{"id":2659,"date":"2009-11-12T12:00:59","date_gmt":"2009-11-12T11:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=2659"},"modified":"2009-11-11T15:56:55","modified_gmt":"2009-11-11T14:56:55","slug":"willkommen-im-pott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2009\/11\/12\/willkommen-im-pott_2659","title":{"rendered":"Willkommen im Pott!"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><figure style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignnone\"><strong><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/2009\/39\/KinderZEIT\/47\/ruhrpott.jpg\/ruhrpott.jpg-540x304.jpg\" alt=\"\u00a9 Kirsten Neumann\/ ddp\" width=\"540\" height=\"304\" \/><\/strong><\/strong><figcaption class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Kirsten Neumann\/ ddp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Ruhrpott oder kurz Pott nennen viele Menschen das Ruhrgebiet. Im n\u00e4chsten Jahr soll ganz Europa dorthin schauen, denn dann wird die Region Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt.<\/strong> <em>Henning Su\u00dfebach<\/em> <strong>erz\u00e4hlt, was dort so besonders ist<\/strong><\/p>\n<p>Ruhrgebiet \u2013 manchmal reicht ein einziges Wort, und die Menschen haben ganz viele Bilder vor Augen. Wenn Erwachsene zum Beispiel das Wort Ruhrgebiet h\u00f6ren, kommt ihnen so einiges in den Sinn, alles gleichzeitig und sehr durcheinander: Bergleute mit kohlrabenschwarzen Gesichtern. Seltsame Ortsnamen wie Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel. Aufregende Fu\u00dfballspiele zwischen Vereinen wie Borussia Dortmund und Schalke 04. W\u00fctende Demonstranten vor rostroten Fabriken. Und ganz viel Kultur (auch wenn man sich Kultur nicht so gut vorstellen kann). Manches von dem, was Erwachsene \u00fcber das Ruhrgebiet denken, stimmt heute gar nicht mehr, anderes ist \u00fcbertrieben. Richtig ist aber, dass die Bergleute von fr\u00fcher einiges mit der Kultur von heute zu tun haben. Und das kam so:<!--more-->Dort, wo heute \u00fcber f\u00fcnf Millionen Menschen leben (mehr als in Berlin!), war vor zweihundert Jahren: fast nichts! Der Fluss Ruhr schl\u00e4ngelte sich beschaulich durch ein bewaldetes Tal. St\u00e4dte wie Duisburg und Dortmund hatten nur 5000 Einwohner. Die meisten Menschen in der Gegend waren Bauern. Doch es gab etwas ganz Besonderes unter ihren \u00c4ckern: Kohle. Ein schwarzer Stein, der brennt und gl\u00fcht. Viele Jahrhunderte lang heizten die Bauern damit ihre H\u00e4user, sonst interessierte sich sich niemand f\u00fcr die Kohle. Um das Jahr 1840 passierte dann etwas, was man heute \u00bbIndustrialisierung\u00ab nennt: Die Menschen errichteten gro\u00dfe Fabriken, in denen sie Maschinen bauten. Oder Lokomotiven. Daf\u00fcr brauchten sie Eisen. Und um das harte Eisen in die Form einer Lokomotive zu kriegen, mussten sie es einschmelzen. Daf\u00fcr brauchten sie Kohle.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2740\" aria-describedby=\"caption-attachment-2740\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2740\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/rauch.jpg\" alt=\"Foto: Keystone\/Getty Images\" width=\"210\" height=\"295\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2740\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Keystone\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In kurzer Zeit wurden im Ruhrgebiet ganz viele Bergwerke gebaut, \u00bbZechen\u00ab genannt. Im Jahr 1920 gab es 196 dieser Zechen, in denen tief unter der Erde fast eine halbe Million Bergleute arbeiteten \u2013 kohlrabenschwarz kamen sie nach Dienstschluss wieder ans Licht. Nicht nur die Bergm\u00e4nner waren damals dreckig, sondern auch die Luft und die Fl\u00fcsse.<br \/>\nMenschen von weither str\u00f6mten herbei, um im Ruhrgebiet Geld zu verdienen. Die D\u00f6rfer wurden immer gr\u00f6\u00dfer und wuchsen ineinander, zum Beispiel Castrop und Rauxel oder Wanne und Eickel. Die neuen Bewohner kamen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen L\u00e4ndern wie Polen. Deshalb haben viele Familien im Ruhrgebiet bis heute Namen wie Wyputta oder Szymaniak.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2739\" aria-describedby=\"caption-attachment-2739\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2739\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/kumpel.jpg\" alt=\"Foto: Fred Ramage\/Keystone Features\/Getty Images\" width=\"210\" height=\"198\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2739\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Fred Ramage\/Keystone Features\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Arbeit im Bergwerk war gef\u00e4hrlich. Manchmal st\u00fcrzten Tunnel und Sch\u00e4chte ein, Menschen starben. Die Bergleute waren sehr stolz auf ihre Leistung, trugen eigene Uniformen und sangen eigene Lieder. Die Besitzer der Bergwerke wurden reich. Einige bauten Zechen, die so sch\u00f6n waren wie Kirchen oder Ritterburgen. So entstand im Ruhrgebiet eine ganz eigene Kultur.