{"id":2666,"date":"2009-11-12T13:00:47","date_gmt":"2009-11-12T12:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/?p=2666"},"modified":"2009-11-11T11:25:35","modified_gmt":"2009-11-11T10:25:35","slug":"ruhrgebietssage-1-wie-der-schweinehirte-jorgen-die-kohle-entdeckte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/2009\/11\/12\/ruhrgebietssage-1-wie-der-schweinehirte-jorgen-die-kohle-entdeckte_2666","title":{"rendered":"Ruhrgebietssage 1: Wie der Schweinehirte J\u00f6rgen die Kohle entdeckte"},"content":{"rendered":"<p><em> <\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2701\" aria-describedby=\"caption-attachment-2701\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><em><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2701\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/sage-1.jpg\" alt=\"Illustration: Gert Albrecht\" width=\"540\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/sage-1.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/sage-1-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/em><\/em><figcaption id=\"caption-attachment-2701\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Gert Albrecht<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong><em>neu erz\u00e4hlt von Hartmut El Kurdi<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Sagen aus dem Ruhrgebiet<\/strong><br \/>\n<em>Das Ruhrgebiet ist 2010 \u00bbKulturhauptstadt Europas\u00ab, das ist eine Auszeichnung der EU f\u00fcr besonders interessante St\u00e4dte. Es gibt im Ruhrgebiet zwar mehr als 50 Orte, doch auf der Landkarte sehen sie aus wie eine Riesenstadt. Im Februar erscheint Hartmut El Kurdis Buch, in dem er die M\u00e4rchen und Sagen dieser spannenden Region neu erz\u00e4hlt. Die zehn besten Geschichten k\u00f6nnt Ihr bei uns jetzt schon lesen<\/em><\/p>\n<p>J\u00f6rgen war ein Schweinehirte, irgendwo im Weitmarer Holz bei Bochum. Das war zu Zeiten, als die Schweine noch nicht wie heute in engen St\u00e4llen leben mussten, wo sie sich gegenseitig auf die Schweinehaxen treten und nur Abf\u00e4lle zu fressen bekommen. Zu J\u00f6rgens Zeiten hatten es die Schweine richtig gut. Sie lebten drau\u00dfen auf einer Weide, w\u00e4lzten sich fr\u00f6hlich im Dreck, galoppierten \u00fcber die Wiese, steckten sich G\u00e4nsebl\u00fcmchen hinters Ohr, spielten Fangen, machten Formationst\u00e4nze und lie\u00dfen sich die Sonne auf die Schweinehaut brennen. Aber nat\u00fcrlich musste jemand auf die Schweine aufpassen, weil sie ja sonst ausgeb\u00fcxt w\u00e4ren. So ein Schwein ist ja nicht doof. Und genau das war J\u00f6rgens Job: Er passte auf die Schweine auf. Den ganzen Tag. Und auch nachts blieb er mit den Schweinen auf der Weide. Allerdings konnte es ganz sch\u00f6n kalt werden, wenn die Sonne untergegangen war. Schweinekalt sozusagen. Und in einer jener kalten N\u00e4chte machte J\u00f6rgen eine wundersame Entdeckung.<!--more-->Er wollte grade eine Kuhle graben, um darin ein Feuerchen zu entz\u00fcnden. Doch als er seine Schaufel zum ersten Mal in den Boden rammte, entdeckte er, dass sein Lieblingsschwein Gerda f\u00fcnf Meter weiter schon ein sch\u00f6nes Loch in der passenden Gr\u00f6\u00dfe gebuddelt hatte. Und da J\u00f6rgen jede unn\u00f6tige Arbeit zu vermeiden suchte, dachte er sich: Wozu soll ich hier buddeln, wenn da dr\u00fcben schon ein Loch ist?