{"id":2520,"date":"2009-10-29T15:30:59","date_gmt":"2009-10-29T13:30:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=2520"},"modified":"2009-10-28T16:19:13","modified_gmt":"2009-10-28T14:19:13","slug":"politik-im-karton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2009\/10\/29\/politik-im-karton_2520","title":{"rendered":"Politik im Karton"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/2009\/39\/KinderZEIT\/45\/umzug.jpg\/umzug.jpg-540x304.jpg\" alt=\"KinderZEIT\" \/><span style=\"font-size: 10px;\">\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.steffenroth.com\/\" target=\"_blank\">Steffen Roth<\/a><\/span><\/p>\n<p><strong>Vier Jahre lang haben die Mitglieder einer Bundesregierung Zeit, etwas f\u00fcr das Land zu tun. Wenn die W\u00e4hler dann eine andere Regierung bestimmen, hei\u00dft es: Ausziehen!<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Peter Dausend<\/em><\/p>\n<p>Michael M\u00fcller zieht um. Er muss. Ihm bleiben zwar noch ein paar Tage Zeit, weil der Nachmieter noch nicht gleich einzieht, doch die Umzugskartons stehen bereits in seinem B\u00fcro im Berliner Bundesumweltministerium, zusammengefaltet lehnen sie an der Wand. Herr M\u00fcller steht aus seinem Stuhl auf, geht um den Schreibtisch herum, schnappt sich einen Karton, faltet vier Streifen Wellpappe zum Boden zusammen, richtet die Seitenw\u00e4nde auf, stellt die entstandene Pappkiste auf seinen Besuchertisch und f\u00e4ngt an, B\u00fccher einzupacken. Das ist ein ziemlich trauriger Anblick. Es sieht ein wenig so aus, als packe Herr M\u00fcller sein ganzes Leben zusammen. Dabei, sagt er, \u00bbwusste ich schon l\u00e4nger, dass es so kommen w\u00fcrde\u00ab.<!--more--><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/2009\/39\/KinderZEIT\/45\/mueller.jpg\/mueller.jpg-540x304.jpg\" alt=\"KinderZEIT\" \/><span style=\"font-size: 10px;\">\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.steffenroth.com\/\" target=\"_blank\">Steffen Roth<\/a><\/span><\/p>\n<p>Herr M\u00fcller muss aus seinem B\u00fcro ausziehen, weil seine Partei, die SPD, die Bundestagswahl am 27. September verloren hat. Bis dahin hat die SPD zusammen mit der CDU und der CSU, die man gemeinsam \u00bbUnion\u00ab nennt, das Land regiert. Vom 28. Oktober an, wenn Angela Merkel im Bundestag erneut zur Bundeskanzlerin gew\u00e4hlt wird, bildet die Union zusammen mit der FDP die neue Regierung. Die SPD wird dann in der Opposition sein \u2013 und Herr M\u00fcller verliert seinen Job. \u00bbEin bisschen wehm\u00fctig bin ich schon\u00ab, sagt Herr M\u00fcller, \u00bbaber ein Regierungswechsel geh\u00f6rt nun mal mit zum Spiel.\u00ab<br \/>\nMichael M\u00fcller ist 61 Jahre alt und war einer von insgesamt drei Staatssekret\u00e4ren im Umweltministerium. Staatssekret\u00e4re sind die engsten Mitarbeiter eines Ministers. Vier Jahre lang, vom Herbst 2005 bis jetzt, hat Herr M\u00fcller in seinem B\u00fcro am Berliner Alexanderplatz gearbeitet. Sein Thema, die Umweltpolitik, begleitet ihn aber schon sein ganzes Politikerleben, seit mehr als 30 Jahren. Herr M\u00fcller, ein recht kleiner Mann mit Nickelbrille und nicht mehr ganz so vielen Haaren auf dem Kopf, spricht aber nicht so gern von \u00bbUmwelt\u00ab, lieber sagt er \u00bbMitwelt\u00ab. Und wenn ihm ein letzter Wunsch an seinem Arbeitsplatz erf\u00fcllt w\u00fcrde, dann w\u00fcrde er das \u00bbUmweltministerium\u00ab in \u00bbLebensministerium\u00ab umtaufen. Mitwelt und Lebensministerium \u2013 Herr M\u00fcller glaubt, dass diese Begriffe besser beschreiben, wie wichtig die Arbeit ist, die Politiker wie er leisten m\u00fcssen. Er h\u00e4lt sie f\u00fcr \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/bilder\/2009\/39\/KinderZEIT\/45\/lindner.jpg\/lindner.jpg-540x304.jpg\" alt=\"KinderZEIT\" \/><span style=\"font-size: 10px;\">\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.steffenroth.com\/\" target=\"_blank\">Steffen Roth<\/a><\/span><br \/>\nChristian Lindner zieht auch um. Er darf. Er wei\u00df nur noch nicht so genau, wohin. Herr Lindner ist 30 Jahre alt und neu in den Bundestag gew\u00e4hlt worden. Zuvor war er neuneinhalb Jahre lang Landtagsabgeordneter f\u00fcr die FDP in Nordrhein-Westfalen. Nebenher