{"id":241,"date":"2008-11-20T10:49:33","date_gmt":"2008-11-20T08:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=241"},"modified":"2008-11-20T10:49:33","modified_gmt":"2008-11-20T08:49:33","slug":"der-tannenbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2008\/11\/20\/der-tannenbaum_241","title":{"rendered":"Der Tannenbaum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 20. November ist Vorlesetag. Aber diese Geschichte eignet sich f\u00fcr den ganzen Winter: Hemule, Gafsas, Kn\u00fctts \u2013 alle Wesen des Trollwaldes laufen aufgeregt durcheinander, weil bald Weihnachten ist. Nur die Muminfamilie h\u00e4tte das gro\u00dfe Ereignis beinahe verschlafen <\/strong><br \/>\n<em><br \/>\nVon Tove Jansson<\/em><\/p>\n<p>Einer der Hemule stand auf dem Dach und scharrte im Schnee. Er hatte gelbe Wollhandschuhe an, die immer nasser wurden und sich scheu\u00dflich anf\u00fchlten. Da legte er sie auf den Schornstein, seufzte und scharrte weiter. Schlie\u00dflich hatte er die Dachluke freigelegt. \u00bbAha, da haben wir die Luke\u00ab, sagte er. \u00bbUnd da unten liegt die ganze Gesellschaft und schl\u00e4ft. Schl\u00e4ft, schl\u00e4ft und schl\u00e4ft. W\u00e4hrend unsereins sich abrackert, nur weil Weihnachten vor der T\u00fcr steht.\u00ab<br \/>\n<\/p>\n<table border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" width=\"230\" align=\"left\" >\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div><img src='https:\/\/img.zeit.de\/\/bilder\/2008\/48\/wissen\/kinderzeit\/64-tannenbaum-210.jpg' alt='Tannenbaum' class='alignleft' \/><\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"font-size: 10px; line-height: 12px;\">\u00a9 ddp()<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Er stellte sich auf die Luke, und weil er nicht mehr wusste, ob sie nach innen oder nach au\u00dfen aufging, stampfte er vorsichtig darauf. Sie ging sofort nach innen auf, worauf der Hemul in Schnee und Dunkelheit hinunterfiel und auf all den Sachen landete, die die Muminfamilie auf dem Dachboden aufhob, um sie irgendwann sp\u00e4ter zu ben\u00fctzen. Inzwischen war der Hemul sehr gereizt, und au\u00dferdem wusste er nicht mehr genau, wo er seine gelben Handschuhe abgelegt hatte. An diesen Handschuhen hing er ganz besonders. Also stampfte er die Treppe nach unten, warf die T\u00fcr auf und schrie erbost: \u00bbWeihnachten steht vor der T\u00fcr! Ich hab euch und eure Schlaferei satt, und jetzt ist gleich Weihnachten!\u00ab <!--more--><\/p>\n<div style=\"width: 230px; float:left; border: 1px solid #ACADAE; margin: 5px 5px 5px 0px; font-size: 11px;\">\n<div style=\"text-align: center; margin: 5px 5px 5px 5px;\"><strong>Der Tannenbaum <\/strong> <br \/> Von Tove Jansson<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/2008\/45\/wissen\/kinderzeit\/hoeren-220.jpg\" alt=\"Kinderzeit Audio\"\/><span style=\"font-size: 10px;\">&copy; photocase <\/span><\/div>\n<div style=\"width: 230px; margin: 5px 5px 5px 20px;\">\n<table width=\"200\" align=\"left\" border=\"0\" cellpadding=\"0\" cellspacing=\"0\">\n<tr>\n<td style=\"padding-bottom: 5px;\"><a href=\"javascript:open_mp3('var_mp3_file=081120\/081120_1227169420-01&amp;var_mp3_artist=Von Tove Jansson&amp;var_mp3_title=Der Tannenbaum&amp;ressort=a_Wissen&amp;sub_ressort=Bildung');\"><strong>Gleich Anh&ouml;ren <\/strong> &raquo;<\/a><\/td>\n<td style=\"padding-bottom: 5px; width: 25px;\">\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding-bottom: 5px;\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/48_Vorlesegeschichte_dl.zip\"> <strong>Zum Herunterladen<\/strong> &raquo;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"padding-bottom: 5px;\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/category\/vorlesegeschichte\"><strong>Alle Folgen im \u00dcberblick<\/strong> &raquo;<\/a> <\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Dort unten lag die Muminfamilie wie immer im Winterschlaf. Sie schliefen schon seit vielen Monaten und hatten vor, bis zum Fr\u00fchling weiterzuschlafen. Der Schlaf hatte sie ruhig und behaglich durch einen einzigen langen, warmen Sommernachmittag gewiegt. Jetzt drangen pl\u00f6tzlich Unruhe und kalte Luft in Mumins Tr\u00e4ume. Und dann war da jemand, der ihm die Decke wegzog und schrie, er habe ihn satt, und gleich sei Weihnachten.<\/p>\n<p>\u00bbIst schon Fr\u00fchling?\u00ab, murmelte Mumin. \u00bbFr\u00fchling?\u00ab, sagte der Hemul nerv\u00f6s. \u00bbEs ist Weihnachten, verstehst du, Weihnachten. Und ich hab noch nichts besorgt und nichts vorbereitet, und dann schicken sie mich auch noch hierher, um euch auszugraben. Die Handschuhe sind wahrscheinlich verloren. Und alle rennen wie verr\u00fcckt durch die Gegend, und nichts ist erledigt\u2026\u00ab Und damit stapfte der Hemul wieder die Treppe nach oben und kletterte durch die Dachluke aufs Dach.<\/p>\n<p>\u00bbMutter, wach auf\u00ab, sagte Mumin erschrocken. \u00bbIrgendwas Schreckliches ist passiert. Sie nennen es Weihnachten.\u00ab \u2013 \u00bbWas soll das hei\u00dfen?\u00ab, fragte die Muminmutter und streckte ihre Schnauze unter der Decke hervor. \u00bbIch wei\u00df nicht so recht\u00ab, sagte ihr Sohn. \u00bbAber nichts ist vorbereitet, und irgendwas ist verloren gegangen, und alle rennen wie verr\u00fcckt durch die Gegend. Vielleicht ist es eine \u00dcberschwemmung.\u00ab Vorsichtig sch\u00fcttelte er das Snorkfr\u00e4ulein und fl\u00fcsterte: \u00bbHab keine Angst, aber es ist was Schreckliches passiert.\u00ab \u2013 \u00bbImmer sch\u00f6n ruhig bleiben\u00ab, sagte der Muminvater. \u00bbVor allem die Ruhe bewahren.\u00ab Dann ging er in den Salon und zog die Uhr auf, die seit letztem Oktober stehen geblieben war. Sie folgten der nassen Spur des Hemuls nach oben auf den Dachboden und kletterten aufs Dach des Muminhauses hinaus.<\/p>\n<p>Der Himmel war blau wie immer, also konnte es sich diesmal nicht um Feuer speiende Berge handeln. Aber das ganze Tal war voller nasser Watte, die Berge, die B\u00e4ume, der Fluss und das ganze Haus. Und es war kalt, viel k\u00e4lter als im April. \u00bbIst es das hier, was sie Weihnachten nennen?\u00ab, fragte der Muminvater erstaunt. Er nahm eine Pfote voller Watte und sah sie an. \u00bbM\u00f6chte blo\u00df wissen, ob so was aus der Erde w\u00e4chst oder vom Himmel herunterf\u00e4llt\u00ab, sagte er. \u00bbWenn das alles auf einmal gekommen ist, muss es sehr unangenehm gewesen sein.\u00ab \u2013 \u00bbAber Papa, das ist Schnee\u00ab, sagte Mumin. \u00bbIch wei\u00df, dass es Schnee ist, und der kommt nicht auf einmal herunter.\u00ab \u2013 \u00bbAch, tats\u00e4chlich?\u00ab, sagte der Muminvater. \u00bbAber unangenehm war es sicher trotzdem.