6chter, davon war die eine sch\u00f6n und flei\u00dfig, die andere h\u00e4sslich und faul. Sie hatte aber die H\u00e4ssliche und Faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. 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