<br \/>\nEr sammelte Holz, schichtete es in der Kuhle auf und z\u00fcndete es an. Dann machte er eine Dose Ravioli auf (Okay, damals gab es noch keine Ravioli, aber wir wollen doch nicht pingelig werden, oder?), schlug sich den Bauch voll und schlief dann, in seine Decke eingewickelt, neben der Feuerstelle ein.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen wurde er von Gerda mit einem Nasenst\u00fcber geweckt. \u00bbH\u00f6mma Gerda\u00ab, grummelte er, \u00bbmuss das sein? Du wei\u00dft doch, dass ich da fies vor bin!\u00ab Gerda aber grunzte nur aufgeregt und nickte r\u00fcber zur Feuerstelle. \u00bbWas haste denn? Ist da was?\u00ab J\u00f6rgen sah, dass das Holz ganz heruntergebrannt war, unter der Asche aber noch etwas gl\u00fchte. Er nahm einen Stock und kratzte die Holzasche beiseite. Und tats\u00e4chlich: Unten in der Kuhle lagen gl\u00fchende, in allen erdenklichen Farben leuchtende Steinbrocken. \u00bbDas gibt\u2019s doch nicht!\u00ab, stammelte J\u00f6rgen. \u00bbWo kommen die denn her?\u00ab Gerda zuckte ratlos mit den Ohren. \u00bbGerda \u2026 ich glaube, das ist \u2026 Zauberei!\u00ab, fl\u00fcsterte J\u00f6rgen und schaute sich \u00e4ngstlich um. Gerda nickte. Da musste eine Hexe ihre H\u00e4nde im Spiel haben. Und da J\u00f6rgen vor nichts gr\u00f6\u00dfere Angst hatte als vor Hexerei, packte er mit zittrigen H\u00e4nden seine Sachen und zischte Gerda zu: \u00bbSag den anderen Bescheid, wir machen uns vom Acker!\u00ab F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter waren J\u00f6rgen und seine Schweine verschwunden.<br \/>\nDoch am n\u00e4chsten Abend auf der n\u00e4chsten Weide passierte es erneut. Wieder machte J\u00f6rgen in einem von Gerda gebuddelten Loch ein Feuer, wieder schlief er selig neben der Feuerstelle ein, wieder weckte ihn Gerda morgens mit einem Nasenst\u00fcber \u2013 und wieder fanden sie in der Feuerkuhle die gl\u00fchenden Steine. Und obwohl J\u00f6rgen immer noch Angst hatte, wurde er langsam stutzig. Am darauffolgenden Abend sagte er: \u00bbPass mal auf, Gerda, jetzt schauen wir uns die Kuhle mal vorher an!\u00ab Gerda nahm ihren R\u00fcssel aus der Erde, nickte und schaute in ihr frisch gegrabenes Loch. J\u00f6rgen linste ihr von hinten \u00fcber die Schweineschulter. Und tats\u00e4chlich: Im Dreck lagen schwarze Steinklumpen. Das mussten sie sein, die Zaubersteine. J\u00f6rgen packte ein paar der Klumpen in seine Tasche, auf dem Rest entz\u00fcndete er das Holz. Und weil er und Gerda in dieser Nacht Feuerwache hielten, konnten sie sehen, wie die Steine irgendwann gl\u00fchten. Es war keine Zauberei. J\u00f6rgen und Gerda hatten brennbare Steine entdeckt! Oder, wie wir heute wissen: die Steinkohle!<br \/>\nJ\u00f6rgen brachte die Steine in sein Dorf und f\u00fchrte sie Freunden und Verwandten vor. Die waren sofort begeistert. Nicht nur, weil die Zaubersteine so sch\u00f6n gl\u00fchten, sondern vor allem, weil das Feuer, das man mit ihnen machen konnte, viel l\u00e4nger brannte und viel mehr W\u00e4rme abgab als die Holzfeuer, mit denen sie ihre H\u00e4user und H\u00fctten bisher geheizt hatten. Sie fragten J\u00f6rgen, wo er die Wundersteine her habe. \u00bbGerda kann euch die Stellen zeigen\u00ab, sagte er und schickte die Leute mit dem Schwein los. Bald schon gruben sie regelm\u00e4\u00dfig nach der Kohle. Und so wurden die Leute aus J\u00f6rgens Dorf zu den ersten Bergleuten in der Geschichte des Ruhrgebiets.