\u00ab<\/p>\n<p>Die Tante des Hemuls fuhr gerade vorbei. Auf ihrem Tretschlitten lag ein Tannenbaum. \u00bbAha, ihr seid endlich aufgewacht\u00ab, stellte sie gleichg\u00fcltig fest. \u00bbBesorgt euch schnell einen Baum, bevor es dunkel wird.\u00ab \u2013 \u00bbAber warum?\u00ab, begann der Muminvater. \u00bbHab jetzt keine Zeit mehr f\u00fcr euch\u00ab, rief die Tante \u00fcber die Schulter und flitzte weiter.<\/p>\n<p>\u00bbBevor es dunkel wird\u00ab, fl\u00fcsterte das Snorkfr\u00e4ulein. \u00bbSie hat gesagt, bevor es dunkel wird. Also kommt das Gef\u00e4hrliche heute Abend\u2026\u00ab \u2013 \u00bbOffensichtlich braucht man einen Tannenbaum, um damit fertig zu werden\u00ab, sagte der Muminvater nachdenklich. \u00bbIch begreife das alles nicht.\u00ab \u2013 \u00bbIch auch nicht\u00ab, sagte die Muminmutter sanft. \u00bbAber zieht euch Schals und warme Socken an, wenn ihr euch auf den Weg macht, um diesen Baum zu holen. Ich versuche so lange, den Kachelofen zu heizen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Muminvater beschloss, trotz der drohenden Katastrophe keine von seinen eigenen Tannen zu holen, die waren ihm n\u00e4mlich lieb und teuer. Stattdessen kletterten sie \u00fcber den Zaun der Gafsa und suchten einen gro\u00dfen Baum aus, f\u00fcr den die Gafsa bestimmt keine besondere Verwendung hatte. \u00bbGlaubst du, dass man sich darin verstecken soll?\u00ab, fragte Mumin. \u00bbWei\u00df ich nicht\u00ab, sagte der Muminvater und hackte weiter. \u00bbDas alles ist mir v\u00f6llig unbegreiflich.\u00ab Sie waren fast schon unten am Fluss, als die Gafsa ihnen entgegengest\u00fcrzt kam, mit einem Berg von T\u00fcten und Paketen im Arm. Sie war ganz rot im Gesicht und sehr aufgeregt und hatte es zum Gl\u00fcck zu eilig, um ihre eigene Tanne wiederzuerkennen. \u00bbNichts als L\u00e4rm und Gedr\u00e4nge!\u00ab, schrie die Gafsa. \u00bbUnerzogenen Igeln sollte es nicht gestattet sein\u2026 Und wie ich eben erst zur Misa gesagt habe, ist es eine Schande, dass\u2026\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDer Tannenbaum\u00ab, sagte der Muminvater und hielt die Gafsa verzweifelt an ihrem Pelzkragen fest. \u00bbWas muss man denn mit seinem Tannenbaum tun?\u00ab \u2013 \u00bbDer Tannenbaum\u00ab, wiederholte die Gafsa verwirrt. \u00bbDer Tannenbaum? Oh Schreck! Nein, das ist ja unertr\u00e4glich\u2026 der muss ja noch herausgeputzt werden\u2026 wie soll ich das nur schaffen\u2026\u00ab Und dann fielen ihr s\u00e4mtliche Pakete in den Schnee, und die M\u00fctze rutschte ihr \u00fcber die Schnauze, worauf sie vor Nervosit\u00e4t fast in Tr\u00e4nen ausbrach.<\/p>\n<p>Der Muminvater sch\u00fcttelte den Kopf und hob den Baum, den er hingelegt hatte, wieder auf. Daheim hatte die Muminmutter die Veranda freigeschaufelt und Schwimmwesten und Aspirin, die Flinte des Muminvaters und warme Wickel hervorgeholt. F\u00fcr alle F\u00e4lle. Ein kleines Kn\u00fctt sa\u00df auf der \u00e4u\u00dfersten Sofakante und trank Tee. Es hatte unter der Veranda im Schnee gehockt und so kl\u00e4glich ausgesehen, dass die Muminmutter es ins Haus gebeten hatte. \u00bbSo, hier haben wir den Baum\u00ab, sagte der Muminvater. \u00bbWenn wir jetzt nur w\u00fcssten, wozu man den braucht. Die Gafsa behauptet, man m\u00fcsse ihn putzen.