{"id":13918,"date":"2013-04-25T11:00:50","date_gmt":"2013-04-25T09:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=13918"},"modified":"2013-08-09T11:41:08","modified_gmt":"2013-08-09T09:41:08","slug":"wurm-im-ohr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2013\/04\/25\/wurm-im-ohr_13918","title":{"rendered":"Wurm im Ohr"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_13919\" aria-describedby=\"caption-attachment-13919\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/04\/ohrwurm-540x341.jpg\" alt=\"Der Ohrwurm ist wie ein wildes Tier: Er versteckt sich irgendwo in unserem Kopf\/ \u00a9 Mauritius\" width=\"540\" height=\"341\" class=\"size-large wp-image-13919\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/04\/ohrwurm-540x341.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/04\/ohrwurm-300x189.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/04\/ohrwurm.jpg 728w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13919\" class=\"wp-caption-text\">Der Ohrwurm ist wie ein wildes Tier: Er versteckt sich irgendwo in unserem Kopf\/ \u00a9 Mauritius<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Manchmal h\u00f6ren wir pl\u00f6tzlich Lieder im Kopf, die nicht mehr verschwinden wollen. Wo kommen die her? Und wie kann man sie loswerden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Christoph Dr\u00f6sser<\/em><\/p>\n<p>Der britische Bergsteiger Joe Simpson hatte 1985 einen schlimmen Unfall: Er brach sich ein Bein und st\u00fcrzte in eine Gletscherspalte. Ganz alleine. Mit viel Gl\u00fcck konnte er sich befreien, aber er verbrachte drei Tage ohne Essen und Trinken. Und was war das Schlimmste in dieser Zeit? Dass ihm stundenlang ein Lied von einer damals sehr ber\u00fchmten Popgruppe nicht aus dem Kopf ging: Brown Girl In The Ring von Boney M. Ein Lied, das er \u00fcberhaupt nicht mochte, aber er wurde es nicht los. Simpson wollte auf keinen Fall zu diesem Song sterben, sagte er nach seiner Rettung.<!--more--><\/p>\n<p>Ein typischer Fall von einem Ohrwurm: ein Lied, das in unserem Kopf spielt, immer und immer wieder, in einer endlosen Schleife. Ob Gangnam Style von Psy oder Someone Like You von Adele: Es kann einer unserer Lieblingssongs sein, aber auch ein Lied, das wir regelrecht hassen. Mal ist es ein aktueller Hit, mal ein Lied aus unserer fr\u00fchen Kindheit. Ohrw\u00fcrmer k\u00f6nnen einen das ganze Leben lang verfolgen \u2013 jahrelang verhalten sie sich still, aber pl\u00f6tzlich sind sie wieder da und nisten sich in unserem Geh\u00f6rgang ein.<\/p>\n<p>Wo kommt der Ohrwurm her? Wieso ist er so hartn\u00e4ckig? Gibt es bestimmte Melodien, die dabei besonders gut funktionieren? Kann man vielleicht sogar Ohrw\u00fcrmer gezielt komponieren?<\/p>\n<p>Diese Fragen zu beantworten ist nicht leicht, weil Ohrw\u00fcrmer schwer zu erforschen sind. Wie scheue wilde Tiere lassen sie sich nicht auf Kommando aus ihrem Versteck hervorlocken. Wenn man also Menschen in ein Labor einl\u00e4dt, um ihre Ohrw\u00fcrmer zu untersuchen, passiert vielleicht \u00fcberhaupt nichts \u2013 und kaum kommen sie nach Hause, f\u00e4ngt die innere Schallplatte wieder an zu dudeln.<\/p>\n<p>Trotzdem haben es Forscher geschafft, ein paar Dinge \u00fcber Ohrw\u00fcrmer herauszufinden. Der deutsche Wissenschaftler Jan Hemming von der Universit\u00e4t Kassel zum Beispiel hat Menschen eine CD mit 20 Liedern mit nach Hause gegeben und sie gebeten, die Musik darauf m\u00f6glichst oft zu h\u00f6ren. Da waren Popsongs drauf, aber auch klassische St\u00fccke. Und dann sollten die Leute sagen, ob ihnen manche Lieder davon auch durch den Kopf gingen, ohne dass die CD spielte. Dabei kam heraus, dass ein Ohrwurm meist kein komplettes Lied ist, sondern ein besonders eing\u00e4ngiger Teil davon, nicht l\u00e4nger als eine halbe Minute. In der Melodie und im Text gab es viele Wiederholungen. Und insgesamt waren einfache Melodien ohrwurmgeeigneter als komplizierte.