<br \/>\nDoch nach nur wenigen Jahrzehnten gab es eine gro\u00dfe Krise. Kohle aus anderen Teilen der Welt war pl\u00f6tzlich billiger. Sie kam auf Schiffen und mit Z\u00fcgen nach Deutschland. Deshalb mussten fast alle Zechen schlie\u00dfen, sp\u00e4ter auch die Stahlwerke. So kam es zu w\u00fctenden Demonstranten vor Fabriken. Etwa 700\u2008000 Arbeitspl\u00e4tze gingen verloren. Die Politiker im Ruhrgebiet mussten sich etwas Neues ausdenken: Sie bauten Universit\u00e4ten und Forschungsparks und nannten das \u00bbStrukturwandel\u00ab. Sie merkten auch, dass man in den alten, leeren Zechen und Fabriken gut Theater spielen oder Konzerte geben kann. Die Zeche Zollverein in Essen ist sogar zum \u00bbWeltkulturerbe\u00ab ernannt worden. Weltkulturerbe sind auch die Pyramiden in \u00c4gypten.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2748\" aria-describedby=\"caption-attachment-2748\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2748\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/theater.jpg\" alt=\"Foto: Kirsten Neumann\/ ddp\" width=\"210\" height=\"176\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2748\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Kirsten Neumann\/ ddp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das klingt so, als habe das Ruhrgebiet die Krise ganz gut \u00fcberstanden. Im n\u00e4chsten Jahr wird es sogar Europas Kulturhauptstadt sein, mit noch mehr Theater und Konzerten. Doch leider hilft das nicht allen. Zwar haben viele Bergleute und Fabrikarbeiter wieder einen Job gefunden. Und darauf sind alle im Ruhrgebiet wieder sehr stolz. (Auch darauf, dass die Luft nicht mehr dreckig ist und dass Angler in der Ruhr wieder Lachse fangen. Denn diese Fische findet man nur in sauberem Wasser.) Doch noch immer sind im Ruhrgebiet mehr Menschen arbeitslos als im Rest Deutschlands. Deshalb wissen viele Leute dort bis heute nicht so recht, ob es ihnen gut geht oder schlecht. Und auch nicht, ob sie alle zusammengeh\u00f6ren oder nicht \u2013 obwohl ihre St\u00e4dte zusammengewachsen sind.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2745\" aria-describedby=\"caption-attachment-2745\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2745\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/fu\u00dfball.jpg\" alt=\"Foto: Torsten Silz\/ ddp\" width=\"210\" height=\"140\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2745\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Torsten Silz\/ ddp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wenn in der Fu\u00dfball-Bundesliga zum Beispiel Dortmund gegen Schalke spielt, reden die Menschen tagelang dar\u00fcber. Oft nicht nett. Dortmunder sagen: \u00bbDie Nacht ist schwarz wie Schalker Z\u00e4hne.\u00ab Und die Schalker weigern sich, das Wort \u00bbDortmund\u00ab zu benutzen. Sie sprechen von der \u00bbStadt in der N\u00e4he von L\u00fcdenscheid\u00ab. Das soll eine Beleidigung sein, denn L\u00fcdenscheid ist eine eher kleine Stadt in der N\u00e4he von Dortmund.<br \/>\nDiese Fu\u00dfballstreitigkeiten geh\u00f6ren inzwischen auch zur Kultur. Genau wie die Sprache im Ruhrgebiet, wo manche M\u00e4nner ihre Frauen \u00bbF\u00f6ttken\u00ab nennen (was ein anderes Wort f\u00fcr Popo ist) und manche Frauen ihre M\u00e4nner \u00bbDreckschippengesicht\u00ab. Das klingt wieder nach Arbeit. Und erkl\u00e4rt das Ruhrgebiet sehr gut: Alles, was dort bedeutsam ist, haben die Menschen in ziemlich kurzer Zeit selbst geschaffen. Die Zechen, die Sprache, sogar die Berge. Das waren fr\u00fcher Halden, auf denen Bergleute Steine abkippten. Heute w\u00e4chst Gras dar\u00fcber.<br \/>\nGerade weil im Ruhrgebiet alles von den Menschen gemacht ist, h\u00e4ngen die Leute sehr daran. Und sind schnell sauer, wenn andere ihre Heimat nicht sooo toll finden. Zum Beispiel, weil das Ruhrgebiet, der Name sagt es schon, nur \u00bbGebiet\u00ab ist. Kein Rheintal und kein Riesengebirge. Das darf man aber nur schreiben, wenn man selbst \u00bbvon da wech is\u00ab, wie wir im Ruhrgebiet sagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruhrpott oder kurz Pott nennen viele Menschen das Ruhrgebiet. Im n\u00e4chsten Jahr soll ganz Europa dorthin schauen, denn dann wird die Region Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt. Henning Su\u00dfebach erz\u00e4hlt, was dort so besonders ist Ruhrgebiet \u2013 manchmal reicht ein einziges Wort, und die Menschen haben ganz viele Bilder vor Augen. 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