\u00ab \u2013 \u00bbAber der ist doch ganz sauber\u00ab, wandte die Muminmutter ein. \u00bbWas kann sie nur damit gemeint haben?\u00ab<\/p>\n<p>Oh, ist der sch\u00f6n\u00ab, rief das kleine Kn\u00fctt aus, und dann verschluckte es sich vor lauter Sch\u00fcchternheit am Tee und bereute, dass es \u00fcberhaupt gewagt hatte, etwas zu sagen. \u00bbWei\u00dft du, wie man einen Baum putzt?\u00ab, fragte das Snorkfr\u00e4ulein. Das Kn\u00fctt err\u00f6tete heftig und fl\u00fcsterte: \u00bbMit sch\u00f6nen Sachen. So sch\u00f6n, wie es \u00fcberhaupt geht. Das hab ich geh\u00f6rt.\u00ab Dann wurde es von seiner Sch\u00fcchternheit \u00fcberw\u00e4ltigt, schlug die Pfoten vors Gesicht, kippte die Teetasse um und verschwand zur Verandat\u00fcr hinaus.<\/p>\n<p>\u00bbSeid bitte eine Weile still, ich muss jetzt n\u00e4mlich nachdenken\u00ab, sagte der Muminvater. \u00bbDer Baum soll so sch\u00f6n wie m\u00f6glich werden! Dann muss man sich also nicht in ihm verstecken, sondern mit ihm die Gefahr gn\u00e4dig stimmen. Allm\u00e4hlich begreife ich, um was es eigentlich geht.\u00ab Sie trugen den Baum sofort in den Garten hinaus und pflanzten ihn fest in den Schnee. Dann fingen sie an, ihn von oben bis unten mit allen sch\u00f6nen Sachen zu schm\u00fccken, die ihnen nur einfielen. Sie dekorierten ihn mit den Muscheln aus den Sommerbeeten und mit der Perlenkette des Snorkfr\u00e4uleins. Sie holten die Kristalle aus der Salonlampe herunter und h\u00e4ngten sie in die Zweige, und an die Spitze steckten sie eine rote Seidenrose, die der Muminvater der Muminmutter einmal geschenkt hatte. Jeder brachte das Sch\u00f6nste, was er besa\u00df, um die unbegreiflichen M\u00e4chte des Winters gn\u00e4dig zu stimmen.<\/p>\n<p>Als der Baum fertig geschm\u00fcckt war, kam die Tante des Hemuls wieder auf ihrem Tretschlitten vorbei. Diesmal fuhr sie in die andere Richtung und hatte es, wenn m\u00f6glich, noch eiliger. \u00bbSchau mal, unser Baum\u00ab, rief Mumin. \u00bbAllm\u00e4chtiger\u00ab, sagte die Tante des Hemuls. \u00bbAber ihr seid ja schon immer komisch gewesen. Muss jetzt weiter\u2026 Muss f\u00fcr Weihnachten Essen kochen.\u00ab \u2013 \u00bbEssen f\u00fcr Weihnachten?\u00ab, wiederholte Mumin verwundert. \u00bbBraucht dieser seltsame Weihnachten denn auch was zu essen?\u00ab Die Tante h\u00f6rte nicht zu. \u00bbGlaubt ihr, man kommt ohne Weihnachtsessen aus?\u00ab, sagte sie ungeduldig und fuhr auf ihrem Tretschlitten den Hang hinunter.<\/p>\n<p>Den ganzen Nachmittag eilte die Muminmutter emsig hin und her. Und kurz vor Einbruch der D\u00e4mmerung stand das Weihnachtsessen fertig und in Sch\u00fcsseln verteilt rings um den Tannenbaum. Da gab es Saft und Dickmilch, Heidelbeerpastete und Eierpunsch und alles M\u00f6gliche sonst, was der Muminfamilie schmeckte. \u00bbWas meint ihr, ist Weihnachten wohl sehr hungrig?\u00ab, fragte die Muminmutter besorgt. \u00bbKaum hungriger als ich\u00ab, sagte der Muminvater sehns\u00fcchtig. Er hockte frierend im Schnee und hatte sich die Decke bis an die Ohren hinaufgezogen. Wenn man sehr klein ist, muss man den gro\u00dfen M\u00e4chten der Natur gegen\u00fcber eben ganz besonders h\u00f6flich sein, dachte er.<\/p>\n<p>Unten im Tal gingen in allen Fenstern die Lichter an. Es leuchtete unter den B\u00e4umen hervor und aus jedem einzelnen Nest oben in den Zweigen. Flatternde Lichter eilten \u00fcber den Schnee hin und her. Mumin sah seinen Vater an. \u00bbJa\u00ab, sagte der Muminvater. \u00bbSicherheitshalber.