{"id":14080,"date":"2013-05-29T10:21:46","date_gmt":"2013-05-29T08:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=14080"},"modified":"2013-05-29T10:21:46","modified_gmt":"2013-05-29T08:21:46","slug":"lernen-nicht-schuften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2013\/05\/29\/lernen-nicht-schuften_14080","title":{"rendered":"Lernen, nicht schuften"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_14081\" aria-describedby=\"caption-attachment-14081\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/usbekistan-540x419.jpg\" alt=\"Muchtasar macht gerne Hausaufgaben. Sie m\u00f6chte sp\u00e4ter Krankenschwester werden\/ Sascha Marag\" width=\"540\" height=\"419\" class=\"size-large wp-image-14081\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/usbekistan-540x419.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/usbekistan-300x233.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/usbekistan.jpg 627w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14081\" class=\"wp-caption-text\">Muchtasar macht gerne Hausaufgaben. Sie m\u00f6chte sp\u00e4ter Krankenschwester werden\/ <a href=\"http:\/\/saschamontag.de\"> \u00a9 Sascha Montag<\/a><\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Muchtasar ist 14 und lebt im asiatischen Usbekistan. Normalerweise mussten Kinder dort bei der Baumwollernte helfen \u2013 jetzt d\u00fcrfen sie zur Schule gehen<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Diana Laarz<\/em><\/p>\n<p>Im vergangenen Herbst hat sich das Leben der 14-j\u00e4hrigen Muchtasar ver\u00e4ndert. Sie wohnt in einem Dorf in Usbekistan. Drei Jahre lang musste sie jeden Herbst bei der Baumwollernte helfen und konnte nicht zur Schule gehen. \u00bbJeden Morgen um acht Uhr kam der Bus, um uns Sch\u00fcler abzuholen. Ich w\u00e4re am liebsten nicht eingestiegen\u00ab, sagt sie. Doch im vergangenen Herbst war alles anders. Muchtasar durfte zur Schule gehen, sie musste Hausaufgaben machen \u2013 und hat sich dar\u00fcber gefreut. Kinder m\u00fcssen in Usbekistan keine Baumwolle mehr pfl\u00fccken. B\u00fcrgerrechtler und viele Unterst\u00fctzer auf der ganzen Welt haben Kindern wie Muchtasar geholfen.<!--more--><\/p>\n<p>Usbekistan ist ein Land in Zentralasien. Viele Menschen dort sind sehr arm. In dem Dorf von Muchtasar f\u00e4llt manchmal f\u00fcr viele Stunden der Strom aus. Ihre Eltern sind Bauern, Muchtasar ist die zweitj\u00fcngste von acht Schwestern. Wenn alle zu Hause sind, schlafen die M\u00e4dchen gemeinsam in einem Raum auf Matratzen auf dem Boden.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_14082\" aria-describedby=\"caption-attachment-14082\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/usbekistan-karte.jpg\" alt=\"\u00a9 Die Zeit\" width=\"220\" height=\"139\" class=\"size-full wp-image-14082\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14082\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Die Zeit<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Wirtschaft von Usbekistan ist abh\u00e4ngig von der Baumwolle. Die sieht aus wie gro\u00dfe Schneeflocken, die an den Zweigen knorriger B\u00fcsche h\u00e4ngen. Sie w\u00e4chst fast auf jedem Feld in Usbekistan. Der Pr\u00e4sident des Landes, Islam Karimow, verkauft sie an Firmen zum Beispiel in Indonesien und Bangladesch, wo daraus billige T-Shirts und Hosen gen\u00e4ht werden. Muchtasar hat gelernt, dass die Baumwolle das \u00bbwei\u00dfe Gold\u00ab des Landes ist. Aber Islam Karimow wollte nicht viel Geld f\u00fcr Arbeiter bezahlen, die die Baumwolle pfl\u00fccken. Kinder sind billiger, sie bekommen nur einen ganz geringen oder gar keinen Lohn. Also schickte der Pr\u00e4sident jeden Herbst fast zwei Millionen Sch\u00fcler auf die Felder zum Arbeiten. Kinderarbeit ist eigentlich nicht erlaubt, aber Karimow war das egal.