<\/p>\n<p>Die Gruppe Wise Guys hat nach diesem Rezept mal ein Lied mit dem Titel Ohrwurm komponiert, das in einem wissenschaftlichen Test prompt am besten als Ohrwurm funktionierte. Amerikanische Forscher haben im vergangenen Jahr ihren Versuchspersonen aktuelle Hits vorgespielt \u2013 am besten blieben die von Lady Gaga im Ged\u00e4chtnis kleben.<\/p>\n<p>Letztlich aber hat jeder Mensch seine eigenen Ohrw\u00fcrmer. Nicht jeder kennt dieselben Lieder, und besonders gut im Ged\u00e4chtnis bleiben die Melodien, die mit Erlebnissen verbunden sind, die f\u00fcr uns eine pers\u00f6nliche Bedeutung haben.<\/p>\n<p>Ziemlich genau kann man beschreiben, wann Ohrw\u00fcrmer auftauchen. Warum zum Beispiel ist dem Bergsteiger in seiner gef\u00e4hrlichen Situation der alte Hit aus dem Jahr 1978 durch den Kopf gegangen? Es lag wahrscheinlich daran, dass er ganz alleine war und sein Gehirn nicht viel zu tun hatte. In solchen Situationen k\u00f6nnen unsere Gedanken ziellos umherwandern, aber auch der Ohrwurm wittert seine Chance, in unser Bewusstsein zu dringen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir unter der Dusche stehen, wenn wir eine lange Zugfahrt machen, wenn wir joggen \u2013 vielleicht aber auch im Unterricht kurz vor Schulschluss, wenn unsere Aufmerksamkeit nachl\u00e4sst und wir dem Lehrer gar nicht mehr zuh\u00f6ren. Wir sind entspannt, unser Gehirn ist ein bisschen unterfordert, es f\u00fchrt vielleicht Selbstgespr\u00e4che, oder es kramt eben auf der Suche nach Unterhaltung im Ged\u00e4chtnis nach Musik.<\/p>\n<p>Ein Ohrwurm kann sehr hartn\u00e4ckig sein und einen den ganzen Tag lang verfolgen. Gibt es denn kein Mittel, ihn wieder loszuwerden? Doch, sagen die Forscher. Man muss einfach dem Gehirn wieder etwas zu tun geben, dann sagt es dem Ohrwurm gewisserma\u00dfen, dass er mal die Klappe halten soll. Am besten geeignet sind Aufgaben, die schwer genug sind, um einen wirklich ganz in Anspruch zu nehmen, aber nicht so schwer, dass sie uns unter totalen Stress setzen. Mittelschwere Denksportaufgaben funktionieren da gut, also zum Beispiel ein Sudoku, das nicht zu leicht und nicht zu kompliziert ist. Wenn man sich da so richtig hineinvertieft, wird\u2019s pl\u00f6tzlich still im Kopf.<\/p>\n<p>Ein anderes Anti-Ohrwurm-Mittel: eine Melodie mit einer anderen bek\u00e4mpfen. Wenn uns also die Endlosschleife von Beyonc\u00e9s Single Ladies zum Wahnsinn treibt, fangen wir am besten innerlich an, ein anderes Lied zu singen. Vielleicht was Klassisches, zum Beispiel Beethovens f\u00fcnfte Sinfonie: Ta-ta-ta taaaa! Zwei Melodien gleichzeitig, damit ist unser Gehirn \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist nur: Wenn das \u00bbGegenmittel\u00ab zu Ende ist, dann hat der Ohrwurm wieder eine Chance. In dem schon erw\u00e4hnten Lied der Wise Guys hei\u00dft es: \u00bbDie f\u00fcnfte Sinfonie verklingt mit viel \u203aTata!\u2039 \u2013 mein Ohrwurm sagt: \u203aHallo, ich bin noch da!\u2039\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal h\u00f6ren wir pl\u00f6tzlich Lieder im Kopf, die nicht mehr verschwinden wollen. Wo kommen die her? Und wie kann man sie loswerden? Von Christoph Dr\u00f6sser Der britische Bergsteiger Joe Simpson hatte 1985 einen schlimmen Unfall: Er brach sich ein Bein und st\u00fcrzte in eine Gletscherspalte. Ganz alleine. 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