\u00ab Also ging Mumin ins Haus und suchte alle Kerzen zusammen, die er finden konnte. Dann steckte er sie um den Baum herum in den Schnee und z\u00fcndete sie vorsichtig an, eine nach der anderen, bis alle brannten, um die Dunkelheit und Weihnachten gn\u00e4dig zu stimmen. Allm\u00e4hlich wurde es ganz still im Tal. Wahrscheinlich waren alle nach Hause gegangen und sa\u00dfen jetzt da und warteten auf die Gefahr, die auf sie zukam. Nur ein einziger einsamer Schatten irrte noch zwischen den B\u00e4umen umher \u2013 der Hemul.<\/p>\n<p>\u00bbHallo\u00ab, rief Mumin leise. \u00bbKommt es jetzt bald?\u00ab \u2013 \u00bbSt\u00f6r mich nicht\u00ab, versetzte der Hemul verdrie\u00dflich. Er hatte die Schnauze in eine lange Liste gesteckt, auf der fast alles durchgestrichen war. Er setzte sich neben eine der Kerzen und fing an zu z\u00e4hlen. \u00bbMutter, Vater, Gafsa\u00ab, murmelte er. \u00bbDie Cousinen\u2026 der \u00e4lteste Igel\u2026 die Kleinen brauchen nichts. Letztes Jahr hab ich vom Schn\u00fcferl auch nichts gekriegt. Die Misa, der Homsa, die Tante\u2026 ich glaub, ich werd noch verr\u00fcckt.\u00ab \u2013 \u00bbWas ist denn?\u00ab, fragte das Snorkfr\u00e4ulein \u00e4ngstlich. \u00bbIst ihnen was zugesto\u00dfen?\u00ab \u2013 \u00bbGeschenke\u00ab, rief der Hemul aus. \u00bbMit jedem Weihnachten immer mehr Geschenke!\u00ab Er machte ein zittriges Kreuz auf seine Liste und irrte weiter. \u00bbWarte!\u00ab, rief Mumin. \u00bbErkl\u00e4r uns doch\u2026 Und deine Handschuhe\u2026\u00ab Doch der Hemul verschwand in der Dunkelheit, genau wie alle andern, die es eilig hatten und au\u00dfer sich waren, weil Weihnachten vor der T\u00fcr stand.<\/p>\n<p>Da ging die Muminfamilie still und friedlich in ihr Haus, um Geschenke hervorzusuchen. Der Muminvater w\u00e4hlte seinen besten Hechtspinner, der in einer sehr sch\u00f6nen Schachtel lag. Auf die Schachtel schrieb er \u00bbF\u00fcr Weihnachten\u00ab und legte sie dann in den Schnee hinaus. Das Snorkfr\u00e4ulein zog ihren Fu\u00dfring aus und wickelte ihn leicht seufzend in Seidenpapier. Und die Muminmutter \u00f6ffnete ihre geheimste Schublade und holte das Buch mit den bunten Bildern heraus, das einzige farbige Buch im ganzen Tal. Das, was Mumin verpackte, war so sch\u00f6n und so privat, dass niemand es sehen durfte. Nicht einmal sp\u00e4ter, im Fr\u00fchling, verriet er, was er verschenkt hatte. Dann setzten sie sich alle in den Schnee und warteten auf die Katastrophe.<\/p>\n<p>Die Zeit verging, aber nichts geschah. Nur das kleine Kn\u00fctt, das bei ihnen Tee getrunken hatte, tauchte hinterm Holzschuppen auf. Es hatte alle seine Verwandten und die Freunde der Verwandten mitgebracht, und alle waren genauso klein und grau und k\u00fcmmerlich und verfroren. \u00bbFrohe Weihnachten\u00ab, fl\u00fcsterte das Kn\u00fctt. \u00bbDu bist wirklich der Erste, der sagt, Weihnachten sei froh\u00ab, bemerkte der Muminvater. \u00bbHast du denn keine Angst vor dem, was passiert, wenn Weihnachten kommt?\u00ab \u2013 \u00bbWeihnachten ist doch schon da\u00ab, murmelte das Kn\u00fctt und setzte sich mit seinen Verwandten in den Schnee. \u00bbDarf man sich das anschauen? Ihr habt einen wundersch\u00f6nen Baum.