<\/p>\n<p>Muchtasar kann sich noch sehr gut erinnern, wie anstrengend das Schuften auf dem Feld war. Jedes Kind bekam einen Beutel um die H\u00fcfte geschlungen, erz\u00e4hlt sie, und begann zu sammeln. Wenn der Beutel voll ist, ist er sehr schwer, den Kindern tat der R\u00fccken weh. Es war hei\u00df, manchmal \u00fcber 40 Grad. Die Baumwollb\u00fcsche wurden vor der Ernte mit einer Chemikalie bespr\u00fcht, damit die Bl\u00e4tter abfallen. Durch diese Chemikalie wurde die Haut an den H\u00e4nden rau und rissig. Au\u00dferdem darf man nicht zu viel davon einatmen. Jedes Kind musste pro Tag mindestens 40 Kilogramm Baumwolle pfl\u00fccken. \u00bbIch bin immer sehr schnell m\u00fcde geworden\u00ab, sagt Muchtasar. Aber aufh\u00f6ren durfte sie nicht. Wer weniger als 40 Kilogramm pfl\u00fcckte, bekam \u00c4rger mit dem Schuldirektor. Er drohte mit schlechten Noten.<\/p>\n<p>Dass Muchtasar nun keine Baumwolle mehr pfl\u00fccken muss, hat sie Menschen wie Dmitri Kossjakow* zu verdanken. Kossjakow ist ein B\u00fcrgerrechtler, das hei\u00dft, er setzt sich daf\u00fcr ein, dass die Menschen in Usbekistan frei leben k\u00f6nnen. Es ist schwierig, in Usbekistan B\u00fcrgerrechtler zu sein, denn der Pr\u00e4sident erlaubt es nicht, dass die Menschen zum Beispiel ihre Regierung frei w\u00e4hlen. Darum behindern die Helfer des Pr\u00e4sidenten die Arbeit von Kossjakow. Seine Telefonate werden abgeh\u00f6rt, und manchmal wird ihm Angst eingejagt, indem er verhaftet wird. Aber Dmitri Kossjakow macht weiter, obwohl er Angst hat. \u00bbDie Kinder in Usbekistan wurden behandelt wie Sklaven im antiken Griechenland\u00ab, sagt er.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_14083\" aria-describedby=\"caption-attachment-14083\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2013\/05\/baumwolle.jpg\" alt=\"So w\u00e4chst Baumwolle\/ \u00a9 Sascha Montag\" width=\"220\" height=\"134\" class=\"size-full wp-image-14083\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14083\" class=\"wp-caption-text\">So w\u00e4chst Baumwolle\/ \u00a9 Sascha Mara<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerrechtler musste seine Arbeit geheim halten. Deshalb hat er in seiner Wohnung in der usbekischen Hauptstadt Taschkent eine Saftpackung so umgebastelt, dass er darin eine Videokamera verstecken kann. Damit ist er aufs Land gefahren und hat heimlich die Sch\u00fcler auf den Feldern gefilmt. Die Filme schickte er an Organisationen auf der ganzen Welt, um ihnen zu zeigen, was in Usbekistan passiert.<\/p>\n<p>Durch die Arbeit von Kossjakow und anderen B\u00fcrgerrechtlern hat sich die Lage in Usbekistan ver\u00e4ndert. Viele Organisationen haben beim usbekischen Pr\u00e4sidenten gegen die Kinderarbeit protestiert. \u00dcber 80 Kleidungsfirmen haben erkl\u00e4rt, dass sie keine Baumwolle aus Usbekistan mehr benutzen werden. Zu den Unterzeichnern dieses Boykotts geh\u00f6ren adidas, C&amp;A und H&amp;M. F\u00fcr den Pr\u00e4sidenten wurde die Situation kompliziert. Denn wenn der Ruf der usbekischen Baumwolle so schlecht ist, dass niemand sie mehr kaufen m\u00f6chte, kann er gar kein Geld verdienen. Deshalb hat er im vergangenen Sommer befohlen, dass keine Kinder mehr auf den Feldern arbeiten d\u00fcrfen. Dmitri Kossjakow sagt stolz: \u00bbIch glaube, das ist ein Verdienst der usbekischen B\u00fcrgerrechtler.\u00ab<\/p>\n<p>Muchtasar kann jetzt das ganze Jahr \u00fcber zur Schule gehen, ihr Lieblingsfach ist Usbekische Sprache und Literatur. Der B\u00fcrgerrechtler Kossjakow h\u00f6rt trotzdem noch nicht auf mit seiner Arbeit. Weil die Kinder nun in der Schule bleiben, zwingt der Pr\u00e4sident andere Usbeken, bei der Baumwollernte mitzuarbeiten: \u00c4rzte, Krankenschwestern und Lehrer. Das bedeutet, dass es im Herbst in manchem Krankenhaus zu wenig Doktoren gibt und in mancher Schule zu wenig Lehrer. An Muchtasars Schule arbeiten 80 Lehrer. Im Herbst musste die H\u00e4lfte von ihnen Baumwolle pfl\u00fccken, und Muchtasar konnte manchmal nichts lernen, obwohl sie in der Schule war \u2013 denn der Unterricht fiel aus. Dmitri Kossjakow sagt: \u00bbIch will, dass in Usbekistan kein Mensch mehr zur Arbeit gezwungen wird.\u00ab<\/p>\n<p>*Name ge\u00e4ndert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muchtasar ist 14 und lebt im asiatischen Usbekistan. Normalerweise mussten Kinder dort bei der Baumwollernte helfen \u2013 jetzt d\u00fcrfen sie zur Schule gehen Von Diana Laarz Im vergangenen Herbst hat sich das Leben der 14-j\u00e4hrigen Muchtasar ver\u00e4ndert. Sie wohnt in einem Dorf in Usbekistan. 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