<br \/>\nAber nicht nur die anderen machte J\u00f6rgen mit seinem Fund gl\u00fccklich. Auch f\u00fcr ihn selbst sollte sich seine Entdeckung noch auszahlen. Eines Tages n\u00e4mlich h\u00f6rte J\u00f6rgen auf dem Marktplatz einen Ausrufer folgende Botschaft verk\u00fcnden: \u00bbH\u00f6ret ihr untert\u00e4nigsten Untertanen des k\u00f6niglichen K\u00f6nigs: Die zum Umfallen sch\u00f6ne Prinzessin sucht dringend einen Mann. Gut aussehen soll er, stark sein soll er, aber vor allem was auffe Tasche haben und nicht knausrig sein. Die Prinzessin hat beschlossen, den Mann zum Br\u00e4utigam zu nehmen, der ihr die sch\u00f6nsten Edelsteine aufs Schloss bringt!\u00ab<br \/>\nAls J\u00f6rgen das h\u00f6rte, strich er Gerda \u00fcber ihre Borsten und sagte: \u00bbNa Gerda, stark sind wir, gut aussehen tun wir sowieso \u2013 und das mit den Edelsteinen kriegen wir auch hin. Ich w\u00fcrde sagen: Da sind wir bei, oder?\u00ab Er packte ein paar Kohlenst\u00fccke in seinen Beutel, band Gerda einen Strick um und machte sich auf den Weg zum K\u00f6nigsschloss. Nach einigen Tagen Wanderung kamen sie an ihr Ziel. Aber die Palastwachen verwehrten ihnen den Zutritt zum Schloss. \u00bbWas willst du denn hier?\u00ab, fragten sie ihn herablassend. \u00bbDie Hand der K\u00f6nigstochter!\u00ab, antwortete J\u00f6rgen. Eigentlich h\u00e4tte er gerne noch hinterhergeschoben: \u00bbIhr Lackaffen!\u00ab, aber das verkniff er sich lieber. \u00bbDu willst die K\u00f6nigstochter heiraten?\u00ab Der Wachmann grinste seinen Kollegen an, zeigte auf Gerda und fuhr fort: \u00bbIch denke da wirst du wohl kein \u2026 Schwein haben!\u00ab Diesen flauen Scherz fanden die beiden so witzig, dass sie sich erst mal schlapp lachen mussten. J\u00f6rgen l\u00e4chelte m\u00fcde. \u00bbDas \u00fcberlasst mal mir.\u00ab Die beiden Soldaten musterten J\u00f6rgen noch mal von oben bis unten \u2013 und prusteten wieder los. \u00bbKuck dir nur mal seine dreckigen Klamotten an! Auf so einen \u2026\u00ab, japste der eine, \u00bb\u2026 wartet die Prinzessin doch nur!\u00ab \u2013 \u00bbWei\u00dft du was\u00ab, schnaufte der andere, \u00bbwir lassen ihn rein! Wenn der so vor die Prinzessin tritt, dann gibt\u2019s wenigstens mal richtig was zu lachen!\u00ab Und sie lie\u00dfen J\u00f6rgen durch. Aber das Schwein bleibt drau\u00dfen!\u00ab<br \/>\nSchweren Herzens lie\u00df J\u00f6rgen Gerda vor dem Schlosstor und eilte in den gro\u00dfen und schrecklich kalten Thronsaal. Dort musste er sich in einer Schlange anstellen. Vor ihm standen lauter bibbernde Herren: Grafen, Herz\u00f6ge, Prinzen und was der Adel sonst noch zu bieten hatte, und alle hatten sie die kostbarsten Edelsteine dabei. Einer nach dem anderen wurde von der K\u00f6nigstochter, die in einem dicken Pelzmantel auf dem Thron sa\u00df, abgewiesen. \u00bbN\u00f6, gef\u00e4llt mir nicht \u2026 find ich doof \u2026 das sollen tolle Edelsteine sein? \u2026 Pfftt \u2026 popelig \u2026\u00ab<\/p>\n<p>Als schlie\u00dflich J\u00f6rgen an der Reihe war, schaute sie ihn und seine schwarzen Kohleklumpen an und schrie: \u00bbWie bitte? Was soll das denn? Ich will keinen Bauerntrampel, und ich will Edelsteine!