\u00ab \u2013 \u00bbUnd das viele Essen\u00ab, sagte einer der Verwandten and\u00e4chtig. \u00bbUnd richtige Geschenke\u00ab, sagte ein weiterer Verwandter. \u00bbMein ganzes Leben lang hab ich davon getr\u00e4umt, so etwas aus der N\u00e4he zu sehen\u00ab, schloss das Kn\u00fctt mit einem Seufzer.<\/p>\n<p>Alle schwiegen. Die Kerzen brannten mit unbewegter Flamme in der friedlichen Nacht. Das Kn\u00fctt und seine Verwandten sa\u00dfen ganz still da. Ihre Bewunderung und ihre Sehnsucht wurden immer st\u00e4rker sp\u00fcrbar, bis die Muminmutter schlie\u00dflich n\u00e4her an den Muminvater heranr\u00fcckte und fl\u00fcsterte: \u00bbFindest du nicht auch?\u00ab \u2013 \u00bbJa, aber wenn\u00ab, wandte der Muminvater ein. \u00bbTrotzdem\u00ab, sagte Mumin. \u00bbWenn Weihnachten sich dar\u00fcber aufregt, k\u00f6nnen wir uns vielleicht auf die Veranda retten.\u00ab Dann drehte er sich zum Kn\u00fctt um und sagte: \u00bbBitte sehr, das geh\u00f6rt alles euch.\u00ab<\/p>\n<p>Das Kn\u00fctt traute seinen Augen nicht. Es trat vorsichtig an den Baum heran, und die ganze Reihe von Verwandten und Freunden folgte mit ehrf\u00fcrchtig zitternden Schnurrhaaren hinterher. Sie hatten noch nie ein eigenes Weihnachten gehabt. \u00bbIch glaube, wir machen uns jetzt sicherheitshalber lieber aus dem Staub\u00ab, sagte der Muminvater unruhig. Sie liefen rasch auf die Veranda und versteckten sich unterm Tisch. Nichts geschah. Nach einiger Zeit sp\u00e4hten sie \u00e4ngstlich aus dem Fenster. Drau\u00dfen sa\u00df die kleine Schar, a\u00df, trank, packte Geschenke aus und war so vergn\u00fcgt wie nie zuvor. Schlie\u00dflich kletterten sie auf den Baum und befestigten die brennenden Kerzen an den Zweigen. \u00bbAber an der Spitze m\u00fcsste eigentlich ein gro\u00dfer Stern stecken\u00ab, sagte der Onkel des Kn\u00fctts. \u00bbFindest du?\u00ab, sagte das Kn\u00fctt und betrachtete nachdenklich die rote Seidenrose der Muminmutter. \u00bbIst das wirklich so wichtig? Hauptsache ist doch, dass die Idee stimmt, oder?\u00ab \u2013 \u00bbWir h\u00e4tten also auch noch einen Stern besorgen m\u00fcssen\u00ab, fl\u00fcsterte die Muminmutter. \u00bbAber das ist ja unm\u00f6glich!\u00ab Sie schauten in den Himmel hinauf, er war fern und schwarz, aber \u00fcbers\u00e4t mit Sternen, tausend Mal mehr als im Sommer. Und der gr\u00f6\u00dfte Stern von allen hing genau \u00fcber der Spitze ihres Baums.<\/p>\n<p>\u00bbIch glaube, ich bin ein bisschen m\u00fcde\u00ab, sagte die Muminmutter. \u00bbUnd ich mag mir jetzt nicht mehr den Kopf dar\u00fcber zerbrechen, was das alles zu bedeuten hat. Aber es scheint ja gut zu gehen.\u00ab \u2013 \u00bbJedenfalls hab ich keine Angst mehr vor Weihnachten\u00ab, sagte Mumin. \u00bbDer Hemul, die Gafsa und die Tante m\u00fcssen die ganze Sache irgendwie falsch verstanden haben.\u00ab Damit legten sie die gelben Fausthandschuhe des Hemuls aufs Verandagel\u00e4nder, wo er sie sofort sehen musste, und begaben sich ins Haus, um weiterzuschlafen, w\u00e4hrend sie auf den Fr\u00fchling warteten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. November ist Vorlesetag. Aber diese Geschichte eignet sich f\u00fcr den ganzen Winter: Hemule, Gafsas, Kn\u00fctts \u2013 alle Wesen des Trollwaldes laufen aufgeregt durcheinander, weil bald Weihnachten ist. 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