hat er Politik, \u00d6ffentliches Recht und Philosophie studiert. Seine Koffer stehen noch in D\u00fcsseldorf. Wenn er nach Berlin kommt, schl\u00e4ft er bei Freunden, ein eigenes B\u00fcro hat er noch nicht. Eine Wohnung sucht er sich jetzt selbst, sein B\u00fcro bekommt er zugewiesen von der Bundestagsverwaltung. Die hat ihm auch einen vorl\u00e4ufigen Abgeordnetenausweis ausgeh\u00e4ndigt und ihm die Telefonnummern von der Reisestelle und der Fahrbereitschaft des Bundestags gegeben. Jetzt muss Herr Lindner nur noch anrufen \u2013 und schon wartet ein Wagen vor der T\u00fcr. Das geh\u00f6rt zu den angenehmeren Seiten des Abgeordnetenlebens.<br \/>\n622 Abgeordnete werden dem neu gew\u00e4hlten Deutschen Bundestag angeh\u00f6ren. Viele von ihnen sind zum ersten Mal dabei, viele alte scheiden aus. Das gro\u00dfe Umziehen, das nun allerorten zu erleben ist, haben die W\u00e4hler veranlasst. Mit ihren Stimmen haben sie bei der Bundestagswahl entschieden, welche Partei wie viele Abgeordnete in den Bundestag entsenden darf \u2013 und wer mit wem ein Regierungsb\u00fcndnis, eine Koalition, eingehen kann. In dieser Koalition arbeiten dann f\u00fcr vier Jahre Kanzlerin, Vizekanzler und die Minister zusammen \u2013 und auf der Ebene direkt darunter die Staatssekret\u00e4re.<br \/>\nAls Herr Lindner, ein schlanker Mann mit blonden Haaren, den man stets \u2013 ganz im Gegensatz \u00fcbrigens zu Herrn M\u00fcller \u2013 in Anzug, farblich abgestimmter Krawatte und mit modischen Manschettenkn\u00f6pfen antrifft, am 28. September zum ersten Treffen der FDP-Abgeordneten nach Berlin kam, fand er Unterschlupf im B\u00fcro seines Kollegen Werner Hoyer. Dort arbeitet er im Moment immer noch. Ein Laptop, ein Drucker, ein Stuhl \u2013 damit muss er sich vorerst begn\u00fcgen. Im November wird er sein eigenes B\u00fcro beziehen. Mancher andere Neuling, so erz\u00e4hlt Lindner, m\u00fcsse wohl sogar bis Dezember warten. Dann sollen auch die letzten B\u00fcros jener Abgeordneten, die nun aus dem Bundestag ausscheiden, renoviert sein. Auch diese Neulinge haben ihre \u00bbNotschreibtische\u00ab bei Kollegen aufgestellt. Wenn man bedenkt, dass jeder neue Abgeordnete in den n\u00e4chsten Tagen zwei oder drei Mitarbeiter einstellt, d\u00fcrfte es in diesen B\u00fcros bald sehr eng werden. \u00bbWie soll man da vern\u00fcnftig arbeiten?\u00ab, st\u00f6hnt Lindner. Das, der leicht chaotische Einstieg, geh\u00f6rt zu den eher unbequemen Seiten des Parlamentarierlebens.<br \/>\nDer guten Laune von Herrn Lindner schadet das aber \u00fcberhaupt nicht. Seine Partei, die FDP, hat bei der Wahl ein sehr gutes Ergebnis erzielt, sie darf nun mitregieren. Sein erster Eindruck? \u00bbHier im Berlin herrscht ein viel h\u00f6heres Tempo als in D\u00fcsseldorf\u00ab, sagt Herr Lindner. Dann f\u00fcgt er rasch noch \u00bbIch finde das toll\u00ab zu und l\u00e4chelt dann fr\u00f6hlich.<br \/>\nDer etwas weniger fr\u00f6hliche Herr M\u00fcller hat seine Umzugskarton nun vollgepackt. Das reicht f\u00fcr heute. Sein Lieblingsgegenstand im B\u00fcro, ein pers\u00f6nlicher Brief des ber\u00fchmten Bundeskanzlers Willy Brandt, des wohl bedeutendsten Sozialdemokraten des letzten Jahrhunderts, darf noch ein wenig an der Wand h\u00e4ngen bleiben. \u00bbDen pack ich als Letztes ein\u00ab, sagt Herr M\u00fcller.<br \/>\n950 Mitarbeiter sind im Umweltministerium besch\u00e4ftigt. Ausziehen m\u00fcssen nur die vier an der Spitze, die politische Leitung, der Minister und die drei Staatssekret\u00e4re, alle von der SPD. Ausz\u00fcge, das wei\u00df Herr M\u00fcller, geh\u00f6ren zum politischen Alltag, im Bundestag wie in den Ministerien. Ein ewiges Bleiberecht im Amt gibt es f\u00fcr niemanden. Keinem geh\u00f6rt der Laden. Nicht Herrn M\u00fcller \u2013 und auch nicht seinem Nachfolger. Jeder, der einzieht, zieht auch irgendwann aus. Das ist Demokratie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a9 Steffen Roth Vier Jahre lang haben die Mitglieder einer Bundesregierung Zeit, etwas f\u00fcr das Land zu tun. Wenn die W\u00e4hler dann eine andere Regierung bestimmen, hei\u00dft es: Ausziehen! Von Peter Dausend Michael M\u00fcller zieht um. Er muss. 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