\u00ab \u2013 \u00bbImmer langsam\u00ab, sagte J\u00f6rgen, \u00bbkuck erst mal genau hin!\u00ab Und dann legte er seine Kohlen ins Feuer, in den einzigen Kamin, der in der Ecke brannte, aber den Saal nicht aufzuw\u00e4rmen vermochte. Es dauerte ein Weilchen, bis etwas passierte, was aber nichts machte, denn die K\u00f6nigstochter musste sowieso mal f\u00fcr kleine Prinzessinnen. Als sie zur\u00fcckkam, sah sie, wie die Steine in den herrlichsten Farben leuchteten, in Rot, Gelb, Blau und Orange \u2026 und auf einmal wurde es angenehm warm im Saal. Die Prinzessin legte ihren Pelzmantel ab und starrte ins Feuer: \u00bbDu hast recht gehabt: Diese schwarzen Diamanten sind die sch\u00f6nsten Edelsteine, die ich je gesehen habe!\u00ab Und dann schaute sie J\u00f6rgen an und l\u00e4chelte: \u00bbVielleicht m\u00fcsstest du dich nur mal waschen, ein paar neue Klamotten \u2026 dann k\u00f6nnte vielleicht was werden aus uns \u2026\u00ab<br \/>\nUnd J\u00f6rgen wusch sich, wurde rasiert, neu eingekleidet, und schon fielen die beiden sich um den Hals. Als J\u00f6rgen der K\u00f6nigstochter allerdings seine Gerda vorstellte, bekam sie noch mal einen kleinen Herzinfarkt, von dem sie sich aber ganz schnell wieder erholte. Schon einige Wochen sp\u00e4ter heiratete die Prinzessin den Schweinehirten, ein gro\u00dfes Fest wurde gefeiert, und die beiden lebten lange gl\u00fccklich und zufrieden miteinander auf dem K\u00f6nigsschloss. Mit Gerda, die sich da \u00fcbrigens sauwohl f\u00fchlte.<\/p>\n<p><strong>Ruhrgebietsw\u00f6rterbuch<\/strong><br \/>\nH\u00f6mma\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 H\u00f6r mal<br \/>\nfies vor etwas sein\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0 eklig finden<br \/>\nauffe Tasche haben\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 reich sein<\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2706\" aria-describedby=\"caption-attachment-2706\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><em><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2706\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/Cover-Sagen1.jpg\" alt=\"Sauerl\u00e4nder Verlag\" width=\"210\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/Cover-Sagen1.jpg 210w, https:\/\/blog.zeit.de\/kinderzeit\/files\/2009\/11\/Cover-Sagen1-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/em><\/em><figcaption id=\"caption-attachment-2706\" class=\"wp-caption-text\">Sauerl\u00e4nder Verlag<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Aus: &#8222;Ritter, R\u00e4uber, Sp\u00f6kenkieker. Die besten Sagen aus dem Ruhrgebiet&#8220;; ausgew\u00e4hlt von Dirk Sondermann, neu erz\u00e4hlt von Hartmut El Kurdi \u00a9 Patmos Verlag\/Sauerl\u00e4nder mit RUHR.2010<\/em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sauerlaender-kinderbuch.de\/titel-0-0\/ritter_raeuber_spoekenkieker-7560\/\" target=\"blank\">Klick hier, um das das Buch vorzubestellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>neu erz\u00e4hlt von Hartmut El Kurdi Sagen aus dem Ruhrgebiet Das Ruhrgebiet ist 2010 \u00bbKulturhauptstadt Europas\u00ab, das ist eine Auszeichnung der EU f\u00fcr besonders interessante St\u00e4dte. Es gibt im Ruhrgebiet zwar mehr als 50 Orte, doch auf der Landkarte sehen sie aus wie eine Riesenstadt. 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